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Kundenrezensionen

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am 21. Dezember 2005
Traum aus Stein und Federn. Der englische Titel "birds without wings" paßt besser.
In diesem Roman geht es um eine kleine Stadt an der Ägäis, nahe den heutigen Touristenstädten Marmaris und Fethiye. Der Autor beschreibt das Leben der Türken, Griechen und einer sehr kleinen Minderheit von Armeniern in dieser Stadt.
Griechen die kein griechisch können, Türken die türkisch in griechischen Buchstaben schreiben und in die Kirche gehen und Griechen, die Freundschaften mit dem örtlichen Imam haben.
Sie heiraten und versprechen ihre Kinder untereinander (so auch Philothei und Ibrahim). Eine Multi-Kulti-Stadt par excellence fern ab der politischen Geschehnisse.
So und so ähnlich wird es an vielen Städten und Dörfern gewesen sein, wenn man sich heutzutage die verlassenen griechischen Geister-Städte an der türk. Westküste anschaut und die Interviews in türkischen Sendern von ganz alten Türken über die in Exodus gegangenen Griechen sich vergegenwärtigt (auf einem türk. Sender sah ich mal vor nicht allzulanger Zeit einen Bericht über eine sehr schöne Griechin, deren Geschichte der der schönen Philotei ähnelte, aber das Ende war wohl anders... den möchte ich nicht vorweg nehmen...)
Auf der anderen Seite beschreibt der Autor den Balkankrieg, 1.WK (insbesondere die Dardanellenschlacht), die Megalo Idea der Griechen und den Befreiungskampf der Türken und den Genozid an den Armeniern, Griechen, Türken, die Feindseligkeiten der Völker angestachelt durch dumme Regenden...
besonders Atatürks Werdegang beschreibt er sehr chronologisch, kehrt zu dieser Schlüsselfigur immer wieder zurück.
Louis de Bernieres schreibt gegen Ende seines Werkes: "Gott hat sie als Kain und Abel geschaffen, und wer immer gerade den Knüppel in der Hand hat, übernimmt den Part des Kain. Wer gerade Pech hat und den Abel spielen muss, nützt die Gelegenheit und bejammert die Grausamkeit des anderen. Sollte ich Gott persönlich begegnen, werde ich ihm eindringlich empfehlen, dass er beide Religionen gleichermaßen abschafft, und dann können Kain und Abel Freunde für immer sein."
Dies is die Essenz seines Werkes. Diese Einstellung lässt das Werk -hinter dem ernsten Hintergrund- ziemlich ironisch und sehr makaber wirken.
In der Tat verfolgen die Griechen die Türken, die Widerum die Griechen; die Armenier die Türken, die Widerum die Armenier; die Türken die Araber und die Araber die Türken etc etc. Ein ewiges hin- und her.
Des weiteren werden Griechen (Christen), die kein wort griechisch können, nach Griechenland und Türken (Muslime), die kein Wort türkisch können, in die Türkei -im zuge des Völkeraustausches- übergesiedelt. Ein griechischer König wird von einem Affen gebissen und stirbt und wegen den anschliessenden Gegebenheiten verliert Griechenland den Krieg etc etc etc
Er geht -zu Recht- sehr hart mit den Verantwortlichen (Politikern, Generälen, Radikalen etc) für die Hetzen und Gräueltaten um.
Man merkt, dass Bernieres von den Erzählungen der Menschen in Kleinasien und nicht von den Geschitsschreibern inspiriert wurde. Die einfachen Menschen in Kleinasien bestreiten nicht den Genozid an den Armeniern und den Gräueltaten an den Griechen im und kurz nach dem 1.WK , aber sie legen sehr großen Wert, dass man den Werdegang und die vorhergegangen Taten am eigenen Volk nicht völlig außer Acht lässt. Das ist nicht meine Meinung, sondern dass, was ich in langen Gesprächen in der Türkei selber erzählt bekommen habe.
