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Kafka, ein Name, den heute viele mit Rätsel, Mysterium oder Beunruhigung in Verbindung bringen ' dieser Name bedeutete für Franz Kafka etwas völlig anderes: polternde Stärke, Stattlichkeit, Energie und Selbstbewusstsein. Kafka, das war sein Vater, Hermann Kafka. Der Sohn, der Zweifelnde, Schwächliche, Zögernde, der eher nach der Mutter kam, schrieb seinem Vater im November 1919 einen Brief ' den dieser aber nie erhielt. Es ist eine Anklage, eine Beweissammlung von Erziehungsfehlern, eine hundertseitige Abrechnung mit einer stets als übermächtig empfundenen Person, die das ganze Leben des Schriftstellers bestimmte. Für den Leser ergibt sich das Bild eines riesenhaften, dröhnenden Tyrannen und eines gleichzeitig lächerlichen, ungebildeten Mannes ohne Tischmanieren. Die Faszination von Kafkas Brief liegt nicht zuletzt in diesen Übertreibungen. Der Text weist weit über einen individuellen Konflikt und die konkrete Vaterfigur hinaus: Deutlicher noch als die größeren Werke zeigt er, wie Kafkas Literatur funktioniert und wo die für ihn typische Atmosphäre existenziellen Ausgeliefertseins ihren Anfang nimmt: im Elternhaus. So gesehen ist der Vater dann doch wieder eine kafkaeske Figur.
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am 3. Juni 2012
"Geständnis und Lüge ist das Gleiche."
(Franz Kafka)

Im Jahre 1921 schreibt Kafka (1883-1924) einen Brief an seine Schwester Elli Herrmann. Über Erziehung meint er wie folgt: "Der wesentliche Unterschied zwischen wirklicher Erziehung und Familienerziehung ist: die erstere ist eine menschliche Angelegenheit, die zweite eine Familienangelegenheit. In der Menschheit hat jeder [...] die Möglichkeit, auf seine Art zu Grunde zu gehen, in der von den Eltern umklammerten Familie aber haben nur ganz bestimmte Menschen Platz [...]." Und weiter schreibt er, dass Kinder, die nicht entsprechen, verzehrt werden und er wünschte sich, dass dieses Verzehren allein aus Mitleid wie in der griechischen Mythologie um Kronos physisch geschähe.

Im Jahre 1919 war Kafka 36 Jahre alt, wieder war eine Verlobung geplant, das Aufgebot gar zur Hochzeit bestellt, eine Wohnung in Aussicht. Sein Vater setzt alles daran, dieses zu vermeiden. Die Wohnung ist weg, das Aufgebot wurde abbestellt und Julie Wohryzek wurde zur Ex. In diesem Zustand, den Zorn des Vaters spürend, schreibt Kafka seinen Brief an den Vater mit einer minutiösen Gedächtnisleistung aller Geschehnisse und Empfindungen von Kindheit an.

Kafka beginnt seinen Brief mit einem Geständnis von Furcht vor seinem Vater und mit der Notwendigkeit, um nichts zu vergessen, die Antwort auf genau diese Frage seitens des Vaters eben schriftlich geben zu müssen. Kafka zeigt sich - aus der Sicht des ganzen Briefes - anfänglich pharisäerhaft zuvorkommend. Er räumt ein, dass sein Vater ihm nichts Böses oder Unanständiges vorwirft, dass es beider Schuld und Unschuld an der Entfremdung gibt. Mit diesem Vorstoß verbindet er die Hoffnung auf "eine Art Friede, kein Aufhören, aber doch ein Mildern Deiner (des Vaters) unaufhörliche Vorwürfe".
Kafka scheint nicht geahnt zu haben, was ihm im Kopf vorschwebte. Sein ganzes Schreiben ist eine Entladung, eine freudsche Interaktion von Ich und Über-Ich, die Ausbildung eines inneren Kampfes als Interaktion und Enthüllung im Brief. Die "Beschreibung eines Kampfes" offenbart die Situation in Gänze: "Was sollen unsere Lungen tun, atmen sie rasch, ersticken sie an sich, an inneren Giften; atmen sie langsam, ersticken sie an nicht atembarer Luft, an den empörten Dingen. Wenn sie aber ihr Tempo machen wollen, gehen sie schon am Suchen zugrunde".

