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19 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Erinnerungen an gute und schlechte Zeiten
Über die ersten dreißig Jahre seines Lebens schrieb Urs Widmer ein Erinnerungsbuch. Mit dem Satz „Kein Schriftsteller, der bei Trost ist, schreibt eine Autobiographie“ führt er sein Vorhaben selbst ad absurdum. Dennoch macht er sich beherzt ans Werk.

1938 geboren gibt es drei Dekaden, über die er schreibt: frühe Kindheit,...
Vor 11 Monaten von cl.borries veröffentlicht

versus
5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Genese eines Schriftstellers
Nach seiner quasiautobiografischen Trilogie über Mutter, Vater und sich selbst hat Urs Widmer nun mit «Reise an den Rand des Universums» auch noch eine richtige Autobiografie geschrieben. Die umfasst zwar nicht sein ganzes Leben, sondern nur die ersten dreißig Jahre, aber es könnte ja sein, dass da noch etwas nachkommt bei dem inzwischen 75jährigen...
Vor 6 Monaten von Borux veröffentlicht


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19 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Erinnerungen an gute und schlechte Zeiten, 3. September 2013
Rezension bezieht sich auf: Reise an den Rand des Universums: Autobiographie (Gebundene Ausgabe)
Über die ersten dreißig Jahre seines Lebens schrieb Urs Widmer ein Erinnerungsbuch. Mit dem Satz „Kein Schriftsteller, der bei Trost ist, schreibt eine Autobiographie“ führt er sein Vorhaben selbst ad absurdum. Dennoch macht er sich beherzt ans Werk.

1938 geboren gibt es drei Dekaden, über die er schreibt: frühe Kindheit, Jugendjahre und das Erwachsenwerden mit dem Schlusspunkt seiner Heirat.

Er lebt in der Nähe von Basel in der Schweiz, und wie für alle Kinder sind die frühen Jahre prägend.
Eindrücke, Charakteristiken der Natur und der Landschaft, erste Freundschaften, aber natürlich auch die Eltern in ihren verliebten und danach von Krankheiten und gegenseitigen Kränkungen bedrohten späteren Jahren machen die Kindheits-und Jugendhjahre aus. Weihnachten ist einer besonderen Schilderung wert! Die Sehnsucht nach dem friedlichen Fest im Kontrast zu dem, was die Eltern wirklich bieten! Der aus diesem Anlass weinende Papa wird sehr wohl wahrgenommen und bietet einen Blick in die Zukunft, kann aber das Glück des kleinen Jungen nicht wirklich trüben.

Die letzten Jahre des Krieges und die ersten des Nachkriegs erlebt er noch bewusst mit. Hatte man bisher von der Schweiz den Eindruck eines Landes in Frieden abseits der großen Kriegsunruhen, so wird man hier eine Besseren belehrt. Es gab Rationierungen, Kriegsangst und Verdunklung wie in vielen anderen Ländern, die rund um die Schweiz gelagert sind. Es gab den Schock des Holocausts und den Hunger und die Kälte der Nachkriegsjahre. Es gab die neu erwachende Konsumwelt und die Amerikanisierung wie bei uns. Dass die Schweiz nicht in die Kriegshandlungen des Zweiten Weltkriegs einbezogen wurde, ist als Wunder zu betrachten.
Alles in Allem verlebt Urs Widmer eine glückliche Kindheit, die erst mit dem Umzug in eine andere Wohnung und in ein anderes Haus ihr Ende fand.
Urs Widmer beschönigt nichts sondern berichtet mit liebevollem Blick, was ihn als Kind und Heranwachsenden bewegte.

Frühe Liebesnot, abwechslungsreiche Begegnungen und die Neugier auf das Abenteuer „Zukunft“ beleben die Jugendjahre. Der Aufbruch ins Leben ist von Erwartung und dem üblichen Freiheitsdrang gekennzeichnet. Manch’ einem Leser werden Erinnerungen an eigene Kinderjahre mit diesen Aufzeichnungen kommen. Urs Widmer bietet mit seinen poetischen aber auch nüchternen Darstellungen und dem genauen Hinschauen den Mikrokosmos „Kindheit“ und lässt uns an seinen Erfahrungen teilnehmen. Es gab jedoch auch die dunklen Seiten und Ängste, die seine Jahre als junger Erwachsener prägten.

Die Studienjahre sind von Aufbruch gekennzeichnet und beeindrucken durch die Frische und Neugierde, mit der sich ein noch unsicherer junger Mann der Welt zuwandte. Paris und Spanien erweitern seinen Horizont, und er begibt sich auf den Weg der Neuerung.

