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10 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Über die Verfasstheit dieses Landes
Ein vielstimmiger, oft chaotischer und somit kakophoner Chor hebt an in Clemens Meyers Werk "Im Stein". Da sprechen Luden, besser: Im Vermietungswesen Tätige, da sprechen die Damen, an die diese Herren vermieten, daß sie ihrer Arbeit ungestört nachgehen können, da sprechen Anverwandte jener Damen, die im Sog aus Drogen, Sex und der Nacht verschwunden...
Vor 5 Monaten von Gavin Armour veröffentlicht

versus
112 von 120 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen VERZETTELTES ZUHÄLTER-INNENLEBEN
Puh, endlich durch mit diesem doch recht strapaziösen Werk. Zunächst was mir gefällt: die sprachliche Kraft, die Vielstimmigkeit, die wirklich eine ist, d.h. Meyer schreibt sich gekonnt in diverse Tonlagen hinein. Beeindruckend auch, wie er Motive von Hubert Fichte, Wolfgang Hilbig und anderen aufnimmt.

Problematisch aber, dass sich auf 570 sehr...
Vor 7 Monaten von Bücher-Bartleby veröffentlicht


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112 von 120 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen VERZETTELTES ZUHÄLTER-INNENLEBEN, 30. August 2013
Von 
Rezension bezieht sich auf: Im Stein: Roman (Gebundene Ausgabe)
Puh, endlich durch mit diesem doch recht strapaziösen Werk. Zunächst was mir gefällt: die sprachliche Kraft, die Vielstimmigkeit, die wirklich eine ist, d.h. Meyer schreibt sich gekonnt in diverse Tonlagen hinein. Beeindruckend auch, wie er Motive von Hubert Fichte, Wolfgang Hilbig und anderen aufnimmt.

Problematisch aber, dass sich auf 570 sehr dicht bedruckten Seiten keine überzeugende Handlung entwickelt. Die paar Fäden, die man recht mühsam herausdröseln muss und die eine Art Geschichte des „Leipziger“ Prostitutionswesens nach der Wende von 1989 ergeben, fand ich in dieser Form nicht so spannend. Da wäre ein Artikel von 5 Seiten informativer gewesen.

Leider muss ich Ähnliches auch über die Figuren sagen: Sie haben mich größtenteils nicht wirklich interessiert. Arnold Kraushaar mit seinen Mietwohnungen voller Frauen, der alte Kommissar mit seiner Vorliebe für voluminöse Weiber, der Bielefelder, der philosophierende Rocker von den „Engeln“ oder der abgewrackte Ex-Jockey, der verzweifelt seine Tochter auf dem Strich sucht – es sind Männerseelen, die mich in ihren ausufernden, oft monothematischen, zudem mit vielen Banalitäten durchsetzten Monologen nicht ergriffen haben. Die Herren stilisieren sich gern zu „ganz normalen Geschäftsleuten“, nun ja.

Eindringlicher und gelungener finde ich die meist kürzeren Porträts der Huren, ihre abschweifenden Gedanken bei der Körper-Arbeit. Da ergeben sich oft komische Kontraste. Bei diesen Kapiteln, so scheint mir, handelt es sich um bearbeitete Interviews, was den Eindruck eines Sozialreports verstärkt.

Meyer will mit diesem ausufernden Roman seinem Ruf als „bad boy“ der deutschen Gegenwartsliteratur gerecht werden. Im Literaturbetrieb sind großflächig tätowierte Menschen ja noch die Ausnahme. So sind vor allem Kritikerinnen offenbar stark beeindruckt von diesem Schriftsteller mit Grünbeinbrille und Tattoos unterm Anzug (dezent das Ärmelchen hoch, dass mans auch gut sieht…) sowie seinen „authentischen“ Erfahrungen aus halbkriminellem Milieu (ja, die alte Autoknackergeschichte). Sie halten Meyer für eine Art Genet aus Sachsen, finden in seinen Werken schwarze Romantik. Aber diese Romantik, die die Prostitution einst tatsächlich hatte in der Literaturgeschichte, diese Feier des Verruchten funktioniert heute nicht mehr.

Es ist ja nicht so, dass Meyer in nie gesehene, spektakuläre Dunkelzonen hinabgestiegen wäre. Das Internet und die Boulevard-Blätter sind voll mit Prostitution, Hurengeschichten, Sexanzeigenseiten und all den netten Abkürzungen für die mehr oder weniger ausgefallenen Dienstleistungen am Mann, die Meyer wieder und wieder aufführt, als wärs nun ganz was Anrüchiges. Themen wie Prostitution, Frauenhandel, Flatrate-Bordelle etc. kommen z.B. bei Spiegel TV schon fast so oft vor wie Sendungen übers Dritte Reich. Deshalb finde ich die feldforscherhafte Breite, mit der Meyer seine Milieustudie entwickelt, unangemessen. Mit anderen Worten: Als Material für einen Roman wäre das größtenteils gut zu verwenden, aber wo ist der Roman?

Die Form der Bewusstseinsströme fand ich auf Dauer etwas gewollt und gekünstelt. Es wiederholt sich einfach zu vieles, dreht auf der Stelle, am Ende kann mans nicht mehr hören, dieses ganze verzettelte Zuhälter-Innenleben. Ich sehe die große Ambition, sehe den Aufwand, sehe das sprachliche Können, aber das Ergebnis überzeugt mich nicht. Etwas weniger Wahrnehmungskaskaden und etwas mehr Gedanken hätten dem Buch gut getan.

