Kundenrezensionen


21 Rezensionen
5 Sterne:
 (14)
4 Sterne:
 (6)
3 Sterne:    (0)
2 Sterne:    (0)
1 Sterne:
 (1)
 
 
 
 
 
Durchschnittliche Kundenbewertung
Sagen Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel
Eigene Rezension erstellen
 
 

Die hilfreichste positive Rezension
Die hilfreichste kritische Rezension


36 von 36 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein kranker, ein böser Mensch...
"Ich bin ein kranker Mensch. Ich bin ein böser Mensch. Ein abstoßender Mensch bin ich" (7). So stellt sich der namenlose Erzähler von Fjodor Dostojewskijs Novelle "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch" vor. Und eine angenehme Person scheint dieser Zeitgenosse wirklich nicht zu sein. Im ersten Teil der Aufzeichnungen zieht der Erzähler über alle...
Veröffentlicht am 29. September 2007 von Michael Dienstbier

versus
1.0 von 5 Sternen Zur Ebook-Ausgabe: Bitter, bitter....
Nun, daß diese Ausgabe im Flattersatz gesetzt ist (wie übrigens alle Dostojewskij-Geier Ausgaben), ist traurig genug. Aber man kann hier die Verantwortung auf Amazon Kindle schieben: Es wird höchste Zeit, daß die Kindle-Software wieder die Möglichkeit des Wechsels zwischen Flatter- und Blocksatz anbietet! Daß dieses nicht möglich ist,...
Vor 5 Monaten von Lena veröffentlicht


‹ Zurück | 1 2 3 | Weiter ›
Hilfreichste Bewertungen zuerst | Neueste Bewertungen zuerst

36 von 36 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein kranker, ein böser Mensch..., 29. September 2007
"Ich bin ein kranker Mensch. Ich bin ein böser Mensch. Ein abstoßender Mensch bin ich" (7). So stellt sich der namenlose Erzähler von Fjodor Dostojewskijs Novelle "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch" vor. Und eine angenehme Person scheint dieser Zeitgenosse wirklich nicht zu sein. Im ersten Teil der Aufzeichnungen zieht der Erzähler über alle Errungenschaften des 19. Jahrhunderts her und lässt auch kein gutes Haar an der Spezie des Menschen: "Ich schwöre ihnen, meine Herrschaften, daß zuviel Bewußtsein - eine Krankheit ist, eine richtige, regelrechte Krankheit" (11). Und nur wenig später fügt er hinzu: "Kann denn ein bewußter Mensch sich überhaupt noch irgendwie achten?" (21) Aus all diesen Gründen hat sich unser Misanthrop vor 40 Jahren entschlossen, sein Dasein allein in einem Kellerloch zu fristen, um sich dem widerlichen Menschengeschlecht zu entziehen. Die Beweggründe für diese Entscheidung skizziert er in seinen Aufzeichnungen.

Der zweite Teil "Bei nassem Schnee" beschreibt ein Schlüsselerlebnis des Erzählers aus jungen Jahren. Zufällig trifft er ein paar Schulbekannte wieder und lädt sich quasi selbst zu einem Abschiedsfest eines von ihnen ein. Der Abend gerät zu einer einzigen Demütigung. Durch sein egomanisches Verhalten bringt er die gesamte Gruppe gegen sich auf und wird schließlich allein zurückgelassen. Frustriert und im Suff sucht er ein Bordell auf, um seine Wut an einer Prostituierten auszulassen. Sein Opfer ist die zwanzigjährige Lisa und ihr gegenüberstehend empfindet der Erzähler plötzlich "die Gier nach Macht und Besitz. In meinen Augen flackerte die Leidenschaft, und ich drückte fest ihre Hände. Wie haßte ich sie, und wie zog es mich in diesem Augenblick zu ihr hin" (140). Doch Lisa zeigt ihm schließlich, was wahre moralische Größe bedeutet und führt ihm somit seine eigene Armseligkeit vor Augen.