Die Autobiographie liest sich leicht und eingängig. Sie gleicht einem fantasiereichen Bilderbogen und bietet darüber hinaus Einblicke in die gesellschaftspolitische Entwicklung der Nachkriegszeit in Europa.
Ein aufschlussreiches und liebenswertes Erinnerungsbuch über die ersten dreißig Jahre seines Lebens ist Urs Widmer gelungen.
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11 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein zutiefst berührendes Buch, 9. November 2013
Von 
Carl-heinrich Bock "Literatur- und Kinofan" (Bad Nenndorf) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (HALL OF FAME REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Reise an den Rand des Universums: Autobiographie (Gebundene Ausgabe)
Urs Widmer, der Schweizer Schriftsteller und Übersetzer, hat in den Jahren 2000 bis 2006 eine von der Literaturkritik viel gelobte autobiografische Trilogie
über seine Mutter "Der Geliebte der Mutter", seinen Vater "Das Buch des Vaters" und sich selbst "Ein Leben als Zwerg" geschrieben. Jetzt hat der heute 75 jährige diese wunderbare Autobiografie geschrieben, die bis ins Jahr 1968 reicht. Es sind die ersten dreißig Jahre seines Lebens, die zeigen wie ein Mensch zum Schriftsteller wird. 1968 hört diese Autobiografie auf, in dem Jahr als er mit der Erzählung "Alois" sein Debüt als Schriftsteller hatte. Es ist bewusst keine Autobiografie in der die öffentliche Existenz gespiegelt wird, sondern es ist eine berührende Schilderung über das "Werden". Das sind also die ersten dreißig Lebensjahre, die von einer unglaublichen packenden Ambivalenz zwischen Glück und Unglück geprägt sind. Urs Widmer beschreibt eine scheinbar glückliche Kindheit, die Jagd nach dem Glück, mit einem melancholischen, sehr depressiven Hintergrund mütterlicherseits, denn die depressive, stets traurige Mutter, die immer wieder in Kliniken untergebracht wird. Auf der anderen Seite ist der neurotische Vater. Die Kinder die förmlich zwischen den Eltern zerrieben werden, der Sohn Urs Widmer von Seiten der Mutter, die Tochter von Seiten des Vaters.

Dieses doppelbödige Spiel der Eltern, das Kind zwischen Vater und Mutter, der ständige Versuch der Konfliktentschärfung, der Schlichtung, seine eigenen Therapien zur Angstüberwindung. Die Erinnerungen daran sind dramatisch und sie nehmen einen großen Teil des Buches ein. Es beeindruckt, wie sich Urs Widmer aus diesen depressiven Momenten befreit hat.

Die Schreibmaschine, wie ein Erbe des Vaters, dient als Metapher für die Geburt, als "Triebexplosion", wie Dr. Zweifel meint, für die "Geburt des Erzähltriebs im Schoße dieser konfliktreichen Familie". Diese Autobiografie erzählt diesen Punkt, wo er selber zum Erzähler wird und wie der Vater in die Schreibmaschine hinein seine Geschichten zu erzählen beginnt.

Es ist eine Autobiografie mit gut durchkomponierten romanhaften Elementen über eine vergangene Zukunft mit ganz unterschiedlichen Facetten von banalen Events bis zur völligen Selbstentblößung. Eine Autobiografie die beeindruckend deutlich macht, dass Menschen eigentlich nicht wirklich glücklich sein können, wenn sie nicht auch Abgründe kennen gelernt haben. Wir müssen uns bei Urs Widmer bedanken, bei seinem Leben und seinem erzählerischen Temperament, denn das hat dieses schöne und unterhaltsame Buch erst möglich gemacht. Es ist nicht nur eine gründlich recherchierte und menschlich anrührende Autobiografie, sondern darüber hinaus eine literarische Kostbarkeit. Ein wirklich ganz besonderes Leseerlebnis. Sehr empfehlenswert. Diesem Buch wünsche ich, dass es viele Leute lesen.
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7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Autobiografie in zahlreichen Episoden, 8. September 2013
Von 
Manfred Orlick (Halle, Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Reise an den Rand des Universums: Autobiographie (Gebundene Ausgabe)
Der Klappentext verrät: „Das Besondere dieser Autobiografie: Sie hört da auf, wo andere gewöhnlich anfangen“. Und tatsächlich, Urs Widmer beleuchtet in „Reise an den Rand des Universums“ nur seine ersten dreißig Lebensjahre und hört da auf, wo seine schriftstellerische Laufbahn eigentlich erst begann. Doch Widmer entschied: von 1938 bis 1968 - das sollte genügen.

Nur an einer Stelle wird diese Beschränkung durchbrochen. Aber nicht mit einem Ausblick in die späteren Jahre, sondern nach vorn mit seiner Zeugung in einer Almhütte. Als er dann das Licht der Welt erblickt, steht diese fast schon vor dem Abgrund des Zweiten Weltkrieges.

Widmer erzählt auf den knapp 350 Seiten von seiner Kindheit, Jugend, Schulzeit und dann von den Jahren als junger Mann in Basel, Montpellier, Paris und Frankfurt. Immer wieder kommt er auf seine Eltern zurück, die quasi die Schatten in seinem Leben und Werk sind.