Vielleicht zündet „Im Stein“ bei mir irgendwann bei einer zweiten Lektüre, ich will es nicht völlig ausschließen.
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29 von 35 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Von der öden Leere hinter dem Geschäft mit der Prostitution..., 30. August 2013
Von 
A. Zanker (CH) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Im Stein: Roman (Gebundene Ausgabe)
Bücher die vom Feuilleton gross angekündigt werden, sind in der Regel mit Vorsicht zu geniessen. Und ob gar Clemens Meyer zu einem der bekanntesten Gegenwartsschriftsteller gehört, wage ich dann doch zu bezweifeln. Solche Bücher zu beurteilen und zu rezensieren, wie wir es hier haben, dürfte nicht ganz einfach fallen. Denn wir finden glänzend geschriebene Passagen genauso, wie der etwas zäh zu lesende Stoff der hinhält, ermüdet und vom Leser Durchhaltekraft verlangt. Also kein Buch dass man dann mal so schnell so zwischendurch runterliest. Ich habe nichts dagegen, wenn Bücher vom Leser etwas fordern, wenn sie wie dieses an Grenzen geht, dem Leser einiges zumutet: nur muss am Ende so etwas wie eine Quintessenz, eine Botschaft für mich wahrnehmbar sein. Was ich dann doch bei Clemens Meyer vermisse. Mir kommt dieses Buch ein wenig vor, wie eine Rotlicht-Milieu-Studie die die Leere und auch die Trostlosigkeit hinter der Lust-Industrie darstellen will. Die grosse Leere hinter der attraktiven Lust. Die Frage ist nur, wie setzt der Autor das um? Und: gibt es etwas, das den Leser überzeugt? Leider nicht. Wenn mich überhaupt etwas an diesem Buch stört, dann ist es die Atmosphäre des sich Auflösenden. Denn Vieles was hier beschrieben wird, scheint sich in einer Art Auflösungsprozess zu befinden...die natürlicherweise ein ideales Pendant zur grossen Leere darstellt...so far so good.

Die meisten Fragen die ich mir notiert habe, sind: Wer erzählt hier? Um wen geht es? Wer spricht hier? Man wird also hingehalten, bis einmal Meyer seine Katze aus dem Sack lässt. Denn er lässt ganz viele verschiedene Personen im Monolog berichten. Doch nicht selten erfährt das, der Leser oft gegen Ende eines Kapitels wenn überhaupt. Das kann irritieren und Orientierungslosigkeit erzeugen, die ja vielleicht so gewollt ist. Meyer öffnet den Erzählschirm ganz weit, denn er lässt junge Frauen, und ältere Frauen zu Wort kommen. Erzählt von Zuhälterringen, die sich konkurrieren, von Geschäftemachern die mit Immobilien den Rotlicht-Markt bedienen, erzählt von Polizisten, die zu Huren gehen, erzählt von 14-jährigen Töchtern deren Mutter anschafft oder 80-jährigen Freiern, schildert anonyme Männer, die hinter Spiegeln sitzen usw., stellt Einzelschicksale in die Mitte. Etwa Hans Pieszeck und Arnold Kraushaar um die sich die ganzen anderen Berichte und Erzählungen wie drum herum ranken. Meyer hat sich also die Prostitution, mit 'all ihren Facetten und Verästelungen vorgenommen. Um so etwas wie einen Grundton zu erzeugen. Denn letztendlich taucht Meyer bis in Innere dieser Menschen ein, die mit der Sexindustrie zu tun haben. Das um wohl zu zeigen, wie es innerlich in diesen Menschen aussieht. Vieles lässt eben genau jene erschreckende Leere ahnen, von der hier die Rede ist. Eine kurzfristige Illusion seitens der Freier der eine ernüchternde Realität seitens der Huren und ihrer ganzen dahinterstehenden Welt entgegen steht. Meyer hat sich Insider-Material besorgt, was dem ganzen noch eine Note mehr an Drive verleiht. Denn hier wird wirklich auf den Zahn gefühlt, Meyer arbeitet mit schonungsloser Realität.

Die Menschen hier zeugen von einem gewissen Scheitern, denn sie werden in den Polaritäten wie Vertrauen und Verrat zerrissen. Sie sehen sich Hoffnungen und Illussionen ausgesetzt, denen sich nicht entrinnen können. Kommen doch alle auf ihre ganz eigene Art und Weise an ihre Grenzen, wo sich Abgründe auftun, die unheimlich sein können. Als ob gekünsteltes Glück einem stillen Leid gegenüberständen, die Frage ist nur, wer sind die Gewinner und wer sind die Verlierer? Die Frage die sich wirklich stellt, ist doch, was macht diese Käuflichkeit von Sex mit den hier beschriebenen Menschen? Genauso kann man sich fragen, ob Bordellbesuche, vulgäre Ausdrucksweisen und Ausdrücke, und der moralische Verfall der hier spürbar wird, sich für Literarische Darstellungen eignet. Denn zum Einen gibt es hier tabuisierte Bereiche, und zum Anderen kann ein gewisser Zerfall in dieser Branche wohl nicht weggeleugnet werden - auch wenn damit Millionen gemacht werden. Natürlich nehmen heute Pornographie und käuflicher Sex einen grossen Raum unserer heutigen Gesellschaft ein, alleine schon wenn man die Internet-Entwicklung ansieht. Dieses Thema hat sicher seine Berechtigung, schade ist nur, dass es so zäh zu lesen ist, und man sich immer wieder motivieren muss, um überhaupt weiter zu lesen. Ein komplexes Konstrukt dass in seiner Krassheit und auch Abartigkeit zwar dem Leser den Spiegel vor Augen hält, der auch einen Verlust von Menschlichkeit zu ertragen hat. Vielleicht ist es diese Heimatlosigkeit, an der diese Menschen frieren. Zumindest ich hatte, während der ganzen Lektüre Momente wo es mich durch und durch fröstelte. Und obwohl ich dieses Buch für beachtlich halte, fehlt mir das gewisse Etwas, wo man spürt, dass etwas einen überzeugt und man froh ist, dass man es lesen durfte. Leider kann ich das von "Im Stein" von Clemens Meyer nicht sagen, leider.

