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am 11. Oktober 2010
Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts sind zwei gewichtige Biographien über Franz Kafka erschienen. Eine von Rainer Stach, Kafka-Experte und Publizist, die andere von Peter-André Alt, Professor für Literaturwissenschaft. Welcher ist der Vorzug zu geben?
Zunächst einmal ist der Widerspruch zu bestätigen, den Stach in der Einführung seiner auf drei Bände angelegten Biographie feststellt: dass nämlich der Autor, der wie kein anderer die Literatur der Moderne und eine ganze Generation von Schriftstellern prägen sollte, bisher mit keiner großen Biographie in deutscher Sprache bedacht wurde - freilich von der Biographie über Kafkas frühen Jahre von Klaus Wagenbach aus den 50er Jahren abgesehen. Nun sind es gleich zwei, beide sind ungeheuer gelehrt, in Form und Stil könnten sie jedoch unterschiedlicher nicht sein.
Beginnen wir mit Stachs Biographie. Sie ist angelegt auf drei Bände. Ihr erster trägt den Titel "Die Jahre der Entscheidungen", behandelt lediglich die Jahre 1910-1915, und ist im Umfang bereits so stark wie Alts einbändige Biographie, nämlich etwa 650 Seiten. Stachs zweiter Band umfasst die letzten Jahre Kafkas und der noch nicht erschienene Band über Kafkas Anfänge wartet auf die Freigabe des Nachlasses von Max Brod. Macht sich der dreifache Umfang Stachs in der Tiefe der Erkenntnis über Kafka bezahlt? Ich meine nein! Der übergroße Umfang der Biographie ist dem Verfahren Stachs geschuldet, der in seinem Schreiben den Menschen Kafka szenisch aufleben lassen will. Über weite Strecken scheint der Leser Kafkas Umwelt, seine Gefühlswelt usw. aus dessen Perspektive wahrzunehmen. Das braucht natürlich immensen Raum und ist auf die Dauer ermüdend. Das Verfahren gibt den ungeheuren Detailreichtum vor, aber der Leser fragt sich bald: will man's eigentlich so genau wissen. Die hunderte Seiten, in denen der Briefverkehr mit Felice Bauer wiedergegeben werden, treiben den Leser an die Grenzen seiner Kooperationsbereitschaft. Allerdings - sich abwendend von der unendlichen Seitenflut Stachs - spürt man einen immer stärkeren Drang, sich den Texten Kafkas selber zuzuwenden und das mag man vielleicht als positiven Nebeneffekt gelten lassen. Stach selber kümmert sich nicht intensiv um die Texte - bei ihm steht der Mensch Kafka im Vordergrund. Dies ist schade, zumal der Leser hierdurch wirklich das Gefühl entwickelt, es handele sich doch eigentlich um einen psychisch kranken Menschen statt um einen hochkarätigen Literaten. Zugute halten muss man Stach, dass ihm selber literarisch ansprechende Passagen gelingen und treffende Formulierungen, die man genießen kann. Aber da es nun einmal um Kafka geht und man hin und wieder auch bei Kafka selber reinblättert, verblasst natürlich auch dieser Eindruck.
Nun zu Peter-André Alts Biographie "Franz Kafka - Der ewige Sohn". Alts Biographie ist grandios. Sie vermag nicht nur fesselnd und in anspruchsvoller Sprache das Leben Franz Kafkas zu erzählen, sondern gibt auch einen großartigen Einblick in die Welt Prags zu Beginn des 20. Jahrhunderts. So gibt es verschiedene Exkurse in die Welt der Juden in Prag, die technische Entwicklung der Zeit, Zionismus, Theaterwelt in Prag, das Verhältnis der Tschechen zu den Deutschen usw. Alles Diskurse, an denen Kafka regen Anteil nahm. Alt zeigt auch, dass Kafka keineswegs monolithisch und aus der Zeit gefallen alleine mit seinem Werk dasteht, sondern knüpft hoch-interessante Verbindungen zu vergleichbaren Literaten der Zeit. Hierdurch gewinnt der Leser ein realeres Bild von Kafka. Alts Biographie ist darüber hinaus die eines Literaturwissenschaftlers. Dankbar nimmt der Leser wahr, dass Alt intensiv auf die Texte Kafkas eingeht und sie für den Leser auf dem Boden der bisherigen Forschung auslegt. Freilich setzt das eine grobe Kenntnis der Texte Kafkas voraus und außerdem eine gewisse literaturwissenschaftliche Bildung, da man sonst gewisse Zusammenhänge, die manchmal lediglich durch ein noch akzeptables Name-dropping eingeführt werden, nicht so einfach nachvollziehen könnte.
