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5.0 von 5 Sternen "Zweierlei Genien sinds, die dich durchs Leben geleiten!" (Schiller), 21. März 2009
Von 
kpoac - Alle meine Rezensionen ansehen
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Rezension bezieht sich auf: Universal-Bibliothek Nr. 9307: Kallias oder über die Schönheit / Über Anmut und Würde (Taschenbuch)
"Es ist nicht nötig, dass ich lebe: wohl aber, dass ich meine Pflicht tue" sprach Friedrich der Große (1712-1786) und setzt damit ein Zeichen für den Dualismus dieser Zeit. Preußische Pflicht vs. Leben, Pflicht vs. Neigung, Natur vs. Willen und Schiller (1759-1805) schickt sich an, eine Harmonie anzustreben zwischen Neigung und Pflicht oder eben das Wollen des Sollens einzuläuten. "Ich kann, weil ich will, was ich muss" ist der kantsche Satz, in dem die Welt und ihr sittliches Gesetz sich spiegelt. Das Individuelle wird dem Allgemeinen und dem großen Ganzen untergeordnet, sodass das sittliche Gesetz allgemein gültig wird.

Die "Anthropologie in pragmatischer Hinsicht" (Kant, 1724-1804) ist noch nicht erschienen. Schiller selbst veröffentliche 1793 seine pragmatische Ästhetik mit Blick auf die Kritiken Kants, vornehmlich die Kritik der praktischen Vernunft (KpV, 1788) und die Kritik der Urteilskraft (KdU, 1790). Kant konnte durchaus Positives Schillers Essay abgewinnen, trotz dem sein Denken über Moral zumindest im Ansatz kritisiert wird. Auch wenn Schiller mit der KpV und KU übereinstimmt, kann er der strikten Trennung von Ästhetik und Ethik nichts abgewinnen, solange sie sich entgegengesetzt auf den menschlichen Willen auswirken soll. Schiller kämpft gegen den Sieg der Vernunft, solange dieser die Sinnlichkeit unterdrückt. Die Vorgedanken zur ästhetischen Erziehung werden hier gegründet. Schiller folgt im Großen und Ganzen der Kantschen Analyse zum Schönen und Erhabenen. In der KdU schreibt Kant: "Schön ist das, was in bloßer Beurteilung (also nicht vermittelst der Empfindung des Sinnes nach einem Begriffe des Verstandes) gefällt. Hieraus folgt von selbst, dass es ohne alles Interesse gefallen müsse. Erhaben ist das, was durch seinen Widerstand gegen das Interesse der Sinne unmittelbar gefällt", also auch nur denkbar und jeden Maßstab der Sinne übertrifft.

"Anmut und Würde" ist ein Essay, welcher an den Briefwechsel mit Körner (1756-1831), unter dem Namen Kallias veröffentlicht, anschließt, in dem noch die Schönheit als Begriff versucht wird zu klären. ("Schönheit ist nichts anderes als Freiheit in der Erscheinung".) Schiller ist hier ganz antithetisch zu Kant, der in der KpV das Schöne noch als Frage der Erkenntnis behandelt und schlussendlich in der KdU es dem subjektiven Urteil unterstellt. Kanten zum Trotz will Schiller den Stein des Weisen finden und die Objektivität des Schönen beweisen im Dualismus von Schönheit und Freiheit, in der Betrachtung von Anmut und Würde, von Schönem und Erhabenen. Ihm, Schiller, soll also die Harmonisierung gelingen, wo Kant noch Gegensätzlichen sieht ([ästhetischer Genuss auf der Verstandesebene entstehend] "erst durch nachträglich hinzutretende Akte ein Gastrecht auch in der Welt des tätigen Menschen, als ein Symbol seiner sittlichen Vollkommenheit" [erhält]). Die Kantsche Pflichterfüllung soll zur schönen Seele (gem. urschöpferischen Eros) werden, einen Zustand des Gemüts, wo "Vernunft und Sinnlichkeit, Pflicht und Neigung zusammen stimmen".

"Ich nenne Schönheit eine Pflicht der Erscheinungen, weil das ihr entsprechende Bedürfnis im Subjekte in der Vernunft selbst gegründet und daher allgemein und gültig ist. Ich nenne sie eine frühere Pflicht, weil der Sinn schon geurteilt hat, ehe der Verstand sein Geschäft beginnt".

In dieser Sequenz findet man den Grund aller Überlegung. Schiller spricht von der Pflicht, der Erscheinung im Sinne der praktischen Vernunft, einer Schönheit, die dem Vernunftgesetz entspricht, weil sie dort gegründet ist und doch als Erscheinung vor dem Verstand eine Sinneshoheit ist.

