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56 von 58 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zeitlos gut und aktuell, 21. März 2001
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Rohstoff (Broschiert)
Angesichts der momentan so angesagten zeitgenössischen deutsch sprachigen Popliteratur darf ein Autor wie Jörg Fauser nicht in Vergessenheit geraten. In der Zeit von 1974 bis zu seinem frühen Tod 1987 schrieb er mehrere Romane, viele Gedichte und Essays, die nach wie vor von einiger Aktualität, oder sollte man besser sagen: zeitlos, sind.
Dazu gehört "Rohstoff", ein mit autobiografischen Elementen gespickter Roman. Fauser beschreibt den Weg seines Protagonisten Harry Gelb, ein selbst ernannter Schriftsteller auf der Suche nach seiner literarischen Identität.
Schauplätze dieses Findungsprozesses sind Istanbul, Frankfurt, Göttingen, Berlin und natürlich die Wege, die zwischen diesen Orten zurückzulegen sind. Die Zeit spielt eine unter geordnete Rolle, es ist lediglich zu erahnen, dass die Story irgendwann Ende der 60er Jahre beginnt und in den Mittsiebzigern endet.
Harry Gelb ist süchtig. Er will schreiben, fühlt sich getrieben von dem Drang, etwas auf Papier zu bringen. Zunächst hindert ihn das türkische Opium, später der deutsche Alkohol daran, seinen Weg zu gehen. So hält er sich mit vielerlei Jobs über Wasser. Dealer, Bankangestellter, Bürohilfe, Redakteur, Wachmann - mal dies mal das. Und gelegentlich auch eine Veröffentlichung, allerdings ohne großen Erfolg bzw. Widerhall in der Öffentlichkeit.
Und auch die politischen Entwicklungen der Nach-68er-Jahre gehen nicht spurlos an ihm vorüber. Hier beschreibt Fauser übrigens sehr gut, was so manchen damals zum Mitmachen und Steinewerfen verleitete. Ich musste beim Lesen jedenfalls schmunzeln und an die jetzige Debatte um Joschka Fischer und Jürgen Trittin denken.
Unterm Strich vermittelt "Rohstoff" ein gutes Bild jener Zeit, in der junge Menschen eine Orientierung suchten in einem von Wirtschaftswunder, Adenauer und Spießigkeit geprägten Deutschland. Festgemacht an Harry Gelb, aber auch immer wieder dargestellt an Menschen, deren Weg dieser "Held" im Verlaufe der Zeit kreuzte.
In weiten Teilen erinnert dieser Roman tatsächlich an die auch darin zitierten Literaten der amerikanischen Beat-Generation (Burroughs, Kerouac, Ginsberg). Fauser weiß, worüber er schreibt. Das spricht aus jeder Zeile und das macht auch 13 Jahre nach seinem Tod seine Bücher noch lesenswert.
Er wurde übrigens überfahren, als er schwer betrunken auf dem Nachhauseweg in München den Mittleren Ring überquerte, ein Motiv, allerdings in Frankfurt angesiedelt, das auch in "Rohstoff" einmal angesprochen wird. Vielleicht eine Vorahnung.
Ein Tipp: Wer sich gerne mehr mit Fauser beschäftigen möchte sollte sich den sehr unterhaltsamen Krimi "Das Schlangenmaul" zu Gemüte führen. Vertonte Lyrik ist auf den Schallplatten "Blues in Blond" und "Ungeschminkt" von Achim Reichel zu finden.
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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Substanz vitaler Literatur, 12. Juli 2009
Von 
Gerhard Mersmann "GM" (Mannheim) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Mit 38 Jahren hatte er begonnen, den Roman zu schreiben. Quasi zu seinem vierzigsten Geburtstag 1984 erschien Rohstoff, drei Jahre vor seinem unerwarteten, mysteriösen und viel zu frühen Tod. Jörg Fauser war zum Zeitpunkt der Erstauflage ein Autor in der damaligen Bundesrepublik, der es geschafft hatte, aus dem Nichts und ohne protegiert worden zu sein, sich einen Namen in der Literaturszene zu machen. Sein Roman Der Schneemann war bereits ein Erfolg, mit dem Gedichtband Trotzki, Goethe und das Glück hatte er der Lyrik des Undergrounds in Deutschland einen bleibenden Impuls gegeben. Mit Rohstoff griff er mit sicherer Hand in die eigene Asservatenkammer. Fauser enthüllte der Öffentlichkeit die Mechanismen seiner eigenen Produktion.

