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am 22. September 2015
Sehr scharfsichtige, sprachlich bisweilen brillante Abrechnung mit dem Politikbetrieb im Reichs/Bundestag des Jahres 2013. Nie langweilig! W., sicherlich einer der klügsten Köpfe in erweiterten deutschen Politik- und Kulturwesen (an dieser Stelle alles Gute!) versteht es immer wieder neue Perspektiven zu finden und neue Akzente zu setzen, auch wenn es doch immer wieder um das Gleiche geht: die Demaskierung des ritualisierten und oft sinnfreien Agierens unserer Volksvertreter, denen fast immer das eigene Amt wichtiger als die Sache und die Fraktionsdisziplin wichtiger als die politische Gestaltung ist. Geradezu reflexartig wird der politische Gegner immer ins Unrecht gesetzt und ohne Ansehen der Sache und der Argumente verhöhnt. Dabei hat W. eine eindeutige Abneigung gegen CDU/CSU und F.D.P. ohne allerdings unfair zu werden. Ohne Ansehen der Parteizugehörigkeit beleuchtet er auch die wenigen Sternstunden parlamentarischer Rede.
Der politikverdrossene Wutbürger, sicherlich Hauptabnehmer des Buches, wird sagen: „ja, schön, aber das haben wir schon immer gesagt!“ Egal! Die sprachliche Virtuosität mit der W. ,der natürlich das Hörbuch selber liest was dem Ganzen zusätzliche Eindringlichkeit verleiht, vorträgt, ist einfach in hohem Maße lesens- und hörenswert und eröffnet auch dem politisch Interessierten neue Perspektiven. Den einzigen Vorwurf den ich W. machen kann: er liest zu schnell, ich kann kaum folgen. Ich habe mir deshalb das Papierbuch auch noch bestellt und werde es noch mal lesen!
Wenn man allerdings bedenkt, was über dieses ausgesprochen kluge, pointierte aber nie unfaire, meinungsstarke aber nie polemische Buch hier an Kritiken so abgesondert wird und DAS auf die Gesamtbevölkerung hochrechnet, kann man glauben, dass wir vielleicht doch die Volksvertreter haben die wir verdienen.
Eigentlich müssten nach der Lektüre dieses entlarvenden Buches die Mehrzahl unserer Parlamentarier schamesrot zurücktreten und sich ernsthaft um ehrliche Arbeit bemühen, aber die bisweilen arrogante Dreistigkeit, ich bin da nicht so elegant wie W., schützt wohl vor jeder Selbsteinsicht.
Und es gilt: „Am Ende gewinnt der Murks!“
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TOP 1000 REZENSENTam 31. März 2014
"Keine Kritik an der parlamentarischen Praxis kann so drastisch sein wie jene,
die durch das Parlament selbst vorgetragen wird. Kein Angriff auf Abgeordnete kann so polemisch sein wie das,
was sie selbst gegeneinander vorbringen, keine polemische Pointe kann so enthüllend sein wie das Zitat."

Warum tut er sich das an? So war ich versucht zu denken angesichts der mitunter leicht skurrilen Schilderungen aus den Tiefen des Hohen Hauses.
Roger Willemsen hatte ein Jahr lang Unterricht darin, wortreich nichts zu sagen. Zum Glück für uns war er kein gelehriger Schüler, denn die Protokolle seiner 'Schulstunden' sind gewohnt geistreich und tiefgründig. Er liefert uns weder Interpretationen noch Leitartikel, er bietet uns 'Mitschnitte', die zwischen den Zeilen Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung durchscheinen lassen, ohne daß er seine eigene politische Couleur dafür preisgäbe.
Die historische Abfolge der Ereignisse des Jahres 2013 ist uns noch gegenwärtig. Um so mehr ist es ein Vergnügen, sie von Roger Willemsen noch einmal auf seine Weise präsentiert zu bekommen. Dabei erfahren wir noch so einiges, was uns ohne ihn nie offenbar geworden wäre, z.B. daß unter den Bänken zuweilen Händchen gehalten wird, daß es zu später Stunde schon mal schneller gehen kann, bis ein Gesetz durchgewunken ist, daß es unter den Parlamentariern manchmal schlimmer zugeht als bei einem Haufen pubertierender Pennäler. Aber letzteres hatten wir schon geahnt.
Wir stolpern über Namen von Abgeordneten, die wir nie zuvor gehört haben und vermissen den aus unserem Wahlkreis, dessen Engagement zu unserem Wohle in der Provinzzeitung täglich so preisend hochgelobt wird.