Also zum abschließenden Urteil: Wer bei der Lektüre einer Biographie gerne in das Leben dieses Menschen versinken will, es miterleben und mitfühlen will und dies auch gut erzählt sein soll, greife zu Rainer Stach. Wer ein umfassendes Bild von Franz Kafka, den Menschen in seiner Zeit, vor allem aber, wer etwas über Kafkas Literatur erfahren will, der greife zu Peter-André Alt.
Mir hat Alt in jedem Falle mehr zugesagt.

Thomas Reuter
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am 1. Dezember 2007
Es ist die Wiedergeburt eines Autors, der jahrzehntelang unter den Deutungen und persönlichen Eitelkeiten von Exegeten verschüttet wurde. Im Buch von Stach taucht jener Autor wieder auf den ich in seinen Werken und seiner Biographie kennen und schätzen gelernt habe. Deutschlehrer sollten Stach lesen. Dann wären sie vielleicht eher bereit, Kafka auch im Deutschunterricht zu behandeln. In diesem Sinn ist Stach auch ein Heilmittel für alle GermanistikstudentInnen, die jahrzehntelang durch Tertiärliteratur vieles über Kafka aber nichts von ihm gelernt und die vor allem gelernt haben, ihn zu hassen. Wer Stach schätzt sollte übrigens gleich Oliver Jahraus "Kafka" lesen.
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am 21. Juli 2005
Als ich vor 15 Jahren als junger Student Kafkas "Process" las, sein beklemmendes, alptraumhaftes und so unglaublich faszinierendes Hauptwerk, habe ich mich gefragt: was war das für ein Mensch, der so etwas zu schreiben imstande war? Diese hervorragende, tief bewegende Biographie beantwortet diese und viele andere Fragen. Ein atemberaubender, erschütternder Lebensabschnittsbericht.
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am 26. Januar 2016
Das Leben dieses großen Schriftstellers hat mich interessiert, aber Herr Stach möge es mir verzeihen, nicht ein Aufdröseln zweier Lebensjahre von Kafka in einem Buch. Das ist etwas für Literaturwissenschaftler, Germanisten und Bibliothekare! Kein Buch für Otto Normalverbraucher. Hier wirkt es für den Normalleser zu langatmig. Außerdem wird noch die Vorgeschichte des 1. WK seziert, interessant, aber für Kafka doch nicht lebenswichtig! Gänzlich unpassend fand ich das Einstreuen englischer Vokabeln!
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am 5. November 2015
mit großem abstand die beste biographie, die ich jemals die ehre hatte, lesen zu dürfen.
stach faltet kafkas leben vor den staunenden augen des leser auf wie eine landkarte, auf der zum ersten die wesentlichen ereignisse aus kafkas leben eindringlich (und vor allem: nachvollziehbar und schlüssig) geschildert werden; zweitens auch die epochenbezogenen ereignisse nicht zu kurz kommen, statt dessen lebendig und zugänglich raum erhalten; und schließlich drittens auch die werke kafkas in selten prägnanter art und weise an ihrem platze ausgeleuchtet und in ihrer sprachlichen, künstlerischen und autobiographischen vielfältigkeit verdeutlicht werden.
dies alles verdichtet sich zu einem buch, das spannend wie ein roman ist und viele fragen zu kafka beantwortet - den "menschen" kafka ebenso nahebringt wie den "künstler" (was ja, auch eine qualität dieses buches, kein gegensatzpaar ist, sondern eine ineinander übergehende, einander bedingende wesenheit, die sich entwickelnde facetten und probleme aus sich selbst erzeugt, aber auch auf die welt reagiert und diese benötigt).

