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Zur Genealogie der Moral
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Die 1887 erschienene Streitschrift "Zur Genealogie der Moral" ist eine Ergänzung zu Nietzsches kurz zuvor veröffentlichter Darstellung Jenseits von Gut und Böse und spitzt dessen Gedankengang provokant zu. Worum es ihm im Kern geht, formuliert Nietzsche in aller Deutlichkeit gleich zu Beginn des Buches: "[U]unter welchen Bedingungen erfand sich der Mensch jene Werturteile gut und böse? und welchen Wert haben sie selbst?" (Vorrede, Nr. 3) Was ist Moral? Wer bestimmt, was moralisch, was 'gut' oder 'böse' eigentlich ist? Nietzsches Ansatz zu diesen Fragen beinhaltet alle, was ihn bis heute so faszinierend gestaltet und den Leser gleichzeitig doch in regelmäßigen Abständen zusammenzucken lässt: "Alles, was auf Erden gegen 'die Vornehmen', 'die Gewaltigen', 'die Herren', 'die Machthaber' getan worden ist, ist nicht der Rede wert im Vergleich mit dem, was die Juden gegen sie getan haben, die Juden, jenes priesterliche Volk, das sich an seinen Feinden [...] zuletzt nur durch eine radikale Umwertung von deren Werten, also durch einen Akt der geistigen Rache Genugtuung zu schaffen wußte. [...] Die Juden sind es gewesen, die gegen die aristokratische Wertgleichung (gut = vornehm = mächtig = schön = glücklich = gottgeliebt) mit einer furchteinflößenden Folgerichtigkeit die Umkehrung gewagt und mit den Zähnen des abgründlichsten Hasses [...] festgehalten haben, nämlich 'die Elenden sind allein die Guten, die Armen; Ohnmächtigen, Niedrigen sind allein die Guten [...] dagegen ihr, ihr Vornehmen und Gewaltigen, ihr seid in alle Ewigkeit die Bösen, die Grausamen, die Lüsternen, die Unersättlichen, die Gottlosen'" (Erste Abhandlung, Nr. 7).

Mit der jüdisch-christlichen Religion beginnt für Nietzsche der "Sklavenaufstand in der Moral" (Erste Abhandlung, Nr. 10), der alles Starke und Edle für böse erklärt und im Gegensatz Schwäche und Demut sublimiert und moralisch für gut erklärt. Träger dieser Sklavenmoral sei seit 2000 Jahren das Christentum, gegen das Nietzsche immer wieder heftig zu Felde gezogen ist, am deutlichsten in seiner Polemik Der Antichrist: Versuch einer Kritik des Christentums.

Nietzsches Ideal ist der Mensch, der die Kraft hat, sich über die herrschenden Grundsätze der Moral hinwegzusetzen und aus sich selbst heraus neue Werte schafft: "Dieser Mensch der Zukunft [...] dieser Glockenschlag des Mittags und der großen Entscheidung, der den Willen wieder frei macht, der der Erde ihr Ziel und dem Menschen seine Hoffnung zurückgibt, dieser Antichrist und Antinihilist, dieser Besieger Gottes und des Nichts - er muß einst kommen..." (Zweite Abhandlung, Nr. 24). Diesen Menschen, der sich selbst Quelle aller Moral ist, bezeichnet Nietzsche unvergesslich als Übermenschen.

Noch heute wird man von der Wucht dieser Philosophie und seiner hämmernden Rhetorik mitgerissen, so dass sich der heutige Leser kaum noch vorstellen kann, wie wohl Nietzsches Zeitgenossen gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf seine Schriften reagiert haben. Seine radikale Ablehnung der jüdisch-christlichen Moralvorstellungen, die in Europa bis dahin unangefochten den Diskurs von gut und böse dominiert hatte, stellte etwas Ungeheuerliches und quasi eine Art Sündenfall der abendländischen Philosophie dar.

