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5.0 von 5 Sternen Thomas Manns Wende zum Glück, 3. Oktober 2012
Von 
Wulf Rehder (Kalifornien) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull: Text und Kommentarband in einer Kassette (Gebundene Ausgabe)
Fast jedes Jahr im Herbst geschieht ein kleines Wunder in der Bücherwelt. Feuilletons der grossen Zeitungen holen tief Atem, lassen die Bestseller links liegen und präsentieren in gedämpften Superlativen ihrem Lesepublikum ein Buchzwillingspaar in einem eleganten, schwarz lackierten Schuber. Gefeiert wird dann der neuesten Textband der GKFA, flankiert von einem Kommentarband – zwei leinengebundene, fadengeheftete Bücher mit feinseidenen Lesebändchen. Seit 2001 ist die Grosse Kommentierte Frankfurter Ausgabe von Thomas Manns Werken im Durchschnitt jährlich um einen Zwilling angewachsen. Auch mit dem Band „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ samt Kommentar hat der S. Fischer Verlag wieder ein verlegerisches Prachtstück vorgelegt, das die Feuilletonredaktionen jubeln lässt: Es gibt also doch noch richtig gute altmodische Bücher!

Während der Schuber noch im Postauto hierher unterwegs ist, versuche ich zu erraten, wie die Herausgeber die schillernde Krull-Figur in den Griff bekommen. Da ist zunächst der junge Felix, aus „liederlichem Hause“ zwar, aber doch schon ein hübscher Kostümkopf, dessen kleine Diebereien verzeihlich sind, weil er ein Sonntagskind und Günstling des Lebens ist, auf den rohe Bezeichnungen wie „Dieb“ gar nicht anwendbar sind. Klingt das nicht nach einem Schelmenroman oder nach der unmoralischen Chronik eines Künstlers als Charlatan? Beweist die berühmte Musterungsszene Felix’ Talent zur Täuschung oder ist sie eine Kritik des dummen Militärwesens? Da Felix alsbald zum (falschen) Marquis de Venosta avanciert und sogar einen Orden gewinnt, ist der Roman deshalb eine Parodie des deutschen Bildungsromans und eine burleske Nachahmung des Goetheschen „Wilhelm Meister“, gar eine Karikatur von „Dichtung und Wahrheit“? Reisen bildet, nach Paris ist Lissabon die nächste Station. Im Zug dorthin erhält Felix eine Schopenhauerische Privatlektion von Professor Kuckuck, der mit seinen Sternenaugen tief in die Geheimnisse von Seele und Sein blicken kann. Zur Bildung gehört neben der Naturphilosophie aber auch eine sorgfältige Erziehung im Fach Erotik, die Felix sozusagen von der Pieke auf lernt: seine erste Lehrerin ist das vollbusige Zimmermädchen Genovefa im elterlichen Haus. Auf diese Elementarschule folgen höhere Studien in der fortgeschrittenen ars amandi unter der Leitung der erfahrenen Rozsa, die kühn ist und „hochbeinig nach Art eines Füllens“. Als Felix der gurrenden Schriftstellerin Madame Houpflé durch sein fachmännisches Können (und seine knabenhaften Hermes-Beine) eine grosse Freude macht, aber die inständige Werbung Lord Kilmarnocks in einer ergreifenden Szenen ausschlägt, da hat der gerade Zwanzigjähriger längst in eroticis graduiert. Also ein erotischer Roman, in dem sich der fast achtzigjährige Thomas Mann gleichzeitig in der Poetin Houpflé, dem schottischen Lord und dem liebeskundigen Felix Krull verjüngt widerspiegelt? Damit letztlich eine verklausulierte Psycho-biographie Thomas Manns, die Summa seines Lebens im Gewand höherer Heiterkeit? Verwegener ist der Gedanke, dass Felix ein bewusst komödiantischer Gegenentwurf zum tragischen Doktor Faustus ist, der nicht lieben durfte und sich seine Genialität vom Teufel erkaufte um den Preis seiner Seele, während Felix ganz ohne Gott und Teufel auskommt und beseelt wird von „einem grossen Lebens- und Liebesdrang“.

Nun sind die Bücher endlich da, der beleibte Kommentar doppelt so dick wie der Textband und fünfmal so schwer wie mein Taschenbuch aus dem Jahr 1965 mit dem Klappentext von Heinz Winfried Sabais: „Ein kunstvolles Rankenwerk von kaustischem Witz und feiner Skurrilität, von derber Komik und volltönendem Humor.“

