5.0 von 5 Sternen
Intelligente Hard-SF, 3. Mai 2008
Rezension bezieht sich auf: The Future Happens Twice: The Perennial Project (Taschenbuch)
Das voluminöse Buch im Format eines Trade Paperbacks ist der erste Band der Trilogie, The Perennial Project, deren weitere Titel schon feststehen, aber noch nicht veröffentlicht sind. Dem Vernehmen nach spielen die drei Bände zu völlig unterschiedlichen Zeiten, es handelt sich also nicht um einen künstlich aufgeteilten Roman, der nur zu lang geworden ist. Es ist der erste Roman des Autors. Befürchtungen, der Autor könne sich zu viel zugemutet haben, treffen nicht zu - im Gegenteil, das Buch strahlt eine beachtliche Reife aus.
Ronyo Greffin trifft in einem Zug eine ältere Frau, die ihn darauf anspricht, er sehe ihrem Mann verblüffend ähnlich, als dieser in Ronyos Alter war. Als er seinen 35 Jahre älteren Zwilling schließlich trifft und der ihm Jugendbilder von sich zeigt, ist sich Ronyo sicher, sie beiden müssen gemeinsame Vorfahren haben, zu groß sind die Gemeinsamkeiten, auch was Interessen und Ansichten betrifft, sie haben sogar die gleichen Vorlieben bei Büchern. Nachforschungen Ronyos erbringen zunächst einmal, dass beide Mütter die Hilfe der gleichen Klinik zu Hilfe nahmen, da beide Empfängnisprobleme hatten.
Währenddessen wird die Linguistin Debrya Handsen für ein geheimes Forschungsprojekt angeheuert. Sie weiß anfangs nichts über ihren neuen Job, außer dass er streng geheim ist und mit dem Weltraum in Verbindung steht. Während man ihr nach und nach erläutert, was ihre neue Aufgabe sein wird und ihr die Ziele des Projektes erläutert, kommen ihr Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Projektes und schlimmer noch sie stellt sich die Frage, ob sie die Arbeit moralisch vertreten kann, auch wenn alles mit der besten Absicht zum Wohle der Menschheit geschehen soll.
Bei dem Projekt handelt es sich um einen Flug zum Stern Omega Altaris, 82 Lichtjahre von der Erde entfernt. Der Stern hat einen Planeten, Acantarius, der erdähnlich genug ist, um für eine menschliche Besiedlung geeignet zu sein. Die Raumfahrt ist zwar bis zu den äußeren Planeten unseres Sonnensystems vorgedrungen, aber interplanetare Reisen erfordern ganz andere Dimensionen und sind noch für lange Zeit bloß Zukunftsmusik.
Nachdem der Gedanke eines Generationenraumschiffs verworfen wurde, da dies praktisch eine hundertprozentige Recycling-Quote erforderte, kommt man auf die Idee die Besatzung in Form eingefrorener Eizellen mitzunehmen, was die Menge an Nahrungsmitteln, Atemluft und vieler anderer lebenswichtiger Dinge deutlich reduziert. Debryas Aufgabe wird es sein, die Steuerung der Androiden zu verbessern, die nicht nur die Steuerung des Schiffes über Tausende von Jahren vornehmen, sondern auch als Elternersatz während des Heranwachsens der Besatzung vor der Landung dienen müssen.
Arge Zweifel kommen ihr, als sie erfährt, dass es ein Pilotprojekt gibt, dass schon seit vielen Jahren läuft mit Kindern, die an Bord des Raumschiffes aufgewachsen sind und glauben, sie näherten sich ihrem Zielplaneten. Die Kinder wuchsen in einer künstlichen Umgebung unter Vorspiegelung falscher Tatsachen auf, ohne weitere Altersgenossen und ohne jemals im Freien gewesen sein. Debrya fragt sich, ob es vertretbar sei, die Kinder so zu behandeln? Und was soll aus ihnen werden, nachdem das Raumschiff gelandet und das Pilotprojekt beendet ist?
Während sich Debrya diese Fragen stellt, ihrer Arbeit nachgeht und mit einer Entscheidung ringt, findet Ronyo heraus, das etwas faul ist mit seiner Geburt und der seines älteren Zwillings. Er geht der Sache nach, was das Projekt in Bedrängnis bringen könnte.
