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38 von 41 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Fritzi Haberlandt ist Doris, das kunstseidene Mädchen
Mit Fritzi Haberlandt haben sich wirklich Werk und Sprecher gefunden. Seit einiger Zeit bin ich Hörbuch-Fan und muss sagen, dass sich hier die Vertonung besonders gelohnt hat! Ich habe beim Hören nicht Fritzi Haberlandt vor mir gesehen, sondern die dunkelhaarige, pelzmantelbewehrte junge Doris. Die Art dieses Buch vorzulesen haucht der Ich-Erzählerin Doris...
Veröffentlicht am 27. April 2005 von J. G.

versus
3 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Gelungene Zeitstudie, weniger gelungener Roman...
Irmgard Keuns Roman ist eines dieser Bücher, die den Leser mit sehr gemischten Gefühlen zurücklassen.
Einerseits funktioniert die in Tagebucheinträgen erzählte Geschichte der jungen Protagonistin Doris inmitten der missstandsreichen Wirrungen der Weimarer Republik durchaus, die Mixtur aus Zeitstudie und gefühlsbetonter Darstellung des...
Veröffentlicht am 13. Januar 2005 von saintgeorge7


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38 von 41 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Fritzi Haberlandt ist Doris, das kunstseidene Mädchen, 27. April 2005
Mit Fritzi Haberlandt haben sich wirklich Werk und Sprecher gefunden. Seit einiger Zeit bin ich Hörbuch-Fan und muss sagen, dass sich hier die Vertonung besonders gelohnt hat! Ich habe beim Hören nicht Fritzi Haberlandt vor mir gesehen, sondern die dunkelhaarige, pelzmantelbewehrte junge Doris. Die Art dieses Buch vorzulesen haucht der Ich-Erzählerin Doris wirklich Leben ein. Freude, Trauer, Langeweile, alles wird durch das Vorlesen Fritzi Haberlandts sehr natürlich und fast intim ausgedrückt. Genauso müsste das Mädchen Doris gedacht und gesprochen haben.
Dieses Buch ist auch deshalb sehr interessant, weil es einen guten Eindruck vermittelt, wie das Leben der (einfachen) Bevölkerung kurz vor dem Dritten Reich aussah. Doris trifft auf ihrer Odyssee auf viele verschiedene Menschentypen und damit schafft Irmgard Keun ein Bild der Gesellschaft um 1930. Man erfährt Wünsche und Sorgen und die Überlebensstrategien von (Großstadt-) Menschen in einer von Arbeitslosigkeit und Orientierungslosigkeit gekennzeichneten Zeit.
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24 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Glanz!, 15. September 2006
Diese Doris habe ich ins Herz geschlossen, kaum dass ich die erste Seite von Irmgard Keuns "Kunstseidenem Mädchen" umgeblättert habe. Sie erzählt ihr Leben, wie ihr der Schnabel gewachsen ist, ihre Sicht auf die Welt, und ganz nebenbei, man bemerkt es kaum, blitzt ihr widersprüchlicher Charakter durch: Sie ist gewitzt und naiv zugleich, gewitzt und rührend hilflos, ihre Menschenkenntnis ist stupend, und sie kann eiskalt kalkulieren und ist doch immer wieder warmherzig, und in ihrer schnoddrigen Sprache blitzt mehr als einmal ein wunderbarer Sinn für Poesie durch.
Worum geht's? -- Doris, eine kleine "Tippse" im Anwaltsbüro, träumt davon, "ein Glanz" zu werden. Und dieses Ziel verfolgt sie mit allen Winkelzügen, die sie auf Lager hat. Nur ein Beispiel unter vielen, aber eines der hinreißendsten: Als kleine Statistin noch am heimischen Theater macht sie den hochnäsigen Kolleginnen weis, sie genieße die besondere Protektion des Direktors, mit einem scheinbar achtlos hingeworfenen "Ich kann Leo ja heute abend mal fragen, ob er 'na' gesagt hat" -- denn darum dreht sich grad eine hitzige Diskussion. Diese schwierige Rolle -- der Direktor darf ja schließlich nichts von alledem erfahren -- spielt sie mit Bravour, was u.a. das Gerücht in die Welt setzt, der Direktor besitze drei Pyjamas aus Crepe de Chine mit Rosenmuster...