Als der Roman 1954 erschien, wurde er mit enthusiastischem Applaus empfangen, von den Grössen der Zunft (Sieburg, Luft, Rychner, Haas, Lukács) genauso begeistert gepriesen wie von den Redakteuren Hinz und Kunz der lokalen Zeitungen. Es war, als hätte Thomas Mann unverhofft einem Publikum, das zwischen Vergangenheitsbewältigung und Wirtschaftswunder ein etwas spiessiges Leben führte, ein wunderbar glänzendes, dazu kulturell so bedeutendes Geschenk gemacht. Die Herausgeber Thomas Sprecher und Monica Bussmann (unter Mitarbeit von Eckhard Heftrich) dokumentieren aber auch sehr ausführlich, dass dieses heiteres Rankenwerk aus feinen Scherzen und geistreichem Amüsement nur einen Teil der Leserreaktionen beschrieb. Kritischere Besprechungen warnten, dass das „ironisch-geistreich-parodistische Spiel“ des Protagonisten Felix nicht die Grundlage einer christlich-moralen Existenz sein könne, dass hier vielmehr Nihilismus und Gottlosigkeit gepredigt werden. Mancher fand den Stoff leer, eigentlich ein „Nichts“ (Joachim Kaiser), wenngleich liebenswert und erholsam. Auch der Mann-Kenner T. J. Reed hielt die Bekenntnisse letztlich für leichtgewichtig. Erst viel später, 1982, hat Hans Wysling in „Narzismus und illusionäre Existenzform“ Felix Krulls Bekenntnisse auf fast 600 Seiten zu einem literarischen Schwergewicht erklärt, in dem sich Mythologie, Philosophie, Autobiographie und vielsagende Spuren des Gesamtwerkes Thomas Manns aufweisen lassen.

Zwischen der „Entstehungsgeschichte“, mit der jeder Kommentarband der GKFA beginnt, und den herrlich altmodisch so genannten Paralipomena, sowie den Notizen und Materialien, die sich auf dem langen Schreib-Wege angesammelt haben, steht das Herzstück der Edition, ein akribisch recherchierter, philologisch fundierter textkritischer Apparat: der Stellenkommentar. Hier werden nicht nur sprachliche und inhaltliche „Stellen“ vertieft und erläutert, sondern man lernt auch Neues. Zum Beispiel, dass Felix sich in früheren Text-Fassungen nicht nur der besinnungslosen Vernarrtheit des jungen Fräuleins Twentyman erwehren musste, sondern auch der Annäherungen ihrer ebenfalls betörten Eltern Mrs. und Mr. Twentyman! Es ist Erika Manns Redaktion zu verdanken, dass eine derartig verzwickte Situation der letzten Romanseite als fulminanter Höhepunkt vorbehalten blieb, und zwar mit unendlich attraktiveren Teilnehmern: der süssen Zouzou und ihrer schönen Mutter Maria Pia Kuckuck.

Alle Herausgeber der GKFA-Bände vollführen einen delikaten Balance-Akt auf dem Grad zwischen Information und Interpretation, vor allem in den Kapiteln „Entstehungsgeschichte“ und „Rezeptionsgeschichte“. Da sie „Essays“ sein sollen und deshalb eine persönliche Auseinandersetzungen der Autoren mit einem Thema nicht ausschliessen und einen weiten methodischen Spielraum erlauben, in dem Gedankenexperimente stattfinden dürfen, fallen sie je nach Autorengeschmack und Temperament unterschiedlich aus. Hermann Kurzke zum Beispiel hielt sich mit seiner Neu-Interpretation der „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (und polemischen Grüssen an Andersdenkende) von Anfang an nicht zurück. Dagegen wahren die Kommentatoren hier ihre Neutralität, besonders in der „Rezeptionsgeschichte“: sie ist prall gefüllt mit Zitaten, alle gleichberechtigt nebeneinander – eine Aufzählung, die vollständig aber (leider?) nie kontrovers sein will. An einer Stelle wagen sich die Herausgeber aber doch etwas hervor. Der kulturpolitischen Hintergrund für die Krull-Rezeption in der Adenauer-Ära wird in sympathischer Offenheit „miefig, muffig, spiessig, freudlos und prüde“ genannt und man freut sich schon auf weiteres Feuerwerk. Aber dann verstecken sich die Autoren doch lieber vorsichtig hinter einem Zitat aus einem Buch von Doering-Manteuffel.

Besonders gut gelungen sind die kurzen Leitfäden, die im Stellenkommentar den drei sog. „Bücher“ der Bekenntnisse vorangestellt sind. Ganz ausgezeichnet zum Beispiel die Skizze „Kosmischer Schein“ über Professor Kuckucks Allsympathie und, merkwürdig verwandt mit diesem erotischen Verhältnis zum Kosmos, der Abschnitt „Glück“, ein Schlüsselbegriff, der für Thomas Mann am Ende seines Lebens den Abschied von Schopenhauers Todesmetaphysik bezeichnete und sein tiefes Einverständnis mit „Goethes erotischem Verhältnis zum Leben“ signalisierte. In dieser autor-biographischen Wende liegt für mich das Schwergewicht der „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“.
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Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull: Text und Kommentarband in einer Kassette
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