Bernieres versucht -meiner Meinung nach- sehr neutral zu bleiben, und beleuchtet auch die Medaille von der -für Europäer ziemlich unbekannten- anderen, der türkischen Seite.
Aufgrund seiner manchmal zynischen Art wirkt vieles manchmal eigenartig auf einen.
FAZIT: Alles im Allen sehr gelungen und ein sehr eigener Stil; manchmal zu viele Wiederholungen, die nerven können.
Interessant, dass die Geschichte 100 Jahre zurückliegt und sich z.B. an dem Verfall des Vielvölkerstaates Jugoslowiens, im Konflikt um Berg-Karabagh, im Konflikt der Kurden gegen Türken, Perser, Irakis und im Zypern-Konflikt zwischen Griechen und Türken etc etc wiederholt hat und noch leider wiederholt.
Interessant, weil immer noch ähnliche Regenten wie damals über das Leben von Millionen entscheiden (weltweit).
Der Grund liegt wohlmöglich wirklich bei Kain und Abel, d.h. im Menschen selber.
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am 19. Januar 2005
Dies ist ein großes und ein begeisterndes Buch. Bernières entwirft die wunderbar reiche Welt eines kleinen Ortes an der Mittelmeerküste Kleinasiens, voller überzeugender Charaktere und bewegender Schicksale. Aber darüber hinaus verbindet er diese "kleine Welt" mit den großen Entwicklungen der Geschichte, dem Untergang des osmanischen Reiches und den Folgen des Ersten Weltkriegs für den östlichen Mittelmeerraum. Die Konflikte, die Bernières meisterhaft einbettet in die Erlebnisse seiner Figuren, sind von beeindruckender Aktualität und machen die Lektüre nicht nur zum Genuss, sondern bieten vielfältige Denkanstöße.
Aber es ist das schiere Leseerlebnis, das diesen Roman so empfehlenswert macht - etwa die wunderbar poetische Verführung des Landbesitzers Rustem Bey durch seine Geliebte oder die Schilderungen der Kämpfe um Gallipoli, die in ihrer Wortmacht an Tolstoi erinnern. Die ungeheure Fülle und atmosphärische Dichte des Romans sorgen dafür, dass man dieses Buch nicht aus der Hand legen kann. Ein literarisches Ereignis!
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am 25. Januar 2005
"traum aus stein und federn" ist das erste buch von louis de bernières, das ich gelesen habe - aber sicher nicht das letzte. denn der autor ist ein wunderbarer erzähler. in dem roman wird auf berührende und poetische weise eine völlig unbekannte, versunkene welt wieder ins leben gerufen, vor deren fülle man ins staunen gerät - und die uns im wahrsten sinne des wortes näher ist als gedacht. eine welt, in der verschiedenste ethnien und religionen friedlich zusammenleben - bis der fanatismus auf allen seiten um sich greift. ein plädoyer für toleranz, das uns ganz aktuell angeht.
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am 12. September 2010
Ich habe das Buch in Originalsprache Englisch gelesen und hoffe, dass die Übersetzung sprachlich ebenso erlesen ist. Die Geschichte liest sich spannend wie ein Krimi und zeigt doch durch den Blick einfacher Menschen die Abgründe der menschlichen Seele, sowie die politischen Verstrickungen unglaublich verständlich auf! Die feinen Zusammenhänge, Hintergründe und Auswirkungen des ersten Weltkrieges - und das aus der Sicht einer anderen Kultur - haben sich mir in dieser Tragweite erst mit der Lektüres dieses Buches erschlossen. Eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe...und ich habe viele gelesen! Gerade die aktuelle Diskussion um Integration könnte mit einem Blick in dieses Buch jeden nachdenklich machen.
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Wir schreiben das Jahr 1900 und Eskibahçe ist ein kleines Städtchen an der türkischen Südküste, so abgeschieden, wie ein Ort im zerfallenden osmanischen Reich nur sein kann. Neuigkeiten aus der großen Welt treffen hier wenn, dann nur nach Jahren ein und im Ort leben Christen, die türkisch sprechen und Mohammedaner, die das auch tun, bisher friedlich zusammen. Wer schreiben kann - egal ob Mohammedaner oder Christ - schreibt in griechischen Buchstaben, doch es gibt nicht viele, die diese Kunst beherrschen.