stach arbeitet mit sprachlicher brillianz, humor, präzision und bestechendem fachwissen, das schon in der einleitung hell aufglänzt und bis zum ende nicht nachlässt. ich freue mich sehr auf die weiteren zwei bände!
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am 17. Januar 2016
Auch wenn der Biograph in der Einführung zu diesem wirklich imponierenden Werk mit Blick auf Kafka den Begriff der Genialität für einen Schriftsteller als anrüchig bezeichnet und Musil zitiert, der meinte, ein Rennpferd möge genial sein, ein Schriftsteller hingegen wolle nicht gelobt sein für das, was ihm nur zufalle, würde ich diesen ersten Teil von Stachs dreibändiger Kafka-Biographie in seiner konzeptionellen und inhaltlichen Dichte als diesem Diktum zurechenbar bezeichnen.
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am 5. März 2003
Eine brilliant geschriebene, detailliert in Szene gesetzte und vor allem eine für zukünftige Lebensbeschreibungen anderer Autoren Maßstäbe setzende Biographie Kafkas, die mich als Germanistikstudent gelehrt hat, Werk und Autor nicht durch simplifizierende und daher bequeme Kategorien und Attributen zu belegen, sondern die psychische Einheit, die zwischen Werk und Autor besteht, als vielschichtig und wohl nicht endgültig entschlüsselbar zu begreifen. Die von Stach ambitionierte "Synthese aus Synthesen" ist auf beeindruckende Weise gelungen.
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am 19. Juni 2010
Es ist wirklich ein gutes Buch geworden. Gut schon allein aus dem Grunde, dass man es leicht lesen kann, dass es teilweise wie ein Roman anmutet und man hineingezogen wird. Gut, oder fast schon sehr gut, ist es schon, weil es eben nicht versucht Franz Kafka und sein Werk zu psychologisieren und zu mystifizieren. Nein, es zeigt den loyalen Prager Versicherungsbeamten, der vor und während des Ersten Weltkrieges ein Dasein zwischen Beruf, Familie und Literatur fristet. Der genau daran zu zerbrechen droht, weil er weiß, dass er eigentlich nur für die Literatur leben müsste und er auch nur wirklich gute Werke zustande bringen könnte, wenn dies so wäre.
Akribisch führt Reiner Stach uns durch die Jahre 1910 - 1915, "die entscheidenden Jahre", wie er meint. Entscheidend natürlich vor allem, weil Kafka hier erstmals kleinere Arbeiten veröffentlicht und seine Romane zumindest beginnt. Entscheidend aber auch, weil er fast heiratet, letztendlich aber einsehen muss (geahnt hat er es bereits), dass er sich neben der Arbeit und dem Schreiben nicht auch noch um einen eigene Familie kümmern kann. Auf die explizite Sexualangst von Kafka geht der Autor diesbezüglich auch noch ein. Dies nur eine von vielen neuen Erkenntnissen (in der Intensität), die sich Reiner Stach in langer Recherchearbeit erarbeitet hat und die diese Biographie so lesenswert macht und ihr einen großen Vorsprung vor anderen Kafka-Biographien verschafft. Die Beziehung zu Felice Bauer wird unglaublich intensiv beschrieben, auch Kafkas Beschäftigung mit dem religiösen Judentum ist mehr als nur eine Randnotiz und wenn Stach erläutert unter welchen Umständen Franz Kafka schrieb und versucht hat zu schreiben, dann schmerzt es den Leser fast körperlich. Auch die nähere Umgebung wird eingehend dargelegt, so z.B. die Hochzeitsvorbereitungen, nicht auf dem Lande, aber im Hause Kafka, als zwei seiner Schwestern "unter die Haube" kommen. Da kann man sich als Kafka-Leser kaum beschweren. Selbstverständlich kommt der Autor auch nicht umhin, näher auf Kafkas Werke einzugehen, sie zu zerlegen und oft auf deren komische Anteile einzugehen.
