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5.0 von 5 Sternen Briefliche Anklage
Kafka, ein Name, den heute viele mit Rätsel, Mysterium oder Beunruhigung in Verbindung bringen ' dieser Name bedeutete für Franz Kafka etwas völlig anderes: polternde Stärke, Stattlichkeit, Energie und Selbstbewusstsein. Kafka, das war sein Vater, Hermann Kafka. Der Sohn, der Zweifelnde, Schwächliche, Zögernde, der eher nach der Mutter kam,...
Veröffentlicht am 5. Dezember 2008 von Rolf Dobelli

versus
0 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen alles o.k.
es sind keine Problem aufgetreten - Bestellung und Buch entspricht den Vorstellungen. Damit ist soweit alles in Ordnung und ich bin zufrieden.
Veröffentlicht am 17. Januar 2013 von ludger linnebank


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11 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Briefliche Anklage, 5. Dezember 2008
Von 
Rolf Dobelli (Luzern, Schweiz) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (HALL OF FAME REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Brief an den Vater (Broschiert)
Kafka, ein Name, den heute viele mit Rätsel, Mysterium oder Beunruhigung in Verbindung bringen ' dieser Name bedeutete für Franz Kafka etwas völlig anderes: polternde Stärke, Stattlichkeit, Energie und Selbstbewusstsein. Kafka, das war sein Vater, Hermann Kafka. Der Sohn, der Zweifelnde, Schwächliche, Zögernde, der eher nach der Mutter kam, schrieb seinem Vater im November 1919 einen Brief ' den dieser aber nie erhielt. Es ist eine Anklage, eine Beweissammlung von Erziehungsfehlern, eine hundertseitige Abrechnung mit einer stets als übermächtig empfundenen Person, die das ganze Leben des Schriftstellers bestimmte. Für den Leser ergibt sich das Bild eines riesenhaften, dröhnenden Tyrannen und eines gleichzeitig lächerlichen, ungebildeten Mannes ohne Tischmanieren. Die Faszination von Kafkas Brief liegt nicht zuletzt in diesen Übertreibungen. Der Text weist weit über einen individuellen Konflikt und die konkrete Vaterfigur hinaus: Deutlicher noch als die größeren Werke zeigt er, wie Kafkas Literatur funktioniert und wo die für ihn typische Atmosphäre existenziellen Ausgeliefertseins ihren Anfang nimmt: im Elternhaus. So gesehen ist der Vater dann doch wieder eine kafkaeske Figur.
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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Faksimile-Ausgabe eines wichtigen Zeugnisses über Kafka, 11. August 1999
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Brief an den Vater (Broschiert)
Erst einige Jahre liegt der Fund dieser Handschrift von "Brief an den Vater" von Franz Kafka zurück. "Ein sensationelles Faktum" schrieb Marcel Reich-Ranicki damals, und weiter: "Die Handschrift eines äußerst wichtigen Dokuments der deutschen Literatur war überraschend aufgetaucht - nämlich das Hundertseiten-Manuskript jenes bekenntnishaften Prosastücks, das Franz Kafka 1919 verfaßt hatte und das man unter dem Titel 'Brief an den Vater' kennt. Wer immer sich mit Kafka beschäftigt, greift auf diesen Brief zurück." Zum sehr günstigen Preis findet man hier Abbildungen des Original-Manuskriptes, zusammen mit einer Transkription, um den Text vollständig erschließen zu können. Doch nur selten muß man nach hinten zur Übertragung blicken, da man Kafkas faszinierende Schrift meist immer entziffern kann. Die Blätter sind ein Kunstwerk für sich. Hinzu kommt die philologische Bedeutung: In dieser Auseinandersetzung mit seinem Vater, in der Kafka auch schon dessen Entgegnungen antizipiert und wiederum hierauf eingeht, liegt ein Schlüssel zum Verständnis seines schriftstellerischen Werkes. Hochspannend ist dieser Monolog, der sich oft als Dialog geben will, psychologisch höchst feinfühlig. Neben dem ästhetischen Wert des Faksimile erkennt man daran auch den Entstehungsprozeß des Dokuments: Man sieht, was nachträglich eingefügt oder auch durchgestrichen worden ist. Ein Blick hinter die Kulissen in mehrfacher Hinsicht, den man sich nicht entgehen lassen sollte! (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen An den Mann, der als Vater zu stark für den Sohn war., 3. Juni 2012
Von 
kpoac - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Brief an den Vater (Kindle Edition)
"Geständnis und Lüge ist das Gleiche."
(Franz Kafka)

Im Jahre 1921 schreibt Kafka (1883-1924) einen Brief an seine Schwester Elli Herrmann. Über Erziehung meint er wie folgt: "Der wesentliche Unterschied zwischen wirklicher Erziehung und Familienerziehung ist: die erstere ist eine menschliche Angelegenheit, die zweite eine Familienangelegenheit. In der Menschheit hat jeder [...] die Möglichkeit, auf seine Art zu Grunde zu gehen, in der von den Eltern umklammerten Familie aber haben nur ganz bestimmte Menschen Platz [...]." Und weiter schreibt er, dass Kinder, die nicht entsprechen, verzehrt werden und er wünschte sich, dass dieses Verzehren allein aus Mitleid wie in der griechischen Mythologie um Kronos physisch geschähe.