Die Handlung des Rohstoff beginnt in Istanbul, genauer gesagt dem Stadtteil Tophane, wo der Protagonist Harry Gelb zusammen mit einem schwäbischen Maler in einer Dachkammer haust und beide ihrer Sucht nachgehen. Istanbul als Mekka der Junkies der sechziger Jahre wird beschrieben als ein Panoptikum der Suchenden, die auf ihrem Weg in die Freiheit auf den Pfad der chemischen Träume gelandet waren. Ob Opium oder Heroin, der Stoff hatte sie reduziert auf den Rhythmus der Sucht. Brutal und bedrückend wird das Existenzielle der Junkies freigelegt und es bleibt nichts von dem platonischen Traum der Erfüllung. Harry Gelb beginnt, die Reduktion seiner selbst in einfachen Wachsheften zu verbalisieren und bemerkt beim Schreiben, dass dieses selbst das Eigentliche ist, nach dem er sucht. Das Schreiben wird der Weg zur Emanzipation, doch bis dahin ist es ein langer Weg.

Harry Gelbs Stationen sind eine Kommune in Berlin, eine Mansarde in Göttingen, erneute Zwischenstationen in Istanbul und Amsterdam, bis er sich auf Frankfurt einpendelt, woher er, wie der Autor selbst, auch kommt. Dort beteiligt er sich bei einer Hausbesetzung, schlägt in der besetzten Westend-Villa zusammen mit Kommunisten, Anarchisten und Rockern sein Zelt auf, ist zeitweilig liiert mit einer Französin aus dem Bildungsbürgertum, befreundet mit einem griechischen Regisseur, arbeitet als Wachmann für eine Security-Firma, arbeitet als Packer auf dem Frankfurter Flughafen, klappert unzählige Verlage mit einem fehlerhaften Typoskript seines ersten Romans, des Stamboul Blues ab, säuft mit Rockern und Wahnsinnigen herum, lässt alle Bindungen an eine bürgerliche Existenz sausen, kommt vom Stoff los, um sich in den Alkohol zu retten und erlebt den Abstieg der so genannten Gegenkultur.