Allerdings schlägt Reiner Stach doch des Öfteren über die Strenge und verfällt ins Schwatzen. Beispielsweise sind mehrere Abschnitte über die Beschaffenheit von Möbeln der "Deutschen Werkstätten" nicht nötig, um dem Leser ein Bild davon zu verschaffen, was für Möbel sich Kafka in seiner Wohnung wünschte. Auch der Erste Weltkrieg nimmt meiner Meinung nach zu viel Platz ein. Mag es natürlich für den beschriebenen Zeitraum das wichtigste historische Ereignis sein, so steht es doch kaum, man möchte meinen, fast gar nicht in Verbindung zu Kafka. Denn auch wenn er ihn, technisch gesehen, miterlebt hat, so findet man doch kaum etwas in seinen Tagebüchern darüber. Und auch seine Erzählungen und Romanfragmente muss man nicht vor diesem Hintergrund lesen. Und so verfällt Stach, wie so oft in diesem Buch, ins Spekulieren. "Hierüber wissen wir nichts, aber...", "Dazu können wir nur spekulieren...". Und das macht er dann auch, spinnt Gedankengänge, die Kafka oder sonst jemand gehabt haben könnte und legt sie uns dar. Da muss man sich schon selbst die Rosinen rauspicken. Unweigerlich stellt man sich dann auch schonmal die Frage, ob es denn wohl wirklich so war, wie Stach es beschreibt. Denn oftmals macht er, wie eingangs erwähnt, aus dieser Biographie einen Roman, Kafka zu seinem Helden und sich selbst zum auktorialen Erzähler. Das haut nicht immer ganz hin, finde ich. Genau deswegen benötigt er auch immerhin 600 Seiten, um gerade mal 5 (!) Jahre zu beschreiben. Aber das hätte man sich vielleicht auch denken können, wenn schon die (manchmal etwas selbstverliebt klingende)Einleitung 10 Seiten überbietet. Das kommt ja nicht von ungefähr! Daher wurde ich nie richtig warm mit dem Buch und muss wenigstens einen Stern abziehen. Von einem Sachbuch verlange ich Sachorientierung und die verliert der Autor hier leider etwas zu oft aus den Augen.
Empfehlen kann ich es natürlich dennoch, denn die neuen Forschungsergebnisse wiegen für mich das seitenlange Abschweifen auf. Neueren Kafka-Leser, die vielleicht erst mal nur in sein Leben reinschnuppern wollen, würde ich eher das Buch von Alois Prinz nahelegen.
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TOP 1000 REZENSENTam 31. Oktober 2009
"Dies ist der Herbst: der - bricht dir noch das Herz! / Fliege fort!
Fliege fort! [...] Die Hoffnung floh - / Er klagt ihr nach."