Zitat:

"Wir vernichten uns selbst, um weiter unser Geschäft zu betreiben." 370
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10 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Über die Verfasstheit dieses Landes, 8. November 2013
Rezension bezieht sich auf: Im Stein: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ein vielstimmiger, oft chaotischer und somit kakophoner Chor hebt an in Clemens Meyers Werk "Im Stein". Da sprechen Luden, besser: Im Vermietungswesen Tätige, da sprechen die Damen, an die diese Herren vermieten, daß sie ihrer Arbeit ungestört nachgehen können, da sprechen Anverwandte jener Damen, die im Sog aus Drogen, Sex und der Nacht verschwunden und nie mehr aufgetaucht sind, da sprechen Polizisten einerseits und Halb- und Vollzeitkriminelle andererseits und sie alle sprechen scheinbar wahllos durcheinander. Zu einem "Chor der Nacht", so die durchwachsene Kritik an dem Buch, schwellen diese Stimmen an. Ist das so? Oder ist es vielmehr so, daß man es hier mit einem vielstimmigen großen Gesang jener 20 Jahre zu tun hat, die seit der Wende vergangen sind? Ein Chor, der erzählend und kommentierend zugleich davon berichtet, wie ein ganzes Land nach und nach übernommen und dabei kräftig übers Ohr gehauen wurde? Wie die Halbseidenen und die vermeintlich besonders Pfiffigen sich zu bedienen wussten, als es darum ging, sich die besten Plätze für den Start ins "Neue Deutschland" zu sichern? Und kann es sein, daß das dem Betrachter, der zum Erzähler wird, zum Arrangeur dieses Chors, all dieser Stimmen, schlichtweg vorkommen muß wie die größte Prostitution, die es in diesem Lande je gegeben hat? Daß "Prostitution" zur Chiffre wird? Zur Metapher auf diese "Goldgräberjahre", die "wilde Zeit" nach der Wende, als im Osten "alles ging"? Als das Geld floß und man zugreifen musste und sich bedienen musste, wollte man nicht auf der Verliererseite der Straße enden?

Sicher, es geht um das sogenannte Rotlichtmilieu, es geht darum, wie in diesem Milieu Menschen benutzt und weggeworfen, wie sie ausgebeutet und zur Ware werden. Es geht aber auch darum, wie sie durchaus zusammenhalten können, wie es gelingt, unter den herrschenden Umständen seine Würde zu bewahren, es geht um das Vergehen der Zeit und was es mit einem macht. Clemens Meyer hat keine stringente Geschichte zu erzählen, er läßt Fragmente aus einer Wirklichkeit erzählen von denen, die sie erleben (müssen) und was sich dabei zusammensetzt, sind teils sich ergänzende, teils im narrativen Nirgendwo versandende Stränge von Lebenswegen, Ideen und Geschäftsabschlüssen. Dabei kreist dieses Erzählen um "Eden-City", Leipzig, und dessen Rotlichtviertel; zentrale Figuren sind "AK47", ein "Vermieter", der den Damen die Räumlichkeiten zur Verfügung stellt, der Clubbesitzer Hans, der "Bielefelder Graf" und die Engel, jener Motorradclub, der immer stärker um die Jahrtausendwende einsteigt ins Geschäft mit dem lebendigen Fleisch. Auf diese Protagonisten kommen die meisten Erzählungen irgendwann zurück, wieder und wieder werden Facetten deutlicher, die zum Verständnis beitragen, um die Geschäftsbeziehungen zu verstehen, die alle Parteien miteinander eingegangen sind, um zu verstehen, wer sich wie gegenübersteht, zwischen wem zumindest freundschaftliche Bande zu spüren sind und wer einfach nur gefährlich, weil vollkommen undurchsichtig ist.

Hinzu kommt eine Anzahl namenloser, jedoch in ihren Erzählungen mit viel Liebe zum Detail ausgestatteter Huren. Ihre Erzählungen gehören mit zum besten, was dieses Buch zu bieten hat, gerade weil es Meyer gelingt, sie weder eindimensional als Opfer noch - ebenso eindimensional - als "Huren mit Herz" darzustellen, sondern ganz unterschiedliche Wege in diese Art der Betätigung aufzeigt und dabei weder halt macht vor Beschreibungen der Härten des Geschäfts, noch davor, dessen manchmal unfreiwillig komischen Seiten offenzulegen.

Das ist sperrig. Man muß diese 22 Kapitel sehr aufmerksam lesen, denn oft erschließen sich Zusammenhänge erst nach Hunderten von Seiten. Meyer schreckt nicht davor zurück, in einem Satz sowohl zwei unterschiedliche Icherzähler, als auch noch eine auktoriale, erklärende Stimme zu Wort kommen zu lassen. Zudem schert er sich oftmals nicht darum, ob die gerade Erzählenden zu identifizieren sind (sie sind es oft nicht). Man kann dem folgen, man erkennt einzelne Stimmen auch durchaus wieder, doch nie fügt sich dies alles zu einer Kohärenz zusammen. Das Buch lädt oft nicht zum Schmökern ein, nein - "schmökern" ist sowieso das falsche Wort in Bezug auf Thema, also Inhalt, als auch die formale Umsetzung - es ist viel mehr eine offene Zumutung. Man könnte es so sagen: Dieses Buch will nicht geliebt werden, so, wie die Damen, um die sich alles dreht, von ihren Kunden nicht geliebt werden wollen, es will dem Leser oft schlichtweg einen Hieb in die Magengrube verpassen.

Man kann durchaus Kritik üben daran: Allzu oft werden einem diese Typen da auch zu schnell sympathisch, es entbehrt manchmal nicht eines gewissen Witzes, was und auch wie erzählt wird und ein Jargon, der jenem gleicht, wenn Opa vom Krieg erzählt, schleicht sich ebenfalls ein. Zu sehr gehe Meyer seinem Sujet auf den Leim, zu selten würde die ganze Härte dieser Zunft dargestellt, war in der Kritik zu lesen. Meyer nähme keine klare Haltung ein. Das ist alles richtig, man kann es so sehen. Doch müsste man dann konstatieren, daß man es hier wirklich mit einer Art Sozialreportage aus dem Rotlichtmilieu zu tun hätte. Und dem aufmerksamen Leser wird nicht entgehen, daß dem nicht so ist. Wie angedeutet wird zu oft der Blick auf das ganz große Panorama geöffnet, wird die Spezifik dieses Gewerbes mit der kapitalistischen Übernahme der ehemaligen DDR durch die Bundesrepublik kurzgeschlossen, als daß nicht recht früh bei der Lektüre der Eindruck entstünde, es hier mit einem kühlen, oft wirklich maximal distanzierten Blick auf die allgemeinen Geschehnisse der Zeit nach 1990 zu tun zu haben. Da wird ein ganzes Land prostituiert und den brutalen Gesetzen eines an sich schon brutalen Marktes unterworfen, dessen Bedingungen sich am "Milieu" lediglich noch enimal verschärft genauer ablesen lassen.