Das Fixum, der rettende Schirm im freien Fall bleibt die Gewissheit, dass das Schreiben das Medium seiner Existenz ist und sein wird. Rohstoff ist ein erschütterndes Bekenntnis zur Literatur, das sich nicht deckt mit den Konstitutionsprinzipien einer bürgerlichen Bildung und Ästhetik. Sie kommt von unten, von der Straße und der Erkenntnis, dass das Unten das Normale, das Leben Bestimmende ist und sein wird. Jörg Fauser würde in der kommenden Woche 65 Jahre alt. Er ist seit 22 Jahren tot und wurde nicht nur deshalb zum Mythos. Seine Bücher bleiben vital und lassen das Blut gerinnen, weil sie aus der Substanz, dem Rohstoff gewoben sind, der das Leben dominiert.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Reich-Ranickis Todfeind Harry Gelb, 21. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Rohstoff (Broschiert)
Ich hätte eigentlich Jörg Fauser Anfang der 80-iger Jahre lesen sollen, als er für das Westberliner Stadtmagazin TIP schrieb und nach der Veröffentlichung seines Romans Der Schneemann seine erfolgreichste Zeit als Schriftsteller hatte, bevor er 1987 viel zu früh starb. Wieder einer. Das Romantiker-Syndrom. Love hard , live fast, die young. Damals rauschte jedenfalls, wer weiß aus welchen Gründen, Fauser an meinem studentischem Wirrkopf vorbei. Ich las einige der amerikanischen Autoren, von denen er schamlos abkupferte (Hemingway, Kerouac, Burroughs, Bukowski), aber Fauser selbst ignorierte ich.
Der Roman Rohstoff, den viele für seinen besten überhaupt halten, wurde 1982 veröffentlicht. Er erzählt die Geschichte von Fausers Alter Ego Harry Gelb und nimmt die Handlungsstränge von Fausers allerersten, Anfang der siebziger veröffentlichten Romanen wieder auf. Viele der in Rohstoff auftauchenden Orte (Istanbul, Berlin, Göttingen, Frankfurt), die im Roman erwähnten Personen (durch fiktive Namen ersetzt) und auch die aufeinander ab folgenden Situationen selbst, die einen nicht genau definierten Zeitraum von Ende der sechziger Jahre bis Mitte der siebziger Jahre abdecken, dürften mehr oder weniger entfremdet Fausers eigene Biographie nacherzählen. Life is art. Nichts erfinden, sondern am eigenen Leib Erlebtes beschreiben.
Harry Gelbs Leben ist eine Abfolge von endlosen Frustrationen. Er veröffentlicht seine ersten Bücher, kann aber davon nicht leben. Deshalb muss er sich notgedrungen auf Gelegenheitsjobs (Angestellter bei der Bundesbank, Nachtwächter, Flughafenarbeiter bei der Gepäckabfertigung, Chefredakteur bei der Zeitschrift Zero etc.) einlassen, die er genauso häufig wechselt wie seine Frauen und Wohnsitze. Drogenerfahrungen, zuerst mit Opium, dann mit banalem Alkohol kennzeichnen Harry Gelbs Künstlerexistenz, die nur nach vielen Rückschlägen zu einer eigenen Identität findet. Das Buch endet bezeichnenderweise mit dem Hinauswurf des stockbesoffenen Gelb aus einer Frankfurter Kneipe, wo das Honorar seiner ersten Lesung nicht ausreicht, um seine Zeche zu bezahlen.
Rohstoff ist aber nicht nur Fausers Autobiographie, sondern die Dokumentation einer ganzen Generation. Aus der Sicht eines Außenseiters und gnadenlosen Skeptikers beschreibt er den Kater und Katzenjammer der Nach-Achtundsechziger, die aus dem Revolutionsrausch erwacht und sich entsetzt die Augen reiben. Übriggeblieben von den abgestürzten kühnen Utopien der Weltveränderung ist der Steinbruch von Fausers tieftraurigen Lebensweisheiten, von denen der Roman übersäht ist. Die wird man als Leser nicht immer wort- und gedankengenau übernehmen wollen , sind aber immer intelligent genug, um darüber nachzudenken und bezeugen Fausers Tiefgang. Vor allem die Verachtung des deutschen Kulturbetriebs zieht sich wie ein roter Faden durch den ganzen Roman:. … was uns zu schaffen machte, war dieser deutsche Brei, diese klebrige Soße, die sie mit ihren Kulturprodukten servierten, und diese Soße schmeckte so schlecht, weil sie zubereitet war aus den Rückständen politischer Krankheiten, aus den überlebten Doktrinen des Jahrhunderts, und angereichert mit den politischen Modebegriffen der jeweiligen Saison. Davon wurde uns schlecht, das machte uns manchmal mutlos, der Anblick dieser Völlereien, das Geschleime und Gesabber an Tischen, die sich immer noch unter Schüsseln voller toter Theorien und Ästhetiken bogen, und dann die Kotzereien im Feuilleton und die Blutspuren bis in die Hochsicherheitstrakte.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Abgebaut so wie bestellt: die Rohstoffe auf dieser Welt ..., 22. Januar 2011
Rezension bezieht sich auf: Rohstoff (Broschiert)
Es sind die in den Schätzen der Natur vorkommenden Substanzen, geologisch, mineralisch, gegebenenfalls auch landwirtschaftlich abbau- uns nutzbar, verwertbar und mehr oder weniger direkt oder indirekt zum Gebrauch oder Konsum zu verwenden: die Rohstoffe unserer Mutter Erde.