Im Jahre 1919 war Kafka 36 Jahre alt, wieder war eine Verlobung geplant, das Aufgebot gar zur Hochzeit bestellt, eine Wohnung in Aussicht. Sein Vater setzt alles daran, dieses zu vermeiden. Die Wohnung ist weg, das Aufgebot wurde abbestellt und Julie Wohryzek wurde zur Ex. In diesem Zustand, den Zorn des Vaters spürend, schreibt Kafka seinen Brief an den Vater mit einer minutiösen Gedächtnisleistung aller Geschehnisse und Empfindungen von Kindheit an.

Kafka beginnt seinen Brief mit einem Geständnis von Furcht vor seinem Vater und mit der Notwendigkeit, um nichts zu vergessen, die Antwort auf genau diese Frage seitens des Vaters eben schriftlich geben zu müssen. Kafka zeigt sich - aus der Sicht des ganzen Briefes - anfänglich pharisäerhaft zuvorkommend. Er räumt ein, dass sein Vater ihm nichts Böses oder Unanständiges vorwirft, dass es beider Schuld und Unschuld an der Entfremdung gibt. Mit diesem Vorstoß verbindet er die Hoffnung auf "eine Art Friede, kein Aufhören, aber doch ein Mildern Deiner (des Vaters) unaufhörliche Vorwürfe".
Kafka scheint nicht geahnt zu haben, was ihm im Kopf vorschwebte. Sein ganzes Schreiben ist eine Entladung, eine freudsche Interaktion von Ich und Über-Ich, die Ausbildung eines inneren Kampfes als Interaktion und Enthüllung im Brief. Die "Beschreibung eines Kampfes" offenbart die Situation in Gänze: "Was sollen unsere Lungen tun, atmen sie rasch, ersticken sie an sich, an inneren Giften; atmen sie langsam, ersticken sie an nicht atembarer Luft, an den empörten Dingen. Wenn sie aber ihr Tempo machen wollen, gehen sie schon am Suchen zugrunde".

Kafkas Kampf ist von Negation, Zweifel und Skepsis geprägt, er nutzt dieses Denken als Instrument der Wahrheitsfindung, wie es Platon und Descartes schon vorgaben und doch gilt für Kafka dieses Denken nur als Indiz für die Brüchigkeit jeglicher Erkenntnis. "Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg. Was wir Weg nennen, ist Zögern" schrieb er im Zürauer Konvolut. Zögern ist alles bei ihm, auch die deutliche Aussprache gegen den Vater, obwohl er, nach Sartre Art (Das Sein und das Nichts), über den anderen, eben dem Vater, zum eigenen Ich gelangen möchte. Kafka hat seinen Vater verinnerlicht, er begehrt ihn, er will so werden, weil er sich selbst als begehrenswertes Objekt nicht findet. Auch wenn er die Schuldgefühle immer wieder teilen möchte durch "den Einblick in unser beider Hilflosigkeit" erhöht er seinen Vater zum Gott, in den er eintreten möchte. Übereinstimmung mit ihm als Kind, als junger Mensch und als Mann in jeder Beziehung, als Familienoberhaupt, als religiöser Mensch und als Ehemann. In allem fand er "fast kein Restchen irdischen Schmutzes". Dieser Brief, wie all sein Schreiben, handelt nur von ihm, dem Vater. Eine Klage in allem Schriftlichen, weil die Brust und das Herz des Vaters unverfügbar sind. Schreiben als "absichtlich in die Länge gezogener Abschied", eine Ahnung in der Kindheit, eine Hoffnung später doch dann nur Verzweifelung, wie selbst die Heiratsversuche, die allesamt scheiterten. Der Vater, vorgestellt liegend auf der Erdkarte, übergroß und keinen Platz lassend, außer "in wenig trostreichen Gegenden", bleibt so für ewig, der Sohn ist ohne Möglichkeit, aus dem Bannkreis zu fliehen.

Am Ende lässt er fiktiv den Vater in seinem Brief zu Wort kommen, der, der nun zugeben muss, auch zu kämpfen und doch "entgegen der Wahrheit", sich unschuldig wähnt. Kafka selbst gibt keinen Einwurf mehr, vielmehr empfindet er eine Annäherung an die Wahrheit, die Leben und Sterben leichter macht.

Dieser Brief ist wahres Zeugnis über Leben, Emotion und Denken eines Sohnes gegenüber seinen überstarken Vater. Es ist ein Schreiben, welches die Weiblichkeit in den Erwähnungen von Mutter und Ehefrau einbringt und in ihrer emotionalen Brüchigkeit erahnen lässt, weil sie in der Standfestigkeit des Gottesgleichen untergeht. Dieser Brief dokumentiert Kafkas Zögern, Zaudern, sein Verharren in der Ambivalenz, denn der Brief wurde nicht versandt.

