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TOP 500 REZENSENTam 16. Februar 2014
Trägt Russland die Hauptschuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges? Glaubt man dem amerikanischen Historiker Sean McMeekin, dann kann daran kein Zweifel bestehen. In seinem Buch vertritt McMeekin zwei Thesen: Am Vorabend des Ersten Weltkrieges sei Russlands Außenpolitik darauf ausgerichtet gewesen, das Osmanische Reich zu zerschlagen, Istanbul zu erobern und die Kontrolle über die Meerengen zu erlangen. Der Balkan sei demgegenüber von zweitrangigem Interesse gewesen. In der Julikrise sei nicht das Deutsche Reich die treibende Kraft gewesen, die einen Krieg wollte und herbeiführte, sondern das Zarenreich. Die Petersburger Führung habe gezielt auf einen großen europäischen Krieg hingearbeitet, um endlich ihre Ambitionen im Nahen Osten durchsetzen zu können. Russland sei nicht in den Krieg gezogen, um Serbien zu schützen. Vielmehr habe es eine grundlegende Veränderung des Status quo im Vorderen Orient angestrebt. Die führenden russischen Politiker und Militärs seien von Abstiegs- und Einkreisungsängsten geplagt worden, von dem Gefühl, dass die Zeit knapp werde und ein Krieg baldmöglichst herbeigeführt werden müsse, bevor das Osmanische Reich die Modernisierung seines Heeres und seiner Flotte abschließen könne.

McMeekins Buch beruht auf umfangreichen Archivrecherchen. Die einzelnen Kapitel behandeln sowohl die Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges als auch den Kriegsverlauf an der Kaukasusfront, die bekanntlich zu den Stiefkindern der Weltkriegsgeschichtsschreibung gehört. McMeekin untersucht die russischen Vorkriegsplanungen, die Julikrise, die Kriegsziele des Zarenreiches, die Kriegführung an der Kaukasusfront, das Gallipoli-Unternehmen, die Massaker an den Armeniern und auch die russischen Versuche, Teile Nordpersiens zu erobern. McMeekin ist der Ansicht, dass der Anteil Russlands am Ausbruch des Ersten Weltkrieges lange Zeit sträflich vernachlässigt worden sei. Mit seiner russlandzentrierten Darstellung schreibt er gegen ein traditionelles, aber schon vor langer Zeit in Misskredit geratenes Leitmotiv der Weltkriegsforschung an - dass das Deutsche Reich die Hauptschuld am Ausbruch des Krieges trage. McMeekin plädiert dafür, das Zarenreich als eigenständigen Akteur wahrzunehmen, der eigene Ambitionen verfolgt habe und nicht nur Erfüllungsgehilfe seiner Verbündeten Frankreich und Großbritannien gewesen sei.

Im Gegensatz zu vielen anderen Darstellungen der Julikrise, die den Schwerpunkt meist auf das Geschehen in Berlin und Wien legen, untersucht McMeekin die vier Wochen zwischen dem Attentat von Sarajewo und dem Kriegsausbruch konsequent und ausschließlich aus russischer Perspektive. Im Mittelpunkt seiner Darstellung steht die Petersburger Führung, allen voran Außenminister Sergej Sazonov, der in McMeekins Händen zu einer geradezu dämonischen Figur mutiert. Sazonov habe auf volles Risiko gespielt und alles darangesetzt, den großen Krieg herbeizuführen, um die befürchtete Verschlechterung von Russlands außenpolitischer Situation durch einen grandiosen Sieg über das Osmanische Reich abzuwenden. In vollem Bewusstsein der folgenschweren Konsequenzen hätten Sazonov und seine Gesinnungsgenossen Entscheidungen getroffen, die eskalierend wirken mussten. Die am 24./25. Juli beschlossene "Kriegsvorbereitungsphase" sei in Wirklichkeit bereits eine heimliche Mobilmachung gewesen. Mit diesem Schritt habe Petersburg Berlin unter Druck und Zugzwang gesetzt. Die deutsche Reichsleitung habe dann keine andere Möglichkeit gehabt, als ebenfalls mobil zu machen.

Auf das Kapitel über die Julikrise und den Kriegsausbruch folgen Abschnitte über das Kriegsgeschehen im Kaukasus und über das Schicksal der im Osmanischen Reich lebenden Armenier. McMeekin, der seit vielen Jahren in der Türkei lebt und an der Koç-Universität in Istanbul lehrt, macht sich die umstrittene offizielle türkische Sichtweise zu eigen, wonach die Armenier von den Russen als Fünfte Kolonne instrumentalisiert worden seien. Sie seien ein Sicherheitsrisiko gewesen, das ausgeschaltet werden musste. McMeekin lehnt es ab, die Massaker an den Armeniern als Völkermord einzustufen. Den vielen Vorwürfen gegen die russische Führung fügt er noch den hinzu, dass Petrograd die Armenier 1915 im Stich gelassen habe. Die Russen hätten nichts getan, um ihren armenischen "Verbündeten" in irgendeiner Weise zu Hilfe zu kommen. McMeekins unverhohlene Parteinahme für die Türken und sein vorwurfsvoller Tonfall gegenüber Russen und Armeniern gehören zu den vielen irritierenden Aspekten des Buches, das sich streckenweise wie eine Anklageschrift liest, nicht wie eine seriöse wissenschaftliche Monographie.

