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Kundenrezensionen

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am 3. April 2001
Ein Kapitel in Ian McEwans Buch "Ein Kind zur Zeit" aus dem Jahr 1987 handelt von einem konservativen Politiker, der sich überraschend aus der Politik zurückzieht und in einen Zustand kindlicher Regression fällt. Wenig später begeht er Selbstmord. Seine Frau, eine Physikerin, liefert eine Erklärung für sein bestürzendes Verhalten: "Er wollte berühmt sein und von Leuten gesagt bekommen, daß er eines Tages Premierminister sein würde, und er wollte der kleine Junge sein, den die Welt nichts anging, der keine Verantwortung hatte, von der Welt da draußen nichts wußte." Die Physikerin, so heißt es weiter, sieht im Scheitern ihres Mannes nur die Extremform eines allgemeinen gesellschaftlichen Problems. All das "ganze Streben und Schreien, das Manipulieren und Debattieren" diene nur dazu, seine Schwäche nicht herauszulassen.
Dieses Motiv aus "Ein Kind zur Zeit" findet sich in abgewandelter Form in McEwans neuesten Roman Amsterdam wieder, für den McEwan Ende 1998 der Booker-Preis verliehen wurde. Hier ist es ein erzkonservativer Außenminister, der durch kompromittierende Fotos, die ihn in Frauenkleidung zeigen, zu Fall gebracht wird. Unfähig, sich selbst zu verteidigen, zieht er sich wie ein frustrierter Teenager in sein Bett zurück, während seine Frau, eine erfolgreiche Ärztin, die Verteidigung ihres Mannes gegenüber einer sensationslüsternen Presse in die Hand nimmt. Beide Szenen verweisen auf ein Grundmotiv im Werk des britischen Schriftstellers: Formen der Regression, sexuelle Normverstöße, spontane Ge-waltausbrüche und moralische Heuchelei kennzeichnen in seinen Büchern die Unfähigkeit der (männlichen) Protagonisten, den Ansprüchen einer chaotischen Gesellschaft gerecht zu werden.
Gesellschaftskritik hat schon immer eine wichtige Rolle bei McEwan gespielt, entzog sich aber oft der Aufmerksam-keit seiner Kritiker. Lange Zeit galt dieser 1948 als Sohn eines Armeeangehörigen in Aldershot Geborene, der seine Kindheit auf Militärstützpunkten in Singapur und Libyen verbracht hat, als Meister der "Gothic Novel", der englischen Variante des Schauerromans. Ins-besondere seit seinem Romandebüt "Der Zementgarten" - der Geschichte einer inzestuösen Geschwisterbeziehung - aus dem Jahr 1978, das ihm das Lob Stephen Kings und den Spottnamen "Ian McCaber", Ian der Makabre, einbrachte, klebt dieser zweifelhafte Ruf an ihm. Noch heute, klagte er unlängst in einem Interview, wolle man ihn in England ständig neben einem Müllberg oder einer toten Ratte fotografieren, obwohl er doch inzwischen "ganz andere" Bücher schreibe. Daran ist McEwan aber keineswegs unschuldig. Lange Zeit schien er unwillig, das Graue und Wiederholbare des Alltags zu sehen. Immer lief alles auf spektakuläre, schockierende Effekte zu. Erst später öffnete sich sein Schreiben neuen Themen, unter anderem einer kritischen Erforschung patriarchalischer Machtstrukturen in der heutigen Gesellschaft. Im Rückblick, in einem Interview, stellte sich ihm dieser Prozeß als eine Reifung dar: "I stepped out into the world". In seinen letzten Büchern wie "Ein Kind zur Zeit" (der einfühlsam beschriebenen Geschichte einer Kindesentführung), "Unschuldige" (1989), "Schwarze Hunde" (1992) und dem gefeierten Roman "Liebeswahn" (1997) über einen von religiösen und erotischen Phantasien be-sessenen Mann, läßt sich sogar ein verhalten optimistischer, manchmal fast sentimentaler Ton vernehmen, der allerdings, sehr leise, schon immer im Chaos und der Gewalt seiner Geschichten mitschwang.