Mit zahlreichen Episoden überrascht Widmer den Leser, die er offen und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen aus der Erinnerung hervorholt. Diese Erinnerungen waren für ihn jedoch ein schwieriger Prozess, denn er bekennt: „Ich habe schon gewusst, dass das alles in mir gelebt hat. Aber das Bestürzende war, wie das durch das Niederschreiben der Autobiografie viel lebendiger wurde.“ Widmer hat, wie er selbst sagt, auch wenig Recherchen betrieben: „Ich habe mich ganz auf mein sehr poröses Gedächtnis verlassen. Ich bin natürlich ein Erinnerungselefant.“

Da sich die Autobiografie auf die ersten dreißig Lebensjahre beschränkt, findet man sehr wenig Aussagen über Widmers literarisches Schaffen, denn „Reise an den Rand des Uni-versums“ endet damit, dass er sein erstes Manuskript vollendet. Einen zweiten Teil der Autobiographie möchte Widmer jedoch nicht schreiben. Für ihn sind die Stollen, die er bisher literarisch in sein Leben getrieben hat, ausgeschöpft.

Fazit: „Reise an den Rand des Universums“ überzeugt wieder mit der Leichtigkeit des Erzählstils, den die Leser aus allen Werken Widmers schätzen.
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5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Genese eines Schriftstellers, 31. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Reise an den Rand des Universums: Autobiographie (Gebundene Ausgabe)
Nach seiner quasiautobiografischen Trilogie über Mutter, Vater und sich selbst hat Urs Widmer nun mit «Reise an den Rand des Universums» auch noch eine richtige Autobiografie geschrieben. Die umfasst zwar nicht sein ganzes Leben, sondern nur die ersten dreißig Jahre, aber es könnte ja sein, dass da noch etwas nachkommt bei dem inzwischen 75jährigen Schweizer Autor. Seinem selbstironischen ersten Satz in diesem Buch, «Kein Schriftsteller, der bei Trost ist, schreibt eine Autobiografie», folgt auch gleich eine Erklärung nach, denn damit wäre das Pulver verschossen, «alles Material verbraucht», wie er schreibt. In einem Interview hatte er über sein Buch gesagt, es sei aus einem «heftigen Gefühl des letzten Buches» heraus entstanden, eine fürwahr fatalistische Formulierung. Die allem autobiographischen Schreiben eigene Problematik der schwierigen Gratwanderung zwischen Realität und Fiktion wird gleich zu Beginn des Buches thematisiert, und der Autor kommt zu dem Schluss, «dass alles Erinnern, auch das genaueste, ein Erfinden ist». Als jemand, der selbst eine Autobiografie geschrieben hat - komplett allerdings, so weit das möglich ist - sind mir seine diesbezüglichen Überlegungen tatsächlich nicht ganz fremd.

Und so lässt Widmer unbekümmert um die Realität seine Lebensgeschichte bereits mit der Zeugung beginnen, was streng medizinisch gesehen ja durchaus berechtigt ist und von ihm genüsslich und humorvoll vor uns ausgebreitet wird. Überhaupt ist eine der Stärken dieses Erinnerungsbuches der lockere Plauderton des Erzählers, der seine eigene Lebensgeschichte weder streng chronologisch noch lückenlos aufgeschrieben hat, sondern als eine Abfolge von Anekdoten, amüsanten wie ernsten und nachdenklich machenden. Das Geschehen ist gut beobachtet und treffsicher in Sprache umgesetzt, leicht lesbar und angenehm unmanieriert. Probleme machten, mir jedenfalls, die zahlreichen Begleit- und Randfiguren, deren Namen, will man immer alles ganz genau zuordnen können, das Anlegen eines Spickzettels sinnvoll macht. Zuweilen hat der Autor da selbst so seine Probleme, wenn ihm ein Name partout nicht mehr einfallen will, wie er freimütig bekennt.

Das Buch ist in drei Kapitel gegliedert, die jeweils einen Zehnjahreszeitraum umfassen zwischen seinem Geburtsjahr 1938 und der Fertigstellung seiner Erzählung «Alois» 1968, dem Jahr, in dem ein «big bang», wie er formuliert, «eine wirkungsmächtige Reform» in Gang gesetzt hat. Jedem der drei Kapitel folgt ein kursiv gedruckter Abschnitt, in dem die gesellschaftlichen Geschehnisse kurz zusammengefasst sind, die für die Dekade prägend waren, das Buch ist insoweit auch als interessantes Zeitzeugnis anzusehen. Der ungeschönte Blick auf sich selbst und seine Familie erzeugt beim Leser zuweilen Betroffenheit. Da ist der chronisch kranke, gnadenlos egoistisch erscheinende Vater, ein Kettenraucher, der sich ständig in seinem Arbeitszimmer geradezu verbarrikadiert, eine Zurückgezogenheit, die ihn, Ironie des Schicksals, eines Tages einen einsamen Tod sterben lässt. Die Mutter ist depressiv und des Öfteren in psychiatrischen Krankenhäusern, wobei Widmer an einer Stelle dazu kurz erwähnt, dass sie später, außerhalb seiner Berichtszeit, Selbstmord begangen hat. Und er selbst litt zeitweilig auch an Depressionen, wie er unverhohlen bekennt.