Das Buch ist zum Nachlesen der zahlreichen Pointen unverzichtbar. Ich für mich zog es aber vor, mit Roger Willemsen als Beifahrer unterwegs zu sein. Mit seiner Stimme, der völlig akzentfreien Sprache, mit der er seine brillant geschliffenen Texte zelebriert, wird jeder auf der Zuschauertribüne verbrachte Tag zu einem Erlebnis. Jens-Uwe Krause und Annette Schiedeck fungieren treffsicher und gekonnt authentisch als Verkörperung der ParlamentarierInnen.

Schade, daß Roger Willemsen im Fernsehen so selten zu sehen ist. Sein Niveau ist über jeden Talk erhaben. 'Willemsens Woche' mit Michel Petrucciani - das waren noch Zeiten!
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am 6. März 2014
Gibt es Autoren, die sich bei der Themenwahl ihrer Bücher so unterschiedliche Themen widmen, und dabei dermaßen eloquent schreiben wie Roger Willemsen? Ich glaube nicht.

Für sein neuestes Buch beschäftigte er sich mit dem Parlament der Deutschen. 2013 nahm er dafür während der Sitzungsperiode jeden Tag im Deutschen Bundestag auf der Zuschauertribüne Platz, notierte vieles, hörte genau zu. Teilweise dauerten seine Sitzungen von 9 Uhr morgens bis 2 Uhr des Nachts.

Und so beobachtete Roger Willemsen ein Jahr lang das Parlament und dessen Ablauf. Themen wie u.a. Hochwasserkatastrophen, Militärdrohnen, der Bombenanschlag von Boston oder die Rente mit 63, aber auch der Pferdefleischskandal bestimmten die Debatten.

Abseits davon schaut er aber auch hinter die Kulissen, beschreibt das Prozedere, den Ablauf, die Organisation des Bundestages. Bürokratie, wen wundert es, herrscht hier natürlich auch. Etwas, was auch Willemsen erfahren musste. Etwa bei seinen Versuchen, länger als eine Stunde täglich auf der Tribüne Platz nehmen zu dürfen. Oder mit welchem Aufwand für jede Sitzungswoche ein neuer Ausweis beantragt werden muss.

Detailreich und mit viel Sachverstand, was die Materie angeht, aber auch mit Witz , stellt Roger Willemsen „die Politiker“ dabei nicht in gängigen Klischees aus. Stattdessen analysiert er die Reden der Abgeordneten differenziert in ihrer ganzen Bandbreite - von der idealistischen und deutlich überengagierten Rede bis hin zum bürokratischen, nichts sagenden Vortrag . Sein Zugang zum Thema ist objektiv und basiert auf 50.000 Seiten Parlamentsprotokolle .

Willemsen schreibt aber auch von der Loslösung der Politiker von ihrem Volk und stellt vieles in Frage: „Regierungsparteien kontrollieren das Kabinett nicht, vielmehr begleiten sie sein Tun repräsentativ, meist rühmend und dankend.“ , heißt es da etwa einmal.

Und so bekommt man als Leser des „Hohen Hauses“ das Gefühl, auf der Zuschauertribüne desselben zu sitzen. Mitunter kommt Empörung hoch, manchmal Be-, oft auch Verwunderung. Spannend ist das Ganze auf alle Fälle.
Eine lesenswerte Lernstunde über jenen Ort, an dem die Weichen für unser aller Zukunft gelegt werden – ein sachkundiger Blick jenseits der oft in den Medien verzerrt oder nur ungenügend dargestellten Debatten.
   