Da gebiert die Christin Polyxeni eine Tochter, Philotei, die, wie alle Nachbarn versichern, ein unglaublich schönes Kind ist. Die ganze Stadt inklusive des Popen und des Imam kommt herbei, um das Kind zu sehen. Doch für schöne Kinder wird das Leben nicht gut ausgehen, so die allgemeine Meinung, der böse Blick und Satan warten nur, sie zu verderben. Folglich bittet der Vater Charitos seinen Freund Iskander, er möge für Philotei ein Tuch an einen Kiefernzweig binden.
Die ersten Jahre vergehen in dem abgelegenen Ort nicht anders als früher, Philothei wird tatsächlich zu dem schönsten Kind weit und breit. Doch bevor sie ihre große Liebe Ibrahim heiraten kann, bricht erst der zweite Balkankrieg aus, danach der erste Weltkrieg und schließlich der türkisch-griechische Krieg. Ibrahim muss zum Militär und kommt erst nach sieben Jahren zurück, doch dann ist er ein anderer Mann geworden und Philotei ...
Louis de Bernieres hat einen Schmöker über das Leben in einer abgelegenen osmanischen Stadt geschrieben und deren Bewohnern. Über Iskander, den Töpfer, Rustem Bey, den Aga, der sich in Istanbul eine tscherkessische Geliebte kauft, die in Wirklichkeit Griechin ist, Jusuf den Langen, der seinen Sohn zwingt, seine Tochter wegen geschändeter Ehre zu ermorden, Mohammed, den Blutegelsammler, Ali, den Schneebringer, Levon, den Apotheker, der Armenier ist und manchen anderen aus dem Städtchen, in dessen Frieden bald der Krieg einbricht und die Toleranz stirbt als erstes. Die Christen werden 1922/23 nach Griechenland vertrieben, im Gegenzug die Mohammedaner aus Griechenland und die ersten ethnischen Säuberungen des Jahrhunderts finden auf dem Balkan und der anatolischen Halbinsel statt. Millionen sterben, Millionen verlieren ihre Heimat. Die Saat des Nationalismus geht auf.
Poetisch ist dieses Buch und grausam, ausufernd und manchmal auch unübersichtlich, aber überaus faszinierend, wie de Bernieres die verschiedensten Erzählstränge aufnimmt, wieder fallen lässt, um sie dann doch schlussendlich miteinander zu verweben und kunstvoll zum Schluss zu vereinigen. Kein Zweifel, dieser Autor versteht sein Handwerk.
Leider gibt aber auch Kritik zu vermelden. Denn de Bernieres beschränkt sich nicht darauf, die Geschichten seiner Helden zu erzählen, er fühlt sich auch berufen, als Autor immer wieder Kommentare zur Geschichte der Zeit einzuflechten. Er ist davon überzeugt, dass es die nationalen Eiferer aller Couleur sind, die jenes verhängnisvolle Schlachten in Gang setzen, bei dem es auf keiner Seite ein Pardon gab. Als Mensch mag diese Meinung den Autor ehren, leider führt sie dazu, dass seine Geschichtslektionen alles andere als objektiv sind, in manchen Fällen sind sie einfache Geschichtsklitterungen.
Man kann darüber streiten, ob die osmanische Regierung wirklich vorhatte, alle Armenier umzubringen, oder ob dies nur von einem Minister ausging, man mag darüber streiten, ob überhaupt der Massenmord gewollt war, oder nur aus der bodenloser Unfähigkeit und Dummheit der „hohen Pforte" in Istanbul folgte.