Aber dann sieht Doris in der Theatergarderobe diesen wunderschönen Feh-Mantel, zu dem sie eine regelrechte Liebesbeziehung entwickeln wird. Sie maust ihn -- und nun wird ihr klar, sie ist eine Kriminelle (sogar in dieser Selbsteinschätzung ist sie rührend), muss vor der Polizei fliehen, und kommt im Berlin der frühen 30er Jahre an, mit all seinem Glanz und all seinem Elend: "Berlin senkte sich auf mich wie eine Steppdecke mit feurigen Blumen". Doris nimmt die Stadt, ihre Poesie und ihre Brutalität, ihre vielen verschiedenen Bewohner aller Gesellschaftsschichten mit allen Sinnen auf: "Es gibt eine Untergrundbahn, die ist wie ein beleuchteter Sarg auf Schienen [...]. Es ist sehr interessant und geht schnell." So geht es los, das abenteuerliche Leben in der Hauptstadt. Mit wenigen Worten charakterisiert sie ihre mehr oder weniger flüchtigen Gegenüber: Es gibt da z.B. eine reiche "Onyxfamilie", das "Pickelgesicht", den "Zwickermann", den "Schmiß"... und dann "das grüne Moos", denn der Mann hat "eine Stimme wie dunkelgrünes Moos".
Doris lernt die Stadt und ihre Bewohner in all ihrer Verschiedenheit kennen schlägt sich wacker durch: als Kindermädchen bei der "Onyxfamilie mit ihren widerwärtigen Kindern", als halbverhungerte Gelegenheitsprostituierte ebenso wie als Geliebte eines spendablen Fabrikanten.
Sie sieht hinter die Fassaden, findet sogar die große Liebe -- aber die beruht nicht auf Gegenseitigkeit, wie sie feststellen muss. Und Kompromisse geht sie nicht ein. Verbittert ist sie nicht, im Gegenteil: Sie versucht sogar hier noch, die Welt ihres vergeblich Geliebten wieder in Ordnung zu bringen. Andererseits: Sie hat ihre Schlüsse gezogen aus ihren Erlebnissen, durchschaut die Situation -- einerseits: "Auf den Glanz kommt es nämlich vielleicht gar nicht so furchtbar an.", lautet ihr Fazit im Wartesaal vom Bahnhof Zoo. Wie es weitergehen wird mit ihr, bleibt offen, doch mehr oder weniger abenteuerliche Pläne hat sie immer noch jede Menge. Doris platzt vor Zuversicht, den Leser plagen mitleidige Zweifel.
Das Faszinierende dieses Romans ist die Sprache, in der er geschrieben ist: Man liest Doris' Tagebuch, und dem vertraut sie ihre Erlebnisse und Überlegungen genau an, wie eine richtige Chronistin. Das tut sie in ihrer ureigenen Sprache -- fernab vom hochdeutschen Standard, aber mit viel Poesie; anschaulicher geht's nimmer. Eine der rührendsten Passagen des Buches ist denn auch die, in der sie dem kriegsblinden Herrn Brenner ihre Sicht schenkt: "Ich packe meine Augen aus -- was sah ich denn noch?" Und dann legt sie los, liefert atemlose Stakkato-Berichte über das ebenso atemlose Großstadtleben. Berlin 1931/32, wie man es noch nie wahrgenommen hat, denn Doris packt nicht nur für den armen Brenner die Augen aus, sondern für jeden Leser.
Ein Kronjuwel der Neuen Sachlichkeit, ein Berlin-Roman der ganz besonderen Art. Ein Glanz!
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Glanz!, 15. September 2006
Rezension bezieht sich auf: Das kunstseidene Mädchen (Gebundene Ausgabe)
Diese Doris habe ich ins Herz geschlossen, kaum dass ich die erste Seite von Irmgard Keuns "Kunstseidenem Mädchen" umgeblättert habe. Sie erzählt ihr Leben, wie ihr der Schnabel gewachsen ist, ihre Sicht auf die Welt, und ganz nebenbei, man bemerkt es kaum, blitzt ihr widersprüchlicher Charakter durch: Sie ist gewitzt und naiv zugleich, gewitzt und rührend hilflos, ihre Menschenkenntnis ist stupend, und sie kann eiskalt kalkulieren und ist doch immer wieder warmherzig, und in ihrer schnoddrigen Sprache blitzt mehr als einmal ein wunderbarer Sinn für Poesie durch.