Es sind die in den Unschätzen der Natur vorkommenden Materien, in aller Regel landwirtschaftlich gewonnen, chemisch verarbeitet und illegal über Kontinente und Ländergrenzen hinweg trans-, ex- und importiert, zum Verbrauch beim Konsumenten - einem in der Regel abhängigen und suchtbeflissenen Menschenwesen: die Rohstoffe, die Jörg Fauser meint, wenn er einen gleichnamigen Roman schreibt: wie zum Beispiel Kokaine, Opiate, Pilze.

Jörg Fauser wurde 1944 im hessischen Bad Schwalbach geboren. Das liegt irgendwo mitten im Taunus, der wiederum das südliche Nachbargebirge des Westerwaldes ist, in dessen - des Westerwaldes - Herzen das Städtchen Montabaur liegt. Beeinflusst von Gottfried Benn und Bertold Brecht, entdeckte Fauser seinen Hang zum Literarischen. Abgeglitten ins Drogenmilieu der sechziger und siebziger Jahre, verschlug es ihn für ein Jahr nach Istanbul, wo er im Junkie-Viertel Tophane lebte. Die dort entdeckten Drogen-Erfahrungswelten machte Fauser unter anderem zum Thema und Inhalt seiner späteren Romane "Der Schneemann" (1981), "Rohstoff" (1982) und "Schlangenmaul" (1985). - 1987 verstarb Fauser in München nach einem Unfall, der im Polizeibericht im Anschluss an die Nachricht "... so meldete die Berufsfeuerwehr am Freitag, habe eine offensichtlich geistig verwirrte Frau ihren Fernseher aus dem vierten Stock geworfen" ganz kurz und bündig mit den Zeilen "04.20 Uhr, A 94 Fahrtrichtung München: In der Höhe der Anschlussstelle Feldkirchen wurde ein Fußgänger von einem LKW erfasst. Der Feuerwehr-Notarzt Ost konnte nur noch den Tod des 43 jährigen Mannes bestätigen", berichtet wurde. Jähes Ende eines literarischen Hoffnungsträgers.

Was hat Jörg Fauser mit dem genannten Montabaur zu tun - außer der geografischen Nähe (ca. 50 km) zwischen Montabaur und seinem Geburtsort?

Es war Anfang Oktober 2004, dass ich nach Montabaur fuhr. Im Autoradio gab's eine Literatursendung, als "Benjamin von Stuckard-Barre liest aus Jörg Fausers 'Rohstoff'" angekündigt wurde. Und schon las Benjamin von Stuckard-Barre aus Fausers autobiographischem Roman "Rohstoff" ...

"In Koblenz stieg ich aus dem Zug. Wolkenloser Himmel über dem Deutschen Eck. Bundeswehrreservisten mit Strohhüten und Bierfahnen. Ja, und der Rhein und die Dampfer, und die MS Vaterland auf dem Weg nach Bonn, Bordkapelle, deutscher Wein und Ausflügler. Ich machte allerdings keinen Ausflug. Ich war unterwegs zu meiner ersten Lesung."

Rohstoffe sind, wie gesagt, in Fausers Diktion die Grundstoffe zur Herstellung aller möglichen halluzinogenen Mittel. Fauser beschreibt in dem Roman seine eigenen ersten Gehversuche im deutschen Literaturzirkus, verbunden mit seinen Drogenerlebnissen, die er einem Protagonisten namens Harry Gelb andichtet. Ich las das Buch im Jahre 1987. - Und jetzt, 2004, ich war auf der Autobahn, auf dem Weg in des Westerwalds Hauptstadt, als ich Benjamin von Stuckard-Barre lesen hörte ...