Eine clevere Idee, bestechend umgesetzt.
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am 10. November 2015
Roger Willemsen ist ein grandioser Autor, der mit einer unglaublichen Detailliertheit seine Themen angeht. Mit diesem Buch dokumentiert er ein grandioses Werk an deutscher Zeitgeschichte - und das hoert sich widerlich hochtrabend an, aber wenn er so vorliest, dann hatte ich doch das Gefuehl, sehr nah am Geschehen zu sein, und das wenn er es gleichzeitig mit seinen Kommentaren versieht.
Grundsaetzlich muss ich sagen: ich finde es ein toller Genuss, seine Buecher vorgelesen zu bekommen - vielen Dank fuer die Muehe.
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am 16. April 2016
Roger Willemsen schreibt mit ebenso leichter wie eloquenter Feder, die in jeder Phase sowohl den wachen Geist als auch die beeindruckenden literarischen Fähigkeiten des Autors bezeugt und durchgehend große Freude beim Lesen bereitet. Die Idee, im Bundestag ein Jahr als Zuhörer zu verbringen und mit interessiertem Auge und Ohr Inhalte und Äußerlichkeiten zu beobachten, ist ebenso simpel wie unmittelbar ansprechend. Was Roger Willemsen auf diese Art an aktiver Politik erlebt ist mal tiefgründig und bwegend, mal augenzwinkernd oder auch bissig, teils erschreckend und alarmierend, aber dann wieder heiter und irgendwie beruhigend, in jedem Fall aber stets KLUG. Der häufig erhobene Vorwurf, Willemsen stelle die Vertreter der Regierung oftmals mehr als kritisch dar und einzig die Abgeordneten der Linken erführen seine Gnade, ist durchaus einleuchtend, da in der Tat die Verteilung positiver und negativer Bemerkungen diesbezüglich recht deutlich verteilt ist. Aber dies wirkt auch auf Nichtwähler der Linken in keinster Weise störend oder parteinehmend, sondern schlicht aus den Augen Willemsens authentisch. Zudem kann niemand, der das Werk ganz gelesen hat, bestreiten, dass auch einzelne Vertreter aller anderen Parteien, da wo es schlüssig erscheint, warmherzige Erwähnung finden. Zum gänzlich Lesen muss sich sicherlich auch niemand zwingen: Mögen die Themen bzw. Beobachtungen mitunter schwierig erscheinen, ist die Schreibweise - wie bereits erwähnt - stets ein solcher Genuss, dass man in Windeseile das politische Jahr 2013 hinter sich bringt. Anschließend empfehlen sich noch dringend die beiden intelligenten und interessanten Nachwörter (insbesondere das zweite!), die Willemsen der Taschenbuch- und der Kindle-Ausgabe beigefügt hat.

Abschließend zur bewegenden und - wie ich finde - wichtigen Lektüre fällt einmal mehr auf, wie schwer der Verlust dieses viel zu früh verstorbenen Intellektuellen für die deutsche Kulturlandschaft wiegt.
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am 3. April 2014
Unglaublich glaubhaft was Roger Willemsen mit seiner unverschämt schmeichelnden Stimme, auch bei ironischen Tonlagen, über seine Jahr im Hohen Haus zu berichten hat. Das muss doch wirklich mal gesagt werden, was unsere gewählten Volksvertreter so alles drauf haben an Kommunikationsverweigerung, körpersprachliche Vernichtungs- bzw. Abwertungsstrategien, Affentänzen und Selbstdarstellungen. Man kann gar nicht aufhören, ich bin extra nochmal um den Häuserblock gefahren um in Ruhe den Schluss hören zu können. Ein echter Genuß, politische Bildung auf Sterne-Niveau, danke Roger.
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am 25. Dezember 2015
Roger Willemsen's Schreibstil ist sicher nicht etwas für jeden. Ich persönlich mag ihn sehr. Habe mir das ebook gekauft nachdem ich auf Youtube die szenische Lesung zum Buch gesehen hatte. Habe das Buch nun für jemand anderen gekauft, den ich als politisch interessiert einstufe und dem die Sprache Willemsen's zusagen wird. Die Wortwahl, Ausdrucksformen und Art des Erzählens sorgen bei mir dafür, dass das Buch nicht langweilig wird, auch wenn einen die deutsche Politik nicht wirklich mit allen Details interessiert. Werde es immer mal wieder lesen, denke ich.
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Auf diese Idee ist bisher niemand gekommen: Von Januar bis Dezember 2013 hat Roger Willemsen von der Zuschauertribüne die Sitzungen des Deutschen Bundestages verfolgt und seine Erlebnisse und Erkenntnisse niedergeschrieben.

