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6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nicht die elektronischen Medien richten unsere Kultur zugrunde, es ist die Hörigkeit mit der wir ihnen begegnen, 17. Dezember 2011
Von 
Christian Günther - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 50 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Die Verweigerung der Hörigkeit. Lauter Einsprüche (Broschiert)
Sicherlich könnte man diesen 1988 erschienenen Band von Neil Postman, der zwanzig Essays und Vorträge aus den zwei, drei vorangegangenen Jahren versammelt, auch mit dem Zusatztitel "In der Wiederholung liegt die Belehrung" versehen. Denn hat man die beiden, ich würde sagen bedeutenden, Schriften "Das Verschwinden der Kindheit" (1983) und "Wir amüsieren uns zu Tode" (1985) von Neil Postman bereits gelesen, so wird man in "Die Verweigerung der Hörigkeit" sicherlich den Kern der Gedanken beider Bücher erneut wieder finden.
Aber zum einen, in anderer und wieder einmal höchst lesenswerter Form, denn Postmans Umgang mit der Sprache, das Ausschöpfen ihrer Ausdrucksmöglichkeiten machen jedes Buch von ihm, ungeachtet des Inhalts, schon sprachlich zu einem Lese-Genuß, und zum anderen, führt das erneute Vertiefen in seine Hinweise und Warnungen und zum Teil bereits leider eingetreten Prognosen beim Leser durchaus zum festeren Verinnerlichen und Überdenken des eigenen Medienkonsumverhaltens und Sprachgebrauchs, und letztlich finden sich in "Die Verweigerung der Hörigkeit" natürlich auch Gedanken und Überlegungen, die so in den Vorgängern noch nicht zum Ausdruck kamen.

So unterschiedlich die Themen der hier gesammelten Essays, so durchgängig zieht sich ausgesprochen oder angedeutet eine sehr ehrliche Haltung des Autors durch die Ausführungen. Er versteigt sich nicht zu naiven Losungen, weiß um die Unaufhaltsamkeit technischen Fortschritts und behauptet nicht im Mindesten eine Lösung für die ausufernden Folgen der Technisierung der Medien und ihrer Wirkungsmechanismen zu haben. Er sieht sich lediglich als jemanden der schildert was eigentlich offensichtlich ist und aufgrund der seither vergangen Jahre, muß der Leser erkennen, daß Postman keineswegs ein Schwarzmaler war, daß seine Prognosen keineswegs übertrieben waren und sind.

Bei einem hier abgedruckten Vortrag in Österreich aus dem Jahre 1987, schilderte er dem Auditorium, des bis dato vom Segen des Privatfernsehens verschonten Landes, die Veränderungen die in den nächsten Jahren eintreten werden. Von der Veränderung zur geistigen Ausdünnung des staatlichen Fernsehens, weil es dem vollkommen geistlosen Privatsendern im Kampf um die Quote nacheifern würde, bis zu Auswirkungen auf Leseverhalten und gesamtgesellschaftlichen Bildungsverschiebungen (nach unten) hat er recht behalten. Das kann ich als Berliner, der Österreich nur gelegentlich bereist, deshalb mit Sicherheit sagen, weil Postman seinen Vortrag 1987 ebenso gut auch in Berlin, Hamburg oder Stuttgart hätte halten können. Durch Europa schwappt die Welle der Bildungs-Erosion insgesamt erst seit Mitte der achtziger Jahre. Die Amerikaner waren uns da nur 30 Jahre voraus, weil dort die Kommerzialisierung des TV von Anbeginn betrieben wurde.

Postman hebt ganz klar hervor, dass es nicht die elektronischen Medien sind, also nicht ihre bloße Existenz, die uns gesellschaftlich zurück entwickeln, uns oberflächlicher und infantiler machen, egoistischer, kurzsichtiger und stumpfsinniger und uns der Fähigkeiten zur Meinungsbildung und zu komplexem Denken, zur Empathie und sachlichen Verstandsanwendung berauben. Genauso wenig, wie allein die Erfindung des Buchdrucks die breite Masse der Gesellschaft seither nicht gebildeter machte und somit mündiger. Die Menschen wurden gebildeter, weil sie lasen, weil sie die Bücher anwendeten! So wird derzeit die breite Masse der Gesellschaft gemüts-schlichter, weil der ununterbrochene Nonsens via TV (und inzwischen auch Internet und Mobil-Telefon, worauf Postman in der Mitte der achtziger Jahre noch nicht eingehen konnte) von jedem einzelnen zugelassen und wie es scheint, beinahe wie die Heilsverkündung in absoluter Hörigkeit entgegengenommen wird. Es wird nicht hinterfragt, es wird einfach konsumiert und sich aus gehaltlosen Informationen die Meinung gebildet (oder das was man dafür hält).
Nicht die Existenz des Mediums verändert die Gesellschaft, sonder ihre Anwendung. Diese Feststellung mag zunächst fürchterlich banal klingen. Doch ist sie es nicht, denn es geht nicht darum das Fernsehen per se zu verteufeln. Es liegt aber am Zuschauer, respektive dem Leser, welchen Inhalt er dem Medium abnimmt und was er als unter seiner Würde empfindet und entsprechend ablehnt. Ein Buch über Kindererziehung in Qualität des TV-Formats "Supernanny" würde niemand ernstnehmen. Eine Zeitung mit dem Informations-Gehalt und der Oberflächlichkeit und der völligen Zusammenhangslosikeit einer Nachrichten-Show (notabene: Show!!!) würde glatt durchfallen. Gewiß, es gibt die Bild-Zeitung, aber neben ihr eine Vielzahl ernstzunehmender Formate. TV-Nachrichten befinden sich ausnahmslos in der geistigen Nähe jenes Revolver-Blattes.

Nun ergäbe es kaum Sinn, die Medien-Schaffenden mit moralischen Vorwürfen zu behelligen. Diese wären zwar begründet, aber wirkungslos.
Und solang wir in einer demokratischen Gesellschaftsordnung leben, was im Wissen um andere Gesellschaftsordnungen wohl das geringste Übel zu sein scheint, wird ein Verbot, weder allzu großen Quarks der medial verbreitet wird, noch der grundsätzlichen Darbietung des Fernsehens (Kurzatmigkeit, ständige Werbeunterbrechung, fehlende Komplexität, Vermischung von tatsächlicher Bedeutung und totaler Trivialität etc.) kaum eine Mehrheit finden.
Bleibt also nur ein stetiges sich selbst Ermahnen, dieser Unterhaltung genannten Lawine der geistigen Ödnis aus dem Wege zu gehen und hier und da auch andere darin zu bestärken, dass das Leben seinen Lebenswert nicht aus elektronischen Geräten beziehen kann.

Bücher von Neil Postman, so auch dieses, sind da sehr hilfreich.
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Die Verweigerung der Hörigkeit. Lauter Einsprüche
Die Verweigerung der Hörigkeit. Lauter Einsprüche von Neil Postman (Broschiert - 1988)
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