"'Spreche ich mit Harry Gelb, dem Autor von 'Stamboul Blues?'' - 'Ja, gestern war ich's noch. Worum geht es denn?' - 'Ich habe deine Telefonnummer von deinem Verleger, der hat gemeint, du würdest sicher auch mal eine Lesung machen bei uns.' - 'Wo ist das denn?' - 'Ja, das ist in Montabaur ...'"

In Montabaur? Das war schon lustig. Und ich war gerade unterwegs dorthin. "Montabaur, irgendwo da oben im Westerwald, frische Luft und willige Mädchen ..."

Jörg Fauser, was schreibst Du da? Willige Mädchen?, also davon hat der Rezensent der hier vorliegenden Buchkritik nichts bemerkt, während eigener Begegnungen mit dem Westerwälder Städtchen, in jenen Tagen seiner genossenschaftsakademischen Ausbildungswochen zu Beginn der letzten Neunziger Jahre. Aber er, respektive ich, war ja auch nicht regelmäßig "Em Ählchen" zum tanzen.

Später, bereits unterwegs im überfüllten Postbus, lässt Jörg Fauser seinen Protagonisten das ihn in Koblenz abholende Mädchen nach dem Veranstalter der bevorstehenden Dichterlesung fragen: "... Montabaur ist doch katholisch, das ist aber nicht die Kirche oder die CDU, die das managt?" - Jetzt wird auch noch die CDU ins Spiel gebracht! - "Ich hätte dringend ein Bier gebraucht", - ich empfehle das Rebstöckl (das es allerdings in den modernen Zeiten unserer schnelllebigen Gastronomie in seiner guten alten Kultkneipenform so auch nicht mehr gibt) - "... ein Bier und etwas Stärkeres. Eine Lesung der Jungen Union, das war es also. Vom Aushilfsanarchisten zum katholischen Cut-up. Wir näherten uns Montabaur. Die Stadt sah auch entschieden misstrauisch aus" als Harry Gelb "den Hochhäusern, (...) den Reihenhäusern, den Fachwerkhäusern, der City von Montabaur" entgegen sah.

"Ich las ein Kapitel aus 'Stamboul Blues', ich las ihnen Tophane vor, die Nebelhörner über dem Goldenen Horn, die Opiumhöhlen, die Nadeln, die im Arm abbrachen, die Süchtigen, die Paranoia und die Toten, die Stakkato-Sätze aus der Düsteren Straße, aus Schmagendorf City. So etwas hatte in Montabaur noch keiner zum Vortrag gebracht, und so bald würde es auch keiner mehr tun, ich las was das Zeug hielt."

Rohstoff und willige Mädchen. Es ist schon ein besonderes Zeit- und Gesellschaftskolorit, in das uns Jörg Fauser - ursprünglich wohl nicht seine Absicht - mit diesem Buch, heute nochmals gelesen, zwischenzeitlich entführt. Die Mädchen sind jetzt Frauen, und sicher auch nicht mehr die jüngsten. Doch auch "Frauen sind" - und das schrieb nicht Fauser, sonder Harald Martenstein im Jahre 2006 in der ZEIT -, Frauen sind "ein nachwachsender Rohstoff."