Seine Diktion sowie seine Rhetorik gestaltete es für die Nazis recht einfach, ihn für ihre Weltanschauung zu instrumentalisieren. Und in der Tat fällt es sehr schwer, einige Stellen des Buches zu lesen, ohne an den späteren Verlauf der deutschen Geschichte zu denken: "Die Größe eines "Fortschritts" bemißt sich sogar nach der Masse dessen, was ihr alles geopfert werden mußte; die Menschheit als Masse dem Gedeihen einer einzelnen Spezies Mensch geopfert - das wäre ein Fortschritt" (Zweite Abhandlung, Nr. 12). Diese stärkere "Spezies Mensch" zeichnet sich für Nietzsche allerdings nicht durch den Besitz bestimmter körperlicher Eigenschaften aus, sondern bezieht sich auf die Fähigkeit und den Willen eines Menschen, sich über die althergebrachten Moralvorstellungen hinwegzusetzen und aus sich selbst heraus Werte zu schaffen.

Fazit: Rhetorisch brillant, inhaltlich provokant und bis heute faszinierend und mitreißend. "Zur Genealogie der Moral" eignet sich auch gut als Einstieg für den Nietzsche-Anfänger, da hier zentrale Konzepte seines Denkens in aller Klarheit dargestellt werden und gleichzeitig deutlich wird, was ihn bis heute zu einem der am kontrovers diskutiertesten Philosophen macht.
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am 7. Februar 2011
Friedrich Nietzsche (1844-1900) wertete wie kein anderer Denker vor ihm sämtliche gesellschaftlichen, menschlichen, politischen, künstlerischen und geschichtsdominanten Werte um. Seine Philosophie ist eigentlich eine lebensbejahende Philosophie, seine ganze Gedankenwelt dreht sich darum, einen neuen Menschentypus zu schaffen, einen "Übermenschen", einen über sich hinauswachsenden Menschen, der das nichtige, sinnlose, sich in Ewigkeit wiederholende Leben trotzdem bejaht und sich somit durch seinen Willen zur Macht zum dyonisischen Herrscher erhebt. Nietzsche kritisierte Sämtliches. Sein größter Hass jedoch galt dem Christentum mit seiner falschen, schwächenden Mitleidsmoral, sowie jeder Art von Scheinerkenntnissen und Oberflächlichkeit. Der so genannte hochgepriesene "Gutmensch" war für ihn alles andere als gut, der Mensch war geboren um zu herrschen und zu leben und nicht um sich unterdrücken zu lassen und dem schönen Schein zu erliegen. Er überwarf sich im Laufe seines Lebens mit sämtlichen großen Vorgeistern, wie Kant, Hegel, John Locke, aber auch mit seinen früheren Freunden Schopenhauer und Richard Wagner.
In seinem letzten Werk "Ecce Homo", worin Friedrich Nietzsche sich mit seiner eigenen Gedankenwelt befasst, schreibt Nietzsche über sein Werk "Genealogie der Moral" folgendes:

"Genealogie der Moral .. Die Wahrheit der ersten Abhandlung ist die Psychologie des Christentums: die Geburt des Christentums aus dem Geiste des Ressentiment, nicht, wie wohl geglaubt wird, aus dem "Geiste", - eine Gegenbewegung ihrem Wesen nach, der große Aufstand gegen die Herrschaft vornehmer Werte. Die zweite Abhandlung gibt die Psychologie des Gewissens: dasselbe ist nicht, wie wohl geglaubt wird, "die Stimme Gottes im Menschen", - es ist der Instinkt der Grausamkeit, der sich rückwärts wendet, nachdem er nicht mehr nach außen hin sich entladen kann."