Es ist nicht zu bestreiten, daß es auf der Strecke von 560 Seiten durchaus Längen zu bemängeln gibt, nicht alles gelingt dem Autor gleich. Einige seiner Charakterisierungen wirken arg konstruiert, an medialen Vorbildern angelehnt. Dann allerdings baut er eine Szene ein, in der ein namenloser Fragesteller (der Autor?) einen Engel - den "Mann hinter den Spiegeln" - befragt. Und wie der den Fragesteller vorführt, auflaufen läßt und auch lächerlich macht, verdeutlicht schon intensiv, wie die Recherche zu diesem Werk (auch) verlaufen sein wird. Und das ist mutig. Clemens Meyer nennt u.a. Céline als ein Vorbild: Literatur, so meiint er, die "erkämpft" werden muß, die sich was traut, die ohne Seil und doppelten Boden auskommt, die erarbeitet ist. Nun hat der misantrophe Franzose ja mit ähnlicher Kühle aus ähnlichen Milieus berichtet. Und Meyer gelingt es durchaus, ähnlich dampfend zu erzählen. Allerdings mit weitaus mehr Menschenliebe zumindest zu den schwächeren Gliedern dieser Ketten, die da aneinandergefesselt miteinander auszukommen haben, in diesem Markt. Für diesen Mut allein, für den Willen, ein erzählerisches Experiment zu wagen und (weitestgehend) zu bestehen, gebührt Meyer schon Anerkennung. So macht allein die formale Umsetzung - sicher die gewagteste seit Thomas Lehrs "September. Fata Morgana" von 2010 - schon einen Stern aus. Dieses Buch sollte gelesen werden, denn es hat uns allen, auch denen unter uns, die sich maximal weit von seinem Inhalt entfernt wähnen, eine Menge mitzuteilen. Über die Verfasstheit eines gewissen Marktes, über die Verfasstheit aller Märkte und v.a. über die Verfasstheit dieses Landes, 23 Jahre "danach"...

Gute, sehr gute 4 Sterne für dieses Werk!
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17 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Zumutung...! oder Das genaue Gegenteil von "Als wir träumten", 17. Oktober 2013
Von 
U. Weiser (Chemnitz) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Im Stein: Roman (Gebundene Ausgabe)
Wer "Als wir träumten" gelesen hat, der weiss, zu welchen Leistungen Clemens Meyer in der Lage ist. Ein Buch wie eine Faust, präzise, klar, bewegend, sowohl inhaltlich als auch sprachlich einer der Romane, die einem positiv in Erinnerungen bleiben. Ein Buch von einem Mann, der das Schreiben studiert hat! Entsprechend positiv fielen damals die Bewertungen aus.

"Im Stein" dagegen ist das genaue Gegenteil: Unpräzise, unklar, ohne erkennbare Struktur, eine Änhäufung von Gedanken. Sie können von diesem Buch 250 Seiten lesen, ohne dass sie sich über einen der handelnden Protagonisten klar werden. Wenn der Klappentext nicht erste Hinweise geben würde, wäre beim Lesen nicht ansatzweise erkenntlich, was diese Kapitel über die "Szene im Milieu" eigentlich sagen sollen. Beispielhaft sei hier das Kapitel "Am Grenzfluss" genannt. Ich habe mich seitenlang gefragt, meint der Meyer Görlitz, meint er vielleicht Frankfurt/Oder. Oder meint er vielleicht etwas ganz anderes und will es mir nicht sagen (schreiben).

Es gibt Werke, wie z.B. David Foster Wallace' "Unendlicher Spaß", da quälen sie sich durch jede Seite, aber diese Qual lohnt sich. Sie werden etwas lernen, auch wenn es teilweise weh tut. Bei "Im Stein" schmerzt das Lesen sehr, ohne dass dort in irgendeiner Form interessantes zu lesen wäre, weder über die Szene noch über die Menschen darin. Die sprachlichen Darbietungen, die unreflektierten Gedanken der Protagonisten, das Wirrwarr an Empfindungen verstellen der Recherche, die Meyer sicherlich geleistet hat, und der damit verbundenen ERkenntnisvergrößerung beim Lesen vollkommen den Weg.

Fazit: Meyer hat mit "Als wir träumten" die Meßlatte derart hoch gelegt, dass er mit "Im Stein" scheinbar neue Wege beschreiten wollte. Diese/seine Literatur jedoch soll vielleicht Kunst sein, vielleicht reicht das auch für die Literaturseiten der FAZ; für einen wie mich, der "Als wir träumten" extrem mochte, ist das Werk alles in allem eine große Enttäuschung, beim Lesen teilweise eine Zumutung.
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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Pecunia non olet, 29. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Im Stein: Roman (Gebundene Ausgabe)
Schwerer Tobak wartet da auf die Leser mit Clemens Meyers Roman «Im Stein», von der anrüchigen Thematik her sicherlich Neuland für die meisten, so auch für mich. Vor dem Hintergrund einer ungenannten, aber leicht als Leipzig identifizierbaren Stadt und ihrer Geschichte von der Wende bis in die jüngste Vergangenheit hinein begegnen uns sämtliche archetypischen Subjekte des Rotlichtmilieus und deren Helfershelfer aus Politik und Verwaltung. Ein Roman aus dem sächsischen Sumpf der Prostitution mithin, in dem der Autor kein Blatt vor den Mund nimmt bei der vermutlich authentischen, in jedem Fall aber kenntnisreichen und drastischen Beschreibung der Sexbranche und ihrer Usancen. Wir erleben die zugehörigen Nachtgestalten aus größter Nähe: Nutten, Zuhälter, Betreiber von Eroscentern, Immobilienhaie, Dealer, korrupte Kommissare und willfährige Beamte, allesamt bemüht, auf der Jagd nach dem Geld der Freier möglichst viel für sich abzukassieren.