"Aufzeichnungen aus dem Kellerloch" ist vor "Verbrechen und Strafe" erschienen. Und in der Tat lassen sich in dem Erzähler bereits Grundzüge des späteren Antihelden Raskolnikov erkennen. Dostojewskijs Fähigkeit, die Psyche eines Menschen mit literarischen Mitteln zu sezieren, bleibt bis heute unerreicht.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


34 von 36 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein neuer Blick in die Welt, 9. Juni 2004
Rezension bezieht sich auf: Aufzeichnungen aus dem Kellerloch (Taschenbuch)
Dieses kleine Buch, welches ich eigentlich nur zu lesen begann weil mich Nietzsches Kommentar auf der Rückseite aufmerksam werden ließ, hat mich mehr zum Nachdenken gebracht als sämtliche andere Bücher, die ich bislang las.
Die Geschichte, so übertrieben sie mir auf den ersten Seiten auch schien, fesselte mich immer mehr und ließ mich langsam aber sicher überall Parallelen erkennen, bei mir als auch bei anderen Menschen in meinem Umfeld.
Natürlich will niemand diese bösen Wahrheiten bei sich erkennen, die Dostojewski in aller Härte schildert, dennoch ist es ein sehr spannender Weg auf welchen man sich begibt, wenn man sich auf dieses kleine Büchlein einlässt, ein Weg, dessen Ende ich bislang noch nicht kenne.
Wer glaubt, sich selbst zu kennen, doch gerne einen zweiten Blick von außen nehmen möchte, dem empfehle ich dieses Buch von ganzem Herzen, obgleich ich glaube, dass man dieses Buch mehr als eine Parabel als eine Schilderung von Tatsachen betrachten sollte.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


17 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Philosophie eines Kellerlochmenschen, 1. März 2009
Da sitzt einer in einem Kellerloch und hält eine Brandrede gegen Fortschritt als Menschheitsziel und Glücklichsein als Lebenszweck. Es ist eine große Verweigerung den sozialen und humanen Ideen gegenüber, ein Plädoyer für das Individuum, das sich auch in Not und Elend in seiner Individualität behauptet, ja gerade erst durch diese Erfahrungen zu seiner Individualität findet. In psychologischer (nicht chronologischer) Hinsicht ist die Rede des Kellerlochmenschen gewissermaßen eine Antwort auf die Rede des Großinquisitors aus den Brüdern Karamasow. Der Großinquisitor steht für alles, was dem Kellerlochmenschen verhasst ist: Das Glück des Brotes, das Glück der Unfreiheit, das Glück der sinnstiftenden, kollektiven Ordnung. Der Kellerlochmensch lehnt all das ab, aber nicht im Namens eines anderen, anspruchsvolleren, besseren Glücksmodells, sondern weil er das stille Glück selbst als Lebensziel ablehnt:

"Denn vielleicht liebt der Mensch nicht allein die Glückseligkeit? Vielleicht liebt er im gleichen Maße auch das Leiden? Vielleicht ist für ihn das Leiden ebenso vorteilhaft wie die Glückseligkeit? Und zuweilen liebt der Mensch das Leiden fürchterlich, bis zur Leidenschaft. (...) Indessen bin ich davon überzeugt, dass der Mensch auf wirkliches Leiden, das heißt auf Zerstörung und Chaos, niemals verzichten wird."

Solche Gedanken standen schon im Zeitalter Dostojewskijs im Widerspruch zum humanistisch-sozialistischen Zeitgeist, galten als rückständig, politisch reaktionär, religiös verbrämt. Heutzutage käme wohl noch eine psychopathologische Klassifizierung hinzu. Wer das Glück der Herde so brüsk ablehnt, kann nicht ganz normal sein. Aber gerade das kann und will der Kellerlochmensch ja nicht sein. Er bezieht seinen Grenzposten, das Kellerloch und beunruhigt uns mit seinen Gedanken über Freiheit und Glück.