Worum geht's? -- Doris, eine kleine "Tippse" im Anwaltsbüro, träumt davon, "ein Glanz" zu werden. Und dieses Ziel verfolgt sie mit allen Winkelzügen, die sie auf Lager hat. Nur ein Beispiel unter vielen, aber eines der hinreißendsten: Als kleine Statistin noch am heimischen Theater macht sie den hochnäsigen Kolleginnen weis, sie genieße die besondere Protektion des Direktors, mit einem scheinbar achtlos hingeworfenen "Ich kann Leo ja heute abend mal fragen, ob er 'na' gesagt hat" -- denn darum dreht sich grad eine hitzige Diskussion. Diese schwierige Rolle -- der Direktor darf ja schließlich nichts von alledem erfahren -- spielt sie mit Bravour, was u.a. das Gerücht in die Welt setzt, der Direktor besitze drei Pyjamas aus Crepe de Chine mit Rosenmuster...

Aber dann sieht Doris in der Theatergarderobe diesen wunderschönen Feh-Mantel, zu dem sie eine regelrechte Liebesbeziehung entwickeln wird. Sie maust ihn -- und nun wird ihr klar, sie ist eine Kriminelle (sogar in dieser Selbsteinschätzung ist sie rührend), muss vor der Polizei fliehen, und kommt im Berlin der frühen 30er Jahre an, mit all seinem Glanz und all seinem Elend: "Berlin senkte sich auf mich wie eine Steppdecke mit feurigen Blumen". Doris nimmt die Stadt, ihre Poesie und ihre Brutalität, ihre vielen verschiedenen Bewohner aller Gesellschaftsschichten mit allen Sinnen auf: "Es gibt eine Untergrundbahn, die ist wie ein beleuchteter Sarg auf Schienen [...]. Es ist sehr interessant und geht schnell." So geht es los, das abenteuerliche Leben in der Hauptstadt. Mit wenigen Worten charakterisiert sie ihre mehr oder weniger flüchtigen Gegenüber: Es gibt da z.B. eine reiche "Onyxfamilie", das "Pickelgesicht", den "Zwickermann", den "Schmiß"... und dann "das grüne Moos", denn der Mann hat "eine Stimme wie dunkelgrünes Moos".

Doris lernt die Stadt und ihre Bewohner in all ihrer Verschiedenheit kennen schlägt sich wacker durch: als Kindermädchen bei der "Onyxfamilie mit ihren widerwärtigen Kindern", als halbverhungerte Gelegenheitsprostituierte ebenso wie als Geliebte eines spendablen Fabrikanten.

Sie sieht hinter die Fassaden, findet sogar die große Liebe -- aber die beruht nicht auf Gegenseitigkeit, wie sie feststellen muss. Und Kompromisse geht sie nicht ein. Verbittert ist sie nicht, im Gegenteil: Sie versucht sogar hier noch, die Welt ihres vergeblich Geliebten wieder in Ordnung zu bringen. Andererseits: Sie hat ihre Schlüsse gezogen aus ihren Erlebnissen, durchschaut die Situation -- einerseits: "Auf den Glanz kommt es nämlich vielleicht gar nicht so furchtbar an.", lautet ihr Fazit im Wartesaal vom Bahnhof Zoo. Wie es weitergehen wird mit ihr, bleibt offen, doch mehr oder weniger abenteuerliche Pläne hat sie immer noch jede Menge. Doris platzt vor Zuversicht, den Leser plagen mitleidige Zweifel.