Eine gewisse Melancholie ist also auch vorhanden, dominierend aber sind die eher vergnüglichen Schilderungen, eine kurzweilige Lektüre also. Deren viele sehr persönliche, manchmal auch banale Details dürften jedoch nicht alle interessant sein für die Leser, auch wenn sie ungemein eloquent erzählt werden. Und da, wo das Buch dann endet, beginnt es ja eigentlich erst richtig interessant zu werden, Widmers Zeit als Suhrkamp-Lektor und späterer Schriftsteller, der Blick hinter den Vorhang des Literaturbetriebs. Man kann wohl nicht alles haben!
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Reise mitten ins Herz, 22. Oktober 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Dies ist ein wunderbares Buch. Eigentlich hätte ich damit alles gesagt, zumal es hier schon einige kluge und detaillierte Rezensionen gibt. Allerdings gibt es vielleicht noch einige Aspekte, die ich ergänzen kann.

Urs Widmer selbst hat in einem frühen Essay über Robert Walser die Frage gestellt, ob es immer der Preis sein muss, ein misslungenes Leben für ein gelungenes Werk. Er hat die vielleicht goldene Antwort gefunden: sein Werk ist ohne Zweifel in Vielem gelungen und sein Leben scheint es - zumindest in seiner Darstellung - auch.

Dies ist aber nicht, was die Qualität seiner hier nun vorliegenden Autobiographie ausmacht. Was sie - zumindest teilweise - ausmacht, ist die scheinbar zunächst so daherplätschernde Erzählweise, die dann zielgenau ins Herz der Dinge führt - Herz der Finsternis wurde ja auch von ihm übersetzt.

Auch ist es dann sehr bald eine Reise oder eher viele - ob nun an den Rand des Universums oder ins Herz der Finsternis - die den Leser mitreissen kann und mehr noch, ihm oder uns Lust machen, für Jüngere unter uns, Lust aufs Leben, aufs Ausprobieren - in dem Buch wird dann folgerichtig auch viel probiert, meist mit den schrottigsten Vehikeln, nah am Zusammenbrechen jederzeit. Den etwas Älteren unter uns aber macht das Buch noch viel mehr Lust, nämlich die aufs Erinnern. Widmer selbst beschreibt es ja auch quasi als programmatische Vorgabe - das, was im Alter eben bleibt, sei die Erinnerung an das Leben, als Wiedererzählung einer schon gelebten Zukunft.

Das ist natürlich Quatsch - jeder, der seine Enkel noch erlebt, weiß das. Aber es ist auch ein schöner Quatsch, und selbst mit Enkeln noch ein irgendwo und -wie dann doch stimmiger.

Zwei Dinge sind sonnenklar: zum einen, dass ich keinen Cent von den fast 21 Euro ausgegeben zu haben bereue, zum anderen, dass Herr Widmer nicht an Alzheimer leidet. Das ist verdammt gut so.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Grosses Lesevergnügen!, 18. November 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Reise an den Rand des Universums: Autobiographie (Gebundene Ausgabe)
Von Heinrich Mann stammt der wahre Satz: «Der würde nicht gelebt haben, der nur in der Gegenwart lebte.» Man kann Urs Widmer nur danken, dass er uns dank dieses wunderbaren Buchs an der Reise in seine Vergangenheit teilhaben lässt! Auch wenn jedes Leben einzigartig ist und vermutlich ein ebenso spannendes Buch füllen würde - könnte man es denn so eloquent erzählen wir Urs Widmer -, dürfte den vom Glück vielleicht nicht ganz so verwöhnten Leser am Ende ein etwas wehmütiges Gefühl beschleichen. Oder wie es Antonio Tabucchi einmal sagte: «Die Sehnsucht nach der Vergangenheit kann quälend sein, aber die Sehnsucht nach dem, was die Vergangenheit hätte sein können, muss unerträglich sein.»
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Von der Kraft und der Erfindung des Erinnerns...., 10. September 2013
Von 
A. Zanker (CH) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Reise an den Rand des Universums: Autobiographie (Gebundene Ausgabe)
"Vermutlich aber gehorche ich nur einem banalen Gesetz der Menschen: Erst träumen wir von der Zukunft, dann leben wir sie, und am Ende, wenn diese gelebte Zukunft vergangen ist, erzählen wir sie uns noch einmal." S7

So beginnt Urs Widmers neues Buch, das eher autobiographische Züge trägt, als dass es nun eine klassische Autobiographie wäre. Denn stellenweile hat es fast einen Ton, wie wenn es in einem Roman oder einer Erzählung geschrieben wäre, bis dahin das Widmer gesellschaftshistorische Ereignisse in kursiv jeweils an eine seiner drei Dekaden anhängt, die fast wie ein Fremdkörper etwas abseits stehen und nicht wirklich in eine Autobiographie gehören. Der mittlerweile 75-jährige Autor, der in Zürich lebt, hat ein Buch über drei Dekaden verfasst: 1938-1948, 1948-1958 und schliesslich 1958-1968, den das Buch hört dort auf, wo das schriftstellerische Schaffen Widmers eigentlich beginnt. Bleibt die Frage offen, warum ausgerechnet, sein beruflicher Lebensmittelpunkt in seiner "Autobiographie" ausgespart bleibt. Einem Autor, der nie grosse Zweifel an seiner Autorenschaft hegen musste, der sogar glücklicherweise von der Bitterkeit der Ablehnung als Autor verschont wurde. Also eine Teil-Autobiographie? Fortsetzung folgt?