(Friedrich Nietzsche)

Ob man ein Leben hatte, erweist sich am Ende. Wie war Kafkas Leben, wenn wir heute 80 Lebensjahre als Minimum ansehen und wissen, dass er im 40sten Jahr starb. Ein halbes Leben war jenem Mann vergönnt, der in allem (Gesundheit, Sexualität, Familienleben, Unabhängigkeit) Unvollendetheit und Sinnlosigkeit erlebt hatte. Noch als Dreißigjähriger lebte er bei den Eltern und seine Beziehung zu seinem Vater war geprägt von stetiger aber unerreichter Loslösung. Alle Zeit opferte Kafka jedoch der Literatur, in der er die entflohene Hoffnung (wie Nietzsche) suchte, ins Schreiben sein Leben setzte. Der Akt des Schreibens, wie er den Konvoluten schrieb, war seine Berechtigung zur Existenz. Schreiben beruhigt und stabilisiert, es bringt Ordnung ins Leben und im Gelingen lag Glück und die Geburt des Selbstvertrauens. Wie Nietzsche seine Suche der Liebe am Abgrund vermutete, belichtet auch Kafka immer wieder seinen inneren Abgrund, "einen ausgetrockneten Brunnen" galt es zu beleben, eine Wahrheit zu suchen ist seine Aufgabe; die Literatur aus der Tiefe seiner Seele hilft ihm und Reiner Stach ist hier bestens bewandert und zutiefst bereit, Kafka in die Tiefe zu folgen, hinabzusteigen und nachzusehen.

Und auf diesem Weg begegnet man nicht festen Punkten, sondern gleichsam einem Netz, dessen Knoten zu jedem anderen gleichweit entfernt sind. Und jeder Knotenpunkt ist zugleich Ursache und Wirkung, alles bedingt sich irgendwie oder wie Kafka selbst schrieb: "Alles gibt mir gleich zu denken." Darum gibt es einen großen Zugang zu Kafkas Texten, der aus den Flügeltüren: Text und Empathie besteht. Letzteres stillt den Schmerz des Nicht-Wissens. Dieses Arkanum Kafka ist damit ein immerwährendes. Es betritt die Bühne des Lesers als Insekt, Hungerkünstler, Affe oder als Maulwurf. Kafka ist suchender Schlossherr seines Ichs, er ist Verschollener seines Selbst und in der Strafkolonie, um zu lernen, wie man seine Schuld erkennt. Er weiß, worauf es ankommt. Im Tagebuch vom Januar 1922 schrieb er: "immerfort kommt es auf Dich an ob Du willst oder nicht, jeden Augenblick, bis zum Ende, jeden nervenzerrenden Augenblick, immerfort kommt es auf Dich an und ohne Ergebnis." Und an anderer Stelle: "Der entscheidende Augenblick in der menschlichen Entwicklung ist immerwährend."

All dieses und vieles mehr aus den Briefen an seine Liebschaften, von seinen Heiratsversäumnissen, seinen Reflektionen versammelt Reiner Stach in einen geometrischen Ort, der in verschiedene Perspektiven projiziert wird und doch weiß Stach und der Leser, dass jede Übersicht einen Verlust von Details als Folge hat. Kafka lehrt Bescheidenheit. Sich an ihm zu reiben, heißt auch, zu versagen. Der Leser beginnt, weil Stach es in erzählerischer Brillanz offenbart, die Dialektik der An- und Abwesenheit Kafkas zu begreifen. Er spürt, dass jeder Ort für Kafka ein möglicher sein kann, weil er im permanenten Wachzustand höchste Präzision in Wort und Schrift verkörpert. "Als es in meinem Organismus klar geworden war, dass das Schreiben die ergiebigste Richtung meines Wesens war, drängte sich alles hin und liess alle Fähigkeiten leer stehn, [...]". Sein Schreiben ist sein Leben, weil er im Leben nicht klar kam und es somit übersetzen musste; an Brod dieser Wahrnehmungsruf: "Dieses ganze Schreiben ist nichts als die Fahne des Robinson auf dem höchsten Punkt der Insel". Der Leser bemerkt, dass alles Kafka zu denken gibt. Er wird nun erhellt durch diese Biographie Reiner Stachs gerade über diesen Kafka, der bis heute allen zu denken gibt.

