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4.0 von 5 Sternen Die Glückseligkeit ist nicht der Lohn der Tugend, sondern die Tugend selbst, 27. November 2010
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Rezension bezieht sich auf: Universal-Bibliothek Nr. 851: Die Ethik ( Lateinisch und Deutsch ) (Taschenbuch)
Was macht Spinoza so besonders? Wie kommt es, daß die Ethik zu einer der Hauptquellen des deutschen Idealismus geworden, obwohl dieser doch gerade durch Kant, der eben diesen dogmatischen Schlummer überkommen zu haben schien, in Bewegung gekommen war?
Spinozas Ethik erschien postum. Schon sein theologisch-politischer Traktat hatte das Geistesleben gegen ihn aufgebracht. Jahrzehntelang wurden seine Bücher illegal gehandelt. Was machte sein Denken so gefährlich? Waren es nie gedachte Gedanken, ausgeführt mit dem Ziel, alle überkommene Ordnung zu stören?

Und hier kommen wir an den Punkt, wo Spinozas Ethik sich selbst offenbart: im dritten Teil, der über die menschlichen Affekte handelt, nennt er in einer Anmerkung, daß selbst Menschen, die einst Werke gegen die Ruhmsucht und Eitelkeit geschrieben hätten, doch sich nicht die Eitelkeit nehmen ließen, ihren Namen auf das Titelblatt zu setzen.
Nicht so bei Spinoza. Natürlich lag es auch daran, daß er sich vor Verfolgung zu schützen hatte - so beim theologisch-politischen Traktat, den er anonym unter falschem Verlagsort herausgeben ließ, was zur Tarnung allerdings nicht lange vorhielt - doch berief er sich damit zugleich auch auf seine eigene Überzeugung:
Sein Wissen ist nichts Neues, nicht einmal ist es die Methode, die er zu seiner Darstellung anwendet:
Descartes bereits hatte die geometrische Methode zur Gliederung seiner Gedanken bemüht, die auf Euklids Geometrie zurückgeht.
Seine Erkenntnis aber, so radikal und so anders sie erscheint, sie ist ein ledigliches Enstauben einer Wahrheit, die schon immer gewesen ist - eine Wiederaufbereitung dessen, was durch Jahrhunderte der Dunkelheit verloren schien.

Die Terminologie Spinozas in der Ethik hat bisweilen zu Irritationen geführt, doch schlägt man die erste Seite des ersten Buches auf, so werden all diese Ungereimtheiten, die man durch Hörensagen oder das Lesen von Stellen, die darauf aufbauen (was im Falle der Ethik nahezu das gesamte Werk ist) erfahren hat, sich nach und nach klären. Gott ist Natur ist Substanz.

Hier zeigt es sich: wie neu kann diese Erkenntnis sein?
Vergleichen wir den Inhalt dieser philosophischen Gleichung mit den ersten Versen des Johanesevangeliums:

"Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist." Joh. 1:3

oder

"Es war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbe gemacht; und die Welt kannte es nicht." Joh. 1:10

oder aus der Apostelgeschichte Paulus:

"Denn in ihm leben, weben und sind wir." Apg. 17:28.

Spinozas Ethik ist ein Modus, diese Erkenntnis zu beleben und für die aufgeschlossenen Menschen greifbar zu machen. In seinem Briefverkehr schreibt er explizit, was er lehre, sei nichts anderes, als was der Apostel Johannes gelehrt habe. Spinoza als ein Aufrührer? Vielmehr der Typus des modernen Menschen schlechthin.
Denn obwohl die Ethik also nichts predigt was nicht schon die Stoiker oder Paulus gesagt haben mögen, obwohl das, was wir am Buddhismus und östlichen Religionen so faszinierend finden ("Leben ist Leiden, der Weg aus dem Leiden ist das Erkennen des Leidens" als Weisheit Buddhas ist im Stoizismus gleichwohl zu finden und bei Spinoza durch das dritte Buch der Affekte ausführlich dargestellt) seiner Lehre enthalten ist, ist er doch nicht ein Philosoph der Religion:

Das, was Spinozas Ethik auf den Punkt bringt ist die vollkommene Vereinbarkeit von Wissenschaft und Religion, ein Plädoyer für Toleranz und Frieden.
Seine Darstellung des Wesens des Menschen ("Die Begierde ist das Wesen des Menschen selbst."), oder noch klarer die der Einzelwesen allgemein ("Ein jedes Ding kann nur von einem anderen zerstört werden/Jedes Ding trachtet danach in seinem Sein zu verharren) bildet den konstruktiven Ansatz, ohne den Werke wie Darwins The Origin of Species nicht denkbar gewesen wären. Einstein bekannte sich zum Gott Spinozas, wie auch Goethe sich nach der Lektüre der Ethik von einer Harmonie beseelt fühlte, nach der er lange gesucht hatte. Heutzutage sind es Neurowissenschaftler wie Damasio, die aufbauend auf Spinoza (Der Spinoza-Effekt) noch immer Neuland betreten, im Sinne der Aufklärung, die längst nicht beendet ist.