Auch ist dieser Brief ein Brief Kafkas an sich selbst. Er führt über den anderen zu sich selbst, er schafft Klarheit und führt die Besinnung an die Grenze, suchend nach dem Ich. Dieses Ich soll neu hervorbrechen wie eine Sonne aus dem bedeckten Himmel, um die eigene Welt zu bestrahlen. Nur ist Kafka keiner Erkenntnis fähig, weil jeder Zweifel, jede Ironie, jede Skepsis eine Form des Zauderns ist. An dieser Schwelle bleibt Kafka stehen, dort steht sein Leben, und keiner konnte es besser als Keats sagen: "ich wachte auf und fand mich hier / an diesem kühlen Hang". An dieser Stelle aber opfert er sich selbst in maßlos verblendetem Schuld- und Unschuldbewusstsein, in Demut und Hochmut, in Liebe, die Hass ist, und in Hass, der Liebe ist, wie Emrich schrieb. Die religiöse Metapher offenbart sich darin, dass die Welt ihr klares Gesetz vom obersten Vater der Welt in unlöslicher Einheit mit seinem Sohn erhält. So empfindet Kafka mit Adam die Herrschaft über die Erde sich vollenden. Doch was ist Wahrheit, wenn Geständnis und Lüge für Kafka gleich sind? (1920)

So kann es auch anders sein. Kafka zu deuten, ist fast unmöglich. Darin liegt der Reiz, denn Gestalten, die vollkommen ausgedeutet sind, haben das Beste ihrer vitalen Kraft verloren. Nur die nicht völlig erschöpften - und Franz Kafka gehört zu ihnen - werden nie ganz Geschichte, sondern bleiben Mythos und damit fortwährende Gegenwart.
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9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Expertise über väterliche Macht und kindliche Angst, 21. April 2002
Von 
Hans Henkel (Graz) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Brief an den Vater (Taschenbuch)
" ... ist meiner Meinung nach doch etwas der Wahrheit so sehr Angenähertes erreicht, dass es uns beide ein wenig beruhigen und Leben und Sterben leichter machen kann." Mit diesen Worten schließt Kafka's 'Brief an den Vater'. Aber es wäre nicht Franz Kafka, wenn ihm nicht auch dieser Brief, der ursprünglich wirklich für seinen Vater gedacht war, zur Literatur geriete. Indem er seine Gedanken und Gefühle in literarische Klänge transponiert, entzieht er sich und seinen Text einfachen Interpretationen. Ins Unbenennbare stiehlt er sich weg.
Vater und Sohn, Mächtiger und Ohnmächtiger, der eine, der Angst verbreitet, der andere, der sie vor ihm hat, der starke Vater, der schwache Sohn - sind sie nicht auch vertauschbar diese kunstvoll aufgebauten Gegensätze? Als Leser spürt man dieses beklemmende Gefühl des sich nicht vom Vater Lösens, eine immens kreative Verengung, in der es sich Franz Kafka unbequem gemacht hat. Man fühlt sich mit ihm steckengeblieben im Geburtskanal, ängstlich darauf bedacht, eine Abnabelung zu verhindern.
Kafka spricht zwar sich selbst und seinen Vater von jeglicher Schuld frei und doch ist der Brief eine Aneinanderreihung von Vorwürfen und Anklagen. All seine Mißerfolge, besonders seine mißglückten Versuche zu heiraten und so dem Einfluss seines Vaters zu entkommen, setzt er in Zusammenhang mit dem von ihm als übermächtig Empfundenen. Die Macht des Vaters und die Angst des Sohnes sind die zentralen Gegenpole. In diesem Brief, diesem unter die Haut gehenden labyrinthischen Beziehungsknäuel, wird er zum Führer, der selber keinen Ausweg kennt. Als Leser vertraut man einem Blinden, dessen Hellsichtigkeit die Nacht zum Tag macht. Man wird hineingezwungen in dieses Paradoxon des Flüchtens und nicht von der Stelle Kommens, das wir alle aus Träumen kennen.
Mit dem Lesen des 'Briefes an den Vater' eröffnen sich beim Lesen von Kafka's Werk neue Perspektiven. Das Geheimnis und die Schönheit seiner Texte halten Wissen, Analyse und Erklärung trotzdem stand.
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8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Interessanter Zugang zu Kafkas Persönlichkeit, 2. Februar 2007
Von 
Christian von Montfort (Barcelona, Katalonien) - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Brief an den Vater (Taschenbuch)
1919, mit 36 Jahren schrieb Kafkas diesen langen, bitteren Brief an seinen Vater, den er allerdings nie abschickte. Es ist eine Art Abrechnung mit dem übermächtigen Vater, gegen den er sich nie durchsetzen, sich aber auch nicht von ihm lösen konnte. Er spricht von einer entfremdeten Beziehung ohne Freundlichkeit, Aufmunterung, aber voller Enttäuschungen, Entwürdigungen und Selbstzweifel, die darin gipfelte, dass der Vater beide Verlobungen des jungen Kafkas als "Fluchtversuch" ablehnte und damit dessen Familienpläne unterband. Zu diesem Zeitpunkt bereits der tödlichen Tuberkulose diagnostiziert, brachen der Brief (und viele seiner besten Werke) aus ihm hervor: "Ich hätte eine Familie, das Höchste, was man meiner Meinung nach erreichen kann." Kafka stellt fest, "Ich habe kein Mensch nach deinem Herzen werden können", und sagt später - eine der wenigen Stellen, wo er über einen Ausweg nachdenkt, "Hätte ich dir weniger gefolgt, du wärest sicher viel zufriedener mit mir."