"Die Reise an den Rand des Universums" ist ein sehr ehrliches, und aufrichtiges Buch. Widmer erzählt von seiner Zeugung, von Kindheit, Schulzeit, Jugend, erster Liebe, von seinen Erfahrungen mit Frauen, der Entdeckung der S*xualität (in erstaunlicher Offenheit eines 75-Jährigen!), seinem Studentenleben und Erwachsenwerden, seinen Auslandaufenthalten in Frankreich, bis dahin, dass er Lektor wird und heiratet. Erstaunlich ist dabei, wie viel der mittlerweile immerhin 75-jährige Autor an Erinnerungen abrufen kann, gerade, wenn es bis in die Vierzigerjahre geht, wo der Schatten des Weltkriegs auch in der Schweiz spürbar war. Im Restaurant mussten Essensmarken abgegeben werden, oder Widmer bekommt von seinem Vater erste Bilder von Auschwitz gezeigt. Widmer wächst bei schwierigen Eltern auf, denn er weiss nicht wirklich was sie verbindet, seine Mutter hat mit Depressionen zu tun und ist immer wieder in psychiatrischer Behandlung, der Vater der viel hinter der Schreibmaschine sitzt und Stendal übersetzt. Urs Widmer gerät in eine Art Schlichtposition, um Konflikte zwischen Vater und Mutter wieder zu entschärfen. Ansonsten ist dieses Buch mit munterer Leichtigkeit verfasst und vermag so manchem Leser, bei so mancher Lebensanekdote ein Schmunzeln in sein Gesicht zu zaubern. Obwohl Urs Widmer selbst mit Ängsten und Panik zu tun hatte, scheint ihm der Platz auf der vorwiegend erlaubten Sonnenseite des Lebens gegönnt zu sein. Szenen wie etwa der Nachbarin (S257) die am Nachmittag von ihrem Liebhaber stürmisch genommen wird, und das akustisch nicht zu überhören, dass selbst Widmer mit seiner angebeteten Brigitte in aller Stille ins Staunen gerät sind zum Schreien uns äusserst amüsant zu lesen. Zwischendurch finden sich auch banale oder unwichtige Beschreibungen, die aber dem Buch keinen Abbruch tun. Eine leichtfüssige Anekdotensammlung, wo kleine Lebensportraits vorgestellt werden, bei der man allerdings den Verdacht nicht loswird, als ob sich der Autor ein "Abarbeiten" vorgenommen hätte. ("Endlich Anne-Marie." S185)

"Tust das Unabänderliche mit Lust und erfindest das Leben mit genau dem, was du erinnerst." Dieser Satz trifft in etwa das, womit man hier konfrontiert wird, dass nämlich erinnern und erfinden ineinandergehen, erfinden sogar realistischer bei Widmer erlebt werden kann, als sein Schilder von realen Erfahrungen. Ein Leben, dass zwischen Abgründen und Glück, dem Leichten und Schweren, also einer gewissen Ambivalenz ausgesetzt war. Trotzdem: "... den einzigen Gewinn ein, den das Altwerden dir bieten kann: zu fühlen, dass du das Leben tatsächlich gelebt hast." Wer das schreiben kann, kann mit einem guten Lebensgefühl auf seine Lebensbilanz zurückschauen, was alles andere als eine Selbstverständlichkeit in der heutigen Zeit ist. Was jedoch diesen Schriftsteller so ungemein sympathisch macht ist seine Aufrichtigkeit: "Immerhin ahne ich inzwischen die Vorzüge und Nachteile meines halsbrecherischen Plans, ausschliesslich mit dem Material meines Lebens zu arbeiten. Mit echten Namen, den Erinnerungen an das Wirkliche, und nur mit ihnen. Der Gewinn ist: Ich lebe längst abgelegte Zeiten nochmals, mit bestürzender Heftigkeit. Ich lebe ein zweites Mal. Und jene, die doch längst tot sind, leben auch wieder, zusammen mit mir. Noch einmal die Freude, das Glück und der Schmerz. - Nachteile dennoch: die Gattung selber, die Autobiographie, scheint mir jede grosse Sprachgeste zu verbieten. Und ich liebe es doch so, die erhitzte Sprache für den Heissen Moment; das Pathos. Hier angesichts meines Stoffs - das banal schmerzhafte und gewöhnlich- glückliche Leben -, würde eine solche Sprache lächerlich machen. Schade. S135 (..) Kein Schriftsteller, der bei Trost ist, schreibt eine Autobiographie. Denn eine Autobiographie ist das beste Buch. Hinter der Autobiographie ist nichts. Alles Material verbraucht." S7