Kein Thema ist ihm zu langweilig, keine Debatte zu spröde. Sei es der Einsatz in Afghanistan oder der Skandal um Pferdefleisch in der Lasagne. Oder auch Dioxin im Hühnerei und die Frage des Leistungsschutzrechts oder der Armutsbericht. Jede Debatte wird von dem Publizist in Das Hohe Haus: Ein Jahr im Parlament aufmerksam verfolgt und bewertet.

Natürlich geht der Autor auch auf die Inhalte der politischen Debatten ein. Doch viel mehr imponiert das Sezieren der Rhetorik der Volksvertreter. Willemsen merkt die Selbstverliebtheit der Protagonisten an, ihre Polemik und ihre fiesen persönlichen Angriffe gegen die gegnerischen Parteien sowie die teilweise grenzwertige Art der Argumentation im Rededuell.

Noch stärker als die Zusammenfassung der Besuche im Berliner Reichstagsgebäude beeindrucken die Beobachtungen von Roger Willemsen. Wenn er beispielsweise von Sahra Wagenknechts Rede im Februar 2013 berichtet, die von den meisten Mitgliedern der deutschen Bundesregierung nur en passant verfolgt wird und stattdessen lieber Akten studiert und das Schwätzchen mit dem Parteikollegen gesucht wird. Dann fasst Willemsen treffend zusammen: "Das Parlament ist am ehesten ein Büro mit angeschlossener 'Speaker's Corner'."

Doch es sind nicht nur die Beschreibungen und Analysen der Reden im Parlament, die Roger Willemsen treffsicher erledigt. Er gräbt auch in der Geschichte des Reichstages und der Geschichte des Bundestages und fördert dabei viele Details zutage, die sicherlich nicht dem Allgemeinwissen zuzuordnen sind.

Spannend sind die Ereignisse, die Roger Willemsen abseits der Debatten beobachtet. Wenn er Politiker während einer Rede eines Kollegen beim Feixen oder am iPad spielen "erwischt", wenn er das offensichtlich zur Schau getragene Desinteresse am Thema einer Diskussion unserer Volksvertreter entlarvt.

In Das Hohe Haus ist nicht die Creme de la Creme der Bundespolitiker der Star. Es sind vielmehr die Politiker aus den hinteren Reihen der CDU, SPD, der Linken und der Grünen, die ihre großen und auch kleinen Auftritte haben - und damit einen besseren Leistungsnachweis als einige der Etablierten verdient haben.

Ich gestehe, dass ich an einigen Stellen Mühe hatte, mich zu motivieren, das Buch weiterzulesen. Zu langatmig habe ich manche geschilderte Debatte empfunden, zu anstrengend war der elaborierte Sprachcode Roger Willemsens für mich. Denn "Das Hohe Haus: Ein Jahr im Parlament" ist kein Buch zum entspannten Lesen. Es ist ein Buch, das teilweise anstrengend, teilweise amüsant ist. Und das voller Wissen steckt und gerade deshalb so lesenswert ist.

Die Mühe lohnt sich!
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am 21. Juni 2014
Während der SPD-Mann vorn redet, plaudern die Damen und Herren von der CDU/CSU miteinander, sie machen Witze oder ordnen Akten, oder sie gehen einfach mal raus. Zuhören? Och, jetzt gerade nicht. Interessiert uns ja eh nicht. Auch wenn wir angesprochen werden. Muss man ignorieren.
Im Deutschen Bundestag herrschen mitunter raue Sitten. Redner werden ignoriert, nur die eigenen Leute hören zu, andere werden mit Zwischenrufen belästigt.