Das Buch wird von Psychoanalytikern als Tür zu Kafkas Seelenleben gesehen. Es gelang Kafka nicht, die Vater-Kind-Beziehung zu irgendeinem Zeitpunkt in eine Beziehung zwischen ebenbürtigen Männern umzuwandeln. Für Kafka-Freunde als Hintergrund und auch für Leute, die sich für Beziehungen mit einer erdrückenden Vater-Figur interessieren, empfehlenswert.

Meine Ausgabe vom Fischer-Verlag enthält ein Nachwort vom Kafka-Biographen Wilhelm Emrich.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Schonungslose Abrechnung mit einem despotischen Vater., 10. Januar 2012
Von 
Happyx - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 50 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Brief an den Vater (Gebundene Ausgabe)
Wir alle denken oft an Dinge, ahnen sie, können sie aber nicht in Worte fassen. Kafkas fatale Fähigkeit, alles wieder und wieder zum ersten Mal zu erleben, alle Zusammenhänge ganz klar zu sehen, sie millimeterpräzise beschreiben zu können, alles zu erinnern - es war seine größte Fähigkeit, aber auch sein größtes Hindernis, ganz normal am Leben teilzunehmen.

Seine Texte sind eine verblüffende Offenbarung (meiner) Gedankenlosigkeit, meiner (fehlenden) eigenen Fähigkeit, Dinge genau zu sehen und zu analysieren. Die Sprache von Kafka ist brutal genau, ehrlich sezierend, nie unverständlich und trotzdem absurd, weil wir die feinen Verästelungen seiner Wahrnehmungen meist nicht in unserem Erkennungsvermögen besitzen.

Parallel dazu ist Kafka in der Lage, lange Schachtelsätze zu bilden, die nie unverständlich werden. Diese Fähigkeit, feinste, unsichtbare Spinnennetze zu weben und trotzdem lesbar zu bleiben, ist ein weiteres Charakteristikum seiner Sprache, die mich immer wieder verblüfft. Franz Kafka schrieb diesen Brief 1919, also 4 Jahre vor seinem Tod. Die Kindheit steht videogleich vor ihm, jedes Detail, alle Empfindungen sieht sein Auge genauso als ob er noch der kleine Bub wäre, dessen soldatischer Vater ihn nur belohnte, wenn er dem salutierenden Ideal dieses Familienmonarchen nacheiferte. Und genau das lehnte er ab.

Das Werk Kafkas ist u.a. geprägt durch die nicht gelingen wollende Loslösung von seiner Familie und insbesondere von seinem Vater. Insofern ist dieser Brief ein wichtiges Element zum Verständnis seines ganzen Lebens bzw. seiner Bücher. Elemente davon erkennt jeder in seiner eigenen Kind-Eltern Beziehung und kann sie insofern mitfühlen. Die Tiefe der Empfindungen von Kafka, das enge Fesselband an eigene Eltern bleibt den meisten von uns erspart, weil wir vergessen können.

Kafka's Festplatte vergass nichts und konnte sich von so vielem, für uns banal Erscheinendem nicht lösen. Wie sehr ihn der Vater beschäftigte, drückt dieser typische Satz des Briefes aus: "Noch nach Jahren litt ich unter der quälenden Vorstellung, dass der riesige Mann, mein Vater, die letzte Instanz, fast ohne Grund kommen und mich in der Nacht aus dem Bett auf die Pawlatsche tragen konnte und dass ich also ein solches Nichts für ihn war." Und einige Sätze weiter drückt er aus, was er von seinem despotischen Vater erwartet, aber nie bekommen hatte: "Ich hätte ein wenig Aufmunterung, ein wenig Freundlichkeit, ein wenig Offenhalten meines Weges gebraucht, statt dessen verstelltest du mir ihn, in der guten Absicht freilich, dass ich einen anderen Weg gehen sollte."