Tatsächlich stellt sich heraus, dass man schon sehr früh Zwillingsforschung betrieben hat, indem man eine Eizelle teilte und eine Hälfte einfror. Debrya erfährt, dass es sogar noch mehr Zeitzwillinge gibt, denn der Jugendliche Ronyo an Bord des Schiffes ist ein weiterer Zwilling von Ronyo Greffin, so wie es der Bordingenieur des richtigen Raumschiffes sein soll. So will man sicher gehen, dass die Besatzung gesund ist und nicht in späteren Jahren zu Krankheiten neigt. Das Ganze ist also von sehr langer Hand vorbereitet worden.
Nun erfährt Debrya auch den Grund für die Heimlichtuerei und den hohen Zeitdruck. Das Raumschiff ist eine Arche, das menschliche Siedler zu einem erdähnlichen Planeten transportieren soll, da es eine drohende Gefahr für die Menschheit auf der Erde gibt, die es nicht zulässt, langfristig zu planen und alles öffentlich zu machen. Die Siedler sind so etwas wie die letzte Chance der Menschheit, ihr Erbgut zu sichern. Ein früherer Präsident der USA selbst hat dieses Projekt vor langer Zeit angeordnet und alle Nachfolger sind eingeweiht worden.
Durch den Kunstgriff der neu einsteigenden Linguistin, einer der zentralen Personen in der Geschichte, aus deren Augen wir das Geschehen immer wieder erleben, hat es der Leser einfach, sich in die Geschichte hineinzuversetzen. Der Leser wird geschickt durch die Dialoge gelenkt. Die Art und Weise, wie etwa Debrya Handsen Stück für Stück in die Geheimnisse des Projektes eingeweiht wird, offeriert dem Leser nicht nur viele Informationen, sondern auch ihre Eindrücke und auch Gefühle, ohne diese Informationsberge einfach auf dem Leser abzuladen. Stattdessen werden sie häppchenweise serviert mit entsprechenden Rückfragen und Zweifeln der Protagonistin an Sinnhaftigkeit und Durchführbarkeit des Projektes. Dies ist sehr gekonnt gemacht und ermöglicht dem Autor, die Situation zu entwickeln und die verschiedenen Stufen von Detailinformationen nach und nach darzustellen. sowie die moralischen Problem von beiden Seiten zu beleuchten.
Dabei wählt Browne eine unaufdringliche Sprache ohne Manierismen. Man liest einfach weiter, weil die Charaktere so glaubhaft sind und man mit der Geschichte weiterkommen möchte. Die Geschichte nimmt einen schnell gefangen. Es fällt leicht, die Charaktere zu mögen, weil sie Tiefe besitzen und es sich nicht zu leicht machen. Es sind Personen, keine Stereotypen. So werden die Beweggründe der Handelnden oft indirekt sichtbar. Wenn etwa die junge Julara gegen das strikte Regiment ihrer Eltern rebelliert, ist das nicht nur pubertäre Auflehnung, sondern passt zu ihrem dargestellten Charakter und ist mithin glaubwürdig.
Ab und konnte der Autor den Klischees doch nicht ganz widerstehen wie bei Debrya Handsen als blonder, blauäuiger sportlicher und brillanter Wissenschaftlerin. Zugegeben, für diese Job ist fachliche Brillanz eine der Grundvoraussetzungen, um in die Endauswahl zu gelangen. Dass sie ein Faible für Mode hat, geht in Ordnung, lässt uns der Autor dann doch aus der Perspektive der Modebewussten die anderen am Projekt Beteiligten beurteilen mit nicht immer schmeichelhaften Bewertungen. Solche Details machen eine Figur rund.
Ein anderes auffälliges Beispiel ist die häufige Erwähnung von IBM in der Rechnerentwicklung. Zugegeben, IBM gehört zur illustren Riege der Supercomputer- Hersteller und ihre Grundlagenforschung ist schon für etliche Wissenschaftspreise gut gewesen, aber die kompletten Computer samt aller Androiden bei einer einzigen Firma zu beziehen ist allein schon wegen der hohen Geheimhaltung nicht sonderlich überzeugend. Sonst zählt dort jemand zwei und zwei zusammen.
Positiv zu vermerken ist, dass der Autor keinen unnötigen Techno-Jargon á la Star Trek verwendet, wo eine Frage mit einer Pseudo-Information beantwortet wird. Nein, hier haben die meisten Ideen Hand und Fuß und sind durchdacht - oft sogar derart, dass manchmal auch die Schwachstellen der Antworten oder Lösungen gezeigt werden. Und dies immer unter der Prämisse, dass es kein perfektes System gibt, keine hundertprozentige Sicherheit. Das fühlt sich echt und glaubwürdig an. Hard SF eben.