Kafkas Kampf ist von Negation, Zweifel und Skepsis geprägt, er nutzt dieses Denken als Instrument der Wahrheitsfindung, wie es Platon und Descartes schon vorgaben und doch gilt für Kafka dieses Denken nur als Indiz für die Brüchigkeit jeglicher Erkenntnis. "Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg. Was wir Weg nennen, ist Zögern" schrieb er im Zürauer Konvolut. Zögern ist alles bei ihm, auch die deutliche Aussprache gegen den Vater, obwohl er, nach Sartre Art (Das Sein und das Nichts), über den anderen, eben dem Vater, zum eigenen Ich gelangen möchte. Kafka hat seinen Vater verinnerlicht, er begehrt ihn, er will so werden, weil er sich selbst als begehrenswertes Objekt nicht findet. Auch wenn er die Schuldgefühle immer wieder teilen möchte durch "den Einblick in unser beider Hilflosigkeit" erhöht er seinen Vater zum Gott, in den er eintreten möchte. Übereinstimmung mit ihm als Kind, als junger Mensch und als Mann in jeder Beziehung, als Familienoberhaupt, als religiöser Mensch und als Ehemann. In allem fand er "fast kein Restchen irdischen Schmutzes". Dieser Brief, wie all sein Schreiben, handelt nur von ihm, dem Vater. Eine Klage in allem Schriftlichen, weil die Brust und das Herz des Vaters unverfügbar sind. Schreiben als "absichtlich in die Länge gezogener Abschied", eine Ahnung in der Kindheit, eine Hoffnung später doch dann nur Verzweifelung, wie selbst die Heiratsversuche, die allesamt scheiterten. Der Vater, vorgestellt liegend auf der Erdkarte, übergroß und keinen Platz lassend, außer "in wenig trostreichen Gegenden", bleibt so für ewig, der Sohn ist ohne Möglichkeit, aus dem Bannkreis zu fliehen.

Am Ende lässt er fiktiv den Vater in seinem Brief zu Wort kommen, der, der nun zugeben muss, auch zu kämpfen und doch "entgegen der Wahrheit", sich unschuldig wähnt. Kafka selbst gibt keinen Einwurf mehr, vielmehr empfindet er eine Annäherung an die Wahrheit, die Leben und Sterben leichter macht.

Dieser Brief ist wahres Zeugnis über Leben, Emotion und Denken eines Sohnes gegenüber seinen überstarken Vater. Es ist ein Schreiben, welches die Weiblichkeit in den Erwähnungen von Mutter und Ehefrau einbringt und in ihrer emotionalen Brüchigkeit erahnen lässt, weil sie in der Standfestigkeit des Gottesgleichen untergeht. Dieser Brief dokumentiert Kafkas Zögern, Zaudern, sein Verharren in der Ambivalenz, denn der Brief wurde nicht versandt.

Auch ist dieser Brief ein Brief Kafkas an sich selbst. Er führt über den anderen zu sich selbst, er schafft Klarheit und führt die Besinnung an die Grenze, suchend nach dem Ich. Dieses Ich soll neu hervorbrechen wie eine Sonne aus dem bedeckten Himmel, um die eigene Welt zu bestrahlen. Nur ist Kafka keiner Erkenntnis fähig, weil jeder Zweifel, jede Ironie, jede Skepsis eine Form des Zauderns ist. An dieser Schwelle bleibt Kafka stehen, dort steht sein Leben, und keiner konnte es besser als Keats sagen: "ich wachte auf und fand mich hier / an diesem kühlen Hang". An dieser Stelle aber opfert er sich selbst in maßlos verblendetem Schuld- und Unschuldbewusstsein, in Demut und Hochmut, in Liebe, die Hass ist, und in Hass, der Liebe ist, wie Emrich schrieb. Die religiöse Metapher offenbart sich darin, dass die Welt ihr klares Gesetz vom obersten Vater der Welt in unlöslicher Einheit mit seinem Sohn erhält. So empfindet Kafka mit Adam die Herrschaft über die Erde sich vollenden. Doch was ist Wahrheit, wenn Geständnis und Lüge für Kafka gleich sind? (1920)

So kann es auch anders sein. Kafka zu deuten, ist fast unmöglich. Darin liegt der Reiz, denn Gestalten, die vollkommen ausgedeutet sind, haben das Beste ihrer vitalen Kraft verloren. Nur die nicht völlig erschöpften - und Franz Kafka gehört zu ihnen - werden nie ganz Geschichte, sondern bleiben Mythos und damit fortwährende Gegenwart.
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am 11. Dezember 2013
Ich wurde durch eine Bekannte auf dieses wunderbare Büchlein aufmerksam gemacht, und war, als Frau erst skeptisch: Ich lese nicht gerne " Vergangenheitsbewältigung der Kindheit" , noch bin ich "Sohn" und mein Vaterverhältnis ist wunderbar.