Aber dass es die desertierenden Armenier waren, die die Niederlage gegen die Russen besiegelte, dass es die Armenier waren, die im Osten die Dörfer ausraubten und brandschatzten, dass den Armeniern also nur Recht geschah, das war zwar die offizielle Begründung der Regierung für den Massenmord, doch dafür gibt es nicht die geringsten Beweise. Die türkischen Truppen wurden von Istanbul mitten im Winter ohne Ausrüstung durch verschneite Berge zum Angriff auf die Russen gehetzt, drei Viertel der Soldaten überlebten diesen Wahnsinn nicht und der Rest, hungrig und halberfroren, zog als marodierende Banden durch die Osttürkei, raubte und plünderte und auch an anderen Fronten desertierten die Soldaten und wandten sich gegen die osmanische Herrschaft, gleich ob mohammedanische Araber und Kurden oder christliche Armenier.
Dass hier allen Ernstes die längst widerlegte Schutzbehauptung der Regierung Enver Hodschas als „Wahrheit" verkündet wird, ist so mehr als ärgerlich. Leider ist es nicht die einzige Unwahrheit, die de Bernieres an den Stellen verbreitet, an denen er als Autor seine Leser in die Geschichte einführen will. Dass die Russen und Rumänen 1877 dem osmanischen Reich den Krieg erklären, nach dem dieses in Bulgarien Tausende seiner politischen Gegner hat massakrieren lassen und Russland damit einen Vorwand für den Krieg liefert, schildert de Bernieres so, als hätten bulgarische Christen Mohammedaner massakriert (was zweifelsohne auch vorgekommen ist). Da stellt er ein leider völlig falsches Bild der Tatsachen vor und rechtfertigt auch noch Massenmorde dieser Regierung. Und ähnliches findet sich überall im Buch.
So sollte der Leser die historischen Anmerkungen und vor allem die „Tatsachenbehauptungen" des Autors tunlichst mit größter Vorsicht genießen. Gott sei Dank widmen sich die größten Teile der wirklich gekonnten Schilderung des Städtchens Eskibahçe und seiner Einwohner, die ohne es zu wollen in die Strudel der Kriege geraten. 1922 werden die Christen des Ortes nach Griechenland vertrieben und 1957 vertreibt ein Erdbeben den Rest. Wo einst Menschen lebten, stehen nun Ruinen, in denen nur noch Eidechsen wohnen.
Wer einmal ein Vorbild für das fiktive Städtchen dieses Romans sehen möchte, kann das tun. Kayaköyü (griechisch: Livissi) liegt zwischen Fethiye und Ölüdeniz und von beiden Orten werden Busfahrten angeboten. Auch in diesem Ort wurden die Christen 1922 vertrieben und 1957 wurde es nach einem schweren Erdbeben zur Geisterstadt. Im Internet lassen sich über Google oder Yahoo leicht Fotos finden und es gibt einen Film darüber (Stadt ohne Menschen, TR 1997).
(c) Hans Peter Roentgen
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am 23. Februar 2006
das war mein erstes Buch dieses Autors und auch das erste mal das ich mich mit dieser Region beschäftigt habe. Anfangs musste ich mich mit seinem Erzählstil anfreunden, da seine Geschichten ständig wechseln, aber genau das macht das Buch so interessant. Die Erzählstränge laufen aus verschiedensten Perspektiven, in verschiedenen Zeiten über untereinander teilweise fremden Leuten ab, meint man, doch alles ergibt ein Bild über eine Stadt, seine Region, seine Bewohner und seine Probleme, wie man es kaum schöner erzählen kann. Sehr dratisch beschreibt er Kriege und Gealtätigkeiten, die aus dem Irrsinn von Regierungen entstanden sind und eine Region komplett aus den Angeln gehoben hat. Der versteckte Zynismus über diesen Irrsinn läßt sich unmittelbar auf das Heute übertragen.
Tolles Buch!
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Wer einmal das Schicksal einer Vertreibung,-dieses Wort sollte man wirklich verinnerlichen-, am eigenen Körper (und seelisch-gefühlsmäßig eben!) erlebt hat, der wird in diesem großartigen Roman von Louis Bernieres einiges nachempfinden, wie es sich vielleicht eher gebührt.