Der zweite, deutlich längere Teil der "Aufzeichnungen" gibt eine Episode aus dem Leben des Kellerlochmenschen wieder. Bevor er Philosoph im Kellerloch wurde, war der Kellerlochmensch Kanzleibeamter. Und schon damals ein Außenseiter, ein schwieriger, von Selbstzweifeln geplagter Mensch. Ein Abendessen mit ehemaligen Klassenkameraden wird zu einem Fiasko. Was immer er bei seinen Kameraden gesucht haben mag, er erhält Demütigungen und Erniedrigungen. Anschließend besucht er ein Freudenhaus und trifft dort auf die Prostituierte Lisa. Und hält ihr eine flammende Rede gegen die Prostitution. Für einen Augenblick sieht es so aus, als könnten die beiden Außenseiter einander retten. Aber der Kellerlochmensch ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt und im Grunde unfähig, sich einem anderen Menschen emotional zu nähern. Es ist die Geschichte von einem, der sich nicht in den Strom des Lebens und Liebens einfügen kann und will, der darunter leidet und doch seinem Leiden einen Sinn abringen will. Und sei es auch nur als Philosoph im Kellerloch.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Mensch als Drehorgelstift, 30. Juli 2010
Rezension bezieht sich auf: Aufzeichnungen aus dem Kellerloch (Taschenbuch)
Der namenlose tragische Held der "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch" von Fjodor M. Dostojewskij zieht sich angewidert von der Gesellschaft zurück, tut "nur aus Bosheit" nichts für seine Gesundheit (S. 7) und ergeht sich - "um wenigstens auf irgendeine Weise zu leben" (S. 22) - in seinen absonderlichen Phantasien: mal gerät er aufgrund eingebildeter Eifersucht außer sich, dann wieder ergötzt er sich an ausgedachten Zahnschmerzen (S. 19 ff.). Und wenn er sich doch in menschliche Gesellschaft begibt, so kennt die Pein keine Grenzen (Zweiter Teil: Bei nassem Schnee, S. 50 ff.). Auf der Suche nach Identität und Selbstachtung - bzw. einer "positive[n] Eigenschaft", "Titel und Bestimmung" (S. 24) - stellt er sich vor, wie angenehm es wäre, "ein Faulpelz und Vielfraß" (S. 25) zu sein.

Eine zentrale Rolle spielt die Kritik an dem Rationalismus, der Mitte des 19. Jahrhundert alles zu durchdringenden beginnt und der die Allmachtsfantasien der technisch-fortschrittsgläubigen "Tatmenschen" beflügelt, der Dostojewskijs Antihelden, welcher den Glücks- und Heilsversprechungen des Zeitgeistes zutiefst misstraut, dagegen ohnmächtig zurücklässt (eine rückblickende Zeitgeistanalyse aus sozialpsychologischer Perspektive findet sich in "Der Gotteskomplex" von Horst-Eberhard Richter). Denn der erzählende Protagonist denkt schonungslos zu Ende, was es bedeuten würde, wenn tatsächlich "alles erklärt, schwarz auf weiß ausgerechnet sein wird", um zu folgern, dass es "dieses sogenannte Wollen nicht mehr geben wird"; vielmehr verwandelte sich der Mensch dann "in einen Drehorgelstift" (S. 33). Die Reflektionen über die Freiheit des menschlichen Wollens kumulieren schließlich in der Frage: "was ist besser - billiges Glück oder erhabenes Leid?" Für das billige Glück steht der verachtete Kristallpalast, "als fragwürdiges Symbol des irdischen Paradieses" (Anmerkungen, S. 147 f.), wie es sich auch in Dostojewskijs späterem Werk findet.

Der absurde und abgründige Humor (ich habe schallend gelacht!) dieser Novelle erinnert an die älteren "Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen" von Nikolaj Gogol und ist auch ohne die epische Länge seiner späteren großen Romandramen ("Verbrechen und Strafe", "Böse Geister", "Der Idiot") ein echter Dostojewskij - quasi die ideale Einstiegsdroge!
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein brillanter erster Teil, 10. Februar 2009
Man hat Dostojewskijs 'Aufzeichnungen aus einem Kellerloch' den ersten existentialistischen Roman aller Zeiten genannt, und es stimmt, die Ähnlichkeiten zu Camus' "Der Fall" sind überdeutlich: Auch das "Kellerloch" besteht größtenteils aus dem uferlosen Redefluss eines verbitterten namenlosen Ich-Erzählers, der über die menschliche Natur reflektiert und über seinen Teil in der funktionierenden Gesellschaft reflektiert. Der Erzähler war Beamter in einer großen russischen Behörde; ein Beruf, der ihn zu einem gesichtslosen Zahnrad in einer gigantischen Maschine reduzierte. Wie, fragt er sich, kann ein denkender Mensch, mit einer eigenen Geschichte, eigenem Denkvermögen und eigener Identität dies ertragen?
Das Ziel, das ihn in seinen Berufsjahren beschlich, wurde er nie wieder los: Seit seiner Berentung sitzt er nur zu Hause, oder geht in St. Petersburg umher wie ein Geist: Er spricht mit niemandem, und niemand nimmt ihn wahr. Er ist der Prototyp des 'überflüssigen Menschen' ' jemand, der lebt, aber keine Funktion erfüllt; ein Mensch der unfähig scheint, das Leben eines anderen Menschen weder positiv noch negativ zu beeinflussen.