Überhaupt gibt es an McMeekins Buch einiges zu kritisieren. Das betrifft sowohl die Darstellung der Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges als auch McMeekins Lesart der Julikrise. McMeekin schreibt explizit gegen Fritz Fischer an, der in den 1960er Jahren die These von der Hauptschuld des Deutschen Reiches am Ersten Weltkrieg vertrat. Fischers Positionen werden schon seit geraumer Zeit nicht mehr in ihrer Reinform vertreten, so dass McMeekin mit seinem Versuch, das Deutsche Reich zu entlasten, Türen einrennt, die seit langem weit offen stehen. Schwerer wiegt, dass McMeekin die gleichen Fehler begeht wie einst Fritz Fischer: Er blendet den größeren europäischen Kontext aus, konzentriert sich in mitunter obsessiv wirkender Weise auf ein einzelnes Land - in diesem Falle Russland - und stilisiert einen einzelnen Politiker, Sazonov, zum Vabanque-Spieler, der den "Sprung ins Dunkle" gewagt und damit einen ganzen Kontinent ins Unglück gestürzt habe. Die lange Zeit dem Deutschen Reich und Reichskanzler Bethmann-Hollweg zugeschriebene Rolle überträgt McMeekin eins zu eins auf Russland und Außenminister Sazonov. Er nimmt damit eine einseitige und simplifizierende Position ein, die genauso unhaltbar ist wie die von Fritz Fischer.

In unzulässiger Weise bagatellisiert McMeekin Russlands Engagement auf dem Balkan. Die These, Russland sei nicht in den Krieg gezogen, um Serbien zu schützen, ist unsinnig. Serbien war Russlands wichtigster Verbündeter auf dem Balkan. Ihm nicht beizustehen, hätte zu einem katastrophalen Gesichtsverlust geführt und Russlands Großmachtstatus ernsthaft beschädigt. Als der Krieg schließlich ausbrach, zog Russland gegen Deutschland und Österreich-Ungarn ins Feld. Angesichts der erheblichen Belastungen, die der Krieg an der Ostfront mit sich brachte, war an einen Vorstoß gegen Istanbul überhaupt nicht zu denken. Wie verträgt sich das mit McMeekins These, Russland sei es in erster Linie um die Zerschlagung des Osmanischen Reiches gegangen? In Wirklichkeit war der Krieg gegen die Mittelmächte für Russland wichtiger als der Krieg gegen die Türken. "Die kürzeste und sicherste Marschroute nach Konstantinopel" führte eben doch nicht, wie ein ranghoher russischer Militär 1912 meinte, "über Berlin und Wien" (S. 26). McMeekin verweist auf Kriegszieldebatten innerhalb der russischen Führung. Die Tatsache, dass Ende 1914, also nach Beginn des russisch-türkischen Krieges im Oktober, über umfangreiche Annexionen osmanischer Territorien gesprochen wurde, ist kein Beleg dafür, dass diese Annexionspläne schon Jahre vor dem Krieg die ausschlaggebende Triebkraft der russischen Außenpolitik waren. Zu guter letzt blendet McMeekin aus, dass es in Petersburg - wie auch in allen anderen europäischen Hauptstädten - nicht nur Falken, sondern auch Tauben gab. Sazonovs Risikostrategie, wenn es sie denn in der von McMeekin beschriebenen Form gegeben hat, wurde beileibe nicht von allen russischen Politikern und Militärs befürwortet.

McMeekins Buch ist insofern wichtig und verdienstvoll, als es die Frage nach Russlands außenpolitischen Prioritäten und seinem Verhalten in der Julikrise aufwirft. McMeekins Beitrag zu einem differenzierten Blick auf Russlands Anteil am Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird jedoch geschmälert durch den tendenziösen Grundton der Darstellung und die vielen Übertreibungen, Zuspitzungen und Vereinfachungen, unter denen das Buch leidet.

(Nachtrag 8.04.2014: Dass McMeekin es auch besser kann, hat er mit seinem neuen Buch über die Juli-Krise bewiesen)
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am 16. April 2013
Dieses Buch wurde mir von einer sehr vertrauenswürdigen Person empfohlen und ich habe es auch weiterempfohlen. Der erste Weltkrieg war schließlich ausschlaggebend für die Entwicklung des weiteren 20. Jahrhunderts und neue Aspekte und Sichten tragen dazu bei, dieses besser zu verstehen und damals gemachte Fehler vielleicht in Zukunft zu vermeiden.
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