Aber dieses Buch, das Franz Kafka, der nun nach den üblichen "SchulobligatorischenLesenmuss" nicht zu meinen Lieblingen gehört ist ein Schatz.
Ich schreibe nicht über den Inhalt, das wäre keine Rezension, sondern nur, und das ist wohl bei jedem anders, dass hier alle irgendwo, sich oder den Vater..die Mutter finden. - Es ist keine Abrechnung: Sondern differenziert, und jede Zeile, oder Abschnitt..regt zum Nachdenken an.- Kafka hat diesen Brief wohl auch nicht absenden wollen, er ist unglaublich hart, und dennoch liebevoll. Wenn es uns gelingt, auch darüber und dadurch Nachzudenken, über das eigene, oder unsere Funktion als Eltern..als Söhne..Töchter...ist es mehr wert, gleichviel wert, wie eine lange Therapie.
Es ist eine sehr schöne Geschenkidee..und keine boshafte Anspielung. Einfach besonders!
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am 11. August 1999
Erst einige Jahre liegt der Fund dieser Handschrift von "Brief an den Vater" von Franz Kafka zurück. "Ein sensationelles Faktum" schrieb Marcel Reich-Ranicki damals, und weiter: "Die Handschrift eines äußerst wichtigen Dokuments der deutschen Literatur war überraschend aufgetaucht - nämlich das Hundertseiten-Manuskript jenes bekenntnishaften Prosastücks, das Franz Kafka 1919 verfaßt hatte und das man unter dem Titel 'Brief an den Vater' kennt. Wer immer sich mit Kafka beschäftigt, greift auf diesen Brief zurück." Zum sehr günstigen Preis findet man hier Abbildungen des Original-Manuskriptes, zusammen mit einer Transkription, um den Text vollständig erschließen zu können. Doch nur selten muß man nach hinten zur Übertragung blicken, da man Kafkas faszinierende Schrift meist immer entziffern kann. Die Blätter sind ein Kunstwerk für sich. Hinzu kommt die philologische Bedeutung: In dieser Auseinandersetzung mit seinem Vater, in der Kafka auch schon dessen Entgegnungen antizipiert und wiederum hierauf eingeht, liegt ein Schlüssel zum Verständnis seines schriftstellerischen Werkes. Hochspannend ist dieser Monolog, der sich oft als Dialog geben will, psychologisch höchst feinfühlig. Neben dem ästhetischen Wert des Faksimile erkennt man daran auch den Entstehungsprozeß des Dokuments: Man sieht, was nachträglich eingefügt oder auch durchgestrichen worden ist. Ein Blick hinter die Kulissen in mehrfacher Hinsicht, den man sich nicht entgehen lassen sollte! (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
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am 21. April 2002
" ... ist meiner Meinung nach doch etwas der Wahrheit so sehr Angenähertes erreicht, dass es uns beide ein wenig beruhigen und Leben und Sterben leichter machen kann." Mit diesen Worten schließt Kafka's 'Brief an den Vater'. Aber es wäre nicht Franz Kafka, wenn ihm nicht auch dieser Brief, der ursprünglich wirklich für seinen Vater gedacht war, zur Literatur geriete. Indem er seine Gedanken und Gefühle in literarische Klänge transponiert, entzieht er sich und seinen Text einfachen Interpretationen. Ins Unbenennbare stiehlt er sich weg.
Vater und Sohn, Mächtiger und Ohnmächtiger, der eine, der Angst verbreitet, der andere, der sie vor ihm hat, der starke Vater, der schwache Sohn - sind sie nicht auch vertauschbar diese kunstvoll aufgebauten Gegensätze? Als Leser spürt man dieses beklemmende Gefühl des sich nicht vom Vater Lösens, eine immens kreative Verengung, in der es sich Franz Kafka unbequem gemacht hat. Man fühlt sich mit ihm steckengeblieben im Geburtskanal, ängstlich darauf bedacht, eine Abnabelung zu verhindern.
Kafka spricht zwar sich selbst und seinen Vater von jeglicher Schuld frei und doch ist der Brief eine Aneinanderreihung von Vorwürfen und Anklagen. All seine Mißerfolge, besonders seine mißglückten Versuche zu heiraten und so dem Einfluss seines Vaters zu entkommen, setzt er in Zusammenhang mit dem von ihm als übermächtig Empfundenen. Die Macht des Vaters und die Angst des Sohnes sind die zentralen Gegenpole. In diesem Brief, diesem unter die Haut gehenden labyrinthischen Beziehungsknäuel, wird er zum Führer, der selber keinen Ausweg kennt. Als Leser vertraut man einem Blinden, dessen Hellsichtigkeit die Nacht zum Tag macht. Man wird hineingezwungen in dieses Paradoxon des Flüchtens und nicht von der Stelle Kommens, das wir alle aus Träumen kennen.
Mit dem Lesen des 'Briefes an den Vater' eröffnen sich beim Lesen von Kafka's Werk neue Perspektiven. Das Geheimnis und die Schönheit seiner Texte halten Wissen, Analyse und Erklärung trotzdem stand.
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1919, mit 36 Jahren schrieb Kafkas diesen langen, bitteren Brief an seinen Vater, den er allerdings nie abschickte. Es ist eine Art Abrechnung mit dem übermächtigen Vater, gegen den er sich nie durchsetzen, sich aber auch nicht von ihm lösen konnte. Er spricht von einer entfremdeten Beziehung ohne Freundlichkeit, Aufmunterung, aber voller Enttäuschungen, Entwürdigungen und Selbstzweifel, die darin gipfelte, dass der Vater beide Verlobungen des jungen Kafkas als "Fluchtversuch" ablehnte und damit dessen Familienpläne unterband. Zu diesem Zeitpunkt bereits der tödlichen Tuberkulose diagnostiziert, brachen der Brief (und viele seiner besten Werke) aus ihm hervor: "Ich hätte eine Familie, das Höchste, was man meiner Meinung nach erreichen kann." Kafka stellt fest, "Ich habe kein Mensch nach deinem Herzen werden können", und sagt später - eine der wenigen Stellen, wo er über einen Ausweg nachdenkt, "Hätte ich dir weniger gefolgt, du wärest sicher viel zufriedener mit mir."