Den ersten Teil des Buches, die eigentlichen Aufzeichnungen, als brillant zu bezeichnen, wäre eine gotteslästerliche Untertreibung: Hier werden dem Leser Welten und Sichtweisen eröffnet, die er sein ganzes Leben lang nicht einmal erahnen konnte. Man reibt sich die Augen, und fragt sich, wie man so blind durch das Leben gehen konnte, und nicht die Dinge sehen konnte, von denen hier die Rede ist. Jede Seite ist wie ein Samenkorn, das in den Geist des Lesers gepflanzt wird, und dort Früchte trägt. Kurzum: Ich war begeistert ' aber dann gelangte ich zum zweiten Teil der Novelle "Anlässlich des nassen Schnees".
Hier setzt quasi die eigentliche "Handlung" der Geschichte ein, da der Erzähler Beschlüsse vornimmt, sein Leben zu ändern. Hier hat man früh den Eindruck, Dostojewski habe den Griff um seine Geschichte verloren, denn die Schritte des Protagonisten sind, gemessen an der Genialität seiner im ersten Teil demonstrierten Gedankenwelt, eher dürftig und absurd: Um sich selbst zu beweisen, dass er noch mit dem Leben anderer in Verbindung steht, nimmt er sich vor einen prachtvoll gekleideten Offizier auf der Straße anzurempeln, dem er täglich begegnet; ein Unternehmen, dessen Vorbereitung er seitenlang schildert, und das in zwei Zeilen vorübergeht, ohne dass sich dem Leser die Relevanz dieses Schritts erschliessen würde.
An anderer Stelle begibt sich der Erzähler auf der Suche nach Gesellschaft zu ein paar alten Schulfreunden, die ihm aber eigentlich verhasst sind. Nach einem gemeinsamen Abendessen besucht er mit ihnen ein Bordell, und trifft dort die junge Prostituierte Lisa: Er ist von ihrer gleichmütigen Existenz fasziniert, und verwickelt sie in ein Gespräch, dass den letzten Teil des Buches einnimmt.

Es ist in erster Linie dieser Teil, der die Bewunderung für die Novelle auf den letzten Drücker schmälert: Zum einen erscheint es ein wenig abgegriffen, dass der Autor wieder auf die Figur einer Hure zurückgreift, die ein scheinbar ehrloses Leben führt, aber im Herzen doch anständig ist, um seinem vergeistigten, weltschmerzgeplagten Protagonisten ein Gegenpol zu bieten ' denn dieses Stilmittel benutzte er bereits in 'Schuld und Sühne'; zum anderen verfällt der Autor beim moralischen Streitgespräch in ellenlange Wortkaskaden, die so gestelzt und trocken daherkommen, dass man kaum glauben kann, dass man hier den großen Dostojewski, Vater des realistischen Romans vor sich hat. Die Standpunkte beider Parteien erstrecken sich häufig über eine ganze Seite, und zeugen dabei von einem Sprachniveau und philosophischen Reflexionsvermögen, das zumindest die gedanklichen Dimensionen einer Prostituierten überschreiten dürfte.