Zum Einen geht es Nietzsche in diesem Werk darum, das so genannte "Gute" und so genannte "Böse" zu hinterfragen. Womöglich ist das, was die Menschen unter "gut" verstehen, gar nicht so gut. Nietzsche verabscheut die "Gutmenschen", denn sie sind es, die den Menschen unterdrücken und schwächen. Die Moral muss laut Nietzsche erst entdeckt werden, denn er unterscheidet nur zwischen Herren- und Sklavenmoral, beides hat aber nichts mit Ethik zu tun, im Gegenteil, die Sklavenmoral entstand aufgrund der christlichen Lehre: schwache, kranke, ohnmächtige, niedrige, hässliche, arme und leidende Menschen wendeten sich mithilfe des asketischen Priesters gegen alle starken Lebensregungen, gegen Lebenslust und Lebenswille indem sie das gesamte natürliche Leben unterdrückten und als böse titulierten. Dies ist der größte Vorwurf Nietzsches gegen die christliche Religion, die es geschafft hat, dem Menschen für jede seiner menschlichen Regungen, ein schlechtes Gewissen einzureden. Ressentiment nennt er dieses falsche, schlechte Gewissen, das nichts anderes ist als "rückwärts gewendete Grausamkeit". Der Mensch lernt von Klein auf sich seiner Instinkte und seiner Stärken zu schämen, denn er soll seinen Nächsten lieben und ein guter Mensch, mit guten Gedanken sein. Das führt aber nur dazu, dass der Mensch seines Nächsten überdrüssig wird, der Mensch ermüdet, die Nächstenliebe, die Anpassung, die Gewohnheit, die fixen Ideen machen müde, denn sie verkleinern den Menschen. Der Gottesglaube hat seinen Ursprung in der Furcht und stilisiert sich zum Willen zum Nichts, zum Willen gegen das Leben selbst. Furcht vor den Menschen ist aber für Nietzsche eine Vorbedingung für die Ehrfurcht und Liebe. Nächstenliebe, wie sie von der Kirche gepredigt wird, mündet in Verachtung des Nächsten. Heute ist es schön ersichtlich, wohin die gut gemeinten Missionierungen und Einmischungen in der Welt geführt haben. Selbst im kleinen, eigenen Umkreis muss man sich eingestehen, dass man seinem Nächsten nichts Gutes tut, wenn man sich in seine Angelegenheiten mischt und sich einbildet, ihm behilflich sein zu können. Denn jeder der einem anderen hilft tut es nur deshalb, um sich selbst stark zu fühlen und um Macht über denjenigen ausüben zu können. Ich glaube nicht, dass es viel Hilfsbereitschaft unter den Menschen geben würde, wenn nicht jeder Helfer dadurch entweder Geld, Ansehen oder Macht und Eigenstärke gewinnen würde.

Dass heute die Religion des Christentums im Sterben begriffen ist, hat Nietzsche schon erkannt, er hat auch erkannt, dass der Atheismus eigentlich nichts anderes ist als eine Zuspitzung des christlichen Glaubens:
"Der unbedingte redliche Atheismus (- und seine Luft allein atmen wir, wir geistigeren Menschen dieses Zeitalters!) steht demgemäß nicht im Gegensatz zu jenem Ideale, wie es den Anschein hat; er ist vielmehr nur eine seiner letzten Entwicklungsphasen, eine seiner Schlussformen und inneren Folgenichtigkeiten, - er ist die Ehrfurcht gebietende Katastrophe einer zwei tausendjährigen Zucht zur Wahrheit, welche am Schluss sich die Lüge im Glauben an Gott verbietet."

"Zur Genealogie der Moral" übte großen Einfluss auf Freuds Psychoanalyse und wurde, nachdem einige Passagen von Nietzsches Schwester Elisabeth Förster Nietzsche gefälscht wurden, von den Nazis als ideologische Vorlage herangezogen. Nietzsche selbst war kein Nationalsozialist oder Faschist, im Gegenteil, jede Art von Nationalismus und Antisemitismus verurteilte er.

Hier noch ein paar der besten Sätze in diesem Werk:

Ist heute schon genug Stolz, Wagnis, Tapferkeit, Selbstgewissheit, Wille des Geistes, Wille zur Verantwortlichkeit, Freiheit des Willens vorhanden, dass wirklich nunmehr auf Erden "der Philosoph" - möglich ist?

Man versteht mich bereits: dieser asketische Priester, dieser anscheinende Feind des Lebens, dieser Verneinende, - er gerade gehört zu den ganz großen konservierenden und Ja-schaffenden Gewalten des Lebens... Woran sie hängt, jene Krankhaftigkeit? Denn der Mensch ist kränker, unsicherer, wechselnder, unfestgestellter als irgendein Tier sonst, daran ist kein Zweifel, - er ist das kranke Tier: woher kommt das? Sicherlich hat er auch mehr gewagt, geneuert, getrotzt, das Schicksal herausgefordert als alle übrigen Tiere zusammen genommen: er, der große Experimentator mit sich, der Unbefriedigte, Ungesättigte, der um die letzte Herrschaft mit Tier, Natur und Göttern ringt, - er, der immer noch Unbezwungene, der ewig-zukünftige, der vor seiner eigenen drängenden Kraft keine Ruhe mehr findet, so dass ihm seine Zukunft unerbittlich wie ein Sporn im Fleische jeder Gegenwart wühlt.