Normalerweise bekommt man das Geschehen im Bundestag nur in den Nachrichten mit. Ab und zu schaut man mal live bei phoenix rein.
Der Publizist Roger Willemsen hat das ein Jahr lang, 2013, anders gemacht. Er hat sich jede Bundestagssitzung von Anfang bis (meistens) zum Ende live und vor Ort angeschaut. Er war der Dauergast auf der Tribüne. In seinem Buch "Das Hohe Haus - Ein Jahr im Parlament" berichtet er, was er beobachtet hat. Und das ist fast immer sehr spannend, oft erhellend, hin und wieder niederschmetternd, manchmal sogar erschütternd.

Im Grunde ist der Bundestag nichts anderes als die öffentliche Arena der Diskussionen, die in den Ausschüssen sowieso schon durchgeführt wurden. Was zur Folge hat, dass die Debattenkultur im Plenium oft im Ar... ist. Redner haben kaum Zuhörer, weil alle was anderes machen. Oft muss das Publikum oben auf der Empore feststellen, dass sich unsere Polit-Elite oft verhält wie ungezogene Schulkinder.
Da gibt es Gesetze, die im Eiltempo durchgewunken werden, bei anderen Themen finden regelrechte Schaukämpfe statt, die aber eben auch nur das ist: eine Schau, eine Show. Nur selten kann Willemsen von wirklichen Diskussionen berichten, von Momenten, bei denen es im Bundestag um echte Emotionen ging, um echte Sorge um die Menschen.
Bezeichnenderweise ist die aufwühlendste Stelle im Buch die, wo eine Abgeordnete im Plenum zusammenbricht und ein Notarzt kommen muss.

Willemsen schreibt das alles recht packend auf, er hat die Gabe eines Beobachters, der facettenreich erzählen kann. Er nimmt den Leser mit auf eine Reise in die Abgründe der Politik. Für viele der Politiker aber ist dieses Buch ganz sicher nicht schmeichelhaft.
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TOP 50 REZENSENTam 13. April 2014
Selbstverständlich ist vielen klar, dass im deutschen Parlament nur noch eine Art Schaulaufen stattfindet. Die Entscheidungen werden vorher getroffen, in Ausschüssen. Trotzdem ist es ein wichtiger Ort, an dem RW mit seiner unnachahmlichen Sprachwitz erstaunliche Dinge ans Licht bringt. Abseits des üblichen Geklüngels zwischen Massenmedien und Politikern schaut mit diesem Buch jemand in kleinste Ritzen des Verhaltens, Gesten, Mimik, Zwischenrufe, lächerliche Momente....ein Seismograph des parlamentarischen Betriebs im Parlament.

Ich habe zuletzt die Besprechung der FAZ gelesen, nicht mehr als ein Reiben an einem wirklichen Könner, abseits dessen, was dieses Buch tatsächlich erbringt. Alleine die Einleitung sei jedem empfohlen, der das Parlament besucht. Man erfährt vieles über die Entwicklung, den Zustand, die Architektur - bis hin zum repräsentativen Adler und wie er ausgewählt wurde, welche Ideen, Ziele dahinter standen. RW beschreibt die Transparenz, die jedem auffällt, der ganz nach oben geht, in die Kuppel, wo er zumeist irgend einem Parlamentarier begegnet, der seinen Verwandten den Ort seines Wirkens zeigt.

Es gibt einen Parlamentarier, den ich besonders aufmerksam nicht verfolge. Alle Talkshows mit ihm meide ich konsequent. RW schenkt ihm eine Viertel-Seite der Einwürfe, die dieser anläßlich einer Rede von Hubertus Heil zum Besten gibt. Ich möchte alle Aussagen von Volker Kauder zitieren: "Ha, ha, ha - Mann, war das eine tolle Nummer. Ha, ha, ha - Herr Heil, das glauben nicht einmal ihre Wohnzimmerfreunde. Mann, sind Sie ein primitiver Kerl. Sie arroganter Kerl, Sie. Aufgeblasener Kerl. Nein, ich bin ganz fröhlich. Weil Sie auf der Oppositonsbank sitzen, sind wir stark. Ha, ha, ha - Sie haben einen Totalausfall ganz woanders. Schauen sie mal Ihre Totalausfälle an. Die sitzen heute hier. Ha, ha, ha. - Genau." Exakt solches Kauderwelsch zeigt, wie tief man sinken kann.