Dramatisch gut.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Nur eben als Vater warst Du zu stark für mich" (12)., 4. September 2011
Rezension bezieht sich auf: Brief an den Vater (Taschenbuch)
Was macht ein junger Mann, der jahrzehntelang unter seinem tyrannischen, egomanischen, zynischen und niemals zufrieden zu stellenden Vater gelitten hat? Als eben jener junge Mann dem Vater seine Verlobte vorstellt, beschimpft dieser ihn auf das Übelste und empfiehlt ihm regelmäßige Besuche in einem Bordell. Dies war eine Demütigung zu viel für den lebenslang Unterdrückten, der daraufhin in Klausur geht und einen Brief an den Vater verfasst. Doch es wird mehr als nur ein Brief, es wird eine Anklage, die eine Länge von mehr als 100 handbeschriebenen Seiten umfasst. Franz Kafkas "Brief an den Vater" ist einerseits eine bittere Abrechnung mit den Erziehungsmethoden des Vaters, gleichzeitig aber auch eine ehrliche Selbstanalyse, in der Kafka versucht herauszufinden, was für seinen Einfluss seine Erziehung auf sein Leben, sein Lieben und sein Schreiben gehabt hat.

Es sind Worte, die auch nach mehr als knapp 100 Jahren nichts von ihrer Unmittelbarkeit verloren haben und den heutigen Leser erahnen lassen, wie existentiell Kafka den Konflikt mit dem Vater empfunden haben muss: "Zwischen uns war es kein eigentlicher Kampf; ich war bald erledigt; was übrigblieb war Flucht, Verbitterung, Tränen, innerer Kampf" (42f.). Kafka hat seinen Brief nie abgeschickt und so müssen wir heute darüber spekulieren, ob er ihn überhaupt jemals abschicken wollte, oder ob er von vornherein lediglich als eine Art Selbsttherapie gedacht war. Eine andere Frage lautet, ob Kafka seine Erfahrungen gemäß seinen Erinnerungen wahrheitsgemäß dargestellt, oder zugunsten der literarischen Wirkung das eine oder andere Mal übertrieben hat. Was bei all diesen Fragen bleibt ist ein bis heute faszinierendes literarisches Dokument, welches zu Recht als ein Schlüssel zum Werk Franz Kafkas gilt.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kafka ganz nah!, 29. Dezember 2008
Von 
kpoac - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
"Geständnis und Lüge ist das Gleiche."
(Franz Kafka)

Im Jahre 1921 schreibt Kafka (1883-1924) einen Brief an seine Schwester Elli Herrmann. Über Erziehung meint er wie folgt: "Der wesentliche Unterschied zwischen wirklicher Erziehung und Familienerziehung ist: die erstere ist eine menschliche Angelegenheit, die zweite eine Familienangelegenheit. In der Menschheit hat jeder [...] die Möglichkeit, auf seine Art zu Grunde zu gehen, in der von den Eltern umklammerten Familie aber haben nur ganz bestimmte Menschen Platz [...]." Und weiter schreibt er, dass Kinder, die nicht entsprechen, verzehrt werden und er wünschte sich, dass dieses Verzehren allein aus Mitleid wie in der griechischen Mythologie um Kronos physisch geschähe.

Im Jahre 1919 war Kafka 36 Jahre alt, wieder war eine Verlobung geplant, das Aufgebot gar zur Hochzeit bestellt, eine Wohnung in Aussicht. Sein Vater setzt alles daran, dieses zu vermeiden. Die Wohnung ist weg, das Aufgebot wurde abbestellt und Julie Wohryzek wurde zur Ex. In diesem Zustand, den Zorn des Vaters spürend, schreibt Kafka seinen Brief an den Vater mit einer minutiösen Gedächtnisleistung aller Geschehnisse und Empfindungen von Kindheit an.

Kafka beginnt seinen Brief mit einem Geständnis von Furcht vor seinem Vater und mit der Notwendigkeit, um nichts zu vergessen, die Antwort auf genau diese Frage seitens des Vaters eben schriftlich geben zu müssen. Kafka zeigt sich - aus der Sicht des ganzen Briefes - anfänglich pharisäerhaft zuvorkommend. Er räumt ein, dass sein Vater ihm nichts Böses oder Unanständiges vorwirft, dass es beider Schuld und Unschuld an der Entfremdung gibt. Mit diesem Vorstoß verbindet er die Hoffnung auf "eine Art Friede, kein Aufhören, aber doch ein Mildern Deiner (des Vaters) unaufhörliche Vorwürfe".
Kafka scheint nicht geahnt zu haben, was ihm im Kopf vorschwebte. Sein ganzes Schreiben ist eine Entladung, eine freudsche Interaktion von Ich und Über-Ich, die Ausbildung eines inneren Kampfes als Interaktion und Enthüllung im Brief. Die "Beschreibung eines Kampfes" offenbart die Situation in Gänze: "Was sollen unsere Lungen tun, atmen sie rasch, ersticken sie an sich, an inneren Giften; atmen sie langsam, ersticken sie an nicht atembarer Luft, an den empörten Dingen. Wenn sie aber ihr Tempo machen wollen, gehen sie schon am Suchen zugrunde".