Die von vornherein Verunglückten, Niedergeworfenen, Zerbrochenen - sie sind es, die Schwächsten sind es, welche am meisten das Leben unter Menschen unterminieren, welche unser Vertrauen zum Leben, zum Menschen, zu uns am gefährlichsten vergiften und in Frage stellen.

...wie als ob Gesundheit, Wohlgeratenheit, Stärke, Stolz, Machtgefühl an sich schon lasterhafte Dinge seien, für die man einst büßen, bitter büßen müsse: o wie sie im Grunde dazu selbst bereit sind, büßen zu machen, wie sie danach dürsten, Henker zu sein.

Das Übergewicht des Mandarinen bedeutet niemals etwas Gutes: sowenig als die Heraufkunft der Demokratie des Friedens-Schiedsgerichte an Stelle der Kriege, der Frauen-Gleichberechtigung, der Religion des Mitleids und was es sonst alles für Symptome des absinkenden Lebens gibt.
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19 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 27. März 2007
Einen besseren Einstieg in Nietzsches Denken kann man sich gar nicht träumen lassen. Zwar ist der Zarathustra sein Hauptwerk, doch habe ich persönlich die Erfahrung gemacht, dass man den Zarathustra nur mit seinen anderen Werken im Hinterkopf so richtig verstehen kann.

Für diesen Preis sollte man sich das Werk auf jeden Fall zulegen, zumal man es sicherlich nicht nur einmal lesen wird.

Oft lese ich Nietzsche einfach nur, um mich an seinem ihm ganz eigenen, unverwechselbaren Sprachstil und seiner Suggestionskraft zu ergötzen. Vor allem dieses Buch ist zu solchem Zwecke gleich zur Hand.

Inhaltlich legt er eine kühne Moralgeschichte und Moralwertung vor, die an Sprengkraft seinesgleichen sucht.
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am 11. Juli 2015
„Wer bloß an meiner Pflanze riecht, der kennt sie nicht, und wer sie pflückt, bloß, um daran zu lernen, kennt sie auch nicht.“ Friedrich Hölderlin, Hyperion

Einer bestimmten Art von Dasein wird hier zu ihrem Recht verholfen. Dieses Buch liefert konkrete Antworten, vielmehr gibt einen Zuspruch – wohlwollend, ja – liebevoll – zu einer der (in einem selbst) herrschenden Moral entgegengesetzten Willensäußerung. Manch einer der Menschen wird bisweilen mit den Worten Martin Luthers geklagt haben: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen.“ (Wikipedia: „[Da] … mein Gewissen in den Worten Gottes gefangen ist, ich kann und will nichts widerrufen, weil es gefährlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen.“) Eine Rückbesinnung auf einen Gott, namentlich einen Gott, der Gott genannt wird, wird bei Nietzsche –tja - findet nicht statt. Dieses „asketische Ideal“ (Ist es eins?) verhilft nun Nietzsche gerade, das Hilferufen und nichts anderes als Klagen zu verwandeln in eine Selbstbehauptung, Selbstrechtfertigung und einen beherzten „Willen zur Macht“ (Ist es so?). Da Nietzsche in seinen Betrachtungen verhältnismäßig weit zu den Ursprüngen und den Begründungen menschlichen Seins (im kognitiven Bereich) zurückgegangen ist – und er ist tatsächlich dort hin gegangen, sein Forschen gleichsam als Ausdruck seines Lebens – kann nunmehr von einer schlichten, unbewussten, naiven Rechtfertigung seines Willens zur Macht nicht mehr die Rede sein. Sein Nicht-anders-können verbleibt eben nicht in hilflosem (aussichtslosen?) Klagegeschrei. Dieser Mensch weiß sich zu helfen… Er erkennt die Forderungen seiner (und überhaupt) Instinkte, die Zusammenhänge und die Entwicklung, die ein Individuum notwendig erleidet, sobald eine äußere Macht auf dieses einwirkt und somit dessen Machtanspruch und Machtbewusstsein notwendig schwindet. Nach der Explikation einer solchen Evolution der Moral steht folglich die Explikation des Explizierten an. Nietzsche spricht hier immer wieder von einem Kraftakt, der das menschliche Ermessen zu überschreiten scheint und der damit auf eine post-menschliche Existenz hinweist.