Es ist die nette Montabaur-Episode, die den Roman im Kapitel "dreiundvierzig" abschließt. Was ist dem noch hinzuzufügen? Montabaur, immer eine Reise wert.
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17 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Lucky Loser, 21. April 2005
Von 
Dieter Hellfeuer (Hamburg) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Jaja, er ist schon einer, dieser Harry Gelb. Junkie, Penner, Trinker, verkannter Schriftsteller und Anarchist mit kleinbürgerlicher Bodenhaftung in Personalunion. Klar, dass aus dem nichts wird. Erstaunlich allerdings, wie er es schafft, trotz Bierwampe und leerer Taschen stets die schärfsten Miezen ins Bett zu kriegen. Auf jeden Fall hat Jörg Fauser in seinem 1982 erschienen Roman „Rohstoff" einen Protagonisten geschaffen, der trotz (oder aufgrund) allen Scheiterns als Identifikationsfigur für alle wahren oder vermeintlichen Existenzialisten taugt, so eine Art Felix Krull der Hausbesetzer- und Spontiszene Anfang der frühen 70er Jahre.
Herausgekommen ist ein knapp 300 Seiten starker Schelmenroman, in dem die Drogen-, Kunst- und Politikfolklore jener Jahre ziemlich amüsant in Szene gesetzt wird. Harry Gelb mischt in allem tüchtig mit, aber am Ende bleibt er doch nur der Außenseiter, der abgesehen von den Drogen einzig bei den Frauen Trost findet, bis es selbst denen reicht.
Was davon autobiografisch, was fiktiv ist, lässt sich nur vermuten, auf jeden Fall taugen die im Einband vorhandenen Fotos des 1987 im Suff tödlich verunglückten Jörg Fauser schon ganz gut als Harry-Gelb-Anmutung, auch wenn man ihm - sorry! - mit dieser Nasenbär-Visage den Womanizer nicht ganz abzukaufen vermag.
Dass einige Kritiker in „Rohstoff" allerdings gleich einen „der besten deutschen Romane überhaupt" (FAZ) oder den „wohl besten deutschen Drogenroman" (Stuckrad-Barre) sehen, wäre wohl selbst für den Fallada-Fan-Fauser ein wenig zu anbiederisch, für den gebeutelten Harry Gelb sowieso. Dazu sind Handlung wie Erzählstil zu konventionell gestrickt, Variationen des inzwischen reichlich abgenudelten Lucky-Loser-Blues in Bahnhof-Zoo-Moll, in dessen Strophen aus heutiger Sicht so manches Klischee durchschimmert. Macht ja auch nix, denn auch der Blues bietet trotz all seiner Klischees und Wiederholungen noch immer genügend Raum für Stellen, die auch nach dem x-ten Hören unter die Haut gehen. Und solche Stellen hat „Rohstoff" zur Genüge. Übertriebene, obendrein posthume, Feuilleton-PR hat dieses Buch daher gar nicht nötig.
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17 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Allerbest!!!!, 1. April 2001
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Rohstoff (Broschiert)
Harry Gelb, der "Held" in dieser Geschichte aus der Welt der Penner, Junkies, Alks und Ausgestossenen beschreibt sein Werdegang vom Junkie in Istanbul, Kommunard in Berlin zum Häuserbesetzer in Frankfurt. Egal wohin es ihn verschlägt, ist er eigentlich immer nur auf dem Weg zum Schriftsteller (inc. Veröffebtlichung). Ein wirklich lesenswertes Buch, das nie langweilig oder -atmig wird, gewährt intime Einblicke auf das Deutschland in den 60iger und 70iger aus der Sicht von ganz unten. Ein Muss für jeden, der auch nur den Anflug einer Affinität zu dieser Zeit, dieser Szene hat. Und jeder Buk-Fan sollte hier mal mehr als einen Blick reinwerfen.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sollte man kennen, 30. Juli 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Rohstoff (Broschiert)
Fausers Rohstoff ist der Alkohol, die Kneipe, das Bier, die kleinen Leute und ihre Sprüche. Scheinbar beruht das Buch auf Fausers Leben. Es beginnt mit der Opiumsucht in Istanbul. Seltsamerweise kommt Harry Gelb mit einem kleinen Medikament innerhalb von einem Tag vom Heroin los. Halte ich für ziemlich unrealistisch. Im späteren Verlauf merkt man, dass Fauser auch eher der Bier- und Äpplwoi-Experte ist. Schön und gut. Natürlich versucht Gelb dauernd seine Bücher an den Mann zu bringen und treibt sich in armseligen Jobs rum. Das Buch ist womöglich ein bisschen lang geraten, außerdem verwendet es so gut wie keine literarischen Stilmittel. Es ist eine einfache Erzählung. Wer Bier und kleine Leute mag, dem wird das Buch gefallen. Kann aber auch gut verstehen, wenn jemand so was nicht so schätzt.