Das Buch besitzt eine gut durchdachte Struktur und die dargestellten Szenen sind klug gewählt. So gefällt die Szene, als die Kinder die Wahrheit über ihre vermeintlichen Eltern lernen. Das ist definitiv nicht der Stil eines Anfängers. Browne versteht sein Handwerk, er hat uns nicht nur etwas zu sagen, er kann es auch so präsentieren, dass sein Thema beim Leser ankommt. Viele Szenen sind so dicht geschrieben, dass sie lange im Gedächtnis bleiben.
Es gibt drei Erzählstränge, die anfangs nicht so recht zusammen zu passen scheinen, was sich dann aber sehr schnell klärt. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: die anfängliche Verwirrung trägt sogar mit zum Realismus der Geschichte bei. Trotz Namensgleichheit der Hauptpersonen weiß der Leser meist bereits nach einem Satz, um wen es sich handelt.
Das Buch wirft eine Reihe von moralischen Fragen auf und lässt die handelnden Personen unterschiedliche Antworten darauf finden. Hier eine Auswahl der Fragen:
- Ist die Umgehung von Gesetzen richtig, wenn dies einem größeren Ganzen dient?
- Können sich Personen oder Organisationen über das Gesetz stellen, wenn dies von ganz oben (Präsident) abgesegnet wird und einem höheren Zweck dient?
- Wie weit reicht die persönliche Verantwortung der Beteiligten als Rädchen in einem großen Getriebe?
- Wie weit darf ich das Leben anderer Menschen manipulieren?
- Habe ich auch unter diesen Umständen das Recht, die Kinder so zu belügen und ihnen ihre Kindheit zu rauben und sie als Versuchskaninchen zu verwenden?
Das sind unbequeme Fragen, die in herkömmlichen SF-Romanen nur selten gestellt werden, hier aber von zentraler Wichtigkeit sind. Die Beteiligten, die sich auf das Spiel einlassen, finden dann auch unterschiedliche Antworten für sich selbst und dem Leser bleibt das Nachdenken nicht erspart.
Dieses moralische Dilemma zeigt sich dann auch an der Rolle des Staates bzw. seines Geheimdienstes, der nicht mit voller Macht des Staatsapparates wie in einem üblichen Thriller agiert. Nein, auch dort kocht man nur mit Wasser und hat seine Budget-Beschränkungen.
Das Buch, dessen Handlung gut 50 Jahre in er Zukunft spielt, spricht eine Vielfalt von Themen an. Hier eine kleine Auswahl: Kryotechnik, Gentechnik, Medizin, Computertechnik, Robotik, Linguistik und Astronomie. Alle diese Themen tragen zur Handlung bei und viele der Aussagen erscheinen plausibel. Dabei hat Browne zahlreiche Extrapolationen gemacht, die unauffällig eingestreut werden. So wird Wasserstoff als Treibstoff für PKW verwendet und sehr schnelle interkontinentale Transportsysteme lassen die Kontinente näher zusammenrücken. Die Videophonie hat sich endlich durchgesetzt und leistungsfähigere Computer ermöglichen eine akzeptable virtuelle Realität. Medizin und Gentechnik haben große Fortschritte gemacht, Krebs ist weitgehend heilbar und der Verlust eines Zahnes gilt in der Zahnmedizin bereits als Höchststrafe. Insgesamt gesehen, entspricht das Jahr 2060 aber so sehr der Jetztzeit, dass man sich wie zu Hause fühlt. Es haben nur wenigen Dinge wirklich grundlegend geändert, das meiste wurde nur vorsichtig weiterentwickelt. Immerhin haben die USA endlich das SI-Einheitensystem akzeptiert. Für Technikfans hat sich vermutlich zu wenig geändert, das Web der Dinge, selbstorganisierende Netze oder die Fortentwicklung des Internets seien als Beispiele aus dem Bereich Informationstechnik genannt, in der überwiegend nur alles schneller und leistungsfähiger wird. Aber die Technik per se steht ja nicht im Mittelpunkt des Romans.