Ein Tross von Schmarotzern also profitiert da von der Arbeit der Prostituierten, einer sexuellen Dienstleistung, die als ein Wirtschaftszweig wie jeder andere angesehen wird, der dem Staat einiges an Steuern in die Kassen spült, immer nach dem Motto: Geld stinkt nicht! Der Leser wird mit kriminellen Machenschaften bis hin zu Mord und Totschlag, aber auch mit vielen unappetitlichen Details der Sexarbeit und allen ihren perversen Auswüchsen knallhart konfrontiert von einem Autor, der als Enfant terrible gilt unter den deutschen Autoren. Alles das wird collageartig erzählt, die oft krassen Geschichten bleiben fragmentarisch, ein stringenter Plot fehlt. Immer wieder wird man an Kriminalfilme erinnert, an Typen und Szenen, die einem dort schon mal begegnet sind, wo dann aber schamhaft abgeblendet wird, wenn es richtig zur Sache geht bei der «Arbeit», während hier die Kamera weiterläuft gewissermaßen. Voyeure kommen allerdings nicht auf ihre Kosten dabei, statt pornografisch wird hier nämlich geradezu technokratisch erzählt, und die Finanzen stehen immer im Mittelpunkt, BWL-Kenntnisse helfen also ungemein.

Ein gefälliger, leicht verdaulicher Roman ist «Im Stein» jedenfalls nicht, aber ein wohltuend anderer, die üblichen Leseerwartungen brutal konterkarierender aus einer Welt, die es halt auch gibt und die hier eine offene Bühne gefunden hat für ein milieufremdes Publikum. Man verliert als Leser leicht die Orientierung bei der rasanten Erzählweise des Autors, der auch noch ständig die Erzählperspektive wechselt. Die ist sehr häufig der innere Monolog, der dann auch in der Variante des Bewusstseinsstroms vorkommt, sogar als Selbstgespräch in der Du-Form. Teilweise hektisch und mit vielen Zeitsprüngen erzählt, erfordert die Lektüre also ständig die volle Aufmerksamkeit des Lesers. Das gilt auch für die häufigen Abkürzungen von Namen und auch «Fachbegriffen» aus der Branche, die zu dechiffrieren ohne reichlich «schmutzige Phantasie» kaum gelingt. Die Figuren werden stimmig und detailreich vorgestellt, wobei die Huren meist liebevoll beschrieben werden in ihren Hoffnungen, Wünschen und Plänen, aber auch in ihren manchmal rührend naiven Ansichten über die anrüchige Welt, in der sie ihr Geld verdienen.

Ist die Lektüre also zu empfehlen? Im Prinzip ja, könnte man wie bei Radio Eriwan antworten, aber man muss schon ein robustes Durchhaltevermögen mitbringen, denn der dickleibige Roman weist einiges an Längen auf. Ganz abgesehen davon wird man häufig Probleme haben, nicht die Orientierung zu verlieren in diesem Labyrinth von Innensichten seiner oftmals nur mühsam zu identifizierenden Protagonisten. Aber es ist ja auch kein Blümchensex, der da praktiziert wird im Puff, und so hat wohl der Autor seine Erzählweise dem unkonventionellen Milieu angepasst, über das er so kundig schreibt. Polarisierend ist das allemal, wie die außergewöhnlich konträre Rezeption dieses Romans recht deutlich zeigt.
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11 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen rundum gelungener gegenwartsroman, 21. Oktober 2013
Rezension bezieht sich auf: Im Stein: Roman (Gebundene Ausgabe)
ich habe mir die rezensionen auf dieser seite durchgelesen. ich lese auch gerade den roman von clemens meyer "im stein". ich habe es noch nicht ganz bis zu ende gelesen, aber nicht weil es so langweilig oder schwer lesbar wäre, sondern weil mich das buch so sehr mitnimmt, dass ich immer mal wieder absetze - und kapitel nochmal lese.

ich verstehe nicht, was man an diesem buch nicht verstehen kann. ich verstehe das nicht. normalerweise lese ich gerne schriftsteller aus dem englischsprachigen raum wie irvine welsh oder nick hornby (die ja auch manchmal unter den unschönen begriff "männerliteratur" gefasst werden), bei denen auch oft die eher krassen themen und hobbys unserer zeit im mittelpunkt stehen. und die trotzdem, mit einer feinen beobachtungsgabe ausgestattet, ein gefühl für stimmungen, menschen und die atmosphären ihrer zeit aufbringen. die erklärten vorbilder von clemens meyer, hubert fichte oder alfred döblin, habe ich nicht gelesen. aber trotz mangelnder vorbildung im meyerschen sinne, finde ich diesen roman "im stein" rundum gelungen.

montagetechnik und brüche, die herr meyer in diesem roman anwendet, sind so gekonnt und stimmungsvoll arrangiert, dass der übergang von einer beobachtung zur nächsten; von einer stimmung zur anderen, eher angenehm den lesefluss beschleunigt als dass hier tatsächlich brüche entstehen würden oder kompliziertheiten, die nicht nachvollziehbar wären. verstörend ist eher der inhalt. ich finde es kunstfeindlich und dumm, dass die rezensenten auf dieser seite sich auch noch damit rühmen, dieses buch nicht zu verstehen. anstatt sich zu überlegen, ob mit ihren lesefähigkeiten etwas nicht stimmt.

meiner meinung nach liegt das gar nicht an der form, denn montagetechnik und sprünge sind ja keinesfall ungewohnt in der weltliteratur, und meyer setzt sie äußerst sinnlich und gekonnt ein. es gibt auch immer wieder songtextzitate, so dass man beim lesen manchmal das gefühl hat, man würde an einem radio drehen. das ist sehr gut gemacht! keine frage. und es liest sich auch gut und flüssig.