Sein neuester Roman könnte Anlaß sein, das einstige Vorurteil endgültig zu revidieren. Denn in "Amsterdam" stehen McEwans Leitmotive - Beziehungen, Sexualität, Feminismus, Zivilisationskritik, der Gegensatz zwischen Stadt und Land, Kunst und Macht - im Dienst eines ätzenden Porträts von Tony Blairs "Cool Britannia". Das Ende der Major-Thatcher-Jahre erlaubt ihm erst eine umfassende gesellschaftliche Deutung all der Obsessionen und Probleme, die er zuvor zum Thema seiner Bücher gemacht hat. Dabei zeichnet er ein sehr wirklichkeitsnahes Bild der sozialen Milieus, denen seine vier Protagonisten - ein Politiker, ein Komponist, ein Journalist und ein Zeitungsverleger - enstammen. Dem Buch ist auf jeder Seite anzumerken, wieviel Spaß es McEwan gemacht haben muß, "in der Welt der Arbeit", wie er es selbst einmal ausdrückte, zu schreiben. Auch die Frage, die im Mittelpunkt des Romans steht, hat einen realen Hintergrund: Sie lautet, ob das Privatleben eines Politikers, besonders seine sexuellen Vorlieben, Gegenstand öffentlichen Interesses sein darf. Daß es sich dabei um ein Problem mit weitreichenden Folgen handeln kann, hat vor wenigen Jahren die Clinton-Lewinsky-Affäre gezeigt. Schonungslos legt Mc-Ewan die gesellschaftliche Heuchelei offen, die solchen "Skandalen" innewohnt. "Schockierend" wie McEwans frühe Erzählungen ist am ehesten die Brutalität, mit der die Protagonisten des Buches - alles ehemalige Liebhaber der frühverstorbenen Molly Lane - ihre Ziele durchzusetzen versuchen: Der Komponist, Clive, greift nicht ein, als eine Frau vergewal-tigt wird, weil er gerade eine Inspiration für eine neue Komposition hat, der Chefredakteur, Vernon, startet eine Schmutzkampagne, um die Auflagenhöhe seiner Zeitung zu steigern, und in Gang gebracht wird alles von dem eifersüchtigen Zeitungsverleger, der durch die Veröffentlichung kompromittierender Fotos den Außenminister und ehemaligen Liebhaber seiner verstorbenen Frau Molly zu Fall bringen will. Vor diesem Hintergrund steht der vermeintliche Freundschaftspakt, den Clive und Vernon nach Mollys Tod schließen: Sollte einer von ihnen jemals so leiden wie Molly, solle ihm der jeweils andere Freund den Gnadenstoß versetzen. Doch als die Freundschaft zerbricht, offenbart die Abmachung ihren teuflischen Kern: In Amsterdam, wo die Euthanasiegesetze liberaler als in anderen Ländern gehandhabt werden, kommt es zu einem makabren Showdown. McEwan hat seine bisherigen Bücher vor einiger Zeit in einem Interview als "Romane der Krise und Verwand-lung, der Durchgangsriten von großer Intensität für die Charaktere" bezeichnet; von "Liebeswahn" gehe sogar die Bedrückung eines Alptraums aus. Demgegenüber schlägt Amsterdam - bei allem schwarzen Humor - einen leichteren und insbesondere ironischeren Ton an. Leicht, aber nicht seicht, wie Kritiker behauptet haben. Amsterdam ist keine "Fünf-Finger-Übung" wie Mc-Ewans Schriftstellerkollege Will Self bei der Verleihung des Booker-Preises an McEwan gespottet hat. Während für McEwans frühere Bücher Autoren wie Franz Kafka, Thomas Mann, Nabokov oder E. M. Forster Pate gestanden haben mögen, erinnert Amsterdam vielmehr an die frühen Werke des englischen Satirikers Evelyn Waugh und an die Gesellschaftskommödien des Amerikaners John Updike. Brillant sind seine sarkastischen