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159 von 181 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen klug
Zehn Jahre hatte ich es im Schrank, bevor ich es kürzlich innerhalb von zwei Tagen gelesen habe.

Die klare, konservative Sprache lassen keinen Raum für Schonung oder Ablenkung von der Handlung und den dazugehörigen Gedanken (aus der Retrospektive). Und genau das macht dieses Buch für mich aus. Ich begann es zu lesen nur wenige Stunden,...
Veröffentlicht am 26. August 2006 von poebee

versus
2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Straffe Erzählung eines anrührenden Dramas
Dieses Buch hätte ich mir wahrscheinlich nie gekauft und es wäre mir wohl überhaupt nicht aufgefallen, wenn es im Buchshop nicht mit dem abnehmbaren Frontcover der Verfilmung gelegen hätte.
Da diese Verfilmung gerade in den Kinos lief und ich mir diese unbedingt ansehen wollte, habe ich einen kurzen Blick riskiert und aufgrund des geringen Preises...
Veröffentlicht am 18. Oktober 2009 von Schwalbenkönig


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159 von 181 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen klug, 26. August 2006
Von 
Rezension bezieht sich auf: Der Vorleser (Taschenbuch)
Zehn Jahre hatte ich es im Schrank, bevor ich es kürzlich innerhalb von zwei Tagen gelesen habe.

Die klare, konservative Sprache lassen keinen Raum für Schonung oder Ablenkung von der Handlung und den dazugehörigen Gedanken (aus der Retrospektive). Und genau das macht dieses Buch für mich aus. Ich begann es zu lesen nur wenige Stunden, nachdem ich ein sehr "sprachlastiges" Buch beendet hatte. Die Wirkung war enorm: als käme man aus dem Märchenwald zurück in die Fabrik.

Es dauerte einige Seiten, bis ich genau das zu schätzen lernte und als so gewollt erkannte. Dieses Buch soll/kann jeden erreichen, der es liest. Relativ kurze, klare Sätze, distanzierter Erzählstil, stets realistisch und sachlich, der keinen Unterschied macht zwischen einer erotischen Szene im Bad oder einer Prozesschilderung.

Der erste Teil handelt von der Liebesbeziehung des Erzählenden zu einer zwanzig Jahre älteren Frau- Hanna. Der zweite Teil setzt sich mit juristischen und philosophischen Aspekten des Hintergrundes auseinander. Die eigentliche Geschichte wird eher nebenbei und nur insoweit nötig im Raffer zu Ende erzählt.

Wie ein roter Faden ziehen sich die Themen Schuld/Gewissen, Verrat und Würde durch das ganze Buch. Angefangen bei Hannas Verantwortung im Liebesverhältnis zu dem Minderjährigen über seine phantasierten Gründe für das abrupte Ende bis hin zur Auseinandersetzung mit Hannas SS-Vergangenheit und den Auswirkungen des Analphabetismus auf wichtige Lebensentscheidungen.

Immer wieder sind es philosophische und psychologische Einschübe, die zum Anhalten und Nachdenken anregen, ohne dass man es beim Lesen als störend empfinden würde. Auch das - scheint mir - ist beabsichtigt.

Ein klug geschriebenes Buch, das ganz ohne aufklärenden Eifer auskommt und vielleicht gerade deshalb dieses Ziel erreicht.
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42 von 50 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Liebe, Schuld und Verrat - ein differenzierter Blick, 30. Oktober 2007
Von 
Rezension bezieht sich auf: Der Vorleser (Taschenbuch)
In den 1950er-Jahren lernt der Erzähler Michael Berg als Fünfzehnjähriger die gut zwanzig Jahre ältere Hanna kennen, mit der ihn eine intensive sexuelle und - zumindest von seiner Seite - eine jugendlich-verklärte, überschwängliche Liebesbeziehung verbindet. Eine zu große Nähe wird jedoch durch Hanna abgeblockt, die sich häufig für Michael unverständlich, aggressiv und herrisch verhält. Im Verlauf ihrer geheimen Treffen wird es ein Teil des Liebesspiels, dass Michael Hanna Bücher vorliest, bevor sie sich lieben. Die Beziehung endet jäh, als Hanna ohne jedes Abschiedswort aus der Stadt und aus Michaels Leben verschwindet.

