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18 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Zusammen schaffen wir etwas Magisches!" oder: "Alles ändert sich, und nichts ist unmöglich.", 27. März 2014
Von 
MyandMar - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 100 REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)   
Rezension bezieht sich auf: Geschichte für einen Augenblick: Roman (Gebundene Ausgabe)
Quantenmechanik ist bizarr und ihre Aussagen nicht nur für Laien schwer zu verstehen. Da gibt es Schrödingers Katze, die weder tot noch lebendig ist. Dort kommunizieren Teilchen mittels spukhafter Fernwirkung über Millionen von Kilometern miteinander oder durch Spalten tretendes Licht bildet bizarre Muster, die auf seine Welleneigenschaft deuten. Doch sobald ein Beobachter zuschaut, "mutiert" die Lichtwelle zum Teilchen. Die Krönung des Unvorstellbaren gebiert wohl die Viele-Welten-Interpretation. Sie behauptet gar, dass alle möglichen unterschiedlichen Vergangenheiten des Universums tatsächlich existieren. An jedem Punkt der Zeit teilt sich das Universum in eine Vielzahl von Existenzen auf, in denen jeder mögliche Ausgang jedes Quantenprozesses stattfindet. Also sitzt man in diesem Universum vor dem Computer und liest diese Rezension, in einem anderen überfliegt man einen anderen Artikel und in einem weiteren wird man gerade von einem Lastwagen überfahren. In vielen existiert man überhaupt nicht.

Was hat nun Ruth Ozekis, meiner Meinung nach völlig zu Recht für den Man Booker Prize nominierter und - soviel sei schon vorab verraten - unglaublich faszinierender und großartiger Roman damit zu tun? Sehr viel sogar. Denn die amerikanische Autorin mit japanischen Wurzeln, die zudem Zen-Priesterin ist, verwebt all diese physikalischen Phänomene auf atemberaubende Art und Weise mit buddhistischen Weisheiten und strickt daraus eine überaus bewegende, interessante, aufrüttelnd-ausdrucksstarke Geschichte, die zwischen Japan, Kanada und den USA pendelt, sowohl geschichtliche und politische Ereignisse changiert und gleichzeitig einen Blick in die Gedankenwelt und Arbeitsweise eines Schriftstellers wirft: 550 Seiten prall gefüllt mit Wissen, Mythen, Esprit und Intellekt und "trotzdem" überaus lesenswert, fesselnd und emotional erzählt.

Der Plot setzt mit dem folgenschweren Fund an den Strand gespülten Treibgutes ein, dessen Inhalt das Leben der Schriftstellerin Ruth, eine der beiden Protagonistinnen, für die nächsten Wochen intensiv beschäftigen, ja verändern wird. Das unter anderem darin enthaltene Tagebuch eines 16-jährigen japanischen Mädchens erweist sich als etwas ganz Besonderes. Allerdings nicht nur wegen seiner ungewöhnlichen Hülle, die sich als Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zu erkennen gibt. Das gedruckte Wort des französischen "Zeitsuchers" wurde jedoch durch die persönliche Eintragungen eben jenes Teenagers ersetzt. Naoko Yasutani, kurz Nao, wie die junge Schreiberin heißt, wendet sich in der direkten Anrede an ihre Leserin und möchte ihr im Fortgang die wahre Lebensgeschichte ihrer Urgroßmutter Jiko, einer Zen-buddhistischen Nonne, erzählen. Letztendlich nimmt Jiko im Fortgang der Erzählung nur eine, wenn auch bedeutende, Randfunktion ein. Der Plot hingegen entwickelt sich zunehmend zu der unglaublich vielschichtigen, zuweilen recht intensiv-emotionalen und komplexen Lebensgeschichte von Naos Familie. Der Zweite Weltkrieg und dessen japanische Kamikazeflieger, der Angriff auf Ground Zero, als auch der folgenschwere Tsunami aus dem Jahr 2011 mit seinen verheerenden Auswirkungen auf das Atomkraftwerk in Fukushima entpuppen sich als Meilensteine. Ruth verspürt mit jeder Seite, die sie liest eine Dringlichkeit, zu dem Mädchen vorzudringen, zu dieser kleinen "Wellenperson, die auf dem stürmischen Meer des Lebens herumtreibt".