Nun, und wie kommt es nun dazu, daß dieser niederländische Philosoph mit jüdisch-portugiesischen Wurzeln diesen so anfangs von der kritischen Methode gezeichneten Prozeß des deutschen Idealismus übernehmen konnte? Es mag daran liegen, daß die kritische Philosophie selbst ohne Mitte ist - der Zweifel und die Untersuchung können, wie Descartes erlebt hat, bis ins Endlose fortschreiten. Da wo Descartes an den Rand des unentrinnbaren Zweifels trat, schob er sich selbst Gott als Riegel vor. Das ist leider die Ungereimtheit sowohl an Descartes als auch an Kant, daß beide ihren methodischen Zweifel im Laufe ihres Oevres vernachlässigen ohne es auf ein Prinzip zu beziehen, das es rechtfertigen würde.
Bei Spinoza steht die Substanz in der Mitte und alles was ist, alles Phänomenologische, ist eine bloße Art des Ausdrucks dieser Substanz, ein Modus derselben. Es hat ein Fundament, was sich in tausend Bildern widerspiegelt, aber niemals selbst gesehen werden kann.

Vor diesem Hintergrund erhellt sich auch das Vorspiel im Himmel zu Goethes Faust, wo Gott keine Person ist, nur eine Stimme, während Mephisto, das Böse eine Gestalt hat und letztlich doch immer Gott in die Hände spielt. Dies wiederum ist ein vollkommenes Bild für Schellings Freiheitsschrift, die, als Schlüsselwerk des deutschen Idealismus, trotz poetischer Entfaltung der Problematik von Freiheit und Notwendigkeit, in Hinblick auf Spinoza für nichts anderes als einen stilistisch-vollendeten Kommentar zum fünften Buch der Ethik gelten kann.

Im Film 'Die fabelhafte Welt der Amelie' heißt es: "Monsieur, wenn ein Finger zum Himmel zeigt, schaut nur ein Dummkopf den Finger an." Wir sind keineswegs Dummköpfe, Spinozas bemerkenswertes Leben und Werk für sich zu betrachten, die bestechende Klarheit und die nach wie vor geltenden Ideen und ihre Entstehung sind viele und ausführliche Betrachtungen wert - doch gleichzeitig darf man nicht vergessen, daß er nur auf etwas deutet: kein Jenseits, sondern die Verbundenheit der Dinge durch einen gemeinsamen Nenner.

Es ist für jeden aufgeschlossenen Menschen zu empfehlen. Für das Werk selbst ist Sternevergabe beinahe schon ein Witz, für die Neuauflage von Reclam gebe ich allerdings nur vier Sterne, denn kleine Abänderungen zur ursprünglichen Übersetzung von Jakob Stern fand ich nicht wirklich nötig, zum Beispiel dort, wo "Wohlbehagen" und "Mißbehagen" durch "Lust" oder "Melancholie" ersetzt wurden. Das ist meines Erachtens eher irreführend, aber durch den parallel abgedruckten lateinischen Text für die Verständigen keine Beeinträchtigung.
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17 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Rationalismus für den Menschen, 28. November 2003
Rezension bezieht sich auf: Universal-Bibliothek Nr. 851: Die Ethik ( Lateinisch und Deutsch ) (Taschenbuch)
Die Philosophie von Spinoza macht eine beeindruckende Wende vom Descartes'schen Dualismus zu einer einheitlich geformten Weltsicht, in der der menschliche Größenwahn und die Illusion des freien, von der Welt abgehobenen Willens keine Chance mehr hat - und das mittels einer übersehbaren, logisch geführten Argumentation. Besonders beeindruckend ist etwa die Demonstration aller Affekte aus den ursprünglichen drei Begehren, Lust und Unlust. Aber im Vergleich zum deprimierenden alles-ist-schrecklich-Determinismus, wie man ihn etwa im Werk Schopenhauers finden kann oder der kalten Nutzensberechnung der Utilitaristen ist diese Philosophie lebendig, weil sie Mensch und Welt in einer zwar nicht unbedingt harmonischen (das wäre scheinheilig), aber doch erfassbaren und erlebbaren Einheit zusammenbringt.
Spinoza geht es um die Frage nach der Möglichkeit eines selbstbestimmten, lustvollen Lebens in den notwendigen Beschränkungen eines organischen Körpers, einer möglicherweise unharmonischen (und dummen) Gesellschaft und einer oft zufälligen und grausamen, von Kausalität beherrschten Welt. Wie er das schafft, muss man jedoch selbst erfahren.
Empfehlung aeterna & infinita!
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