Nicht nur in der Türkei und schon garnicht im osmanischen Reich nur, das an der Seite Deutschlands immer wieder kämpfte (daher auch eine, wenn man so will, historisch-moralische Verpflichtung für uns Deutsche in bezug auf europäische Geschichte und Zukunft!), hat man derartiges erlebt wie Kampf um Identifizierung des Eigenen, Vertreibung und mehr. Nein auch mitten in Europa und in der ganzen Welt gehen die Völker, wie hier im Roman aufeinander los, um für sich, wie es scheint, immer das Beste zu wollen.
Soweit der größere Rahmen.
Dieses Werk, dieser fast 700 Seiten starke Roman aber erzählt mehr.
In verschiedenen Strängen wird einmal wundervoll idyllisch das Bild der Eintracht mit Mensch und Natur gemalt (Philothei und Ibrahim), die Idee eines möglichen Friedens und eines menschlichen, lustfreundlichen Miteinanders (fast paradiesisch) aufgezeigt, untermalt oft mit Gedichten feinster Gestaltung und Aussage. Dann wiederum wird das harte Reale einer politischen Maschinerie, aufklärerisch und modern, mit der Härte des Vorwärtsdrängens und mit einer dröhnenden motorgeschützten kriegsfördernden Handlung verbunden (Mustafa).
Das kennen wir aus eigener Geschichte und erleben wir gerade jetzt wieder als wiederkehrendes Übel machtpolitischer Gewalt. Im Zweifelsfall und bei passender Gelegenheit lassen wir die Kriegstrompeten schallen. Das nennen wir dann gut gehandelt und ein Sieger wird dann immer belohnt, obwohl der Besiegte natürlich auch leben will.
Philothei, die schöne Christin will leben. Sie ist das Symbol einer möglichen Verbindung, die Frieden brächte. Sie endet entsprechend. Und die Verteibung der armen Menschen damals wie heute wird nur von Wenigen richtig betrauert.
Wiederum ein Hinweis gerade auf Mitteleuropa, das sich nicht moralisch hervortun darf, denn Verbrechen ähnlicher Art sind bewiesene Historie.
Deshalb freut sich der wahre Mensch an dem Zusammengehen einstiger Freunde, die einmal vertrieben wurden und vielleicht später als Nachkommen ehemaliger Freund/Feinde dann doch wieder zusammenkommen.
Das z.B. will dieser große Roman uns ebenfalls beibringen und wir täten gut daran, es anzunehmen.
Die Kunst von Bernieres besteht also in Wahrheit nicht nur im großartigen Erzählen sondern vor allem in einer behutsamen, liebevollen Aufklärung.
Die Türkei ist der Schauplatz dieses Werkes, wir alle aber sind angesprochen als ehemals Verwundete und Täter.
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am 2. April 2013
Der deutsche Titel ist nichts sagend, im englischen Original heißt es passender „Vögel ohne Flügel“. Wir werden auf eine Zeitreise mitgenommen: der Autor führt uns genau einhundert Jahre zurück in ein friedvolles Dorf irgendwo im Südwesten der heutigen Türkei. Die Bewohner sind verschiedenen Glaubens, es gibt neben den Muslimen und Christen auch Juden, Kurden und Armenier, selbst der „völlig gottlose“ Bettler findet sein Auskommen. Wir werden Zeuge ihres Zusammenlebens, erleben den Beginn einer romantischen Liebesbeziehung, die sich parallel zu den dramatischen Geschehnissen entwickelt, die sich über zwanzig Jahre hinziehen: Die Gräuel in Thrakien, den ersten Weltkrieg, die Rollen und Interessen der vor Ort beteiligten Staaten. Schließlich lernt auch der in der örtlichen Geschichte nicht so bewanderte deutsche Leser (und vielleicht auch mancher griechische Leser, der bislang die Geschichte eher aus nationaler Sicht betrachtet hatte?) die Rolle des Mannes kennen, dessen Namen der neue Flughafen Athens trägt. Dann wieder Krieg, diesmal zwischen Griechenland und der Türkei, mit der Folge des „Bevölkerungs-austausches“ – siebzig Jahre später wird man dafür den Begriff „ethnische Säuberungen“ erfinden.