Jahre später begegnet der Erzähler - inzwischen Jurastudent - Hanna im Gerichtssaal wieder: Sie ist dort als ehemalige KZ-Aufseherin der Beteiligung an der Ermordung jüdischer Frauen während des Nationalsozialismus angeklagt!

Im Verlauf des Prozesses, bei dem sich Hanna erneut allgemein unverständlich verhält und sich selbst über Gebühr belastet, erkennt Berg den Grund vieler bisher unerklärlicher Verhaltensweisen in ihrem Leben. Sie ist Analphabetin und nimmt zur Vertuschung dieses Sachverhalts auch ihre ständigen Fluchten, die Kränkung anderer Menschen und letztlich sogar eine unangemessen hohe Haftstrafe in Kauf. Er findet jedoch nicht die Kraft, in einem Gespräch mit Hanna oder wenigstens mit dem Vorsitzenden Richter diese - womöglich strafmildernde - Erkenntnis anzusprechen, so dass Hanna zu lebenslänglicher Haft verurteilt wird.

Im Laufe dieser Haftzeit nimmt Berg irgendwann wieder die Rolle des Vorlesers ein, in dem er Hanna besprochene Tonbandkassetten ins Gefängnis sendet. Als Hanna begnadigt wird, ist er die einzig verbliebene Bezugsperson in ihrem Leben und trifft - etwas widerwillig und von der engagierten Gefängnisleiterin genötigt - Vorbereitung für Hannas Leben "draußen". Doch dazu kommt es nicht mehr...

Bernhard Schlink ist es in diesem Roman gelungen, sehr unterschiedliche und polarisierende Themen (Analphabetismus, sexuelle Beziehungen mit Minderjährigen und natürlich die Frage von persönlicher Schuld und Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen) in angemessener und kluger Weise zu verbinden.

Seine Sprache ist dabei distanziert und dennoch teilnehmend, er bezieht nicht eindeutig und mit moralischem Zeigefinger Stellung, sondern lässt eine differenzierte Sicht auf eine schuldig gewordene Frau zu, ohne diese selbst als ein Opfer der Umstände zu entlasten. Diese Gratwanderung ist meiner Ansicht nach hervorragend gelungen.

Kein einfaches oder "sympathisches" Buch, sondern ein gut komponiertes, zum Nachdenken anregendes und überdurchschnittlich gut geschriebenes Stück Literatur, für das ich gerne eine Leseempfehlung ausspreche.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Meisterwerk mit Schauplatz Heidelberg, 15. April 2013
Rezension bezieht sich auf: Der Vorleser (Taschenbuch)
Dass Bernhard Schlinks "Vorleser" nicht nur ein Bestseller, sondern ein literarisches Meisterwerk ist, braucht wohl nicht eigens betont zu werden. Wie und warum dann überhaupt noch eine eigene Rezension schreiben? Vielleicht, um ein paar persönliche Eindrücke wiederzugeben.

Der "Vorleser" liest sich ausgesprochen gut. Die Sprache ist einfach, verständlich, schnörkellos, der Satzbau ist schlicht, auf komplizierte Stilmittel verzichtet der Autor. Auch der Umfang des Buches ist nicht allzu groß. Das Buch ist übersichtlich in drei Teile, und diese wiederum in kurze Kapitel, gegliedert. Ich habe es an einem Wochende, und zwar mit Interesse und Anteilnahme, gelesen.

Jeder Roman sollte, das ist zumindest meine Meinung, eine "Story" haben und diese intelligent und spannend erzählen. Nun, dieser Anforderung wird der "Vorleser" ohne Zweifel gerecht. Der Ich-Erzähler berichtet in der Rückschau von einer eigenartigen und einzigartigen Liebesbeziehung. Im Jahre 1959 - das Datum wird nicht genannt, lässt sich aber aus anderen mitgeteilten Daten erschließen - lernt der 15jährige Gymnasiast Michael Berg die 36jährige Straßenbahnschaffnerin Hanna Schmitz kennen. Es entsteht ein mehr oder weniger aufs Sexuelle beschränktes Liebesverhältnis, in dem sich ein besonderes Ritual herausbildet: Vor dem Sex muss der Schüler Michael seiner Geliebten Hanna Werke der Weltliteratur vorlesen. Doch nach einem Jahr ist Hanna plötzlich verschwunden.