Kafkas Kampf ist von Negation, Zweifel und Skepsis geprägt, er nutzt dieses Denken als Instrument der Wahrheitsfindung, wie es Platon und Descartes schon vorgaben und doch gilt für Kafka dieses Denken nur als Indiz für die Brüchigkeit jeglicher Erkenntnis. "Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg. Was wir Weg nennen, ist Zögern" schrieb er im Zürauer Konvolut. Zögern ist alles bei ihm, auch die deutliche Aussprache gegen den Vater, obwohl er, nach Sartre Art (Das Sein und das Nichts), über den anderen, eben dem Vater, zum eigenen Ich gelangen möchte. Kafka hat seinen Vater verinnerlicht, er begehrt ihn, er will so werden, weil er sich selbst als begehrenswertes Objekt nicht findet. Auch wenn er die Schuldgefühle immer wieder teilen möchte durch "den Einblick in unser beider Hilflosigkeit" erhöht er seinen Vater zum Gott, in den er eintreten möchte. Übereinstimmung mit ihm als Kind, als junger Mensch und als Mann in jeder Beziehung, als Familienoberhaupt, als religiöser Mensch und als Ehemann. In allem fand er "fast kein Restchen irdischen Schmutzes". Dieser Brief, wie all sein Schreiben, handelt nur von ihm, dem Vater. Eine Klage in allem Schriftlichen, weil die Brust und das Herz des Vaters unverfügbar sind. Schreiben als "absichtlich in die Länge gezogener Abschied", eine Ahnung in der Kindheit, eine Hoffnung später doch dann nur Verzweifelung, wie selbst die Heiratsversuche, die allesamt scheiterten. Der Vater, vorgestellt liegend auf der Erdkarte, übergroß und keinen Platz lassend, außer "in wenig trostreichen Gegenden", bleibt so für ewig, der Sohn ist ohne Möglichkeit, aus dem Bannkreis zu fliehen.

Am Ende lässt er fiktiv den Vater in seinem Brief zu Wort kommen, der, der nun zugeben muss, auch zu kämpfen und doch "entgegen der Wahrheit", sich unschuldig wähnt. Kafka selbst gibt keinen Einwurf mehr, vielmehr empfindet er eine Annäherung an die Wahrheit, die Leben und Sterben leichter macht.

Dieser Brief ist wahres Zeugnis über Leben, Emotion und Denken eines Sohnes gegenüber seinen überstarken Vater. Es ist ein Schreiben, welches die Weiblichkeit in den Erwähnungen von Mutter und Ehefrau einbringt und in ihrer emotionalen Brüchigkeit erahnen lässt, weil sie in der Standfestigkeit des Gottesgleichen untergeht. Dieser Brief dokumentiert Kafkas Zögern, Zaudern, sein verharren in der Ambivalenz, denn der Brief wurde nicht versandt.
Auch ist dieser Brief ein Brief Kafkas an sich selbst. Er führt über den anderen zu sich selbst, er schafft Klarheit und führt die Besinnung an die Grenze, suchend nach dem Ich. Dieses Ich soll neu hervorbrechen wie eine Sonne aus dem bedeckten Himmel, um die eigene Welt zu bestrahlen. Nur ist Kafka keiner Erkenntnis fähig, weil jeder Zweifel, jede Ironie, jede Skepsis eine Form des Zauderns ist. An dieser Schwelle bleibt Kafka stehen, dort steht sein Leben, und keiner konnte es besser als Keats sagen: "ich wachte auf und fand mich hier / an diesem kühlen Hang". An dieser Stelle aber opfert er sich selbst in maßlos verblendetem Schuld- und Unschuldbewusstsein, in Demut und Hochmut, in Liebe, die Hass ist, und in Hass, der Liebe ist, wie Emrich schrieb. Die religiöse Metapher offenbart sich darin, dass die Welt ihr klares Gesetz vom obersten Vater der Welt in unlöslicher Einheit mit seinem Sohn erhält. So empfindet Kafka mit Adam die Herrschaft über die Erde sich vollenden. Doch was ist Wahrheit, wenn Geständnis und Lüge für Kafka gleich sind? (1920)

So kann es auch anders sein. Kafka zu deuten, ist fast unmöglich. Darin liegt der Reiz, denn Gestalten, die vollkommen ausgedeutet sind, haben das Beste ihrer vitalen Kraft verloren. Nur die nicht völlig erschöpften - und Franz Kafka gehört zu ihnen - werden nie ganz Geschichte, sondern bleiben Mythos und damit fortwährende Gegenwart.