Das Buch wird von Psychoanalytikern als Tür zu Kafkas Seelenleben gesehen. Es gelang Kafka nicht, die Vater-Kind-Beziehung zu irgendeinem Zeitpunkt in eine Beziehung zwischen ebenbürtigen Männern umzuwandeln. Für Kafka-Freunde als Hintergrund und auch für Leute, die sich für Beziehungen mit einer erdrückenden Vater-Figur interessieren, empfehlenswert.

Meine Ausgabe vom Fischer-Verlag enthält ein Nachwort vom Kafka-Biographen Wilhelm Emrich.
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Kafka ist gewiss nicht jedermanns Sache. Sein Name steht für endlos lange Schachtelsätze, Ausschweifungen und nicht allzu leichte Zugänglichkeit. Inhaltlich jedoch ist es sehr schwer, dem großen Prager Autoren einen Vorwurf zu machen.
Jedenfalls hat der Schriftsteller - trotz seiner kurzen Lebensdauer (1883-1924) - eine beträchtliche Zahl bedeutender Niederschriften hinterlassen und es ist gar nicht so einfach zu sagen, welches seiner Werke das vielleicht beste und bedeutendste ist. Neben seinen großen Romanen "Die Verwandlung", "Das Schloß" oder "Der Prozeß" u.a., sind auch viele seiner Erzählungen (z.B. "Der Heizer" oder "Das Urteil") und Kurzgeschichten wirklich lesens- und empfehlenswert, die inzwischen gesammelt zu moderaten Preisen angeboten werden (muss man halt nachschauen).
Mein persönlicher Favorit ist aber das vorliegende "Brief an den Vater".