In wechselnden Kapiteln, jeweils aus der Sicht der auf einer Insel vor der Nordwestküste Kanadas lebenden Schriftstellerin Ruth (aus auktorialer Erzählperspektive) sowie in der Ich-Form von Naoko, entfaltet Ruth Ozeki ihre Story. Dabei stehen sich ihre beiden Hauptprotagonisten viel näher als es zunächst den Anschein hat. Offensichtlich hat die Autorin viel Autobiografisches in ihre Figuren gelegt. "Ich will etwas Wahres hinterlassen.", lässt sie Nao sagen. Trotzdem hat es mitunter den Anschein, dass Ruth und Nao aus der Zeit fallen, um sich in der Grauzone zwischen zwei Welten anzunähern. Eine japanische Dschungelkrähe scheint der Mittler, das verbindende Energiefeld zu sein.

"Geschichte für einen Augenblick" offenbart einen Roman, der viele Einblicke in japanische Lebensart und Zen-buddhistische Traditionen gibt. Heimat, Familie, Glaube, Tod und Leben, Wahrheit oder Fiktion sind weitere Inhalte des mitunter im wahrsten Sinne des Wortes fantastischen und dann wieder philosophischen Textes. Allem Anschein nach steckt Marcel Prousts Geist noch immer im Buchdeckel. Ruth Ozeki gelingt es auf unglaublich eindringliche Art und Weise, Orte derart detailliert zu beschreiben, dass man meint, sich im selben Raum zu befinden. Sie schafft durch ihre Geschichte(n) eine Aura der Vertrautheit und der Zeitversetztheit, des Innehalten und Besinnens. Es scheint, dass sie beinahe magisch Worte aus der Leere zieht, um sie mit Leben zu erfüllen und dadurch einen unglaublichen Zauber heraufzubeschwören. Nicht unwesentlichen Anteil hat gleichfalls der Übersetzer Tobias Schnettler, dem eine flüssige und exzellente Übertragung ins Deutsche gelungen ist.

Wenn man Ruth Ozekis Roman vergleichen müsste, so fiele mir hier sofort der Name Haruki Murakami ein. Ihre "Geschichte für einen Augenblick" liest sich ebenso faszinierend wie dessen "Hard boiled Wonderland oder das Ende der Welt". Ein Buch über Tradition, über Sein und Zeit, über Sein-Zeit. Und vielleicht liegt auch ein wenig verlorene Zeit zwischen den Seiten, die der Leser suchen, neu entdecken und dehnen kann. Ganz egal in welcher Welt er sich gerade befindet. Denn die Wirklichkeit entsteht erst im Kopf. Oder wie es Marcel Proust so treffend auszudrücken wusste: "Die Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, eigentlich der Leser seiner selbst. Das Werk des Schriftstellers ist lediglich eine Art von optischem Instrument, das der Autor dem Leser reicht, damit er erkennen möge, was er in sich selbst vielleicht sonst nicht hätte sehen können." Literatur hatte schon immer ihre eigene Zeit und Logik. Und Schrödingers Katze? Die (über-)lebt tatsächlich. Vielleicht sind ja die bizarren Quantenelemente im Spiel gewesen...
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ganz zart geflochten, dennoch viele harte Einblicke, 9. Juli 2014
Von 
Die Handlung des Romans ist aus vielen Fäden gewoben. Die Zeit, das Sein, Zen, Mobbing, Suizid und die unvergleichliche Urgroßmutter mit ihrer "Supapawa". So viele STränge fügen sich so wunderbar ineinander, dass das Buch einen ganz eigenen Sog entwickelt. Dabei spart es auch die Härten des Seins und der Zeit nicht aus. Ich habe das Buch kaum weglegen können. Es ist etwas ganz Besonderes. Ein Buch nicht nur für den e-reader, sondern auch für das Bücherregal!
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10 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen ... von der Zeit und meinem Sein in ihr ..., 27. März 2014
Von 
Christian Döring "leseratte" - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 50 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Geschichte für einen Augenblick: Roman (Gebundene Ausgabe)
Teenagerin Nao ist für mich die Heldin dieses Romans. Im schwierigen Alter von 16 hat sie mit sich und ihrer Familie Probleme genug, in der Schule wird sie schikaniert. Aber Nao nimmt sich die Zeit mir von ihrer einhundertvier Jahre alten Urgroßmutter zu erzählen, wobei niemand weiß ob das Alter tatsächlich stimmt. Die Dame war Zen-buddistische Nonne und liebte die Männer.

Gleich zu Beginn schockiert mich Nao mit ihrer Ankündigung aus dem Leben aussteigen zu wollen. Ob sie aussteigt oder nicht, bringt einen erheblichen Spannungsbogen in dieses Buch.