Desweiteren beschreibt er einen Abgeordneten der FDP, der inzwischen nicht mehr zu Sitzungen darf, bis dorthin aber z.B. aufgefallen ist dadurch, zu behaupten, dass es nicht mehr Arme, sondern lediglich mehr Armutsberichte gäbe. Es ist Martin Lindner, ein besonders oft gesehenes Gesicht im TV, der m.E. dieser Partei mindestens 2% der Stimmen gekostet hat. RW beschreibt, wie er ihm begegnet auf dem Bahnhof und ihn vorübereilen sieht am Verkäufer der Zeitschrift für Obdachlose, nur um jetzt selbst parlamentsmäßig obdachlos zu werden.

RW erkennt durchaus, was Abgeordnete leisten müssen, er geht detailliert darauf ein. Niemand bestreitet dies. Sein Buch möchte aber den Blick auf jene Mechanismen der Kommunikation wenden, wo man davon ausgehen müsste, dass sich die Darsteller besonders gut und anständig benehmen sollten. Weit gefehlt. Charmant das ewige Geplänkel zwischen Gysi und Lammert, wenn es mal wieder um die Redezeit geht. Gysi, einer, der wirklich reden kann, frei von der Leber weg, und eigentlich immer richtige Dinge sagt. Man hört dies auch von CDU-Angehörigen in meinem Bekanntenkreis, aber eben auch von RW.

Welche Bedeutung hat das Parlament tatsächlich? Ist es heruntergekommen zu TV-Direktübertragungen und politischen Progpagandaveranstaltungen? Irgendwie schon, das Menschliche, in dem RW kleinste Nebensächlichkeiten erhellt, es ist da, wie überall, ein Abbild unserer Gesellschaft, ein Spielfeld für Akteure mit großen und größten Egos, von Anfängern und bemitleidenswerten Personen. Jener ist wer, der nach einer offiziellen Zählung am häufigsten das Wort ICH verwendete? Es war Peter Ramsauer, der zum Dank dafür wieder auf den harten Abgeordnetenbänken Platz nehmen musste.

Das Parlament diskutiert am liebsten Dinge, die im Zusammenhang mit Wertschöpfung stehen, schreibt RW. Exakt aus diesem Grund sollte man dieses Buch lesen, das penibel genau z.B. auf die Rüstungsexporte eingeht, die besonders hitzig und leidenschaftlich diskutiert werden. "Im Jahr 2011 gab es bei dem berühmten Bundessicherheitsrat, der ja zu entscheiden hat, ob ein Rüstungsexport genehmigt wird, 17586 Anträge auf Genehmigung des Exports von Waffen bzw. Rüstungsgütern. Von 17.586 Anträgen wurden 105 abgelehnt. Das sind gut 0,5 Prozent." Dagegen steht dann eine in allen Medien veröffentlichte Nachricht der Regierung, man gehe äußerst restriktiv mit Export-Zulassungen um.

"Für die FDP tritt Martin Lindner so vehement für Rüstungsexporte ein, dass einem Abgeordneten der Opposition ein "Unfassbar" entfährt, worauf Lindner erwidert: Wenn der Maßstab der politischen Debatte wäre, was Sie fassen können, dann bräuchten wir gar nicht weiter zu diskutieren." Nach einem verbalen Scharmützel fasst Herr Mißfelder zusammen: "Wir sollten nicht sensibelste Punkte der deutschen Außenpolitik zum Gegenstand parteipolitischer Auseinandersetzung machen."

Man versteht an diesen Beispielen, warum dieses Buch lesenswert und wichtig ist. Es erhellt jene verstaubten Ritzen und unerträglichen Schieflagen, die im Zuge einer traurigen Kungelei zwischen Medien und Politik nicht mehr sichtbar werden.

Unbedingt lesen!
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