Ich hatte gehofft, mein Genuss des ersten Teils, würde sich auf die gesamte Novelle erstrecken, dem war leider aber nicht so. Ich bin bereit, anzuerkennen, dass meine Übersetzung möglicherweise mitverantwortlich für meinen ungünstigen Gesamteindruck der Dialogsequenz ist, aber auch die Qualität der geäußerten Gedanken, sank mit dem zweiten Teil stark ab, so dass ich zum Schluss eher den Eindruck hatte, einer ellenlangen Moralpredigt beizuwohnen. Obwohl diese kurze Novelle zum besten und nachhaltigsten gehört, was ich seit langem gelesen habe, halte ich es für angebracht, dies anzumerken.
Ob man das "Kellerloch" gelesen haben sollte, steht dennoch vollkommen außer Frage.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Häutungen, 30. April 2006
Von 
kpoac - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Aufzeichnungen aus dem Kellerloch (Taschenbuch)
Eine Schlange überlebt nicht ohne Häutungen, bemerkte Nietzsche richtig. Dostojewski (F.D.) beginnt mit: Ich bin ein kranker Mensch … Ich bin ein bösartiger Mensch; seine feinsinnige Erzählung aus dem tiefsten Inneren eines Menschen, der dann, als er bemerkt, dass „ordentliche Menschen mit dem allergrößten Vergnügen“ über sich reden, auch er nun über sich reden möchte. Und in den Errungen- und Leidenschaften F.D. eingebettet ist nun auch dieser Mensch, der als „Sünder“ von sich zu berichten weiß und sich eine Strafe aufbürdet, die vielleicht in einer Entäußerung des Selbst wie eine Häutung erfolgen muss, um letztendlich in sich selbst zu überleben, auch wenn er sein Übermaß als Bewusstsein als schwere Krankheit empfindet. Der geschärfte Blick auf das „alles Herrliche und Erhabene“ zwang ihn wie unter einer Last stehend nicht nur das Schlimmste als Antipode zu sehen, sondern es auch zu tun. (Vergleiche lohnen sich mit dem Denkbaren und dem Lebbaren bei Rüdiger Safranski; [Wieviel Wahrheit verträgt der Mensch} oder dem ‚Kampf mit dem Dämon’ bei Stefan Zweig)

Die von F.D. herangezogene Metapher des Kristallpalastes (Gebäude der Londoner Weltausstellung 1851) dient der Darstellung der Übergröße einer äußeren Welt, die im Zuge des zunehmenden Kapitalismus kollektives Glück verheißen wird aber gleichzeitig die persönliche Freiheit durch die Zwänge der schon hier angezeigten globalen Kapitalwirtschaft einschränken wird. (vgl. Peter Sloterdijk: Im Weltinnenraum des Kapitals; hier habe ich den Verweis auf F.D. erhalten) F.D. übernimmt die Verteidigung der persönlichen Freiheit gegenüber kollektivem und abhängigen Glücks, die er als minderwertig festschreiben will, um letztendlich der Diktatur der Vernunft den Garaus zu machen.

Es ist eine sehr tiefsinniges Werk; F.D. hat es geschrieben in einer Zeit, die den Umbruch durch die industrielle Revolution persönlich erfahrbar machte und die zu einer neuen Identifikation des eignen Ichs führen musste. Seine Ideale der Freiheit sind es immer wieder, die den Vergleich und den Kampf eingehen müssen mit den von außen einwirkenden Positionen der Gesellschaft. Sich selbst nie zu verlieren ist sein Credo, auch wenn das Verhalten Strafe provoziert.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


16 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Häutungen, 1. Mai 2006
Von 
kpoac - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Eine Schlange überlebt nicht ohne Häutungen, bemerkte Nietzsche richtig. Dostojewski (F.D.) beginnt mit: Ich bin ein kranker Mensch … Ich bin ein bösartiger Mensch; seine feinsinnige Erzählung aus dem tiefsten Inneren eines Menschen, der dann, als er bemerkt, dass „ordentliche Menschen mit dem allergrößten Vergnügen“ über sich reden, auch er nun über sich reden möchte. Und in den Errungen- und Leidenschaften F.D. eingebettet ist nun auch dieser Mensch, der als „Sünder“ von sich zu berichten weiß und sich eine Strafe aufbürdet, die vielleicht in einer Entäußerung des Selbst wie eine Häutung erfolgen muss, um letztendlich in sich selbst zu überleben, auch wenn er sein Übermaß an Bewusstsein als schwere Krankheit empfindet. Der geschärfte Blick auf „alles Herrliche und Erhabene“ zwang ihn wie unter einer Last stehend nicht nur das Schlimmste als Antipode zu sehen, sondern es auch zu tun. (Vergleiche lohnen sich mit dem Denkbaren und dem Lebbaren bei Rüdiger Safranski; [Wieviel Wahrheit verträgt der Mensch} oder dem ‚Kampf mit dem Dämon’ bei Stefan Zweig)

Die von F.D. herangezogene Metapher des Kristallpalastes (Gebäude der Londoner Weltausstellung 1851) dient der Darstellung der Übergröße einer äußeren Welt, die im Zuge des zunehmenden Kapitalismus kollektives Glück verheißen wird aber gleichzeitig die persönliche Freiheit durch die Zwänge der schon hier angezeigten globalen Kapitalwirtschaft einschränken wird. (vgl. Peter Sloterdijk: Im Weltinnenraum des Kapitals; hier habe ich den Verweis auf F.D. erhalten) F.D. übernimmt die Verteidigung der persönlichen Freiheit gegenüber dem kollektiven und abhängigen Glück, das er als minderwertig festschreiben will, um letztendlich der Diktatur der Vernunft den Garaus zu machen.