Erst Jahre später, Michael ist inzwischen Jura-Student, sieht er Hanna wieder, und zwar in einem völlig unerwarteten Zusammenhang: Sie ist eine der Angeklagten in einem großen Strafprozess gegen Nazi-Verbrecher. Hanna gehörte zu einer Wachmannschaft, die in einem Außenlager von Auschwitz weibliche Häftlinge bewachte und diese bei einem Todesmarsch in einer brennenden Kirche umkommen ließ. Im KZ hatte sie immer einen junge und schwache Frau einen Monat lang als "Liebling" behandelt, bevor die Gefangene nach Auschwitz geschickt wurde: Nicht etwa, wie die anderen mutmaßten, um eine sexuelle Beziehung zu unterhalten, sondern um sich vorlesen zu lassen. Im Laufe des Verfahrens begreift der Erzähler plötzlich: Hanna kann nicht lesen und schreiben. Deshalb hat sie, als sie Arbeiterin bei Siemens war, das Angebot der SS angenommen, im "Wachdienst" tätig zu werden, um nämlich einer Beförderung zu entgehen, bei welcher ihr Handicap offenbar geworden wäre. Deshalb ist sie plötzlich verschwunden, als sie die Möglichkeit bekam, sich als Straßenbahnfahrerin ausbilden zu lassen, denn auch hier wäre ihr Analfabetismus erkannt worden. Und deshalb nimmt sie im Prozess die Hauptschuld auf sich, als sie durch ein angeblich von ihr verfasstes Schriftstück schwer belastet wird, denn um sich zu entlasten, hätte sie erklären müssen, dass sie nicht lesen und schreiben kann.

Hanna wird zu lebenslanger Freiheitstrafe verurteilt. Nachdem sie sieben Jahre Haft verbüßt hat, nimmt der Ich-Erzähler, dessen Ehe ebenso gescheitert ist wie seine sonstigen Liebesbeziehungen, zu ihr wieder Kontakt auf: Er bespricht Tonbandkassetten mit Werken der Weltliteratur und sendet ihr diese ins Gefängnis. Mit diesen Kassetten lernt Hanna jetzt doch noch lesen und schreiben. Doch eine persönliche Begegnung lehnt Michael ab, auch, als nach 18jährigem Strafvollzug Hanna begnadigt wird und er auf Bitten der Anstaltsleiterin ihre Haftentlassung vorbereitet. Erst eine Woche vor dem Entlassungstermin kommt es zu einer persönlichen Begegnung des inzwischen als Rechtswissenschaftlter tätigen Michael Berg mit seiner ehemaligen Geliebten. Doch in der Nacht vor ihrer Entlassung erhängt Hanna sich.

Das Buch ist nicht eine Geschichte vom Holocaust, sondern eine Geschichte von der ersten Generation der Nachgeborenen und ihrem Umgang mit dem furchtbaren Erbe, welches die Elterngeneration ihr hinterlassen hat. Es wäre daher völlig verfehlt, dem Roman geschichtsrevisionistische Tendenzen oder eine unangemessene Einfühlung in eine Nazi-Verbrecherin vorzuwerfen: Hanna ist als Person gar nicht greifbar, wir erfahren nur, wie der Ich-Erzähler sie erlebt und was er von ihr und über sie hört. Wie jedes anspruchsvolle Kunstwerk ist der Roman vielschichtig und lässt sich nicht auf eine einfache Formel bringen. Insbesondere der Grund von Hannas Selbstmord bleibt offen und zwingt den Leser zum Nachdenken. Ebenso bleibt offen, weshalb Hanna die Beziehung zu Michael Berg überhaupt angefangen hat: Liebte sie ihn wirklich, suchte sie sexuelle Befriedigung oder brauchte sie bloß einen "Vorleser"?

In der reformorientierten Gefängnisdirektorin mag man die liberale Juristin Helga Einsele erkennen. Für den antifaschistischen Heidelberger Strafrechtsprofessor, bei dem Michael Berg das Seminar über Nazi-Prozesse besucht, kann ich hingegen kein unmittelbares Vorbild ausmachen. Man mag hier durchaus an Gustav Radbruch denken. Wie Michael Bergs Professor war dieser Antifaschist, Außenseiter in seinem Fach, von den Nazis aus dem Lehramt gedrängt und 1945 zurückgerufen. Auch ist dieser wie Michael Bergs Professor auf dem Heidelberger Bergfriedhof begraben. Doch war Gustav Radbruch nicht in der Emigration und verstarb auch bereits 1949.