Das Faszinierende dieses Romans ist die Sprache, in der er geschrieben ist: Man liest Doris' Tagebuch, und dem vertraut sie ihre Erlebnisse und Überlegungen genau an, wie eine richtige Chronistin. Das tut sie in ihrer ureigenen Sprache -- fernab vom hochdeutschen Standard, aber mit viel Poesie; anschaulicher geht's nimmer. Eine der rührendsten Passagen des Buches ist denn auch die, in der sie dem kriegsblinden Herrn Brenner ihre Sicht schenkt: "Ich packe meine Augen aus -- was sah ich denn noch?" Und dann legt sie los, liefert atemlose Stakkato-Berichte über das ebenso atemlose Großstadtleben. Berlin 1931/32, wie man es noch nie wahrgenommen hat, denn Doris packt nicht nur für den armen Brenner die Augen aus, sondern für jeden Leser.

Ein Kronjuwel der Neuen Sachlichkeit, ein Berlin-Roman, geschrieben aus der Sicht einer kleinen "Tippse" und Gelegenheitsprostituierten, die sich mit aller Kraft dagegen wehrt, vom Leben nur herumgeschubst zu werden, die ihre Träume wahrmachen will, immer wieder von neuem anfangen muss, deren Schicksal auf wackligen Beinchen steht.

Dieser Roman ist etwas ganz besonderes, eben: ein Glanz!

Die "Büchergilde Gutenberg", bekannt für wunderschöne Buch-Editionen, macht auch bei dieser Ausgabe ihrem Ruf alle Ehre: Der Romantext folgt dem der Erstausgabe, wurde also mit keiner gutgemeinten Bearbeitung verschandelt.

Hinzu kommt der "Gutenberg-Standard", also die wunderschöne bibliophile Aufmachung des Romans, dessen solide Verarbeitung (Fadenbindung, Lesebändchen, lesefreundlicher Satzspiegel...) nicht nur ausgewiesene Bibliophile entzücken wird.

Hinzu kommt außerdem noch ein spannender Essay der Herausgeberin Anna Barbara Hagin über Irmgard Keuns Leben.

Und dann noch, als wäre dies alles nicht schon genug, enthält dieses Buch zahlreiche ganzseitige Illustrationen der Grafikerin Gerda Raidt, deren raffiniert überarbeitete Bleistiftzeichnungen den Romaninhalt und seine Atmosphäre kongenial widerspiegeln und dem Roman zusätzliches Lokalkolorit verleihen (auch wenn der das nicht nötig hätte -- aber es ist einfach wunderschön gemacht). Ein Glanz eben.
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9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zeitkritik, Witz, Charme - die 20er leben in diesem Buch!, 30. August 2006
Von 
A. Wolf (Wiesbaden) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Irmagard Keun stand auf der schwarzen Liste der NS-Zensur, ihr Schaffen galt als "Asphaltliteratur mit antideutscher Tendenz". Um damals in Deutschland weiterhin publizieren zu dürfen, musste man Mitglied in der Reichsschrifttumkammer sein. Doch Keun entschied sich dazu, in ihrem Roman "Nach Mitternacht" schließlich eine düstere Sittengeschichte des dritten Reiches zu zeichnen. Keun verbrachte ihr Exil zunächst in Holland, als der Krieg begann, kehrte sie unerlaubt - aber auch unerkannt - nach Deutschland zurück.
Das klingt nach der Lebensgeschichte einer mutigen, selbstbewussten Frau, nicht wahr?

