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4,0 von 5 Sternen
Der Geheimagent: Eine einfache Geschichte
Format: TaschenbuchÄndern
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31 von 34 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 9. April 2007
Nein, diesmal keine Exotik. Der Mann, der so faszinierende Romane aus den Tropen schreiben konnte wie "Lord Jim" oder "Herz der Finsternis" hat diesen Roman, den er "eine einfache Geschichte" nennt, im nebligen London der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert angesiedelt. Aber man sollte sich nicht täuschen lassen. Eine "einfache" Geschichte ist das sicher nicht. An der Oberfläche geht es um Anarchisten, die das Observatorium in Greenwich, im Süden Londons in die Luft sprengen wollen und um die Suche der Polizei nach den Tätern. Aber auf einer etwas tieferen Ebene geht es um die Sprachlosigkeit zwischen den Menschen. Da leben der "Held" dieser Geschichte, Adolf Verloc und seine Frau Winnie sieben Jahre als Ehepaar miteinander, und Winnie weiß nicht, dass ihr Mann ein Anarchist ist, der im Auftrag einer ausländischen Botschaft Attentate plant und der seinen kleinen Laden in den Armenvierteln Londons nur zur Tarnung betreibt. Und Mr. Verloc hat nicht die leiseste Ahnung von der tiefen Zuneigung seiner Frau zu ihrem jüngeren Bruder Stevie, der geistig zurückgeblieben ist und der ebenfalls in ihrem Haushalt lebt. Als Mr. Verloc den Auftrag bekommt, das Observatorium in Greenwich in die Luft zu sprengen, wählt er dazu ausgerechnet seinen geistig behinderten Schwager aus, der nicht nur die Sternwarte, sondern auch sich selbst in die Luft sprengt. Und als es dann passiert ist und die Polizei sehr schnell herausgefunden hat, wer hinter dem Anschlag steckt, da versteht Mr. Verloc nicht im Mindesten den Schmerz, den er seiner Frau zugefügt hat, sondern er sieht das Ganze als ein Unglück, wie es eben mal vorkommt. Nicht er ist schuld, sondern sein Auftraggeber, der ausländische Diplomat. Und auch seine Frau trägt in seinen Augen eine Mitschuld, weil sie die Wäsche ihres Bruders mit dessen Adresse versehen hat; ein Detail, das die Polizei schließlich auf seine Spur führte. Ganz unbekümmert um den Schmerz seiner Frau, redet er davon, was sie tun soll, während er im Gefängnis ist. Da er ein Doppelagent ist, der nicht nur für die ausländische Botschaft arbeitet, sondern auch für die Londoner Polizei glaubt er allen Ernstes, er komme mit einem blauen Auge davon. Er redet sich buchstäblich um Kopf und Kragen und merkt es nicht einmal.

Bewundernswert wie Conrad die Handlung führt. Wie er den Scheinwerfer mal auf die und mal auf eine andere Person richtet. Wie er diesen Anarchisten als einen Spießer beschreibt, der völlig unempfindlich für die Gefühle anderer ist, und sei es die seiner eigenen Frau. Da der Leser sowohl die Gedanken des einen wie des anderen kennen lernt, ahnt er schon früh, dass die Handlung eine ganz andere Richtung nehmen wird, als er ursprüglich gedacht hat.

Das Motiv der Arroganz, des sich selbst Überschätzens, das schließlich zur Katastrophe führt, kennt der Leser, der schon mehr von Conrad gelesen hat, auch aus "Nostromo" und "Lord Jim", aber im "Geheimagenten" ist es meiner Ansicht nach am besten verarbeitet.
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7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
"A Simple Tale" lautet der Untertitel des englischen Originals, vielleicht weil zuletzt ein tragisches, persönliches Ereignis im Mittelpunkt steht, das geradlinig und spannend erzählt wird, vielleicht aber auch, weil Conrad meint, das Phänomen des ideologisch bedingten Terrorismus letztlich auf simple menschliche Motivationen reduzieren zu können. Die Charakteristiken der vier namentlich genannten Terroristen muten vielleicht deswegen streckenweise wie Karikaturen an: Da ist die Hauptperson Verloc - ein fauler Spießer, Michaelis - ein sanfter Irrer, der Professor - ein größenwahnsinniger Spinner mit der Hand immer am Auslöser der Bombe in der Westentasche und schließlich Ossipon - ein Weiberheld und gewissenloser Amateur-Mediziner. Vermutlich hätte Conrad angesichts der heutigen Probleme mit dem Terrorismus nicht so satirisch-ironisch und herablassend darüber schreiben können.
Wichtiger scheint mir die Beziehung zwischen Verloc und seiner Frau Winnie zu sein, die ihren geistig behinderten Bruder Stevie über alles liebt und alle persönlichen Ansprüche zurückstellt, weil sie sich in dem Glauben wiegt, dass ihr Mann sich ebenfalls fürsorglich um diesen Bruder kümmert. Gerade hieraus entwickeln sich dann die tragischen Verwicklungen und es entsteht eine modern anmutende, unheilvolle Beziehungsgeschichte, in der Conrad Partei für die Frau nimmt. Sicher, wir sind im Viktorianismus - Winnie fleht am Ende Ossipon an, sie vor dem Galgen zu retten, sie will sich ihm hingeben, ihn auch nie bitten, dass er sie vorher heiratet - aus solcher Gemengelage inklusive einsamen nächtlichen Straßen im Londoner Nebel mit flackerndem Gaslicht entstehen die melodramatischen, pathetischen Szenen, die für diese Zeit so charakteristisch sind. Aber wenn man eine solche Stimmungslage mag, dann ist man bei Conrad richtig: Er erzeugt mit seinem umständlich sezierenden Stil Spannung und Tiefe - ob dies aber "arguably one of the greatest novels of the twentieth century" sei, wie es auf dem Buchrücken der Penguin-Ausgabe behauptet wird, kann dann doch bezweifelt werden.
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6 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 3. Januar 2000
"Der Geheimagent" ist keiner von Conrads besten und bekanntesten Romanen. Interessant ist, dass die Handlung in London spielt - im Gegensatz zu seiner anderen Werken. Doch so wie hier London beschrieben wird, auf Conrads faszinierende Art und Weise, wird die Stadt genauso mysteriös und 'exotisch' wie Malaysia oder Indonesien.
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