Für mich ist eine sicher eher nebensächliche Seite des Romans besonders interessant, nämlich das Heidelberger Lokalkolorit. Auch wenn Heidelberg immer nur "meine Heimatstadt" genannt wird, ist die Zuordnung eindeutig (Weststadt, Neuenheimer Feld, Heiligenberg, Philosophenweg, Bergfriedhof etc.). Der Schriftsteller und Heidelberg-Kenner Michael Buselmeier hat ja auch betont, dass der Roman etwas von der Atmosphäre der "alten Weststadt" der 1950er Jahre bewahre.

Das Buch lohnt sich zu lesen allein schon als bedeutendes literarisches Werk und als Auseinandersetzung mit den Erfahrungen einer ganzen Generation von Menschen, die geprägt war durch die Verstrickung ihrer Elterngeneration ins Nazi-Regime. Doch ein besonderes Vergnügen kann man auch darin finden, den Wegen Michal Bergs in und durch Heidelberg nachzuspüren.
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14 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Was für eine traurige Geschichte, 30. Januar 2005
Von 
Rezension bezieht sich auf: Der Vorleser (Taschenbuch)
Das Buch war mir schon vor Jahren von einem Freund empfohlen, aber weder geschenkt noch ausgeliehen, noch gekauft worden. Nachdem ich jetzt anfing zu lesen, hatte ich eine Ahnung von dem, was wohl kommen würde. Die zu Beginn präzise, fast minimalistisch einfache Sprache, die alles weglässt, was im Moment nicht gebraucht wird, Zeit, Ort, Umstände, die sich auch um herkömmliche Grammatik zuweilen nicht schert, dann sich aber völlig auf Details fixiert, wenn es dem Erzähler wichtig erscheint. Schwerelos zu Beginn, ein Jugendroman, Knabe liebt reife Frau, der abrupt endet, um bleiern schwer mit einem Naziprozess die deutsche Vergangenheit heraufzubeschwören. Sprache und Schreibstil werden komplexer. Spätestens wenn die Angeklagte den Richter zurück fragt, „Was hätten Sie denn getan?" geht einem das Buch unter die Haut, denn ab jetzt kann man sich den Zweifeln und Selbstvorwürfen, die sich der Erzähler macht, den Versuchen der Rechtfertigung und der Scham, dem Sog der Erzählung, die die Geschichte eines Lebens als Deutscher im Nachkriegsdeutschland ist, nicht mehr entziehen. Und man möchte die Frage, was hättest du denn in der Situation getan, selber nicht gestellt bekommen, weil die Antwort das ganze Leben über den Haufen werfen kann. Was bleibt, ist beklemmende Betroffenheit und eine traurige Geschichte, die gerade jetzt, zum sechzigsten Jahrestag der Befreiung von Auschwitz aktueller gar nicht sein kann.
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19 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Deutsche Nachkriegsgeschichte - einmal ganz anders, 6. August 2006
Von 
euripides50 (Köln) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Der Vorleser (Taschenbuch)
Das Buch "Der Vorleser" handelt von der Jugendliebe eines 15jährigen Gymnasiasten zu einer rätselhaften 36jährigen Frau, die von ihm verlangt, ihr vor jedem Liebesakt, vorzulesen. So lernt die Frau die Literatur und der Junge die Liebe kennen, ehe sich ihre Wege trennen. Was sich halb despektierlich, halb poetisch anhört, gewinnt eine andere Dimension, als im zweiten Teil des Buches die Biographie der Frau deutlicher wird. Bei der älteren Geliebten handelte es sich um eine frühere KZ Aufseherin, die bei der Selektion der jüdischen Frauen im Konzentrationslager regelmäßig junge Mädchen zurückhielt, die ihr vorlesen mussten, ehe auch sie in das Vernichtungslager nach Auschwitz geschickt wurden. Als Jurastudent begegnet der Protagonist dieser Frau im Gerichtssaal wieder und erkennt, dass seine Jugendliebe eine Analphabetin war und nicht lesen konnte und sowohl die Mädchen im KZ wie auch ihn zur Befriedigung ihrer literarischen Neugierde benutzte. Als sie zu lebenslänglicher Haft verurteilt wird, beginnt der junge Mann, dessen Beziehungen von wenig Glück geprägt sind, der inzwischen gealterten Frau Kassetten zu schicken, auf denen er ihr weiter vorliest. Er liebt sie nicht mehr, fühlt sich aber für sie verantwortlich, und versucht ihr nach der Begnadigung eine Stelle zu besorgen, doch die Frau bringt sich selbst an dem Tag ihrer Freilassung um.