Beschreibungen der Londoner High Society, fesselnd seine Darstellung des Lake District, beeindruckend auch sein Porträt des künstlerischen Schaffens von Clive, dem Komponisten. Welchen Weg McEwan in den vergangenen Jahrzehnten zurückgelegt hat, zeigt der Gewinn des Booker-Preises. McEwans Werk ist zu einem festen Be-standteil der englischen Gegenwartsliteratur geworden. Möglich wurde dies nicht zuletzt deshalb, weil er sich neuen Themen und Stilen geöffnet hat. Sein Schreiben läßt sich heute mit Recht als "sardonische, aber weise Untersuchung der Moral und der Kultur unserer Zeit" verstehen, wie die Booker-Preis-Jury ihre Entscheidung begründete. Mit dem Verschwinden drastischer Schockeffekte und der Aufmerksamkeit für Zwi-schentöne hat sich sein Blick für die Probleme der zeitgenössischen Gesell-schaft geschärft.
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TOP 500 REZENSENTam 15. Oktober 2005
Clive Linley und Vernon Halliday, zwei Angehörige der „glücklichen Generation" treffen sich am Grabe der überraschend verstorbenen Molly, die vor ihrer Ehe mit dem reichen Presse-Unternehmer Georg Lane mit ihren Reizen nicht gegeizt hat. Beide, nicht nur durch ihre Liebe zur verstorbenen Molly sondern auch durch eine langjährige Freundschaft miteinander verbunden, stehen unmittelbar vor einem großen Karriereschritt: Clive komponiert in offiziellem Auftrag eine Milleniumssinfonie, die ihn endgültig in die Kategorie von Beethoven und Bach erheben soll, und Vernon versucht als Chefredakteur des „Judge" den allseits verhassten populistischen Außenminister Garmony durch die Veröffentlichung kompromittierender Bilder als Premierminister zu verhindern. Über die moralische Frage, ob man ein politisches Ekelpaket oder das, was Clive und Vernon dafür halten, durch die Veröffentlichung privater Sexualvorlieben an den Pranger stellen und erledigen darf, kommt es zwischen den beiden Freunden zum Bruch. Aber es kommt noch schlimmer: der Skandalangriff des „Judge" auf den Außenminister verpufft, und Vernon verliert seinen Job, Clives Milleniumssinfonie entpuppt sich wegen eines vollkommen verpatzten Schlusssatzes als plagiativer Schrott. So weit so gut erzählt. Ein echter Mc Ewan, präzise, ungemein unterhaltsam und blitzgescheit, ein intellektueller Genuss, wenn man nur an die zahlreichen, in den Text eingestreuten Ausführungen über die glückliche Generation der 68er, die moderne Presse oder die zeitgenössische Musik denkt. Umso erstaunlicher, welch unplausibler Schluss der Autor seinen Lesern auf den letzten 20 Seiten des Romans präsentiert: von der Welt enttäuscht, nehmen die beiden Freunde Rache aneinander und vergiften sich gegenseitig mit einem Glas Sekt! Wieso? Warum? Keine Ahnung - ein nasser Lappen ins Gesicht der McEwan Fans, die so was wahrlich nicht gewohnt sind. Man mag es gar nicht glauben und fragt sich, ob der Autor sein Buch mit voller Intention mit einem vergleichbar unbefriedigen Schluss konzipierte, wie er es seinem Protagonisten Clive bei dessen Milleniumssinfonie unterstellte. Aber das hieße doch wohl das liebende Verständnis für den Autor etwas zu weit zu treiben. Schade. Deswegen mein Tipp: man lese und genieße 90 % dieses Buches, lege es 20 Seiten vor Ende einfach zur Seite und denke sich einen anderen Schlus aus.