Lebendige Geschichte, spannend erzählt aus menschlicher Sicht, nicht aus der die Wahrnehmung beeinträchtigenden nationalen Sicht einer beteiligten Partei (der englische Autor lässt auch die Engländer nicht gut aussehen!). Die drastischen Beschreibungen der von allen Seiten begangenen Gräuel macht dieses Buch (auch) zu einem Anti-Kriegs-Buch.
Daneben werden bei „Hellenophilen“ oder „Bürgern mit Migrationshintergrund“ durch die farbigen Schilderungen des damaligen Alltags und der örtlichen Genüsse Erinnerungen wach, die eine Brücke zu den handelnden Personen bilden: wenn Raki oder „zweimal aufgeschäumter Kaffee“ getrunken wird, spielen weder die hundert Jahre, die uns trennen eine Rolle, noch der Glaube oder die Nationalität.
Die IRISH TIMES schrieb: „Ein überwältigender, poetischer Roman über die wichtigen Dinge des Lebens: Liebe, Tod, Ehre, Scheitern und Schuld. Großartig geschrieben, in jeder Hinsicht hervorragend.“
Dem schließe ich mich an!
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TOP 500 REZENSENTam 13. Februar 2010
Inhalt:
Louis de Bernières erzählt von der Stadt Eskibahçe in Südwestanatolien zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Türken und Griechen, Muslime und Christen leben hier friedlich miteinander, bis der gewohnte Alltag durch Kriege und den immer stärker aufkommenden Fremdenhass gestört und verändert wird. Der Autor bettet die Geschichten um die Bewohner von Eskibahçe geschickt in die geschichtlichen Hintergründe der damaligen Zeit ein und entwirft so ein Bild einer gesamten Epoche.

Mein Eindruck:
Der Autor verwebt die Geschichte einer Liebe, die Geschichte einer Stadt, die Geschichte einer Region und die Geschichte des Osmanischen Reiches und der Republik Türkei miteinander und begeistert den Leser mit außergewöhnlichen Protagonisten, die einem durch ihre Eigenheiten sehr schnell ans Herz wachsen. Dabei liest sich das Buch unterhaltsam und vermittelt zudem einen glaubwürdigen und gut recherchierten Einblick in die historischen Begebenheiten.
Sehr gefallen haben mir zudem die häufigen Perspektivenwechsel und die Vielschichtigkeit des Buches. Hier findet sich alles - von einer Liebesgeschichte über ein orientalisches Märchen im Stile Scheherazades über einen einfach zu lesenden Einblick in eine Geschichtsepoche bis hin zu einem Kriegsdrama.

Mein Resümee:
Ein farbenfrohes Bild Südwestanatoliens zu Beginn des 20. Jahrhunderts und ein spannender historischer Abriss einer Zeit der weltweiten politischen Umwälzungen, des Endes des Osmanischen Reiches, der Abschaffung von Sultanat und Kalifat und der Gründung der Republik Türkei.

Sehr zu empfehlen!
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am 22. Januar 2006
im Ulraub bin ich erst am Ort gewesen und danach auf das Buch aufmerksam gemacht worden. Heute wird dieses Dorf Eskibahce "Kayaköy" übersetzt "ein Dorf aus Felsen" genannt, weil die Häuser unbewohnt und von Jahren der Vernachlässigung gezeichnet sind. Ein Geisterdorf wie ich es später für mich nannte. Ich hatte einen Einheimischen gefragt, wieso diese Häuser nicht bewohnt sind. Er gab mir keine Antwort auf diese Frage.
Das Buch habe ich nach meinem Urlaub sofort gekauft und war faszinierd ein nicht "Türke" schreibt positives über Türken und das tolerante zusammenleben verschiedener Religionen und Kulturen im osmanischen Reich.
Das Buch kann ich nur weiterempfehlen, hoffe das es auch mal verfilmt wird.
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