Das ist die Geschichte, nicht sonderlich lang oder kompliziert, die in kurzen klaren Sätzen erzählt wird, wobei die Geschichte der bundesrepublikanische Nachkriegszeit als Bühnebild. fungiert. "Wenn bei Flugzeugen die Motoren ausfallen, ist das nicht das Ende des Fluges. Die Flugzeuge fallen nicht wie Steine vom Himmel. Die Passagiere merken nichts. Fliegen fühlt sich bei ausgefallenen Maschinen nicht anders an als bei arbeitenden", heißt es in dem vorliegenden Buch aus S. 65. Ob das stimmt, sei dahin gestellt, der Autor benutzt dieses Bild von den ausgefallenen Maschinen und dem Gleitflug ins Verderben jedoch als Gleichnis für das Ende der Liebe, eine überraschende und schöne Metapher, von denen es in dem Buch so viele gibt, dass der internationale Erfolg des Werkes nicht verwunderlich ist. Dass das Buch bei den deutschen Feuilletons weniger geneigte Aufnahme fand, liegt vielleicht an der kritischen Beleuchtung, in der die selbstgerechten Wiedertäufer der 68er Bewegung erscheinen, vielleicht auch an einem Mangel von politisch korrekter Zerknirschung, auf die in dem Buch zugunsten echter moralischer Reflexion verzichtet wird. Doch es ist ein durch und durch lesenswertes Buch, ein Versuch über die Unempfindlichkeit auf ihren verschiedenen Ebenen, die Unempfindlichkeit des Vaters gegenüber dem Sohn, der jüngeren Generation gegenüber den Vätern, die Hitler nicht verhindert haben, der Geliebten gegenüber dem Schicksal der von ihr in den Tod geschickten Vorleserinnen. Und es ist ein Buch über die Erinnerung, denn "die Schichten des Lebens ruhen so dicht aufeinander, dass uns im Späteren immer Früheres begegnet, nicht als Abgetanes und Erledigtes sondern als gegenwärtig und lebendig."(206)
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Der Faschismus und die romantische Ironie, 29. August 2011
Von 
Gerhard Mersmann "GM" (Mannheim) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Der Vorleser (Taschenbuch)
Lakonisch kommt die Erzählung daher, bei näherem Hinsehen und in sich Hören allerdings kommt man der Technik auf die Spur. Bernhard Schlink ist ein gewiefter Autor, der mit Esprit seine Komposition entwirft. Die furchtbare Geschichte einer Liebesbeziehung einer wesentlich älteren Frau mit einem Jungen wird erzählt mit den Mitteln der romantischen Ironie. Wie in Gottfried Kellers Aus dem Leben eines Taugenichts, welches auch zu den Werken zählt, das die Erzählperson der Delinquentin vorliest, plätschert eine vermeintlich belanglose, tatsächlich aber tief verstörende Geschichte in das Bewusstsein des Lesers, der lange vergeblich versucht, sich einen Reim auf das zu machen, was sich vor ihm ausbreitet.

Es ist alles andere als eine Heidelberger Romanze, was Bernhard Schlink in seiner Erzählung Der Vorleser seinem Publikum unterbreitet. Eineinhalb Jahrzehnte nach dem Krieg und dem großen Verbrechen entwickelt sich aus einer Allerweltsbegebenheit eine Bekanntschaft, die sich zu einer sexuellen wie psychischen Bindung auswächst. Ein Fünfzehnjähriger treibt es, oder besser gesagt, wird von einer Fünfunddreißigjährigen zu einer erotisch dominierten Beziehung getrieben. Für die Lehrstunden und Dienste der Frau fordert diese lediglich, dass der junge Mann ihr laut vorliest. Die Weltliteratur wird so zum Digestif eines Treibens, das weit jenseits der moralischen Akzeptanz des damaligen Nachkriegsdeutschlands liegt.