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am 26. Mai 2001
McEwan, wohl der größte lebende Schriftsteller, hat für dieses Buch den Booker-Preis erhalten - zurecht. Präzise, treffend und so knapp wie möglich liefert er eine hinreißende Satire auf die Doppelmoral der Gesellschaft im allgemeinen und der upper class im besonderen; es zeigt schonungslos, wie manipulierbar Journalisten und natürlich die Bevölkerung durch die Macht der Medien sind, liefert eine wundervolle Künstler-Persiflage - und ist dazu bis zur hervorragenden Schlußpointe wahnsinnig spannend.
Einmal mehr zelebriert hier McEwan seine Kunst, Unglaubliches mit einer solchen Leichtigkeit zu erzählen, als handle es sich um Alltäglichkeiten. Nach dem (ganz anders gelagerten) Roman "Schwarze Hunde" ist "Amsterdam" sein wohl bestes Buch.
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am 7. April 2006
Wer kennt sie nicht: Die Bücher, die man immer lesen wollte und die einem doch immer wieder entgehen:
"Amsterdam" von Ian MacEwan, der mich mit "Liebeswahn", "Abbitte" und vorallem "Saturday" wirklich begeistert hat, gehört für mich dazu. Diese Lücke habe ich nun geschlossen.
"Amsterdam" ist ein Roman mit perfektem, dramatischen Aufbau. MacEwan "hat" den Leser von den ersten Sätzen an, aber er verliert sein Ziel immer wieder aus den Augen. Während er die beiden Gegenspieler des Romans am Anfang doch sehr lebensnah zu schildern versteht, gerät die Geschichte irgendwann aus den Fugen und plätschert bis zum arg konstruierten Schluss ziemlich dahin.
Trotzdem ist schon bei "Amsterdam" erkennbar, wie viel Potential in Ian MacEwan steckt. Außerdem hat er ein Geschick und Gespür für die Tiefen der Psyche, die er schon in diesem Buch unter Beweis zu stellen vermag.
Alles in allem ist "Amsterdam" ein Buch, dass sich zu lesen lohnt -- nicht zuletzt, weil man daran ablesen kann, wie sich Ian MacEwan gesteigert hat.
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am 30. Juni 2001
Dies war mein erstes mir empfohlenes Buch von Ian McEwan und ich bin nicht enttäuscht. Die Geschichte ist Seite für Seite wunderbar erzählt und entwirft ein interessantes Bild der Personen, die allesamt irgendwie miteinander verstrickt sind und sich in der gemeinsamen Bekanntschaft mit der nun verstorbenen Molly treffen. Ein gemeinsamer Punkt und doch so verschiedene Lebensarten, die sich letztlich vermischen. Ich finde die Charaktere und die Athmosphäre des Buches sehr gelungen und freue mich darauf, bald wieder eines von ihm zu lesen.
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am 6. Januar 2016
McEwan fesselt, überrascht und macht schlau - alle seine Bücher. Wie kaum ein anderer verschraubt er gekonnt die Dramen individuellen Erlebens, das obskure Beziehungsgeflecht seiner Protagonisten sowie die gesellschaftlichen Bereiche, die seine Figuren zur Ausführung bringen. Amsterdam ist eine Paradebeispiel dieser faszinierenden Technik, die die Mikroebene des Bewußtseins und der Interaktion mit der Makroebene gesellschaftlicher Systemlogiken verschränkt. Die drei verflossenen Liebhaber einer sehr geliebten Frau - ein Politiker, der Chefredakteur einer Zeitung und ein Komponist - verstricken sich zusehends in hasserfüllter Konkurrenz. Jede Figur wird in ihrer Eigenwilligkeit, ihrer Sehnsucht nach Erfolg, ihrem selbstgefälligen Triumphieren und Intrigieren dargestellt. Zugleich kann man in diesen persönlichen und immer auch etwas schrägen Leidenschaften die sozialen Mechanismen der Politik, der Medien und des Kulturbetriebs entziffern, die sich der Akteure wie angestellten Personals bedienen. Faszinierend ist es mit McEwan den Prozess des Komponierens nachzuvollziehen: die empfängliche Sensibilität für musikalische Einfälle, die zugleich äußerst störanfällig und fragil, aber auch von einem selbstgewissen Gestaltungsvermögen beseelt ist, das eine nebenbei stattfindende Vergewaltigung als lästige Irritation abgeblendet werden kann. Herrlich der Chefredakteur, der den verhassten Politiker mit kompromittierenden Photographien und einer vernichtenden Medienskandal zur Strecke bringen will und im Hochgefühl seiner politischen Mission, seinen Noch-Freund nötigen will, den beobachteten Vergewaltigungsversuch bei der Polizei anzuzeigen. Die Figuren phantasieren den endgültigen Triumph ihrer Karrieren, um dann doch so verstörend aneinander zu geraten, dass der schon fast erreichte Erfolg in sich zusammenbricht.