Dieses recht kurz gehaltene (hier ist es gerade einmal rund 50 Seiten dick) Werk stellt eine vom Stil her recht sachlich gehaltene Klageschrift dar, die der Mittdreißiger Kafka im Jahr 1919 an seinen Vater richtete. Der Vater bekam diese Niederschrift jedoch nie zu sehen.
Abgesehen davon, dass der Autor punktgenaue und messerscharfe Analysen anstellt und sie mit eingängigen Metaphern versieht (z.B. "Manchmal stelle ich mir die Erdkarte ausgespannt und Dich quer über sie hin ausgestreckt vor."), verrät der Text so einiges über den Menschen Franz Kafka (bzw. dessen Persönlichkeit), der zeitlebens kränklich, schwächlich, sensibel und - im geschäftlichen Sinn - nur wenig zielstrebig war. Der Vater, der offenbar gern ein jüngeres Abbild seiner Persönlichkeit im Sprössling gesehen hätte (wie viele andere Väter wohl auch in ihren Söhnen), war hingegen das genaue Gegenteil: selbstbewusst, zielstrebig, rechthaberisch, stattlich, hart und laut.

Bewundernswert an vorliegendem Schriftstück ist auch, dass der hierin beschriebene Generationenkonflikt (in diesem Falle eben zwischen Vater und Sohn) in gewisser Weise sehr zeitlos auf mich wirkt. Denn welche Elterngeneration behauptete bislang nicht von sich selbst, es schwerer als die Kinder gehabt zu haben? Und welche Eltern werfen ihren erwachsenen Kindern - zumindest indirekt - nicht heute noch so etwas wie Undankbarkeit (in welcher Form auch immer) vor?
Selbst wenn sich die Zeiten mittlerweile freilich merklich geändert haben und Eltern - speziell Väter - nicht mehr so häufig wie früher als strenge Tyrannen wahrgenommen werden bzw. auftreten, wird fast jeder, der das hier liest, ein Stück weit auch sich selbst in den niedergeschriebenen Worten wiederfinden können.
Kafka rechnet mit dem autoritären (aber wohl damals nicht untypischen) Erziehungsstil seines Vaters ab, stellt Methoden der Zurechtweisung kritisch in Frage und prangert an, dass vorgegebene Regeln ihn zu einer Art beschämtem "Sklaven" haben werden lassen, da sie seiner Meinung nach nur für ihn galten, der Vater selbst sich jedoch ihnen offenkundig nicht unterordnen musste (ein gutes Beispiel hierfür sind die von Kafka beschriebenen Tischregeln beim gemeinsamen Essen).
Trotz aller Kritik lässt der Autor zwischen den Zeilen eindeutige Zuneigung und Bewunderung zu seinem Elternteil erkennen. Oft betont er auch, dass seine Anklage keineswegs als plumpe Kritik bzw. "Vernaderei" misszuverstehen sei und er sich selbst durchaus auch in einer Teilschuld sehe (für die er aber, wie er zugleich bemerkt, ebenso wenig könne, wie der Vater).

Obwohl Kafkas "Brief an den Vater" in gewisser Weise deprimierend und desillusionierend wirkt, ist das Werk zugleich ein wohlernüchternder Befreiungsschlag, der erdet und dem Lesenden bewusst macht, dass kein Mensch der Welt frei von Makel sein kann - weder Eltern, noch Kinder. So gesehen hat vorliegender Schmöker eine sehr angenehme und beruhigende Wirkung auf mich und es ist einfach spannend diesen prominenten, literaturgeschichtlich hochwertigen Vater-Sohn-Konflikt zu lesen (und gar nicht sooo mühsam, wie man ev. befürchten müsste)!

Fazit: Wer noch gar keine Erfahrung mit Kafka gemacht hat, kann ruhig zu vorliegendem Buch greifen, wobei "Die Verwandlung" (das vor kurzer Zeit ja sogar als Comic herausgebracht wurde) diesbezüglich vielleicht noch empfehlenswerter sein mag. Für mich ist "Brief an den Vater" jedenfalls das eingängigste, persönlichste und nahbarste Werk, das Franz Kafka je geschrieben hat, weshalb ich an dieser Stelle das Höchstbewertungsmaß durchaus für angebracht halte.

Also: +++++

Kurz: Ein sehr klar formuliertes, persönliches und empathisches Buch, das aus meiner Sicht zudem noch sehr zeitlos auf seine Leser wirkt. Lesen Sie Kafka, liebe Leser -- es lohnt sich!
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am 29. Dezember 2008
"Geständnis und Lüge ist das Gleiche."
(Franz Kafka)

Im Jahre 1921 schreibt Kafka (1883-1924) einen Brief an seine Schwester Elli Herrmann. Über Erziehung meint er wie folgt: "Der wesentliche Unterschied zwischen wirklicher Erziehung und Familienerziehung ist: die erstere ist eine menschliche Angelegenheit, die zweite eine Familienangelegenheit. In der Menschheit hat jeder [...] die Möglichkeit, auf seine Art zu Grunde zu gehen, in der von den Eltern umklammerten Familie aber haben nur ganz bestimmte Menschen Platz [...]." Und weiter schreibt er, dass Kinder, die nicht entsprechen, verzehrt werden und er wünschte sich, dass dieses Verzehren allein aus Mitleid wie in der griechischen Mythologie um Kronos physisch geschähe.