„Die drei Abhandlungen, aus denen diese Genealogie besteht, sind vielleicht in Hinsicht auf Ausdruck, Absicht und Kunst der Überraschung, das Unheimlichste, was bisher geschrieben worden ist.“ Friedrich Nietzsche, Ecce homo

Wem ist nun mit einer solchen Genealogie der Moral geholfen? Wer zieht sich sowas rein? Freilich setzt der Autor auch gewisse Hoffnungen darauf, dass einer – freilich die wenigsten – „ihn verstehen“. Aber was soll das heißen? Bedient nicht alles, was je geschrieben, ja – gesagt worden ist das Instrument des Geäußerten, nämlich einer mehr oder weniger zufälligen Rezipientenschaft den Genuss der Lektüre und Unterhaltung zu verschaffen? Die Forderungen der Urheber nach einem Verständnis ihrer Schriften, nach Gefälligkeit und nach der Zustimmung einer Meinung werden doch wohl auf einer breiten Skala von Verstehe-ich-sehr bis Verstehe-ich-null – ja, wer wollte einer solchen Skala einen Namen geben? – bis zur Unkenntlichkeit, bis eine einheitliche Eigenschaft des Angesprochenen nicht mehr relevant scheint und notwendig ausgeschlossen werden kann, gestreckt. Das Mehr-oder-weniger kommt zu seinem vollen Recht. Die Entscheidung der Relevanz verbleibt ausschließlich im Subjektiven, bleibt individuell…

Mit derselben Konsequenz bleibt es für mich darüber zu sprechen, wie mir persönlich eine solche Schrift gefällt und auf welche Weise ich über eine allgemeine Gefälligkeit und eine Gefälligkeit im Besonderen urteile. Wer wird nun eine solche Schrift lesen? Wer wird nun (mehr oder weniger) nicht anders können, als dass ihm diese (mehr oder weniger) gefällt?
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am 19. März 2014
Friedrich Nietzsche ging es in seiner Streitschrift um keine Herleitung einer neuen Moral, sondern er wollte die etymologischen Vorraussetzungen und deren Entwicklungen der heutigen Wertebegriffe nachvollziehen, um die Motive des Menschen für sein heutiges Handeln freizulegen. Was verleiht einem Wert seinen Wert ?, fragt sich Nietztsche.
In der ersten Abhandlung seiner Genealogie, weist er zunächst die utilitaristische Moralkonzeption, die durch Nützlichkeit und Gewohnheit, den Werten ihre Bestimmung gibt zurück. Vielmehr spricht er von einem " Pathos der Distanz ", wonach in der Geschichte die Vornehmen und Mächtigen, sich zu den wertebestimmenden Instanzen erhoben haben und den Dingen ihren Namen aufsetzten. Es ist die Macht der Vergeltung, welche die, die sie auszuführen verstehen, bemächtigt Normen und Werte zu definieren, während die, welche sie nicht auszuführen verstehen und sich stattdessen unterdrücken lassen, als schlecht zu gelten haben. Auf diese Weise zeichnen sich die Guten, aufgrund ihres gemeinsamen Strebens nach Vergeltung, als eine gemeinschaftliche Kaste und die schlechten als eine ohnmächtige unterdrückte Masse aus.