Dass der Komponist und der Redakteur sich schließlich gegenseitig mit vergiftetem Sekt umbringen, liegt "irgendwie" in der fabelartigen Dynamik der Erzählung, ist aber unnötig skurril.
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am 5. August 2015
Der Roman hat einen interessanten Plot, der konsequent zu Ende geführt wird, wobei nicht nur Spannung entsteht, sondern auch viel Wissens- und Bedenkenswertes vermittelt wird. Man erfährt, wie eine Zeitung funktioniert, und man lernt viel über das Handwerk des Komponierens und über das Wesen der Musik. Dazu kommt, dass der Roman zum Nachdenken über Freundschaft, Liebe, Moral und Freitod anregt.
Zwei Freunde, Clive und Vernon, haben die gleiche Frau, Molly, geliebt, die nach schwerer Krankheit gestorben ist. Sie war für beide gleichsam ihr besseres Ich. Clive entdeckt an sich ähnliche Symptome, wie sie Molly hatte. Er bittet Vernon, ihm zum Freitod zu verhelfen, falls er hilflos und unzurechnungsfähig würde. Vernon willigt unter der Bedingung ein, dass Clive für ihn das Gleiche tun würde. Vernon ist Chefredaktor einer Qualitätszeitung mit sinkender Abonnentenzahl. Ist es richtig, reisserische Themen im Stil des Boulevardjournalismus aufzunehmen, um die Zeitung und damit die Arbeitsplätze zu retten? Was Vernon tut, ist für Clive purer Opportunismus und Verrat an Molly. Doch auch er selbst steht vor einem Dilemma. Er ist erfolgreicher Komponist, soll im Auftrag der Regierung zum Jahr 2000 eine Jahrtausend-Symphonie komponieren. Auf einer Wanderung im Lake District lauscht er den Geräuschen der Natur und hofft, so die Melodie für das Finale zu finden. Er hört Stimmen, erhascht einen Zipfel dessen, was er sucht. Von weit oben sieht er eine Frau, die von einem Mann bedrängt wird. Soll er ihr helfen und riskieren, die Melodie nicht festhalten zu können? Er entscheidet sich dagegen. Trotzdem wird das Finale seiner Symphonie nicht ganz gelingen. Später erfährt er, dass die Frau vergewaltigt wurde und der Mann ein gesuchter Verbrecher ist. Clive und Vernon wissen beide nicht mehr so recht, was anständig und was richtig ist. Sie machen sich gegenseitig Vorwürfe. Die Freundschaft zerbricht beinahe. In Amsterdam soll Clives Symphonie aufgeführt werden. Dort treffen sich die beiden Freunde. Dort ist auch der Arzt, der das Gift für einen gewollten Freitod beschaffen kann. Was dann geschieht, ist überraschend und soll hier nicht verraten werden.