es müsste eigentlich jedem auffallen, wie sehr dieses buch die sinne erfasst. und deshalb habe ich die vermutung, dass es am inhalt liegt und gar nicht an der form weshalb es als unverständlich empfunden wird. hätte meyer - wie zB irvine welsh - über mehrere heroinabhängige protagonisten geschrieben, oder über schulhofmobbing eines 11-jährigen außenseiter (wie zum beispiel nick hornby), dann hätte der leser seine distanz aufgeben können und sie gleichzeitig beibehalten.

das buch von meyer zerstört aber, im allerbesten sinne, das distanz-nähe-verhältnis des ( männlichen )lesers (aber auch der leserin, nehme ich mal an): da die prostituierten sich anders verhalten, als wir es von ihnen erwartet hätten, sind wir doch mal ehrlich, männer. wenn ich euch hier mal so ankumpeln darf:

wir haben doch alle nicht erwartet, dass prostituierte so bezaubernde menschen sind, die so wunderschöne dinge denken, die zum beispiel während ihrer arbeitsverrichtung an der männlichen lust, über die anderen mädchen nachdenken, die das auch machen. dass sie am fenster stehen und sich gedanken über den abendhimmel machen, während des analverkehrs. dass sie feierlich in ein großes hotel gerufen werden und sich vorstellen, wie sie danach noch in einer bar über den dächern der stadt eine margharita trinken werden. usw. natürlich haben wir alle nichts gegen prostituierte - aber wollten wir je wissen, wovon sie wirklich träumen, während sie diese dinge tun? haben wir uns je in ihr menschsein hineinversetzt?

ohne hier in den bereich der spekulationen abdriften zu wollen, ist es zumindest ein gesellschaftliches tabu die projektionen in frage zu stellen - und die projektion der "gegenseite" zu featuren - die während dem sex mit einer prostituierten ja quasi "gekauft" werden können.

hier werden eben nicht klischees aufbereitet, sondern geschlechternormierte rollen zwar aufgeführt, aber nicht ausschließlich ins recht der allgemeinen "geilheit" gesetzt. und vielleicht stört ja auch dieser unsexuelle blick bei gleichzeitig genauer beschreibung der sexuellen pfadrichtung den ein oder anderen leser, der meint, dieses große kunstwerk müde abwatschen zu können.

es ist ja genau gut, dass die personen nicht in ihrer sogenannten halbwelt gelassen werden. auch die in der selten erzählform des "du" (songtexthaft, es soll ja ein chor sein) gehaltene figur des vermieterkönigs arnold kraushaar hat ihre schönheit; wie er sich so durch die jahre denkt, mit allen verletztlichkeiten, der rückblende zieht, während er angeschossen auf der straße liegt, könnte er auch ein rechtsanwalt sein, der über sein leben nachdenkt - oder jeder andere.

der versuch, mensch zu bleiben (was meyer mit diesem buch laut interviewaussage intendiert hat) in einer unmenschlichen kapitalistischen welt geht uns ja schließlich alle an - und kraushaar weiß, in welcher gesellschaft er lebt, in einer gesellschaft - um es jetzt mal nicht mit meyer sondern mit brecht zu sagen - die sich in ihrer kapitalistischen verwertungslogik immer mehr der verbrecherwelt; der halbwelt annähert, während das hier im buch beschriebene milieu im gegensatz dazu versucht, "sauber" zu bleiben.

der versuch einer sauberen prostitution, die implizit in dem buch verteidigt wird, ist in zeiten von zwangsprostitution und freiern, die sich auf dem drogenstrich sex mit hiv-infizierten-mädchen ( (bei meyer heißt es "pest und cholera"; so habe ich es jedenfalls interpretiert)) "kaufen", wie man aus diesem buch erfahren kann, ein mehr als erstrebenswertes ziel. allein das erkannt zu haben, die prostitution weder zu verdammen noch sie zu lobpreisen, sondern sie in eine gesellschaftsordnung einzufügen, die aus den neuen märkten im osten und den ganzen kapitalistischen heilversprechen der nachwendezeit entstanden ist; ist schon eine große leitung.

aber bevor ich jetzt in die kerbe der literaturkritiker schlage, die ja diesem werk ausnahmslos fünf punkte gegeben hätten ( im gegensatz zu den sich arrogant etwas auf ihre leseschwäche einbildenden rezensenten hier), und noch weitere gelungenheiten des romans aufzähle; nur noch so viel:

ein guter gegenwartsroman ist ein roman, der eine gegenwart, die es so schon seit mehreren jahren gibt, zum ersten mal in all ihrer bandbreite auf eine art und weise darstellen kann, dass man sie überhaupt erst versteht und sehen kann. und fühlen kann. und hören kann. und genau das ist clemens meyer mit "im stein" gelungen.

und ich unterstelle mal, die leser hier wollen diese gegenwart nicht verstehen. und hören. und sehen. und fühlen. jedenfalls nicht in dieser eindringlichen brutalität und zärtlichkeit.
obwohl die gegenwart durchaus auch "ein herz aus plüsch" haben kann, auch wenn das jahr "2525", von dem der autor in science-fiction-manier berichtet, jetzt schon begonnen haben könnte...-

sorry, leute, nichts für ungut. und nein, ich bin nicht der autor. schade eigentlich.
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17 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Manierierte Selbstverwirklichung ohne gesellschaftliche Relevanz, 13. November 2013
Rezension bezieht sich auf: Im Stein: Roman (Gebundene Ausgabe)
Neben dem Waffen- und Drogenhandel ist das Geschäft mit dem käuflichen Sex der lukrativste Wirtschaftszweig der Welt, und nach der Liberalisierung des deutschen Prostitutionsgesetzes wurde Deutschland zur Drehscheibe des europäischen Menschenhandels. Seitdem werden in unserem Land massiv Menschenrechte verletzt - keinen interessiert's. Auch Clemens Meyer nicht.

Für ihn ist das Milieu ein etwas anderer Wirtschaftszweig, der auf seine Art auf die Zwänge der Globalisierung reagiert. Die Zuhälter, pardon, Wohnungsvermieter sind einfach nur eine andere Art von Geschäftsleuten, die nach der Wende auszogen, Deutschlands wilden Osten zu erobern.