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5.0 von 5 Sternen Schonungslose Abrechnung mit einem despotischen Vater., 12. Mai 2007
Von 
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Rezension bezieht sich auf: Brief an den Vater (Gebundene Ausgabe)
Wir alle denken oft an Dinge, ahnen sie, können sie aber nicht in Worte fassen. Kafkas fatale Fähigkeit, alles wieder und wieder zum ersten Mal zu erleben, alle Zusammenhänge ganz klar zu sehen, sie millimeterpräzise beschreiben zu können, alles zu erinnern - es war seine größte Fähigkeit, aber auch sein größtes Hindernis, ganz normal am Leben teilzunehmen. Seine Texte sind eine verblüffende Offenbarung (meiner) Gedankenlosigkeit, meiner (fehlenden) eigenen Fähigkeit, Dinge genau zu sehen und zu analysieren. Die Sprache von Kafka ist brutal genau, ehrlich sezierend, nie unverständlich und trotzdem absurd, weil wir die feinen Verästelungen seiner Wahrnehmungen meist nicht in unserem Erkennungsvermögen besitzen. Parallel dazu ist Kafka in der Lage, lange Schachtelsätze zu bilden, die nie unverständlich werden. Diese Fähigkeit, feinste, unsichtbare Spinnennetze zu weben und trotzdem lesbar zu bleiben, ist ein weiteres Charakteristikum seiner Sprache, die mich immer wieder verblüfft. Franz Kafka schrieb diesen Brief 1919, also 4 Jahre vor seinem Tod. Die Kindheit steht videogleich vor ihm, jedes Detail, alle Empfindungen sieht sein Auge genauso als ob er noch der kleine Bub wäre, dessen soldatischer Vater ihn nur belohnte, wenn er dem salutierenden Ideal dieses Familienmonarchen nacheiferte. Und genau das lehnte er ab.

Das Werk Kafkas ist u.a. geprägt durch die nicht gelingen wollende Loslösung von seiner Familie und insbesondere von seinem Vater. Insofern ist dieser Brief ein wichtiges Element zum Verständnis seines ganzen Lebens bzw. seiner Bücher. Elemente davon erkennt jeder in seiner eigenen Kind-Eltern Beziehung und kann sie insofern mitfühlen. Die Tiefe der Empfindungen von Kafka, das enge Fesselband an eigene Eltern bleibt den meisten von uns erspart, weil wir vergessen können. Kafka's Festplatte vergass nichts und konnte sich von so vielem, für uns banal Erscheinendem nicht lösen. Wie sehr ihn der Vater beschäftigte, drückt dieser typische Satz des Briefes aus: "Noch nach Jahren litt ich unter der quälenden Vorstellung, dass der riesige Mann, mein Vater, die letzte Instanz, fast ohne Grund kommen und mich in der Nacht aus dem Bett auf die Pawlatsche tragen konnte und dass ich also ein solches Nichts für ihn war." Und einige Sätze weiter drückt er aus, was er von seinem despotischen Vater erwartet, aber nie bekommen hatte: "Ich hätte ein wenig Aufmunterung, ein wenig Freundlichkeit, ein wenig Offenhalten meines Weges gebraucht, statt dessen verstelltest du mir ihn, in der guten Absicht freilich, dass ich einen anderen Weg gehen sollte."
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5.0 von 5 Sternen Kafka ganz nah!, 29. Dezember 2008
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Rezension bezieht sich auf: Brief an den Vater (Taschenbuch)
"Geständnis und Lüge ist das Gleiche."
(Franz Kafka)

Im Jahre 1921 schreibt Kafka (1883-1924) einen Brief an seine Schwester Elli Herrmann. Über Erziehung meint er wie folgt: "Der wesentliche Unterschied zwischen wirklicher Erziehung und Familienerziehung ist: die erstere ist eine menschliche Angelegenheit, die zweite eine Familienangelegenheit. In der Menschheit hat jeder [...] die Möglichkeit, auf seine Art zu Grunde zu gehen, in der von den Eltern umklammerten Familie aber haben nur ganz bestimmte Menschen Platz [...]." Und weiter schreibt er, dass Kinder, die nicht entsprechen, verzehrt werden und er wünschte sich, dass dieses Verzehren allein aus Mitleid wie in der griechischen Mythologie um Kronos physisch geschähe.

Im Jahre 1919 war Kafka 36 Jahre alt, wieder war eine Verlobung geplant, das Aufgebot gar zur Hochzeit bestellt, eine Wohnung in Aussicht. Sein Vater setzt alles daran, dieses zu vermeiden. Die Wohnung ist weg, das Aufgebot wurde abbestellt und Julie Wohryzek wurde zur Ex. In diesem Zustand, den Zorn des Vaters spürend, schreibt Kafka seinen Brief an den Vater mit einer minutiösen Gedächtnisleistung aller Geschehnisse und Empfindungen von Kindheit an.

Kafka beginnt seinen Brief mit einem Geständnis von Furcht vor seinem Vater und mit der Notwendigkeit, um nichts zu vergessen, die Antwort auf genau diese Frage seitens des Vaters eben schriftlich geben zu müssen. Kafka zeigt sich - aus der Sicht des ganzen Briefes - anfänglich pharisäerhaft zuvorkommend. Er räumt ein, dass sein Vater ihm nichts Böses oder Unanständiges vorwirft, dass es beider Schuld und Unschuld an der Entfremdung gibt. Mit diesem Vorstoß verbindet er die Hoffnung auf "eine Art Friede, kein Aufhören, aber doch ein Mildern Deiner (des Vaters) unaufhörliche Vorwürfe".
Kafka scheint nicht geahnt zu haben, was ihm im Kopf vorschwebte. Sein ganzes Schreiben ist eine Entladung, eine freudsche Interaktion von Ich und Über-Ich, die Ausbildung eines inneren Kampfes als Interaktion und Enthüllung im Brief. Die "Beschreibung eines Kampfes" offenbart die Situation in Gänze: "Was sollen unsere Lungen tun, atmen sie rasch, ersticken sie an sich, an inneren Giften; atmen sie langsam, ersticken sie an nicht atembarer Luft, an den empörten Dingen. Wenn sie aber ihr Tempo machen wollen, gehen sie schon am Suchen zugrunde".