Der Protagonist verharrt gegenüber der Utopie des Glücks in seiner schäbigen Petersburger Wohnung. Sowohl das Glück als kollektiver Nutzen eines fortschrittlichen Jahrhunderts noch das mögliche private Glück im zweiten Teil sind ihm wichtig. Er ist geblendet von seiner Vorstellung und interpretiert die äußere Welt gemäß seiner inneren Wirklichkeit und versäumt damit bewusst; bösartig im Handeln untermauert er seine Wirklichkeit, die dadurch vorbereitet, erst eintreten kann.

Es ist ein sehr tiefsinniges Werk; F.D. hat es geschrieben in einer Zeit, die den Umbruch durch die industrielle Revolution persönlich erfahrbar machte und die zu einer neuen Identifikation des eignen Ichs führen musste. Seine Ideale der Freiheit sind es immer wieder, die den Vergleich und den Kampf eingehen müssen mit den von außen einwirkenden Positionen der Gesellschaft. Sich selbst nie zu verlieren, ist sein Credo, „ein selbstständiges Wollen, was diese Selbstständigkeit auch kosten und wohin sie auch führen möge.“
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Mensch als Drehorgelstift, 11. Januar 2009
Der namenlose tragische Held der "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch" von Fjodor M. Dostojewskij zieht sich angewidert von der Gesellschaft zurück, tut "nur aus Bosheit" nichts für seine Gesundheit (S. 7) und ergeht sich - "um wenigstens auf irgendeine Weise zu leben" (S. 22) - in seinen absonderlichen Phantasien: mal gerät er aufgrund eingebildeter Eifersucht außer sich, dann wieder ergötzt er sich an ausgedachten Zahnschmerzen (S. 19 ff.). Und wenn er sich doch in menschliche Gesellschaft begibt, so kennt die Pein keine Grenzen (Zweiter Teil: Bei nassem Schnee, S. 50 ff.). Auf der Suche nach Identität und Selbstachtung - bzw. einer "positive[n] Eigenschaft", "Titel und Bestimmung" (S. 24) - stellt er sich vor, wie angenehm es wäre, "ein Faulpelz und Vielfraß" (S. 25) zu sein.

Eine zentrale Rolle spielt die Kritik an dem Rationalismus, der Mitte des 19. Jahrhundert alles zu durchdringenden beginnt und der die Allmachtsfantasien der technisch-fortschrittsgläubigen "Tatmenschen" beflügelt, der Dostojewskijs Antihelden, welcher den Glücks- und Heilsversprechungen des Zeitgeistes zutiefst misstraut, dagegen ohnmächtig zurücklässt (eine rückblickende Zeitgeistanalyse aus sozialpsychologischer Perspektive findet sich in "Der Gotteskomplex" von Horst-Eberhard Richter). Denn der erzählende Protagonist denkt schonungslos zu Ende, was es bedeuten würde, wenn tatsächlich "alles erklärt, schwarz auf weiß ausgerechnet sein wird", um zu folgern, dass es "dieses sogenannte Wollen nicht mehr geben wird"; vielmehr verwandelte sich der Mensch dann "in einen Drehorgelstift" (S. 33). Die Reflektionen über die Freiheit des menschlichen Wollens kumulieren schließlich in der Frage: "was ist besser - billiges Glück oder erhabenes Leid?" Für das billige Glück steht der verachtete Kristallpalast, "als fragwürdiges Symbol des irdischen Paradieses" (Anmerkungen, S. 147 f.), wie es sich auch in Dostojewskijs späterem Werk findet.