Irgendwann verschwindet die Frau. Der Junge leidet eine Zeit, geht dann aber seiner bildungsbürgerlichen Wege. Er vergisst, bleibt aber lädiert, weil beziehungsunfähig zu anderen Frauen. Jahre später erlebt er als Jurastudent einen Prozess gegen weibliches Wachpersonal eines KZ und sieht seine frühere Liebe auf der Anklagebank. Jenseits einer direkten Kontaktaufnahme entspinnt sich ein neuer Dialog zwischen beiden, der durch die Erkenntnis des Jungen eröffnet wird, dass das ganze Debakel der Biographie seiner früheren Liebe mit dem Umstand ihres Analphabetismus zu erklären ist. Auch im Prozess führt es dazu, dass sie das härteste Urteil bekommt.

In den Folgejahren liest er wieder, diesmal auf Kassette, die literarischen Werke, von denen er glaubt, dass sie sie im Gefängnis interessieren. Er, der als reiferer Mann sich als Rechtshistoriker etablieren konnte, aber an einer Ehe scheiterte, räsoniert über die Frage von Scham und Schuld, der juristischen Intervention und des freien Willens zur Sühne, kommt aber angesichts des Unsäglichen der Taten der Vergangenheit zu keinem schlüssigen Ergebnis, mit dem er leben könnte.

Der Frau selbst geht es nicht anders. Sie kämpft auf ihre Weise im Gefängnis gegen das für sie Unverständliche an und ihr gegenüber entsteht sogar eine Sympathie, weil sie mit keiner Wimper zuckt, wenn es um die Konsequenzen ihres Handelns geht, auch wenn sie, wie dieses heute vielleicht der Fall wäre, um Milde Umstände bitten könnte, weil ihr die notwendige Bildung versagt war.