Solchermaßen chaotisch, aber auch so mutig erscheint auch die freche Heldin Doris aus dem Roman "Das kunstseidene Mädchen". Doris hat ihr Leben als Sekretärin satt; da sie die Avancen des aufdringlichen Chefs nicht erwidert, wird sie entlassen. Sich am Theater verdingend stiehlt sie einen Pelzmantel und flieht nach Berlin. Berlin, in den 20ern ja der Nabel der Welt, glänzt - und Doris möchte eben auch "ein Glanz" sein.
Sie hat sich verabschiedet von romantischer Liebe - sie lebt die Augenblicke, lässt sich von Männern aushalten, benutzt sie auch.

"Hast du micht nicht auch ein bisschen lieb, meine Taube, und nicht nur mein Geld?" fragt er voll Angst - und das rührt mich so, dass ich ihn wirklich ein bisschen lieb habe."

Die Heldin bleibt aufgrund dieser sehr natürlichen Art, ihres Charmes und Esprits aber immer sympathisch.

"Herr Brenner - sehen Sie, man sollte nie Kunstseide tragen mit einem Mann, die zerknautscht dann so schnell, und wie sieht man aus dann nach sieben reellen Küssen und Gegenküssen?"

"Tilli sagt: Männer sind nichts als sinnlich und wollen nur das. Aber ich sage: Tilli, Frauen sind auch manchmal sinnlich und wollen auch manchmal nur das. Und das kommt dann auf eins raus. Denn ich will manchmal einen, dass ich am Morgen ganz zerkracht und zerküsst und tot aufwache und keine Kraft mehr habe zu Gedanken und nur auf wunderbare Art müde bin und ausgeruht."

Insbesondere die unverbrauchte, sehr frische Sprache besticht in Keuns Buch. Dieser unglaubliche Sprachwitz, mit dem die "Berliner Schnauze" soziale und politische Missstände der Zeit entlarvt, lässt einen immer und immer wieder schmunzeln. Der naive Blick der Heldin ist ein rührendes aber manchmal auch schonungsloses Zeitportrait der Weimarer Republik.
Der der Roman ist auch das Portrait einer selbstbwussten jungen Frau - verpackt in eine unglaublich echte, direkte Sprache. Dieses Buch ist sicher noch in 100 Jahren alles andere als angestaubt.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Überraschendes Zeitbild mit frischer Stimme., 3. Juli 2008
Irmgard Keuns Das kunstseidene Mädchen spielt hauptsächlich im Berlin der Jahre 1931 und 1932. Doris kommt in die Stadt und will ein Glanz werden. Das ist ihr Traum. Glanz steht dabei für einen Menschen, der Erfolg hat, der Aufmerksamkeit produziert, der im Mittelpunkt steht. Doris will auf die Bühne oder zum Film, egal. Aber sie schafft es nicht auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Dafür zieht sie die Aufmerksamkeit der Männer auf sich. Doris ist naiv, aber nicht dumm. Sie ist ständig auf der Suche nach dem Richtigen, dabei ist sie weder wählerisch noch haltlos verliebt. Sie will nach vorn, unbedingt, dazu scheint es ihr bald auch recht zu sein, ein wenig ihrer eigenen Identität aufzugeben. Dabei merkt Doris nicht, dass sie abrutscht, sich immer weiter auf dem Weg nach unten befindet.

Keuns Roman ist ein Zeitdokument, das man so nicht erwartet. Eine frische, unverbrauchte Prosa, die so aktuell ist, dass sie auch in der heutigen Zeit spielen könnte. Wenn wir einzelne Passagen des Textes hören, ist es fast unglaublich, dass diese Sprache achtzig Jahre alt ist. Dazu konnte mit Fritzi Haberland eine Sprecherin gewonnen werden, die auf den Roman wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge passt. In ihrer trotzigen, schnoddrigen Art spricht sie die Doris mit Inbrunst und Verve, das ist charmant, witzig und teilweise auch bewegend tragisch.