Ein Buch das einen nachdenklich machen und gleichzeitig leichthändig zur inneren Lesefreude führen kann. Eine Autobiographie, die Lust macht, vom Autor noch andere Werke kennenzulernen. Wertvoll, ein wenig davon zu erfahren, wie aus Sicht der Schweiz der damalige Krieg unter Hitler erlebt und gefühlt wurde. Was mich ein wenig an Granatsplitter: Erzählung einer Jugend erinnert hat. Eine Entwicklungschilderung eines angehenden Schriftstellers, der seinen Weg macht, auch wenn sich so manche Abgründe auftun. Wer sich das Positive erhalten kann, ein glückliches Leben gelebt hat, sein Talent umsetzen konnte, und trotz so mancher Lebensunsicherheit, auf ein glückliches Leben zurück blicken kann, kann stolz auf sein Leben sein, ohne dabei eitel oder arrogant zu werden. Urs Widmer gehört zu diesen Menschen, seine Literatur kann eine Bereicherung sein, eine Lesefreude, vielleicht auch eine Ermunterung, nicht alles gar so ernst zu nehmen, und Raum für die Polaritäten den Lebens zu haben, ohne dabei seine Freude am Leben zu verlieren, trotz Verlusten und Tiefschlägen, die eben auch zum Leben gehören. Wenn man trotz Lebensschmerz noch die Schönheit im Leben erkennen kann, trotz Melancholie, die Kraft der Phantasie bewahren kann, und letztendlich mit Freude auf sein Leben zurückblicken kann, ist das doch etwa das Kostbarste, was ein Mensch, ein Schriftsteller am Lebensabend ernten darf. Die erfüllende Freude bei dieser Lektüre, ist spürbar, hörbar und fühlbar, und das ist gut so.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Biografie - die mit 30 Jahren endet ..., 9. September 2013
Von 
HEIDIZ "Bücherfreak" (Heyerode) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)   
Rezension bezieht sich auf: Reise an den Rand des Universums: Autobiographie (Gebundene Ausgabe)
Urs Widmer mit seinem neuen Buch „Reise an den Rand de Universums“ hat mich in den letzten Tagen gefesselt. Es handelt sich beim Buch um die Autobiografie des Autors – das sollte man wissen … - und zwar genau um die ersten 30 Jahres seines Lebens, welche er Revue passieren und zwar genau um die ersten 30 Jahres seines Lebens, welche er Revue passieren und den Leser daran teilhaben lässt.

Gliederung:
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1938 – 1948
1948 – 1958
1958 – 1968

Leseprobe:
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Ins Tal gelangten sie durch einen Stollen, der so breit wie ein Maultier war, kaum breiter, und ohne Licht. Nasse Wände. Allerdings sahen sie den Ausgang bereits, als sie das Höhlenloch betraten. (Wie waren die Talbewohner vor dem Bau des Stollens in ihr Tal gelangt? Mit Hilfe einer Hängebrücke, die über dem gischtenden Bach hing? Auf einem heute verschwundenen Kletterpfad?) – Wie auch immer: Hinter dem Stollen öffnete sich das Tal, schön und grün und sonnig. An seinem Ende, fern, eine schneeglitzernde Bergwand mit einer Kerbe in ihrer Mitte, der Lötschenlücke, über der der blaue Himmel strahlte. Es gab keine Straße, oder nur eine, die den Maultieren gehörte, allenfalls einem Karren. In der Mitte des Tals, hinter Kippel, hörte auch der Karrenweg auf, und meine Eltern gingen hintereinander auf einem fußbreiten Saumpfad …

Man sieht – in der Ich-Schreibweise geschrieben – ist dieses Buch nicht nur Autobiografie, sondern auch Zeitdokument regionalgeschichtlich und bezogen auf die politischen Strukturen in Europa. Hervorstechendes politisch Wichtiges – aber auch persönliche „Banalitäten“ kommen dem Leser zwischen die Augen.

Der Autor schreibt schrittweise über seine Kindheit, Jugend und das anfängliche Erwachsensein, bis zu seinem ersten 30er Jahren. Gerade diese Jahre waren es ganz sicher, die ihn prägten, die ihn zu dem machten, als das wir ihn als Menschen und Schriftsteller mögen.

Wir lernen das Kind kennen, den Studenten und den Lektor, wir lernen seine Freunde und Wegbegleiter kennen, seine Eltern und seine Frau…

Wir reisen mit ihm in verschiedene Länder und durch die Zeit – und all das auf persönliche und literarisch anspruchsvolle Art und Weise, wie man dies vom Autor gewohnt ist. Ich habe es sehr genossen, diese Biografie zu lesen.