Nietzsche möchte mithilfe eines hermeneutischen Verfahrens aufweisen, dass die Wertebestimmung keinen objektiven Maßstäben entspricht, sondern auf Spannungsverhältnissen in der Sprache zurückzuführen ist. Sein Ziel stellt die Entlarvung moralischer Sinngebungen dar, die durch einen philologischen Rückgang aufgedeckt werden können. Für Nietzsche haben Werte nichts mit richtig oder falsch zu tun, stattdessen stellen sie Interpretationen des Lebens dar, die sich durch unterschiedliche gesellschaftliche Ebenen aufschlüsseln lassen. Gut und schlecht, seien so das Etymologische Produkt, jeweiliger sozialer Gruppen, wie den Vornehmen gegenüber den Gemeinen, aus denen sich dann die verschiedenen moralischen Urteile ableiten lassen. Seine Genealogie stellt daher eine Semiotik der Entschlüsselung, der vorherrschenden Werte dar und zeigt im weiteren Verfahren, die Entstehung einer Sklavenmoral und die damit verbundene Rettung durch asketische Ideale auf.
Das ursprüngliche " Pathos der Distanz ", bei dem der leidende Sklave unter den Moralvorstellungen der Mächtigen zu leiden hatte, bewirkte die Entstehung eines Ressentiments, dass sich gezwungen sah, infolge seiner Sublimierung der Affekte, sich eine imaginäre, intellektuelle Welt zu phantasieren, um die Herrenmoral, inform einer Religion zu transzendieren. Diese Entwertung der Werte und die damit auftauchende nihilistische Grundtendenz, musste durch ein asketisches Ideal kompensiert werden, um der ziellosen Leere, dem " Horror Vacui " zu entkommen. Denn ohne ein Ziel geht der menschliche Wille zugrunde, " und eher will er noch das Nichts wollen, als nicht wollen ", formuliert Nietzsche zu Beginn des dritten Abschnittes. Das asketische Ideal vermag es, dem degenerierenden Leben der heillosen Menschen wieder Hoffnung zu verleihen und der diesseitigen, sinnlichen Welt, eine jenseitige, höhere Welt gegenüberzustellen.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass der nach Sinn und Auslegung bedürftige Mensch, die christlichen moralischen Werte, wie Nächstenliebe, Askese und Mitleid vom priesterlichen Demagogen gerne annahm. Doch Nietzsche sieht hierbei die Gefahr, dass die Höherwertigen, Mächtigen und Erhabenen, durch die Vorherrschaft des Ressentiments, ebenfalls zu einer Art domestizierten Haustieres verkommen, die dann schließlich alle einer wohlgeformten Masse gleichen.
Am Ende möchte ich Nietzsche selber noch einmal zu Wort kommen lassen, um seinen Ausblick auf eine Welt jenseits der Ideale zu zeigen. Einer Welt des zukünftigen Übermenschen, die Heimat seines Zarathustra.

" Dieser Mensch der Zukunft, der uns ebenso vom bisherigen Ideal erlösen wird, als von dem, was aus ihm wachsen musste, vom großen Ekel, vom Willen zum Nichts, vom Nihilismus, dieser Glockenschlag des Mittags und der großen Entscheidung, der den Willen wieder frei macht, der der Erde ihr Ziel und dem Menschen seine Hoffnung zurückgibt. "
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am 3. Dezember 2014
Für mich eines seiner besten Bücher. Sehr gewagte Aussagen, die Zeit erfordern um sie im Leben zu erproben. Leider jedoch stimmt das meiste hier angeführte. Wer Nietzsche mag kommt hier auf seine Kosten. Einzig und allein die Qualität des Buches ist eher mau. Dafür aber gut zum mitnehmen.

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am 30. Oktober 2012
Das Werk ist viel klarer geschrieben als "Jenseits von Gut und Böse" und gibt eine optimale Einführung in Nietzsches Philosophie!
Deswegen hat es Nietzsche auch dem "Jenseits" "zur Verdeutlichung beigegeben."
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25 von 38 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 31. Mai 2000
Die Genealogie zur Moral ist, abgesehen von Nietzsches Debut-Werken, das einzige Buch in welchem seine Aphorismen gegliedert und geordnet geschrieben sind. Ob Gilles Deleuze recht hat in dem er sagt, dass dieses Buch eine Antwort auf Kants "Kritik der reinen Vernunft" sei, das mag dahingestellt sein, doch scheint mir dieses Buch der bestmöglichste selbstständige Einstieg in Nietzsches Denken zu sein.
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5 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 18. August 2006
die genealogie der moral ist ein ausgezeichneter einstieg in nietzsches werk, da hier die grundlegenden aspekte seiner philosophie angerissen und beleuchtet werden. der überaus gelungene stil verleitet leicht dazu, das werk als bettlektüre zu "missbrauchen" und wesentliche gedanken zu überlesen, da man oft von der amüsanten sprache hingerissen wird. dabei steckt sehr viel mehr hinter den worten, als man beim ersten lesen vermutet. interessant ist es auch, wenn man die gedanken der genealogie mit späteren werken vergleicht.

fazit: für philosophiestudenten und -interessierte eine basislektüre, aber auch für "normalsterbliche" empfehlenswert!
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am 21. August 2013
keine Umwege um es auf den Punkt zu bringen,wahrhaftig,leicht und aus dem innersten heraus ein Buch das man öfter lesen kann.
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