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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Deutschland hat mehr Rohstoffe, als man denkt!, 11. August 2007
Jörg Fauser, der vor 20 Jahren tödlich verunglückte, hat mit "Rohstoff" einen wirklich fulminanten Roman geschrieben, den man nicht alle Tage in die Finger bekommt. Fauser hat - im Gegensatz zu den vielen Möchtegern-Gegenwartsautoren, die Belanglosigkeiten über ihr genauso belangloses Leben schreiben - tatsächlich etwas erlebt, und zwar nicht wenig. Fauser kann zudem schreiben: Seine Prosa ist präzise, in wenigen Sätzen kann er eine Stimmung erzeugen, die den Leser in ihren Bann zieht. Und Fausers Auffassungen zu den politischen Debatten der 70er Jahre sind regelrecht hellsichtig: Erkenntnisse, die manchen der Zeitgenossen erst heute, wenn überhaupt, dämmern, bringt Fauser auf den Punkt. Eine Kostprobe: Als eines der unzähligen Projekte Harry Gelbs, des Protagonisten, wieder einmal von höherer Stelle, diesmal von einem Rundfunkredakteur, abgelehnt wird, ätzt Gelb: "Ich fand die Frechheit schon fast beeindruckend - direkt aus dem akademischen Elternhaus über das Adorno-Seminar in dieses Kulturbonzenbüro, ein Gesicht, das nicht eine Spur echter Lebenserfahrung zeigte, der ganze Kerl nicht einen Tag im Leben Hunger geschoben und am schärfsten bedroht von seinem Professor, der nach einem Sit-in vielleicht mal geäußert hatte, lassen Sie doch die Faxen, und dann aber einen Mann abkanzeln, der sein Engagement unter Lebensgefahr bewiesen hatte. Das nannte man wohl Chuzpe" (S. 138). Solch furiose Stellen findet man zuhauf. Man fiebert mit Harry Gelb, dem Pechvogel, Hochstapler, Besserwisser, der die Drogensucht, die anfangs dargestellt wird, überwindet, der nicht unterzukriegen ist, obwohl man ihm ständig Knüppel zwischen die Beine wirft. Es stellt sich die Frage, warum Fauser erst langsam wiederentdeckt werden muss - als hätten wir in Deutschland zu viele geniale Autoren der Gegenwartsliteratur!
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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Gemischte Gefühle, 1. August 2007
Vorweg, "Rohstoff" ist gut, eigentlich sogar sehr gut. Jörg Fauser konnte wirklich schreiben, seine Prosa ist scharf, witzig, frisch, hat schmissige Dialoge und immer wieder wirklich grandiose Momente.
Die Story des Harry Gelb: ein auf einem Dach in Istanbul herumlungernder opiumsüchtiger Schriftsteller in spe, oder alkoholisierter Flughafenmitarbeiter, Verpackungs-Antikünstler bei Cloppenberg, bindungsgestörter Liebhaber- der dann doch am Ende die Kneipe seinen (allesamt wunderschönen und eher sexhungrigen) Mädchen vorzieht, Chefredakteur einer Underground-Zeitung und auch Aushilfswachmann; ist gut, sogar sehr.
Trotzdem hat mich "Rohstoff" nicht ganz überzeugt, was wahrscheinlich an manchen ermüdenden Kapiteln liegt, die dann doch zu sehr der Entstehungszeit von "Rohstoff" verpflichtet sind. Wunderbar u.a. die Kapitel mit diversen Vorstellungsgesprächen, die erste Nacht als Wachmann und viele andere.
Meine Neugierde auf weitere Bücher von Jörg Fauser ist auf jeden Fall geweckt...
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5.0 von 5 Sternen Lokalkolorit, 8. Juli 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Rohstoff (Broschiert)
Für die Liebhaber der Äbbelwoi-Metropole und ihrer Kultur sind dieser Schreiber und seine Werke eigentlich unverzichtbar, mal abgesehen von Henscheid und Konsorten, .
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Rohstoff
Rohstoff von Jörg Fauser (Broschiert - 21. Juli 2009)
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