Die Erzählung hat kein Happy End, weder bei dem berichtenden ehemaligen Jungen, noch bei der Delinquentin, noch bei den Opfern. Es ist, ohne die nervtötenden und zum Ritual verkommenen Klischees bemühen zu müssen, eine deutsche Geschichte, die das Desaströse des Krieges und der Diktatur aufzeigt, ohne die Individuen, die eine Rolle darin spielen, zu trivialisieren, damit sie in ein Gut-Böse-System passen. Das ist wohltuend und deprimierend zugleich.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Straffe Erzählung eines anrührenden Dramas, 18. Oktober 2009
Von 
Schwalbenkönig - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Der Vorleser. Roman (Gebundene Ausgabe)
Dieses Buch hätte ich mir wahrscheinlich nie gekauft und es wäre mir wohl überhaupt nicht aufgefallen, wenn es im Buchshop nicht mit dem abnehmbaren Frontcover der Verfilmung gelegen hätte.
Da diese Verfilmung gerade in den Kinos lief und ich mir diese unbedingt ansehen wollte, habe ich einen kurzen Blick riskiert und aufgrund des geringen Preises spontan zugeschlagen. Als kurzweilige Lektüre und Vorbereitung auf den Film, sozusagen.
Und schnell hatte ich den Roman dann tatsächlich durch. Zwei abendliche Sitzungen und da wars auch schon geschehen. Allerdings liest es sich nicht gerade leicht. Manchmal ist der Stil sehr nüchtern, manchmal etwas antiquiert und meistens viel zu bündig. Ohne Umschweife geht es von einem Zeitabschnitt, von einer Begebenheit zur nächsten und ich habe mich ständig geärgert, warum diese oder jene Passage nicht ein wenig mehr ausgebaut wurde. Denn das Potential für mehr Ausführungen oder Details bietet diese Geschichte um deutsche Vergangenheitsaufarbeitung, Lebenslügen und Liebeslust- & frust auf jeden Fall. Nur hat der Autor das Potential (warum auch immer) nicht mal ansatzweise ausgeschöpft. Schade. Etwas mehr Gefühl und Spannung, wie es das an einigen Stellen sicherlich gibt und ich hätte den zahlreichen Belobigungen der Literaturkritiker bedingungslos zugestimmt.
So bleibt am Ende für mich nur der Eindruck einer kurzen, sachlichen Beschreibung eines ansich großen, bewegenden Themas.
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13 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Vergangenheitsbewaeltigung auf einem neuen Niveau., 4. Juni 2001
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Der Vorleser. Roman (Gebundene Ausgabe)
„Was hätten Sie dann gemacht?", fragte die angeklagte KZ-Aufseherin den Richter. Eine Frage, die von jedem Leser von Bernhard Schlinks Der Vorleser eine Antwort fordert. Jedoch, ist es Schlink gelungen, diese Frage nicht nur auf das immer wieder bearbeitete Thema der Vergangenheitsbewältigung, sondern auch auf die psychologische Charakterisierung der Figuren zu beziehen.
Der zu Beginn fünfzehnjährige Ich-Erzähler, Michael Berg, beschreibt im ersten Teil des Buches sein leidenschaftliches Verhältnis mit der viel älteren Hanna, von deren Vergangenheit er fast nichts kennt und über die er auch nichts fragen darf. Nach dem ungeklärten Verschwinden Hannas überspringt der Text einige Jahre und Michael, der jetzt Jurastudent ist, wird durch einen, von seiner Studiumsgruppe beobachteten Naziprozess, gezwungen, zurück auf die Ereignisse seiner Kindheit und auf deren Bedeutung für sein zukünftiges Leben, zurückzuschauen.
Der Erfolg dieser Geschichte liegt an der Fähigkeit des Autors, mehrere, verschiedene Themen zusammen zu bearbeiten und den beiden Teilen des Buches durch das thematische Leitmotiv und die Struktur eine Einheit zu geben. Der erste Abschnitt bereitet den Leser auf das vor, was später geschehen wird, in dem er einige Elemente der späteren Handlung einleitet, zum Beispiel Themen wie Gewissenskonflikte und Verantwortung, die die zwei Teile verbinden und dem Text eine runde Struktur geben. Obwohl die Trennung des Textes in zwei Teile einen ungewollten Bruch für das Vergnügen des Lesers darstellen könnte, lenkt er, in der Tat, unsere Neugier auf die vielen unbeantworteten Fragen im Zusammenhang mit Hannas ungeklärtem Verschwinden und der Zeitraum, der einige Jahre umspannt, unterstützt die Darstellung des Hauptthemas der Vergangenheit und der Frage ob man ihr entfliehen kann oder sollte.
Obwohl der präzise Stil des Autors einige Aspekte der Hauptfiguren weniger berücksichtigt, zum Beispiel das Familienleben Michaels, erlaubt er dem Autor, eine moralisierende Auseinandersetzung mit dem Thema zu vermeiden. Durch Michaels Selbstanalyse, wenn sie auch teilweise überlang ist und das Tempo manchmal verlangsamt, gelingt es Schlink, den Leser zum Nachdenken zu bringen und ihm die Antworten auf die vom Buch aufgeworfenen Fragen zu überzulassen.
Die Originalität dieses Buchs liegt in der neuen Methode Schlinks, das Vergangenheitsbewältigungsthema zu bearbeiten. Der Naziprozess stellt die traditionellen Schuld- und Verantwortungsfragen, aber die Entwicklung Michaels nach dem Prozess und die Art und Weise, auf die er sich mit der Vergangenheit beschäftigt, führt die Vergangheitsbewältigung auf ein neues persönlicheres Niveau. Die Frage „Was hätten Sie dann gemacht?" gilt Somit nicht nur allgemein der Nazivergangenheit Deutschlands, sondern auch den persönlichen Ereignisse und Entscheidungen eines Individuums.
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53 von 67 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Packend, 17. Juli 2008
Rezension bezieht sich auf: Der Vorleser (Taschenbuch)
Der Plot ist von zufälligen Begebenheiten geprägt, auf die die Protagonisten nicht wirklich Einfluss nehmen konnten. Eher eine zufällige Begegnung des Ich-Erzählers in jugendlichen Tagen führt zur Bekanntschaft mit Hanna, fast doppelt so alt wie er, und schließlich zu einer auch sexuellen Beziehung. Eine gewisse Hörigkeit des jungen Mannes ist die Folge. Sie entwickeln bestimmte Rituale, zu denen es auch gehört, dass er ihr vorliest.
Als sie eines Tages spurlos verschwindet bedarf es einer langen Zeit, bis der jugendliche Liebhaber darüber hinwegkommt. Erst Jahre später trifft er sie wieder. Er studiert mittlerweile Jura und verfolgt, als Mitglied einer Studiengruppe die Nürnberger Prozesse. Und eine der Angeklagten ist Hanna. Die deutlich gealterte Hanna seiner Jugend. Angeklagt, gemeinsam mit anderen gegen Ende des Zweiten Weltkrieges KZ-Häftlinge in einer Kirche während einer Bombardierung eingesperrt gelassen zu haben, obgleich sie niederbrannte. Ein Bericht, der kurz nach dem Geschehen verfasst worden war, steht im Mittelpunkt des Verfahrens. Jeder leugnet, nur Hanna gibt zu, dass sie ihn verfasst hätte.
Der Ich-Erzähler fühlt, dass er etwas tun muss, denn er weiß, Hanna kann weder Lesen noch Schreiben. Doch was kann er wirklich bewirken, ohne Hanna bloß zu stellen, ohne aller Welt das Geheimnis ihres Lebens zu offenbaren, zumal sie genau das nicht wünscht und lieber eine Höchststrafe in Kauf nimmt.
Er holt sich Rat bei seinem Vater, er führt ein Gespräch mit dem Richter. Ist das genug und richtig?