Der wissenschaftliche Hintergrund ist sehr gut recherchiert, in sich plausibel und vorsichtig extrapoliert (ESETI als Nachfolger des SETI-Programms und große Fortschritte in der Astronomie). Weniger plausibel erscheint mir dagegen eine nahezu endlose Haltbarkeit der Technik. Wenn man daran denkt, dass es für die derzeitigen Autos in zwanzig Jahren keine identischen elektronischen Ersatzteile mehr geben wird (Stichwort: Obsoleszenzmanagement) erscheint es mir recht unwahrscheinlich, dass elektronische System an Bord eines Raumschiffes Tausende von Jahren halten sollen, von der normalen Abnutzung und der Korrosion durch den normalen Luftsauerstoff ganz zu schweigen. Bei all den anderen bedachten Teilproblemen (beeindruckend umfassend), hätte mir hier eine kurze Passage dazu gut gefallen. Insofern ist es geschickt gelöst, dass auch der Ingenieur Ronyo Greffin seine Zweifel daran anmeldet. Die Erwiderung hätte ich mir aber ein wenig ausführlicher gewünscht und gewusst, wieso das kein Thema sein soll bzw. wie das Problem gelöst wurde. Aber das sind Details, die man bei fast jedem SF Roman finden kann, der die Technik nicht als gegeben erachtet, sondern versucht, sie zu erklären, weiterzuentwickeln und gezielt in die Story einzubauen.
Die potentielle Katastrophe ist zwar durchaus real, aber wie der Grund für all den Zeitdruck, unter dem das wissenschaftliche Team leidet, schließlich erläutert wird, gehört nicht unbedingt zu den stärksten Stellen im Roman. Zudem man sich direkt die Frage stellt, was tun die anderen Staaten, die ja auch um die Gefahr wissen, die in Wissenschaftskreisen allgemein bekannt ist? Hier werden es keine Antworten gegeben, noch nicht einmal Vermutungen angestellt. Ein paar zusätzliche Sätze hier hätten diese Szene vermutlich realistischer wirken lassen.
Dagegen ist die Darstellung des Planeten Acantarius sehr gut gelungen: er ist einesteils erdähnlich genug, um den Menschen Lebensraum zu bieten, andererseits ist er fremdartig genug, damit sich die Siedler nicht gleich heimisch fühlen. Es gibt viele nette Ideen, etwa Die Auswirkungen des Atmosphärendrucks und die höhere Statik. In meinen Augen schafft es Browne hier, Phantasie und Realismus so in Einklang zu bringen, dass das Ergebnis überzeugend wirkt.
Auch ohne ein Behaviorist zu sein, finde ich die Idee etwas störend, dass sehr viel mehr in unseren Genen angelegt ist, als wir bislang annehmen bis hin zur Wahl eines bestimmten Typs von Lebenspartner. Ich weiß sehr wohl, dass das ein zentrales Element im Plot des Roman ist, aber ein wenig mehr Ausführungen als die paar Sätze von Carlene Reitman hätte ich mir da schon gewünscht. Gut, dass im Buch wenigstens Debrya Handsen ihre Zweifel an der Richtigkeit dieser These hat, wie strittige oder gewagte Thesen im Buch oft von anderen Wissenschaftlern infrage gestellt werden.
Immerhin ist SF ja die Literatur der Ideen, des Was wäre, wenn?. Das ich mich an solchen Details überhaupt aufhalte, zeigt, wie gut durchdacht das Buch ansonsten ist.
Fazit: Das Buch ist zweifellos Hard SF, aber ohne die Sperrigkeit und die hölzernen Charaktere, die mich etwa in Stephen Baxters Romanen öfter stören. Hier wird keine atemberaubende Idee von galaktischer Tragweite vorgestellt, es geht nur um unseren Planeten und unsere Spezies. Dafür aber bemüht sich Browne, uns mit vielen Details eine Möglichkeit für das Weiterbestehen unserer Spezies aufzuzeigen. Die Technik dazu ist in vielen Bereichen nur eine Technik von morgen, d.h. sie ist für uns vorstellbar (ob wir nun mit Benzin oder Wasserstoff fahren, ob wir die Videophonie nutzen das ändert unser Leben nicht grundlegend).
Dafür wird mehr Augenmerk auf eine plausible Handlung sowie die Gestaltung und Entwicklung der Charaktere gelegt. Erstaunlich, dass ein Erstlingswerk so umfangreich und vor allem so durchdacht gestaltet ist, das betrifft sowohl den Plot als auch die Personen und ihr moralisches Dilemma. Über Technik und Wissenschaft habe ich mich ja schon ausgelassen.
Das Buch ist wohltuend heutig und nicht zu abgedreht. Es dringt genügend Realität zwischen den Zeilen durch, um glaubwürdig sein. Die Charaktere haben genügend Tiefe, um mit ihnen mitfühlen zu können, so dass das Buch nicht nur spannend und intellektuell anregend ist, sondern auch zum Nachdenken verführt. Und das ist wohl das Beste, was man von einem Buch sagen kann: die Personen und Themen bleiben noch lange im Gedächtnis und bieten Gesprächsstoff. Grund genug also, sich auf den nächsten Band zu freuen oder das Buch noch einmal zu lesen.
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