Im Jahre 1919 war Kafka 36 Jahre alt, wieder war eine Verlobung geplant, das Aufgebot gar zur Hochzeit bestellt, eine Wohnung in Aussicht. Sein Vater setzt alles daran, dieses zu vermeiden. Die Wohnung ist weg, das Aufgebot wurde abbestellt und Julie Wohryzek wurde zur Ex. In diesem Zustand, den Zorn des Vaters spürend, schreibt Kafka seinen Brief an den Vater mit einer minutiösen Gedächtnisleistung aller Geschehnisse und Empfindungen von Kindheit an.

Kafka beginnt seinen Brief mit einem Geständnis von Furcht vor seinem Vater und mit der Notwendigkeit, um nichts zu vergessen, die Antwort auf genau diese Frage seitens des Vaters eben schriftlich geben zu müssen. Kafka zeigt sich - aus der Sicht des ganzen Briefes - anfänglich pharisäerhaft zuvorkommend. Er räumt ein, dass sein Vater ihm nichts Böses oder Unanständiges vorwirft, dass es beider Schuld und Unschuld an der Entfremdung gibt. Mit diesem Vorstoß verbindet er die Hoffnung auf "eine Art Friede, kein Aufhören, aber doch ein Mildern Deiner (des Vaters) unaufhörliche Vorwürfe".
Kafka scheint nicht geahnt zu haben, was ihm im Kopf vorschwebte. Sein ganzes Schreiben ist eine Entladung, eine freudsche Interaktion von Ich und Über-Ich, die Ausbildung eines inneren Kampfes als Interaktion und Enthüllung im Brief. Die "Beschreibung eines Kampfes" offenbart die Situation in Gänze: "Was sollen unsere Lungen tun, atmen sie rasch, ersticken sie an sich, an inneren Giften; atmen sie langsam, ersticken sie an nicht atembarer Luft, an den empörten Dingen. Wenn sie aber ihr Tempo machen wollen, gehen sie schon am Suchen zugrunde".

Kafkas Kampf ist von Negation, Zweifel und Skepsis geprägt, er nutzt dieses Denken als Instrument der Wahrheitsfindung, wie es Platon und Descartes schon vorgaben und doch gilt für Kafka dieses Denken nur als Indiz für die Brüchigkeit jeglicher Erkenntnis. "Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg. Was wir Weg nennen, ist Zögern" schrieb er im Zürauer Konvolut. Zögern ist alles bei ihm, auch die deutliche Aussprache gegen den Vater, obwohl er, nach Sartre Art (Das Sein und das Nichts), über den anderen, eben dem Vater, zum eigenen Ich gelangen möchte. Kafka hat seinen Vater verinnerlicht, er begehrt ihn, er will so werden, weil er sich selbst als begehrenswertes Objekt nicht findet. Auch wenn er die Schuldgefühle immer wieder teilen möchte durch "den Einblick in unser beider Hilflosigkeit" erhöht er seinen Vater zum Gott, in den er eintreten möchte. Übereinstimmung mit ihm als Kind, als junger Mensch und als Mann in jeder Beziehung, als Familienoberhaupt, als religiöser Mensch und als Ehemann. In allem fand er "fast kein Restchen irdischen Schmutzes". Dieser Brief, wie all sein Schreiben, handelt nur von ihm, dem Vater. Eine Klage in allem Schriftlichen, weil die Brust und das Herz des Vaters unverfügbar sind. Schreiben als "absichtlich in die Länge gezogener Abschied", eine Ahnung in der Kindheit, eine Hoffnung später doch dann nur Verzweifelung, wie selbst die Heiratsversuche, die allesamt scheiterten. Der Vater, vorgestellt liegend auf der Erdkarte, übergroß und keinen Platz lassend, außer "in wenig trostreichen Gegenden", bleibt so für ewig, der Sohn ist ohne Möglichkeit, aus dem Bannkreis zu fliehen.