Kafkas Kampf ist von Negation, Zweifel und Skepsis geprägt, er nutzt dieses Denken als Instrument der Wahrheitsfindung, wie es Platon und Descartes schon vorgaben und doch gilt für Kafka dieses Denken nur als Indiz für die Brüchigkeit jeglicher Erkenntnis. "Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg. Was wir Weg nennen, ist Zögern" schrieb er im Zürauer Konvolut. Zögern ist alles bei ihm, auch die deutliche Aussprache gegen den Vater, obwohl er, nach Sartre Art (Das Sein und das Nichts), über den anderen, eben dem Vater, zum eigenen Ich gelangen möchte. Kafka hat seinen Vater verinnerlicht, er begehrt ihn, er will so werden, weil er sich selbst als begehrenswertes Objekt nicht findet. Auch wenn er die Schuldgefühle immer wieder teilen möchte durch "den Einblick in unser beider Hilflosigkeit" erhöht er seinen Vater zum Gott, in den er eintreten möchte. Übereinstimmung mit ihm als Kind, als junger Mensch und als Mann in jeder Beziehung, als Familienoberhaupt, als religiöser Mensch und als Ehemann. In allem fand er "fast kein Restchen irdischen Schmutzes". Dieser Brief, wie all sein Schreiben, handelt nur von ihm, dem Vater. Eine Klage in allem Schriftlichen, weil die Brust und das Herz des Vaters unverfügbar sind. Schreiben als "absichtlich in die Länge gezogener Abschied", eine Ahnung in der Kindheit, eine Hoffnung später doch dann nur Verzweifelung, wie selbst die Heiratsversuche, die allesamt scheiterten. Der Vater, vorgestellt liegend auf der Erdkarte, übergroß und keinen Platz lassend, außer "in wenig trostreichen Gegenden", bleibt so für ewig, der Sohn ist ohne Möglichkeit, aus dem Bannkreis zu fliehen.

Am Ende lässt er fiktiv den Vater in seinem Brief zu Wort kommen, der, der nun zugeben muss, auch zu kämpfen und doch "entgegen der Wahrheit", sich unschuldig wähnt. Kafka selbst gibt keinen Einwurf mehr, vielmehr empfindet er eine Annäherung an die Wahrheit, die Leben und Sterben leichter macht.

Dieser Brief ist wahres Zeugnis über Leben, Emotion und Denken eines Sohnes gegenüber seinen überstarken Vater. Es ist ein Schreiben, welches die Weiblichkeit in den Erwähnungen von Mutter und Ehefrau einbringt und in ihrer emotionalen Brüchigkeit erahnen lässt, weil sie in der Standfestigkeit des Gottesgleichen untergeht. Dieser Brief dokumentiert Kafkas Zögern, Zaudern, sein verharren in der Ambivalenz, denn der Brief wurde nicht versandt.
Auch ist dieser Brief ein Brief Kafkas an sich selbst. Er führt über den anderen zu sich selbst, er schafft Klarheit und führt die Besinnung an die Grenze, suchend nach dem Ich. Dieses Ich soll neu hervorbrechen wie eine Sonne aus dem bedeckten Himmel, um die eigene Welt zu bestrahlen. Nur ist Kafka keiner Erkenntnis fähig, weil jeder Zweifel, jede Ironie, jede Skepsis eine Form des Zauderns ist. An dieser Schwelle bleibt Kafka stehen, dort steht sein Leben, und keiner konnte es besser als Keats sagen: "ich wachte auf und fand mich hier / an diesem kühlen Hang". An dieser Stelle aber opfert er sich selbst in maßlos verblendetem Schuld- und Unschuldbewusstsein, in Demut und Hochmut, in Liebe, die Hass ist, und in Hass, der Liebe ist, wie Emrich schrieb. Die religiöse Metapher offenbart sich darin, dass die Welt ihr klares Gesetz vom obersten Vater der Welt in unlöslicher Einheit mit seinem Sohn erhält. So empfindet Kafka mit Adam die Herrschaft über die Erde sich vollenden. Doch was ist Wahrheit, wenn Geständnis und Lüge für Kafka gleich sind? (1920)

So kann es auch anders sein. Kafka zu deuten, ist fast unmöglich. Darin liegt der Reiz, denn Gestalten, die vollkommen ausgedeutet sind, haben das Beste ihrer vitalen Kraft verloren. Nur die nicht völlig erschöpften - und Franz Kafka gehört zu ihnen - werden nie ganz Geschichte, sondern bleiben Mythos und damit fortwährende Gegenwart.

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Brief an den Vater
Brief an den Vater von Franz Kafka (Broschiert - Juni 2008)
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