Meyer unternimmt es, das (ost-)deutsche Rotlichtmilieu zu kartographieren und verleiht Huren, Freiern, aufrechten und korrupten Bullen und verzweifelten Angehörigen eine Stimme. Er konzentriert sich dabei auf die mehr oder minder selbstbestimmte Prostitution und blendet alles andere als Randerscheinung aus. Am überzeugendsten gelingen ihm dabei die Momentaufnahmen der Huren, womit er eine verblüffend sensible Einfühlungsgabe beweist. Aber: Was bewegt Frauen, sich "freiwillig" in die Prostitution zu begeben? Hier gibt es nicht nur wirtschaftliche, sondern auch gesellschaftliche und psychologische Tiefen zu ergründen. Die aber interessieren Meyer nicht; dem Chor der Unterwelt fehlen die Untertöne. Seine Figuren bleiben flach, ihre Motivation reduziert sich auf das leichtverdiente Geld. Leicht für wen?

Zwar werden viele weitere Themen oberflächlich angerissen - versklavte Ausreißerinnen, Prostituiertenmord, Kinder- und Drogenstrich, die Freierkultur, Zwangsprostitution - aber dann so belassen. In erster Linie gibt er den "anständigen" Zuhälterfiguren ein Forum; Meyer lässt sie über BWL, Karl Marx, Fairness, Ehre und den freien Willen philosophieren. Zwar führt er seine Luden auch vor; ihre Ignoranz, ihre Gier, ihre prollige Schlauheit, ihren Geltungsdrang, ihren moralischen Selbstbetrug. Aber in seiner liberalen Toleranz und dem Bemühen, sich spießiger Vorurteile zu enthalten, geht er zu weit - oder nicht weit genug. Seine Darstellung verharmlost das Geschehen. Ein ganzes Kapitel dient gar der Ehrenrettung der Hell's Angels, eins der brutalsten Menschenhandelssyndikate der Welt schon vor der Globalisierung, aber, wie er jemand anlässlich einer Razzia im Haus eines Hell's Angel bemerken lässt: "Es scheint mir, dass man als Mitglied der Engel GmbH elementare Rechte verliert in diesem Land."

Zu den inhaltlichen Schwächen kommen formale und eine Sprache, die ärgerlich mühsam zu lesen ist: Es gibt immer wieder zerfasernde rote Fäden, aber keine Handlung. Manche Fäden lösen sich irgendwann ganz auf. Immer wieder Bewusstseinsströme, die fast unstrukturiert dahinfließen. Dann wird der Text extrem erratisch; Zeitebenen, Orte und Personen wechseln stellenweise von Satz zu Satz und mehrfach auf einer Seite. Nicht immer ist klar, wer gerade spricht. Diese Zusammenhanglosigkeit hat keine Funktion, sie ist Prinzip, denn Meyer hält lineares Erzählen für unzeitgemäß. Drei Leichen werden gefunden, nur zwei Tode werden zugeordnet. Vielleicht aber auch drei, nur verließ mich ab etwa der Hälfte die Lust, zurückzublättern. Nach dem zweiten Drittel hatte ich den Eindruck, dass der Autor seinem Schattenpanorama nichts Neues hinzuzufügen hatte; ich war die vielen unverbundenen Versatzstücke, die angerissenen Themen, die sprunghaften Gedanken, Wiederholungen und verschwurbelten Dialoge leid. Was habe ich mich durch die letzten 200 Seiten gequält: Der Text wurde einschläfernd langweilig, ein echtes Kunststück bei dieser Thematik.

Dem von der Kritik hochgelobten, für den deutschen Buchpreis nominierten Roman fehlt es aus meiner Sicht formal, stilistisch, psychologisch und moralisch an Tiefenschärfe. Es fehlt ihm an Handlung, an Lesbarkeit, vor allem aber an gesellschaftlicher Relevanz. Er kommt mir vor wie die manierierte Selbstverwirklichung eines Autors, der offenbar dem obskuren Reiz der Halbwelt erlegen ist.