Am Ende lässt er fiktiv den Vater in seinem Brief zu Wort kommen, der, der nun zugeben muss, auch zu kämpfen und doch "entgegen der Wahrheit", sich unschuldig wähnt. Kafka selbst gibt keinen Einwurf mehr, vielmehr empfindet er eine Annäherung an die Wahrheit, die Leben und Sterben leichter macht.

Dieser Brief ist wahres Zeugnis über Leben, Emotion und Denken eines Sohnes gegenüber seinen überstarken Vater. Es ist ein Schreiben, welches die Weiblichkeit in den Erwähnungen von Mutter und Ehefrau einbringt und in ihrer emotionalen Brüchigkeit erahnen lässt, weil sie in der Standfestigkeit des Gottesgleichen untergeht. Dieser Brief dokumentiert Kafkas Zögern, Zaudern, sein verharren in der Ambivalenz, denn der Brief wurde nicht versandt.
Auch ist dieser Brief ein Brief Kafkas an sich selbst. Er führt über den anderen zu sich selbst, er schafft Klarheit und führt die Besinnung an die Grenze, suchend nach dem Ich. Dieses Ich soll neu hervorbrechen wie eine Sonne aus dem bedeckten Himmel, um die eigene Welt zu bestrahlen. Nur ist Kafka keiner Erkenntnis fähig, weil jeder Zweifel, jede Ironie, jede Skepsis eine Form des Zauderns ist. An dieser Schwelle bleibt Kafka stehen, dort steht sein Leben, und keiner konnte es besser als Keats sagen: "ich wachte auf und fand mich hier / an diesem kühlen Hang". An dieser Stelle aber opfert er sich selbst in maßlos verblendetem Schuld- und Unschuldbewusstsein, in Demut und Hochmut, in Liebe, die Hass ist, und in Hass, der Liebe ist, wie Emrich schrieb. Die religiöse Metapher offenbart sich darin, dass die Welt ihr klares Gesetz vom obersten Vater der Welt in unlöslicher Einheit mit seinem Sohn erhält. So empfindet Kafka mit Adam die Herrschaft über die Erde sich vollenden. Doch was ist Wahrheit, wenn Geständnis und Lüge für Kafka gleich sind? (1920)

So kann es auch anders sein. Kafka zu deuten, ist fast unmöglich. Darin liegt der Reiz, denn Gestalten, die vollkommen ausgedeutet sind, haben das Beste ihrer vitalen Kraft verloren. Nur die nicht völlig erschöpften - und Franz Kafka gehört zu ihnen - werden nie ganz Geschichte, sondern bleiben Mythos und damit fortwährende Gegenwart.

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am 31. Mai 2014
mit scharfer klarheit in denken und sprache analysiert fk die beziehung zwischen (!) seinem vater und ihm, OHNE diese mit freudianischen ego-ismen zu erklären. er beschreibt sie stattdessen ausschließlich in der (verheerenden) wechselb
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am 3. Juni 2004
Nun, ich war zuvor kein Freund der Kafkaschen Werke, habe ich doch "Die Verwandlung" und andere Erzählungen gelesen und dennoch wusste mich nie ein Werk so sehr überzeugen wie "Brief an den Vater". Nicht nur, dass hier der ansonsten so trockene Stil eine neue persönliche Richtung bekommt, die Präzision, mit der Kafka seinen Vater durchleuchtet, ihn durchschaut und mit wesentlichen Begebenheiten er seine Thesen unterstützt. Für mich hat dieses Werk einen sehr greifbaren Aspekt: Hier kann man Kafkas gesamte Verletzlichkeit und gesamte Selbstkritik beobachten. Mit welcher fast schizophremie er heran geht die Schuld des Vaters zu beweisen, ihn dann aber von seiner Schuld freizusprechen. Wie er eine Anklage gegen seinen Vater erhebt und ihn dann persönlich von seinen Vorwürfen freispricht und entschuldigt. Die gesamte Bandbreite der Kafkaschen Gefühlswelt wird hier geboten: Wut, Hass, Verzweiflung, Traurigkeit und auch ganz einfache Schwermütigkeit, die ja immer ein wesentlicher Charakterzug Kafkas war.
Wer mehr über die persönliche Seite Kafkas wissen wollte, stößt hier auf ein sehr schönes Werk, was genügend Unterhaltungs und auch Nachdenkstoff liefert.
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