Über die Jahre der Haft - er selbst besucht sie nie - bespricht er Bänder und versorgt sie damit in der Haftanstalt. Er wird zu ihrem Vorleser, wie bereits in jungen Jahren.
Erst im Rahmen eines Begnadigungsakts kommt es zu einer Begegnung. Und was dann folgt macht ein gutes Teil der Dramatik aus.

Bernhard Schlink ist es grandios gelungen, einem durchaus überschaubaren Geschehen seinen prägenden Stempel aufzudrücken und daraus eine spannende, faszinierende Erzählung zu schaffen, die so, wohl kein anderer hätte schreiben können. Immer klar, einfach, überschaubar lässt er uns an einer alltäglichen Geschichte einer Jugendliebe teilhaben, die durch tragische Umstände unvorhersehbare Tiefe erlangt.
Dieses Buch sollte man gelesen haben, denn es wird in der heutigen Zeit nicht viele Autoren geben, die die Thematik des Dritten Reichs aufgreifen können, ohne die Einfachheit mancher Strukturen aus dem Auge zu verlieren, die zu unfasslichen Taten führten. Ich selbst habe in jungen Jahren Einblick in Teile von Ermittlungsakten nehmen können, und ich kann bestätigen, dass oft die unglaublichsten Ursachen zu ebensolchen Folgen führten - was aber den Opfern das Leben kostete und ihren Angehörigen kein Trost sein kann. HMcM
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9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Was ist Liebe, Schuld, Wahrheit?, 25. August 2006
Rezension bezieht sich auf: Der Vorleser (Taschenbuch)
Für alle deutschen Autoren die beim Thema deutsche Vergangenheit Seiten über Seiten langweilige Selbstreflexion betreiben, sei dieses Buch zu empfehlen.

Wie man über dieses schwierige Thema auch auf kurzen 206 Seiten spannend, vielseitig und dabei hochinteressant erzählen kann zeigt Bernhard Schlink.

Vördergründung ist es eine Erzählung über eine Liebe zwischen einen 15-jährigen Jungen und einer 20 Jahren älteren Frau.

Dahinter aber eine Geschichte über die Schwächen von Menschen so wie die der Frau die lange versuchte diese zu Verstecken und welche Folgen daraus für Ihr Leben resultierten.

Führte diese Schwäche zu Verstrickungen der Frau in der Zeit der finstersten deutschen Vergangenheit?

Es ist aber auch ein Buch über die Unmöglichkeit von Liebe wegen der Charaktere und der Fehler von Menschen.

Sehr gekonnt berührt Schlink diese Fragen und verwebt diese Fäden zu einen spannenden Buch wie ich es von einen deutschen Autor schon lange nicht mehr gelesen habe. Dabei tut er nicht werten sondern nur den Fakt kurz erwähnen und dann kurz reflektieren. Über die vielen Fragen wie: Wer ist Opfer, wer ist Täter oder wie hätte ich mich in dieser Zeit verhalten, kann man noch lange später nachdenken.

Interessant bei der Schilderung des Gerichtsprozesses ist die Frage, was ist Wahrheit und ob nicht jedes politische System nur seine eigene Wahrheit kennt.

Ein Buch das unbedingt Lust macht, auf mehr von Schlink zu lesen.
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Der Vorleser
Der Vorleser von Bernhard Schlink (Taschenbuch - 1997)
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