Fazit: Verwenden Sie ihre Lebenszeit auf ein anderes Buch. Dieses muss man nicht gelesen haben.
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14 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Nach 210 Seiten war Schluss!, 25. September 2013
Rezension bezieht sich auf: Im Stein: Roman (Gebundene Ausgabe)
Das Buch mag aus wissenschaftlicher Sicht wertvoll sein. Aus Sicht eines interessierten und schwierigen Lesestoff durchaus gewohnten Lesers erweist sich das Buch als ein durch und durch unstrukturiertes und zugleich überaus langweiliges Werk, bei dem man sich regelmäßig die Frage stellt: ist das Buch der Lesezeit wert? Ich verneine diese Frage, weshalb nach 210 Seiten Schluss war.
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16 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Merkwürdig..., 12. September 2013
Rezension bezieht sich auf: Im Stein: Roman (Gebundene Ausgabe)
Inhaltlich hat mich der Roman sehr interessiert und die Longlist Nominierung beim Deutschen Buchpreis schienen das Interesse zu rechtfertigen. Was mir dann begegnet ist ist ein völlig verzettelter Roman, der den Leser sehr verwirrt. Ob diese Verwirrung eine bewusste Entscheidung war, ist fraglich. Für mich ist dies kein Roman, der auf die Shortlist des Buchpreises gehört; komplizierte Zergliederung ist nämlich nicht immer mit Anspruch gleichzusetzen.
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2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen kraftvoll, aber kein Vergnügen, 19. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Im Stein: Roman (Gebundene Ausgabe)
Es ist immer wieder bemerkenswert, wenn die Besprechungen im Feuilleton und in den Käuferbewertungen so stark divergieren wie zum vorliegenden Buch geschehen. Einerseits wird Clemens Meyers "Im Stein" von manchen Redakteuren in ihren Besprechungen in eine Art (und nie beabsichtigtes) Privatduell zu Daniel Kehlmanns "F" geschickt, kommt sogar auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises, aber gleichzeitig gibt es viele, die von dem Buch enttäuscht sind. Was ist nun wahr? Das ist - wie so meist - Ansichtssache. Meiner Ansicht nach ist das Buch eine hervorragende schriftstellerische Leistung, voller Kraft, voller Stilwechsel, Perspektivenmischungen, Zeitsprüngen, Collagen und vielem mehr. Die Erinnerung an Döblins "Berlin, Alexanderplatz" kommt nicht von ungefähr, sowohl vom Inhalt als auch vom anspruchsvollen Erzählstil her. Andererseits findet man bis zum Ende nicht in eine wirkliche Geschichte, einen durchgehenden Plot hinein, sondern muss im Geist die verschiedenen Facetten sortieren, zusammenbringen und sich daraus ein Bild machen. Das ist anstrengend, nicht wirklich einfach angesichts der vielen Namen und wenigen Hilfestellungen, und wird manchen Leser schlicht frustrieren. Und letzten Endes ist es natürlich auch unerfreulich, sich durch über 550 Leseseiten zu kämpfen, denn ein flüssiges oder gar vergnügliches Herunterlesen dürfte bei diesem Werk nicht möglich sein, um dann am Ende vor offenen und vor allem vielen losen Handlungssträngen zu stehen. Für die Bewertung des Romans muss also jeder seinen eigenen Schwerpunkt setzen, der je nach Vorliebe natürlich negativ ausfallen kann. Wer ein Buch aber durchaus auch einmal um des besonderen Stils willen liest, wird beeindruckt sein.
Worum geht es in dem Buch? Um Leipzig und das Entstehen des Prostitutionsgewerbes in der Stadt und um die Stadt sowie im neuen wilden Osten generell, um Expansion und Rückzug, um Verteilungskämpfe, und um die diversen beteiligten Personen und Typen. Protagonist - sofern man das in dieser Art von Buch überhaupt sein kann - ist ein Wohnungsvermieter samt Rollkommando, Arnold Kraushaar. Er verlangt von den Frauen für die Wohnungen Tagesmiete und bietet dafür Sicherheit und Werbung, dazu vertragliche und logistische Unterstützung, immerhin hat er nebenbei Abitur gemacht und BWL studiert. Dazu gibt es (ehemalige) Mitarbeiter von Kraushaar, z.B. Karate-Steffen, der irgendwann zu den Hell's Angels wechselte und dort in Ungnade gefallen ist, Schweine-Hans, der Clubs betreibt, sich in Diamantengeschäfte einlässt und von seinen Geschäftspartnern am Ende umgebracht wird, einen Polizisten, der erfolglos im Milieu ermittelt und vor Dienstbeginn dennoch die Dienste einer Prostituierten in Anspruch nimmt, oder auch der gescheiterte westdeutsche Investor, der Graf aus Bielefeld. Dazu kommen viele Spotlights auf beschäftigte Damen und Herren des Gewerbes. Das ist dann das eigentlich Bedrückende an dem Buch, wenn deren Leidensgeschichte Stück für Stück aufgedeckt wird, seien es die minderjährigen Herumtreiberinnen, die eingesammelt und der entsprechend gierig-heimlichen hochrangigen Kundschaft Anfang der 90er Jahre angeboten wurden, sei es ganz am Ende der Transsexuelle und dessen verstörende Jugenderfahrungen, bei dem Kraushaar seine eigentliche sexuelle Offenbarung findet. Dazu kommt in einer Art Pseudo-Interview der neue starke Mann von Leipzig zu Wort, der lokale Chef der Angels, der natürlich wie im richtigen Leben keine Verantwortung und keinen Einfluss auf das Milieu zu haben vorgibt, aber "hinter den Spiegeln" doch klar die Regeln angibt und sich Konkurrenten und andere Clans mehr oder weniger dezent vom Hals schafft.
Alle Beteiligten haben aber gemein, ihr Gewerbe, ihre Arbeit, ihre Beweggründe als etwas ganz Alltägliches darzustellen, es ist ihr Business und nur für die Kunden etwas Besonderes, Heimliches, Verbotenes, Aufregendes. Stattdessen sind es für Kraushaar und die anderen Einnahmen, Verträge, Behördenprobleme, Gesundheitsfragen, Langeweile, körperliches Unwohlsein, Konkurrenzdruck von innen und aus dem Osten, wie in jedem anderen Job auch. Dass die Beteiligten dabei irgendein moralisches Dilemma verspüren würden, wie anderenorts beschrieben, konnte ich jedenfalls nicht ausmachen. Auch dieser Diskrepanz muss sich der Leser nach und nach stellen und irgendwann nimmt er die Beschreibungen der angebotenen Sexualtechniken oder die Berichte über eklige Erlebnisse mit "Kunden" nur noch achselzuckend als notwendiges Beschreibungsbeiwerk zur Kenntnis - auch eine Leistung des Autors.
Wenn man den vorherigen großen Roman vom Meyer noch im Kopf hat, "Als wir träumten", ist dieser neue Roman natürlich eine herbe Veränderung. Da ist nichts mehr von der einfühlsamen Melancholie in den Erinnerungen an die Jugend und die Gewalt, nichts mehr vom gemeinsamen Lebensmut und gemeinsamer Lebensverzweiflung, stattdessen nur der kalte Kampf aller gegen alle mit einem irgendwie gearteten menschlichen Anstrich in all seinen dunklen Schattierungen, stets beischwingendes Selbstmitleid und oft auch Perspektivlosigkeit im Gepäck. So richtig zufrieden ist keiner. Die Ereignisse fließen bis in die jüngste Zeit in die Handlungen ein und geben so der gut dokumentierten Fiktion den Schein der Authentizität. Dass aus dem Roman aber ein anschauliches Bild der Entwicklungen der "Aktie Rot" in der ostdeutschen Nachwendezeit gezeichnet würde, kann ich nicht feststellen, dafür ist es doch zu sehr auf Leipzig konzentriert und zweitens ist im Stimmengewirr - von einer Kakophonie mag man aber doch nicht sprechen - kein so klarer Faden auszumachen, als dass man sich daraus das erhoffte Gemälde spinnen könnte.
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Im Stein: Roman
Im Stein: Roman von Clemens Meyer (Gebundene Ausgabe - 19. August 2013)
EUR 22,99
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