Der Autor lässt uns an seinem Leben teilhaben. Er schreibt lebendig und eingängig. Eigentlich ist dies eine Biografie, die vor seinem „eigentlichen Leben“ beginnt – seinem Leben als Schriftsteller, weil sie die ersten 30 Jahres des Urs Widmer beschreibt, der erst im Alter von 30 zum Schriftsteller wurde, aber gerade das ist es, was so interessant ist, weil vorher sicher schon die Weichen gestellt wurden. Das Buch beinhaltet Fakten, die emotional und hin und wieder auch sachlich dargestellt werden. Alles in allem ist das gesamte Buch äußerst lesenswert, es lohnt sich echt, sich mit dieser Biografie auseinanderzusetzen. Die Jahre 1938 bis 1968 waren auch zeitgeschichtliche interessante – wenn auch nicht einfache Jahre, und auch das bildet für mich den Ausschlag, dass ich dieses Buch mit großem Interesse gelesen hatte.
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5.0 von 5 Sternen ein begnadeter Erzähler auch seines eigenen Lebens, 18. August 2014
Rezension bezieht sich auf: Reise an den Rand des Universums: Autobiographie (Gebundene Ausgabe)
Widmers Autobiographie endet mit etwas Anfänglichem, nämlich dem Urknall seines Lebens. Dieser Urknall, es ist seine erste Erzählung mit 30 Jahren, wird ein ganzes neues Schriftstellerleben einleiten. Leider werden wir nie eine Forsetzung dieser Autobiographie lesen, die bis ins Jahr 1968 reicht, weil es das letzte Buch vor Widmers Tod geblieben ist.

Wer Widmer kennt, muss nicht enttäuscht sein, denn seine Autobiographie liest sich nicht anders als seine bisherigen Erzählungen. Nur das es jetzt eben erinnertes Leben ist. Der Nachteil der Autobiographie, dass sie jede große Sprachgeste, jeden Pathos zu verbieten scheint angesichts des gewöhnlich-glücklichen Lebens, ist bei Widmer keiner. Denn er hat die Gabe durch seinen einfachen Erzählfluss, den Leser zu packen. Nach der Lektüre hat der Leser jedenfalls ein sehr lebendiges, facettenreiches Bild der ersten 30 Lebensjahre von Widmer.

Rar sind die allgemeinen Reflexionen Widmers übers Leben. Ein allgemeines Gesetz sieht er in seinem Leben verwirklicht: auch er brach einst kraftvoll ins Leben auf, und heimst den einzigen Gewinn ein, den das Alter zu bieten hat: zu fühlen, dass du das Leben tatsächlich gelebt hast.

Widmer beschreibt, wie er in der Erinnerung noch einmal die Freude, das Glück und Unglück vergangener Tage empfindet. Sie beginnt mit den ersten Erinnerungsfetzen aus seiner frühesten Kindheit und führt ihn über seine geborgene Kindheit. Trotz der oft depressiven Mutter, dem abwesenden, eigensinnigen Vater - beide sind sowieso sehr unterschiedlich - hatte er eine glückliche Kindheit. Widmer spricht von einem Schatz und Notvorrat fürs ganze Leben. "Das, was ich heute bin, kommt bruchlos aus dem, was war. Glück."

Immer wieder beschreibt Widmer sehr genau einzelne Personen - meist interessieren ihn natürlich Auffällige und Sonderlinge, wie etwa der Busfahrer, der sich an einem Mädchen vergriffen hatte. Oder später in Frankfurt der Vormieter seiner Wohnung, der bierttrinkend und gleichzeitig redend die Wohnung im Schneckentempo herrichtete. Oder die Frau, die Adolf Hitler war. Widmer hat sich einen kindlichen Große-Augen-Blick bewahrt, mit dem er das, was um ihn herum geschieht, sehr aufmerksam und genau aufnimmt und aufbewahrt. Wie bei einem neugierigen Kind saugt Widmer - wie ein Schwamm das Wasser - nur das Interessante und Lebendige in sich auf, ohne lange nach den Hintergründen des Geschehens zu fragen.

Es gab da einmal in seiner Kindheit das Elternhaus, in dem sie wohnten und in dem nichts verändert werden durfte. Einmal gar explodierte der uralte Gasofen. Das klingt bei Widmer alles recht lustig. Er hat nicht den schwermütigen, nachdenklichen oder traurigen Blick auf die Dinge, sondern filtert das Lustige, Ungewöhnliche, Aufregende heraus. Lange tat Widmer alles, um nur nicht erwachsen sein zu müssen. Er erzählt dann natürlich auch von seiner ersten und weiteren Liebschaften und seinen sexuellen Erfahrungen. Trennungen sind nicht seine Stärke. So machte er mit Anne-Marie, einer seiner Frauen Schluss, in dem er ihr dies in einem "feigen" Brief mitteilte. Dann kommen die Universitätsjahre, Auslandsaufenthalte und die ersten beruflichen Erfolge und zum Schluss der Umzug nach Frankfurt mit seiner Frau.