Das kunstseidene Mädchen war für mich eine echte Überraschung. Die Kombination Text und Sprecher ist geradezu perfekt. Auch, wenn man sich für das Thema nicht unbedingt interessiert, wird einen Fritzi Haberlands Stimme mitnehmen in das Berlin der 30er Jahre. Die Brigitte Edition gibt es zu einem fairen Preis für 4 Hörbuch CDs. Starten sie einen Versuch, diese Zeitreise mitzumachen. Vermutlich werden sie es nicht bereuen.
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5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Fantastisches Hörbuch zum Lachen und Weinen, 1. April 2006
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Nachdem ich die bisherigen Rezensionen gelesen habe, muss ich jetzt eindeutig für dieses Hörbuch in die Bresche springen, wie es so schön heisst. Fritzi Haberlandt hat Großartiges vollbracht, indem sie die Romanvorlage von Irmgard Keun zum Leben erweckte. Ich gebe zu, als ich zuvor die Geschichte in Romanform gelesen habe, hatte ich auch Schwierigkeiten mit dem Sprachstil des Buches. Ich hatte aber gleich die Vermutung, dass es als gesprochenes Hörbuch viel besser zur Geltung kommt. Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht und zugleich noch übertroffen. Das Hörbuch wurde zu meinem absoluten Lieblingshörbuch der gesamten BRIGITTE-Reihe und ich habe es schon öfters gehört. Man kann die einzelnen vier CDs auch unabhängig voneinander hören, da immer einzelne Episoden erzählt werden. Fritzi Haberlandt ist die perfekte Sprecherin der Romanprotagonistin Doris. Diese 18jährige junge Frau möchte 'ein Glanz' werden und ihr Leben nicht länger als stupide Tippse in einer Rechtsanwaltskanzlei verbringen, zumal ihr Vater, ein arbeitsloser Alkoholiker, einen Grossteil ihres Lohnes versäuft. Doris ist ehrgeizig und möchte etwas aus sich machen. Die Zeiten sind schlecht. Wir befinden uns im Jahr 1931 und in der Weimarer Republik herrscht hohe Arbeitslosigkeit. Jeder versucht sich auf seine Art durchzuschlagen und die hoffnungslose Situation ist für Frauen besonders schwer. Daher gleiten viele in die Prostitution ab. Doris meidet dieses Milieu, da es ihr Angst macht, obwohl sie später Freundschaft mit einer Prostituierten namens Hula schliesst. Durch ihren Charme zieht sie sich Verehrer jeden Alters an Land und lässt sich mehr oder weniger von ihnen aushalten, je nachdem wie schlecht ihre finanzielle Lage ist. Aber sie arbeitet später auch am Theater oder führt einem allein gelassenen Ehemann den Haushalt, in den sie sich letztendlich verliebt und damit über ihre große Liebe Hubert hinwegkommt, der sie für ein reicheres Mädchen aus besserem Hause sitzen liess. Mit diesen Ausführungen will ich nur deutlich machen, dass die Beschreibung von Doris doch komplizierter ist, als sie einfach als 'leichtes' bzw. 'leichtfertiges' Mädchen abzustempeln. Doris hat für ihr Alter bereits eine unglaubliche Lebenserfahrung und ihre Betrachtungen über Männer zeugen von einer großen Reife. Man schliesst sie unweigerlich ins Herz und lacht und weint mit ihr. Ich kann diese Geschichte nur jedem ans Herz legen. Es ist ein Entwicklungsroman, denn am Ende wird Doris klar, dass es wichtigeres gibt, als ein Glanz zu werden, auch ohne dass es zu einem großen Happy End kommt. Das macht diesen Roman lebensnah und als Frau kann man sich oft mit Doris identifizieren.
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9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Glanz, 11. Oktober 2004
Irmgard Keuns "Das kunstseidene Mädchen" ist mit Sicherheit keine Weltliteratur, aber in der Geschichte der deutschen Literatur beansprucht es mit gutem Recht einen ganz besonderen Platz. Meines Erachtens sprechen verschiedene Argumente für dieses Buch. Sei es nun der E- oder der U-Literatur zuzurechenen.