"Wenn man auch allen Sonnenschein wegstreicht, / so gibt es doch noch den Mond und die Sterne / und die Lampe am Winterabend. / Es ist soviel schönes Licht in der Welt." (Wilhelm Raabe) Kafka im Schloß-Roman zu begleiten, heißt durch Verstehen des Textes und der nonverbalen Dialoge zweiter Ebene im Dunkeln des Gasthauses jenes Lebenslicht Kafkas zur Erhellung des Ganzen zu entfachen, wie man es von jeher wünschte. Denn hier gelangt Stach in den "Jahren der Erkenntnis" an die autobiographische Veröffentlichung. Wie die Brücke im Dorf es zuließ, das andere Ufer zu betreten, so betritt auch Kafka eine andere Lebensseite, die ihn in eine lebensfreie weiße Wüste führte, weil nur hier ein Neuanfang möglich ist für einen Landvermesser ohne Verwendung.

Kafkas Welt ist mythisches Geschehen, dessen Wirkung er selbst niemals deuten wollte. Im Schloss-Roman jedoch läßt er erstmals den Blick in die Vergangenheit zu, während der "Prozeß" ex nihilo daher kam. Plötzlich ward Licht, was zuvor war, blieb ohne Bedeutung. Im Schloss-Roman zeigt sich schöpferische Potenz am anderen Ufer, Kafka ortet sich neu; "... ich bin anderswo, nur die Anziehungskraft der Menschen ist ungeheuerlich. [...] Aber auch die Anziehungskraft meiner Welt ist groß, diejenigen, die mich lieben, lieben mich, weil ich verlassen bin, ... weil sie fühlen, dass ich die Freiheit der Bewegung, die mir hier völlig fehlt, auf einer anderen Ebene in glücklichen Zeiten habe." Der Rezensent schließt hier.

"Die Jahre der Entscheidungen" (1910-1915) und "Die Jahre der Erkenntnis" (1916-1924) sind Stachs Meisterwerke. Es bleibt, auf die unterschiedlichsten Rezensionen zu Kafka-Werken hinzuweisen, die in der Liste: Franz Kafka - 125 Jahre vom Rezensenten aufgeführt sind. Während Nietzsche in seinem Gedicht, Hoffnung fliehen sah, gilt für Kafka, dass das Schicksal gewiss ist, denn keine Hoffnung zu haben, bringt Gewissheit. Diese Verwandlung von fehlender Hoffnung in Gewissheit findet keinen besseren Ausdruck als den des Gregor Samsa (tschechisch = bin allein). Reiner Stach ist Initiator einer biographischen Reise, zugleich Führer durch Kafkas Leben im Hellen wie im Dunkeln, im Geschichtlichen wie im Familiären; er ist Meister eines Hebewerks, Kafka und sein Werk hebt er auf eine neue Position wie ein Schiff in einer Schleuse gehoben wird. Nichts ändert sich, außer die Position und neue Horizonte öffnen sich von allein. Vorallem muss man Stach loben, allen und insbesondere den Frauen um Kafka eine hervorragende Bedeutung und nicht nur Projektionsfläche Kafkas gegeben zu haben. Allein dieses macht Kafka und den Kafka Biographen Stach zu einem Lesepaar, das niemanden in der Nähe wünscht, der sich nicht aufmerksam einlassen möchte in neue Perspektiven.
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am 23. Februar 2003
Es ist und bleibt für mich eines der größten Wunder, dass ein Autor, der selber kein "großes Werk" vollendet hat, nach seinem Tod dermaßen populär wurde und immer wieder aufs neue wird. hat mich Kafka in meiner Jugend interessiert, weil er vielleicht anders war, so habe ich ihn doch durch den ersten Teil der Biographie von Reiner Stach jetzt anders und, wie ich meinen will, zum ersten Mal richtig kennen gelernt. Und das oben beschriebene Wunder ist dadurch ein kleines stück kleiner geworden. Jetzt weiß ich, was Kafka für die Sprache und die Literatur bedeutet...Dank Reiner Stach. Und ich gebe zu: Ich freu mich auf die nächsten zwei Teile; wird es wohl auch noch Jahre dauern, bis ich sie lesen darf. Aber die Sprache und die Hintergründe, deren sich Herr Stach bedient, bleiben es wert ...zu warten.
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