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am 16. Juli 2009
Clive Linley ist ein bekannter, gefeierter Komponist, der gerade mit dem Auftrag, eine Millenium-Symphonie zu komponieren, beschäftigt ist; Vernon Halliday ist Chefredakteur beim Judge, einer Zeitung am absteigenden Ast.

Beiden gemeinsam ist eine sehr alte Freundschaft - und Molly Lane, auf deren Beerdigung sie sich treffen. Auch ein anderer Liebhaber Mollys ist dort anzutreffen: Julian Garmony, Außenminister und heißer Tip für den künftigen Premierminister.

Kurz nach diesem Treffen werden Vernon Fotos von Julian zugespielt - Fotos, die ziemlich sicher dessen politische Karriere endgültig zerstören. Beinahe eine moralische Pflicht, diese Fotos gegen Julian zu verwenden, da dieser politisch streng rechts angesiedelt ist. Auf Clives entsetzte Reaktion, damit zutiefst unmoralisch zu handeln, reagiert Vernon nur mit Wut und Ärger.

Clive fährt nach dem Streit in die Berge. Er hat ohnehin einen Kreativitätsstop und hofft dies in den Bergen beenden zu können. Und wirklich - nach ein paar Stunden fühlt er die richtige Melodie in sich. Nur jetzt schnell aufschreiben, damit sie nicht wieder verloren ist! Gerade in diesem Moment sieht er eine Frau auf dem Wanderweg, die offensichtlich in heftigem Streit mit einem Mann da steht. Soll Clive eingreifen? Und damit vielleicht sein Meisterwerk, seine Symphonie zerstören? Ein Streit zwischen Liebenden, befindet er kurzerhand, und kehrt um.

Als er Vernon diese Episode erzählt, reagiert dieser nicht gleich. Doch später am Tag fällt ihm ein, daß genau an besagtem Tag ein Vergewaltiger in den Bergen unterwegs war. Er findet, es wäre Clives moralische Pflicht, nun zumindest der Polizei zu helfen...

Wo sind die Grenzen einer Freundschaft? Wo ziehen wir die Grenze zwischen moralisch und unmoralisch, richtig und falsch? Große Fragen.

Und in diesem Buch sehr glaubhaft und realistisch dargestellt. Die Verdrängung, die wohl jeder schon erlebt hat, die Versuche, das eigene Handeln, das man im Hinterkopf durchaus als falsch erkennt, vor sich selbst zu rechtfertigen - und zwar um Gottes Willen nicht damit, dass es einem selbst Profit verspricht - kennt wohl jeder in irgendeiner Form.

Und das alles auch noch meisterhaft geschrieben! Den Booker-Preis hat Ian McEwan dafür bestimmt nicht umsonst erhalten - auch wenn gemunkelt wird, dass er ihn für Liebeswahn mehr verdient hätte.

Ein Urteil darüber, für welchen der beiden Romane er den Booker nun verdient hat, will ich nicht aussprechen - mir haben beide Romane sehr großes Lesevergnügen bereitet, mich zum Nachdenken gebracht und mich stilistisch überzeugt. McEwan ist und bleibt eine Ausnahmeerscheinung unter den heutigen Autoren!
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am 3. Oktober 2011
Ich fand dieses Buch nicht sehr spannend - irgendwann habe ich dieses (auch vom Umfang her recht dünnes Werk) angefangen nur noch quer zu lesen. Ich muss aber dazu sagen, dass ich generell Romane, in denen wenig passiert zugunsten von ausufernden Beschreibungen von Alltagssituationen nicht sonderlich mag.
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am 11. Juli 2008
Im Vergleich mit "Abbitte" und "Liebeswahn" nicht allererste Sahne. Ich musste mich im Vertrauen auf den sonst von mir sehr geschätzen Autor doch ein wenig zwingen, am Ball zu bleiben. Doch dann gewinnt der Roman, und zwar sehr. Tolles Thema, tolles Finale. Also letztlich doch: sehr lesenswert!
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