Einmal repräsentiert dieses Buch in sehr unmittelbarer Weise den neuen Typus Frau der Weimarer Republik, jene Frauen, die weder der Oberschicht, noch der Arbeiterklasse zuzurechnen, als Angestellte ihr Dasein im Büro fristen, die aber - und damit der Gegenwart sicher nicht fremd - vom Glanz der Lichter der Großstadt, vom Kino aus Hollywood beeindruckt, davon träumen, selbst nach dorthin zu gelangen, selbst zum "Glanz" zu werden, wie die Protagonistin Doris nicht müde wird zu bekennen.

Dabei negiert dieser neue Typ Frau eigentlich alle überkommenen Rollenerwartungen, versucht sich in diesem Traum selbst zu verwirklichen und muss schließlich scheitern. Ob es sich nun dabei um ein emanzipatorisches Buch, ein den strengen Maßstäben feministischer Korrektheit gänzlich gerecht werdendes Buch handelt, scheint mir unbedeutend. Der Roman stellt dar, tut dies sehr direkt und sehr überzeugend. Und der Typ Frau, der hier dargestellt wird, war zu jener Zeit noch keineswegs zweifelsfrei gefunden, der Prozess war noch nicht abgeschlossen, eigentlich bleibt alles reine Suche.

So darf es schließlich auch nicht wundern, dass (Selbst)verwirklichung über einige Abschnitte hinweg eigentlich in Familie, Küche, Haushalt hineinprojiziert wird, was aber in diesem Roman von Irmgard Keun - im Gegensatz zu vergleichbaren Roamen jener Zeit, ebenfalls als Lösung ausfällt, so dass am Ende eigentlich alles offen bleibt.

Darstellerisch überzeugt die Direktheit der Erzählweise. Die Ich-Erzählerin bringt ihre Eindrücke, Erfahrungen, Gedanken nahezu ungebremst zu Papier. Besonders beeindruckt war ich von jenen Abschnitten, in welchen sie ihren nie erreichten Traum, ein Glanz zu sein, über Seiten sehr plastisch darstellt ("So ein Leben, so ein Leben.") oder wo sie dem blinden Brenner in einem gewaltigen Strom ihre Eindrücke wiedergibt: "Was hast du gesehen?" fordert dieser sie auf - und jene lässt alles in scheinbar nicht aufzuhaltendem Schwall fließen, macht somit auch dem Leser alles sichtbar, wie in einem Film, dem die Erzählweise überhaupt sehr nahe steht.

Und schließlich gelingt diesem Roman das, was meiner Meinung nach Stärke von Literatur immer ausmacht: er zeigt menschliche Beziehungen in vielen Facetten und macht am Ende begreiflich, wie schwierig das doch überhaupt ist, mit einem anderen Menschen in eine sichere Beziehung zu treten, wenn ganz einfache Erkenntnisse auf einmal hervorstechen, wie: "Wir finden ja aber gar nicht dasselbe schön." Und nirgends wird moralisiert.

Doris bleibt im Wartesaal hängen; allein die Tatsache, dass die erzählte Zeit 1932 endet, das Buch erschien erstmals im Frühling 1932, die Heldin gänzlich unpolitisch ist - und auch bleiben will, erschüttert. Aber das steckt natürlich nicht mehr direkt im Text. Aber darf man nicht doch weiterdenken, wie es mit Doris 1933 weitergehen wird?
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5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen neue sachlichkeit par excellence, 4. Mai 2006
Von 
Jennifer Hess (Gießen, Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Wer eine Schwäche für die 20er/30er Jahre des letzten Jahrhunderts hat, darf es nicht versäumen, sich mit der Neuen Sachlichkeit auseinanderzusetzen.

Der Begriff der Neuen Sachlichkeit, ursprünglich ein Terminus aus der bildenden Kunst, steht gleichzeitig für das Programm der Literatur dieser Jahre: ein nüchterner Schreibstil ermöglicht es, Alltäglichkeiten der Protagonisten darzustellen. Und der Alltag in dieser bewegten Zeit ist dabei oft chaotisch, geprägt durch Massenarbeitlosigkeit und politische Gegensätze. Dennoch bleibt der Humor (oft ein Schwarzer) nie auf der Strecke.