Dank der Erzählkunst wird vieles in Erinnerung bleiben von diesem Leben. Widmer versteht es, in leichtem Plauderton Spannung aufzubauen, Geschehnisse und Personen lebendig werden zu lassen und immer wieder die Aufmerksamkeit des Lesers zu fesseln. Widmers Leben bis 1968 - so wie er es erzählt - ist reich an Erfahrungen und Erlebnissen, viel Glück und wenig Unglück.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Keine Lust umzukehren von dieser Reise, 12. Juni 2014
Rezension bezieht sich auf: Reise an den Rand des Universums: Autobiographie (Gebundene Ausgabe)
Eine Romanfigur zu erfinden, sie auf ihr Leben zurückblicken zu lassen und ihr dabei tief in die Seele zu schauen, ist eine Sache. Dieses bei sich selbst zu tun und es der Öffentlichkeit vorzulegen, eine andere.

Eine wunderbare, spannende, anrührende, begeisternde, gnadenlos offene Autobiographie hat Urs Widmer geschrieben, und ich habe sie verschlungen.
Dieses herrliche kleine Buch "Reise an den Rand des Universums" wurde hier schon von anderen Rezensenten ausführlich gewürdigt und inhaltlich dargestellt. Deshalb konzentriere ich mich vor allem auf Punkte, die ich, abgesehen von den schon von Anderen genannten Highlights, besonders bemerkenswert finde.

Widmer ist ein Stilist par excellence, den man Buchseite für Buchseite genießen kann. Er schlägt ein ruhiges Erzähltempo an. Seine Sprache ist auf das Wesentliche reduziert, und gerade dieser Minimalismus produziert Kopf-Kino. Und wenn hin und wieder der Schweizer Zungenschlag durchkommt, umso schöner.

Hoch interessant auch das Zeitfenster, in dem das Buch angesiedelt ist. Widmers Autobiographie beginnt vor dem Zweiten Weltkrieg mit der Vorgeschichte seiner Zeugung in einem abgelegenen Bergdorf. Sie endet, als er 30 Jahre alt ist und seiner Frau auf der Hochzeitsreise sein erstes Manuskript zu lesen gibt, im berühmten Jahr der Studentenbewegung 1968. Und Widmer erzählt über diesen Zeitraum, was man in keinem Geschichtsbuch so zu lesen bekommt. Aus der ganz subjektiven und damit hoch spannenden Sicht einer sich langsam entwicklenden und reifenden Persönlichkeit.

Sensationell finde ich vor allem, wie es ihm gelingt, sich in die Kinderperspektive zurück zu versetzen und hinein zu fühlen, wie er sein Leben damals empfunden und verstanden hat. Wie dieses Kind versucht, sich in seinem komplizierten Elternhaus mit einem gutmütigen, aber egozentrischen, neurotischen Vater und einer impulsiven, depressiven Mutter zurechtzufinden. Unschuldig, verletzlich, naiv und gleichzeitig neugierig, fröhlich und aus ganzem Herzen liebend. Wie es versucht, die latente Kriegsdrohung aus Hitlers Deutschland zu verstehen, die ihm eigentlich gar nichts sagt. Außer, dass da drüben, Basel gegenüber, böse Menschen wohnen. Was zu der Frage führt, ob das Pferd, das der Mann da auf dem anderen Rheinufer am Zügel führt, wohl auch böse sei...

Vieles beschreibt Widmer so leicht und locker, mit einer sachten, unterschwelligen Ironie, die dann doch den Abstand zeigt, den ein 75jähriger zu sich selbst gewonnen hat. Aber er nimmt den Leser auch mit in die traurigen, unglücklichen Momente seiner ersten dreißig Lebensjahre. Sehr klar und direkt schildert er die Ereignisse und seine Reaktion darauf, aber niemals dramatisierend oder aufdringlich, sondern auch hier aus einer feinen, abgeklärten Distanz heraus. Das lässt den Leser jederzeit mitfühlen, ohne zum Mitleiden gedrängt zu werden.

Das Buch endet mit Widmers "Urknall" auf einem spanischen Campingplatz im Schatten einer gigantischen Ölraffinerie: Seiner Frau May gefällt sein Manuskript.
" 'Meinst du, ich soll die Geschichte einem Verleger zeigen?' 'Unbedingt.' (...) Die Raffinerie, die eben noch eine schwarze Silhouette gewesen war, erstrahlte plötzlich in tausend Lichtern. Gelb, orange, rot. Sie sah jetzt wie ein Weltraumbahnhof aus, oder wie das Raumschiff selbst, das bereit war, zu einer Reise an den Rand des Universums zu starten. May setzte sich neben mich, und wir staunten beide das Wunder an."

Nachtrag: In einem Interview Ende 2013 sagte Urs Widmer, es werde keinen Teil II seiner Autobiographie geben – vielleicht hat er seinen Tod vorausgeahnt. Wie ich gerade erst gelesen habe, ist Urs Widmer vor einigen Wochen gestorben.
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Reise an den Rand des Universums: Autobiographie
Reise an den Rand des Universums: Autobiographie von Urs Widmer (Gebundene Ausgabe - 28. August 2013)
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