Dann ist da die nächste große Frau der Story. Ruth findet an einem völlig anderen Ort der Erde, direkt am Strand Treibgut. Es handelt sich um ein Tagebuch. Die junge Schreiberin wird in der Schule schikaniert und erzählt von ihren letzten Tagen auf der Erde.

Zu Anfang störte mich das ganze Zen-Getue und auch die zahlreichen Fußnoten auf den einzelnen Buchseiten. Aber ich habe mich eingelesen und es empfiehlt sich tatsächlich die Fußnoten nicht unbeachtet zu lassen.

Einsichten in die Zen-Welt können letztlich hilfreich sein um dem Nachdenken über das Sein in dieser Welt Nachdruck zu verleihen und gehören natürlich in den Kulturkreis der Autorin, aber meiner Meinung nach hätte der Tsunami nun nicht auch noch eingebaut werden müssen.

Auch so wird beim Lesen sehr deutlich, dass das Leben, egal auf welcher Seite des Pazifik die ganze Frau, sicher auch den ganzen Mann, erfordert. Um so intensiver ich mich auf dieses Leseabenteuer einlasse, um so intensiver entfaltet sich das Gesamtwerk vor meinen Augen und nimmt mich mit hinein in Veränderungen die das Leben mit sich bringt!
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5.0 von 5 Sternen Sachte berührt von harten Geschichten, 21. Juli 2015
Rezension bezieht sich auf: Geschichte für einen Augenblick: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ich habe das Buch von der Mutter meines Freundes (einer Buchhändlerin) geschenkt bekommen. Und zunächst geglaubt, dass es nichts für mich sei. Ich wurde eines besseren belehrt. Es gab nichts, dass mir nicht gefallen hat.

Nao ist im Teenageralter und wohnt in Tokio. Dass sie dort nicht gern lebt, betont sie immer wieder, denn ihre glückliche Kindheit dürfte sie zusammen mit ihren Eltern in Kalifornien verbringen. Durch das Platzen der Dotcom-Blase wurde ihr Vater arbeitslos und ohne Visum wieder abgeschoben. Und so leidet die kleine Familie unter der ungewollten Heimkehr. Der einzige Halt in Naos Leben scheint ihre Urgroßmutter zu sein, die als Priesterin in einem Tempel lebt. Um ihre Lebensgeschichte nieder zu schreiben, beginnt Nao ein Tagebuch zu führen.

Dieses Tagebuch fällt Ruth eines Tages in die Hände. Sie ist eine Schriftstellerin, die seit einiger Zeit an ihren Memoiren schreibt, leider etwas erfolglos. Sie lebt mit ihrem Mann und einem Kater auf einer kleinen Insel in Kanada, auf der kein Geheimnis geheim bleibt. So manches Mal sehnt sie sich nach der Zeit in New York zurück und stellt ihr Leben in Frage. Das Tagebuch von Nao zieht sie so sehr in den Bann, dass es ihr Leben beeinflusst.

Des weiteren werden die (Lebens-)Geschichten von weiteren Personen erzählt, wie beispielsweise die von Naos Vater. Es zeigt die verschiedensten menschlichen Abgründe, Schwächen und auch Stärken. Es bringt einen dazu unbedingt weiterlesen zu wollen, kann aber auch das ganze Gegenteil bewirken. Der Schreibstil ist einfach gehalten um so die philosophischen Ansätze verständlich zu erklären. Gespickt ist das alles mit japanischen Begriffen, die als Fußnote erklärt werden, und der japanische Kultur, die so manches Mal sehr schön und ein anderes Mal unbegreiflich daher kommt. Es ist nichts für seichte Menschen, die lieber Bücher über die rein schönen Dinge im Leben lesen.

Ich habe einen längeren Moment gebraucht um das Buch zu lesen, ich denke jedoch, dass das Buch dies unterstützt. Es gibt einen etwas Zeit über das Gelesene nachzudenken. Und es gibt einen viel zum Nachdenken. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass ich „Geschichte für einen Augenblick“ in die Hand nehme. Das Buch hat mich, trotz der harten Geschichten, so sacht berührt, dass ich es erst gar nicht bemerkt habe.

„Geschichte für einen Augenblick“ ist zu empfehlen, wenn man gern etwas über andere Kulturen liest, wenn es einem nichts ausmacht, dass an übernatürliche Kräfte geglaubt wird, wenn einen die Naivität und Trotzigkeit einer 15-jährigen nicht auf die Palme bringt.
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Geschichte für einen Augenblick: Roman
Geschichte für einen Augenblick: Roman von Ruth Ozeki (Gebundene Ausgabe - 27. März 2014)
EUR 19,99
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