Ein bekanntes Beispiel ist hier Kästners "Fabian". (Oder seine Gedichte, wie die "Sachliche Romanze"). Wer sich aber mit der männlichen Sicht nicht begnügen mag und die weibliche Stimme in diesem Chaos sucht, dem sei Irmgard Keuns zweiter Roman "das kunstseidene Mädchen" (1932) empfohlen.

Das oberste Ziel der jungen Protagonistin Doris ist es, ein "Glanz" zu werden. Für einen gesellschaftlichen Aufstieg nimmt sie dabei allerlei Strapazen in Kauf. Vor allem aber gilt es, die eigene Sentimentalität zu überwinden. Doch dies erweist sich schwieriger als geglaubt...

Mehr sei hier nicht verraten. Bleibt bloß zu sagen, dass dieses Buch nicht umsonst in Heidenreichs Kanon der "Starken Stimmen" aufgenommen wurde. Und so wünsche auch ich ihm viele neue Leser!
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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Quietsch, kicher, seufz, schluchz - wow, 2. September 2003
Von Ein Kunde
was für ein tolles Buch. Aus einer Zeit schon so weit weg, angefüllt mit Witz und Weisheiten, die zeitlos sind.
Neben erfährt man manches vom Fühlen und Erleben in der Weimarer Republick an der Schwelle zum Dritten Reich.
Mehr noch als die Erzählung fasziniert mich die sehr eigene Sprache. Überaus sinnlich, tief aus dem Herzen, unvergleichbar.
Sätze wie, "manchmal habe ich ein Essen so lieb, das ich es in die Hand nehmen möchte" hängen sich fest.
Die episodenhafte Geschichte berührt mit ihrem unverdrossenem Humor und mit der durchfunkelnden Traurigkeit.
Erfahrungsgemäß erschließen es sich Frauen leichter als toughe Männer. Ebenfalls Erfahrung: ein Buch, das man liebt oder ablehnt ohne Zwischentöne.
Eindeutig eines meiner Lieblingsbücher!
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13 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Erlebnisse einer jungen Frau im Berlin der 30er Jahre, 11. Januar 2000
Von Ein Kunde
"Das kunstseidene Mädchen" von Irmgard Keun spielt im Berlin der 30er Jahre. Die Ich-Erzählerin beschreibt in tagebuchform, wie sie sich durch das Leben schlägt. Sie kommt aus einfachen Verhältnissen, will aber ein "Glanz" werden, im heutigen Jargon eine Art "Glamour-Girl", mit einem aufregenden Leben. Sie setzt dafür auch ganz unbekümmert ihren Körper ein, weist es aber von sich, sich zu prostituieren. Sie sieht es nur als gute Gelegenheit, wenn ein Mann sie aushalten will. Leider fängt sie an unaufhaltsam abzurutschen. An ihrem Tiefpunkt, wird sie von einem Mann ganz ohne Hintergedanken aufgenommen. Er will seine Einsamkeit vertreiben, die er spürt, seit seine Frau ihn verlassen hat. Sie verliebt sich in ihn, er sich aber nicht in sie... Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Die Ich-Erzählerin glaubt von sich selbst weltgewandt und halbwegs gebildet zu sein, man merkt aber sehr deutlich, wie naiv und leichtgläubig sie ist, obwohl sie meistens sehr genau weiß, welche Knöpfe sie bei Männern drücken muß, um das zu bekommen, was sie will. Wenn man so liest, was ihr passiert, möchte man nicht mit ihr tauschen, selbst in den Momenten, in denen sie glücklich ist. Ein trauriger Roman, der tief bewegt und berührt. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
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Das kunstseidene Mädchen: Roman
Das kunstseidene Mädchen: Roman von Irmgard Keun (Taschenbuch - Februar 2004)
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