Anmut erzeugt für die Schönheit die höchste Freiheit, weil sie in der Beweglichkeit der Schönheit letztendlich in eine Bezauberung führt. Anmut ist Schönheit unter der Ägide von Freiheit, nämlich der Freiheit, die die Person, das Subjekt sich nimmt, um anmutig zu erscheinen. Wirkt das Subjekt willkürlich, lässt es eine vorgestellte Wirkung in der Sinnenwelt erscheinen. Dieses gelingt nur für die Anmut. Schönheit ist an sich willenlos, denn sie gilt nach dem Gesetz der Notwendigkeit und letztendlich auf Veranlassung einer Empfindung. Dieses sind sympathetische Bewegungen (griechische Mythenanalogie des Venusgürtels), die in ihrer Gleichzeitigkeit zur moralischen Gesinnung dieser als Begleitung dienen. Solange Bewegung und Gesinnung zeitgleich laufen, sind sie unwillkürlich, also sympathetisch. Nicht gleichzeitig kann man sie nennen, wenn die Bewegungen nur einem Zweck unterliegen, dann wird zum Beispiel in einer Rede Wort und Bewegung als nachgelagert auffallen und damit als unecht interpretiert. Wahr ist ein Subjekt in seiner Anmut, wenn es von seiner Anmut nichts weiß. Damit liegt das vollendete Wesen der Anmut in der Sinneswelt und ist nicht von der Vernunft beeinflusst.

Neben der Analytik des Schönen und der Verbindung zur Anmut lässt sich Schiller auch als Anti-Kant lesen. Deutlich wird es in den Überlegungen zur menschlichen Natur als ein "verbundenes Ganzes in der Wirklichkeit". Dem Philosophen gelingt nur ein Etwas erscheinen lassen durch Trennen. "Nimmermehr kann die Vernunft Affekte als ihrer unwert verwerfen, die das Herz mit Freudigkeit bekennt". Sinnliche Natur und analytische Vernunft ist harmonisiert in Eins und kann "ohne Gewalttätigkeit" nicht mehr getrennt werden. Der Wille rückt somit näher der Empfindung als der Erkenntnis, "und schlimm wäre es, sich erst bei der reinen Vernunft zu orientieren".

"Beiden (Natur und Vernunft) gleichermaßen vertrauen, ist Zeichen einer Übereinstimmung, die ihrerseits Siegel der vollendeten Menschheit und gleichzeitig das, was unter der schönen Seele zu verstehen ist". In einer schönen Seele gilt eben höchste Harmonie. Sinnlichkeit und Vernunft, Pflicht und Neigung lösen sich auf unter der Ägide der Grazie, Anmut ist ihr Ausdruck in der Erscheinung.

Gelingt der Ausdruck als eine Übertragung in eine erhabene Gesinnung, dann kann der Mensch würdevoll im Sinne einer "vollstimmigen ganzen Menschheit" handeln. Die "reifste Frucht der Humanität" ist nach Schiller eine Idee, nach der es zu handeln gilt, deren erreichen jedoch unmöglich ist. Die Natur hat dem Menschen die Selbstsorge auferlegt, damit liegt seine Aufgabe in der Sorge um sich (vgl. Foucault, Ästhetik der Existenz). Mit dem Wissen um Freiheit und Willen kann er entscheiden zwischen Natur und Moral, doch immer im Sinne der Vernunftgesetze und erst mit der Vernunft kann der Mensch seinen Endzweck erkennen. (Schiller=Kant). Diese unterliegt der Moral, so dass das menschliche Handeln immer sittlich sein wird, aber eben auch integrierend von Vernunft und Affekt. So wird die schöne Seele im Affekt zur erhabenen. Doch unter der Maxime der Würde muss der Geist über den Körper herrschen, tut er dieses in einem vollendeten Maße, wird die Würde majestätisch. So wie Anmut in der höchsten Form ins Bezaubernde mutiert, wird Würde zur Majestät, Freiheit als höchste Freiheit verzerrt sich in sich selbst. Liebe gelingt in der Unzertrennlichkeit von Anmut und Schönheit.

Allem Guten nachzuahmen, nicht nachzuäffen ist letzte Empfehlung eines moderat kantkritischen Essays, der in dem Versuch, Gegensätzliches zu Harmonisieren unter der Führung von Schönem und Erhabenen den Geist des Autors ins rechte Licht rückt. Schillersche Eloquenz auf die Philosophie angewandt zeigt ihn als Dichter der Freiheit, Freiheit, die nur zu erreichen ist in einer Balance von Einheit wie der Mannigfaltigkeit, also Natur und Vernunft. Oder anders: er muss sich von beiden gleichweit entfernt halten. Sinnlichkeit und Vernunft zu vereinen gelingt nur in einem dritten Trieb, das ist der Spieltrieb, wie er in den Kallias-Briefen schreibt. Als HOMO LUDENS die Kunst zu leben als Lebenskunst zu sehen, heißt den zwei Genien zu folgen.

DIE FÜHRER DES LEBENS (1795)

Schön und Erhaben

Zweierlei Genien sinds, die dich durchs Leben geleiten,
Wohl dir, wenn sie vereint helfend zur Seite dir stehn!
Mit erheiterndem Spiel verkürzt dir der eine die Reise,
Leichter an seinem Arm werden dir Schicksal und Pflicht.
Unter Scherz und Gespräch begleitet er bis an die Kluft dich,
Wo an der Ewigkeit Meer schaudernd der Sterbliche steht.
Hier empfängt dich entschlossen und ernst und schweigend der andre,
Trägt mit gigantischem Arm über die Tiefe dich hin.
Nimmer widme dich e i n e m allein. Vertraue dem ersteren
Deine W ü r d e nicht an, nimmer dem andern dein G l ü c k.
~~
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