Der absurde und abgründige Humor (ich habe schallend gelacht!) dieser Novelle erinnert an die älteren "Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen" von Nikolaj Gogol und ist auch ohne die epische Länge seiner späteren großen Romandramen ("Verbrechen und Strafe", "Böse Geister", "Der Idiot") ein echter Dostojewskij - quasi die ideale Einstiegsdroge!
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Häutungen, 17. September 2008
Von 
kpoac - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Eine Schlange überlebt nicht ohne Häutungen, bemerkte Nietzsche richtig. Dostojewski (F.D.) beginnt mit: "Ich bin ein kranker Mensch ... Ich bin ein bösartiger Mensch"; seine feinsinnige Erzählung aus dem tiefsten Inneren eines Menschen, der dann, als er bemerkt, dass "ordentliche Menschen mit dem allergrößten Vergnügen" über sich reden, auch er nun über sich reden möchte. Und in den Errungen- und Leidenschaften F.D. eingebettet ist nun auch dieser Mensch, der als "Sünder" von sich zu berichten weiß und sich eine Strafe aufbürdet, die vielleicht in einer Entäußerung des Selbst wie eine Häutung erfolgen muss, um letztendlich in sich selbst zu überleben, auch wenn er sein Übermaß an Bewusstsein als schwere Krankheit empfindet. Der geschärfte Blick auf "alles Herrliche und Erhabene" zwang ihn wie unter einer Last stehend nicht nur das Schlimmste als Antipode zu sehen, sondern es auch zu tun.

Die von F.D. herangezogene Metapher des Kristallpalastes (Gebäude der Londoner Weltausstellung 1851) dient der Darstellung der Übergröße einer äußeren Welt, die im Zuge des zunehmenden Kapitalismus kollektives Glück verheißen wird aber gleichzeitig die persönliche Freiheit durch die Zwänge der schon hier angezeigten globalen Kapitalwirtschaft einschränken wird. F.D. übernimmt die Verteidigung der persönlichen Freiheit gegenüber dem kollektiven und abhängigen Glück, das er als minderwertig festschreiben will, um letztendlich der Diktatur der Vernunft den Garaus zu machen.

Der Protagonist verharrt gegenüber der Utopie des Glücks in seiner schäbigen Petersburger Wohnung. Sowohl das Glück als kollektiver Nutzen eines fortschrittlichen Jahrhunderts noch das mögliche private Glück im zweiten Teil sind ihm wichtig. Er ist geblendet von seiner Vorstellung und interpretiert die äußere Welt gemäß seiner inneren Wirklichkeit und versäumt damit bewusst; bösartig im Handeln untermauert er seine Wirklichkeit, die dadurch vorbereitet, erst eintreten kann. Wahre Größe einer Moral entdeckt er erst in seiner durch eine Frau im Bordell gespiegelten Armseligkeit.

Es ist ein sehr tiefsinniges Werk; F.D. hat es geschrieben in einer Zeit, die den Umbruch durch die industrielle Revolution persönlich erfahrbar machte und die zu einer neuen Identifikation des eignen Ichs führen musste. Seine Ideale der Freiheit sind es immer wieder, die den Vergleich und den Kampf eingehen müssen mit den von außen einwirkenden Positionen der Gesellschaft. F.D seziert den Menschen wie kein anderer, ihn zu lesen, ist eine Bereicherung. Sich selbst nie zu verlieren, ist sein Credo, "ein selbstständiges Wollen, was diese Selbstständigkeit auch kosten und wohin sie auch führen möge."

Sehr empfehlenswert!
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


1.0 von 5 Sternen Zur Ebook-Ausgabe: Bitter, bitter...., 15. August 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Nun, daß diese Ausgabe im Flattersatz gesetzt ist (wie übrigens alle Dostojewskij-Geier Ausgaben), ist traurig genug. Aber man kann hier die Verantwortung auf Amazon Kindle schieben: Es wird höchste Zeit, daß die Kindle-Software wieder die Möglichkeit des Wechsels zwischen Flatter- und Blocksatz anbietet! Daß dieses nicht möglich ist, ist ein großes Ärgernis für jeden, der gern und mit Genuß liest.

Allerdings: Daß hier der Anmerkungsapparat komplett unterschlagen wird (alle Links führen zu einer leeren Seite 'Anmerkungen'), ist eines Verlages wie Fischer unwürdig. Fällt das denn keinem auf?
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


‹ Zurück | 1 2 3 | Weiter ›
Hilfreichste Bewertungen zuerst | Neueste Bewertungen zuerst

Dieses Produkt

Aufzeichnungen aus dem Kellerloch
Aufzeichnungen aus dem Kellerloch von Fjodor M Dostojewskij (Taschenbuch - 1986)
EUR 4,80
Auf Lager.
In den Einkaufswagen Auf meinen Wunschzettel
Nur in den Rezensionen zu diesem Produkt suchen