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5.0 von 5 Sternen Fall und Untergang des russischen Adels, 2. September 2014
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Rezension bezieht sich auf: Former People (Gebundene Ausgabe)
Kein anderes europäisches Land musste im Ersten Weltkrieg und in den Jahren danach einen so hohen Blutzoll entrichten wie Russland. Durch Krieg, Revolution und Bürgerkrieg, durch Hunger und Seuchen kamen zwischen 1914 und 1921 mindestens 10 Millionen Menschen ums Leben, vielleicht auch mehr. Angesichts dieser gewaltigen demographischen Katastrophe mag es unangemessen erscheinen, ausgerechnet einer vergleichsweise kleinen sozialen Gruppe wie dem russischen Adel besondere Aufmerksamkeit zu widmen und danach zu fragen, was in der Revolutions- und frühen Sowjetzeit mit dem Adel geschah. Diese Frage lässt sich leicht und schnell beantworten: Der russische Adel, jahrhundertelang die dominierende gesellschaftliche Schicht des Russischen Reiches, verschwand gleichsam über Nacht; er löste sich buchstäblich auf. Viele Adlige gingen in die Emigration und retteten dadurch wenigstens ihr Leben. Die meisten russischen Adligen blieben hingegen in Russland und verloren dort nicht nur ihren Besitz, ihre Standesprivilegien und ihre exklusive Stellung in der Gesellschaft, im Staatsapparat und im Militär, sondern oft auch ihr Leben. Es fällt schwer, in der Geschichte Parallelen zu finden für eine derart vollständige Auslöschung einer ganzen sozialen Schicht. Der russische Adel verschwand nicht nur aus der Geschichte. Auch in der historischen Erinnerung und in der geschichtswissenschaftlichen Forschung spielte er über Jahrzehnte keine nennenswerte Rolle, sowohl in der Sowjetunion als auch im Westen. Das Klischee vom tyrannischen Gutsbesitzer, der einen parasitären Lebenswandel pflegt und seine Leibeigenen quält, prägte lange das Bild vom russischen Adel, vor allem in der Sowjetunion.

Der amerikanische Historiker Douglas Smith hat mit seinem Buch eine Pioniertat vollbracht. Vor ihm ist niemand auf die Idee gekommen, den Fall und Untergang des russischen Adels in einer für ein breites Lesepublikum geeigneten Form zu schildern. Sein Buch ist keine akademisch trockene und blutleere Sozialgeschichte, in der individuelle Schicksale hinter abstrakten Kategorien verschwinden. Smith bedient sich der gleichen Methode, die Orlando Figes in seinen "Flüsterern" erprobt hat. Er hat zwei Adelsfamilien ausgewählt und erzählt ihre Geschichte vor dem Hintergrund der russischen Geschichte zwischen 1900 und 1945. In der Geschichte dieser beiden Familien spiegeln sich die tiefgreifenden und umfassenden Umwälzungen der Revolutions- und frühen Sowjetzeit. Originell ist an Smiths Buch, dass hier die sprichwörtlichen "Verlierer der Geschichte" Gesicht und Stimme erhalten, nicht wie sonst üblich die Revolutionäre und die neuen kommunistischen Machthaber. Smiths Interesse am russischen Adel speist sich nicht aus Nostalgie und Verklärung der Zarenzeit, sondern ist von der Frage geleitet, welche Folgen das Verschwinden dieser sozialen Schicht für die weitere Geschichte der russischen Gesellschaft hatte und noch immer hat.

Im Mittelpunkt des Buches stehen die Familien Scheremetjew und Golizyn. Sie gehörten zu den ältesten, prominentesten und wohlhabendsten russischen Adelsgeschlechtern. Jahrhundertelang dienten sie dem russischen Staat in exponierten Positionen. Sie verkörperten geradezu idealtypisch das Dienstethos, die Bildungsbeflissenheit und den Kunstsinn der russischen Aristokratie, die keineswegs nur müßiggängerisch dahinlebte und sich ganz dem Genuss ihres märchenhaften Reichtums hingab, wie es spätere Zerrbilder behaupteten. Beide Familien brachten in der späten Zarenzeit etliche Vertreter hervor, die sich gesellschaftlich engagierten, liberale Positionen vertraten und sich für die dringend überfällige Reform des verkrusteten autokratischen Systems einsetzten. Anhand von Tagebüchern, Briefen, Memoiren und archivalischen Quellen untersucht Smith, wie Graf Sergej Scheremetjew (1844-1918), Fürst Wladimir Golizyn (1847-1932) und ihre jeweiligen Kinder und Kindeskinder die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebten. Fürst Wladimir Golizyn, der 1905 als Bürgermeister von Moskau abgesetzt wurde, weil er dem Zaren als zu liberal galt, teilte die Sorge vieler hellsichtiger russischer Adliger über Russlands Zukunft. Die Gewaltexzesse der Revolutions- und Bürgerkriegsjahre, die Eruption des Hasses der Bauern auf die Oberschichten, der sich über Jahrzehnte, wenn nicht über Jahrhunderte aufgestaut hatte, empfanden er und andere Mitglieder der beiden Familien als "Vergeltung" der Geschichte für die Reformunfähigkeit der Autokratie und das Versagen der Eliten, die sich letztlich nicht energisch genug für eine Modernisierung des Systems eingesetzt hatten.

Für beide Familien, für die Scheremetjews wie auch die Golizyns, war die Fallhöhe besonders hoch. Sie erlebten die Revolutionszeit als jähen Absturz in Armut, gesellschaftliche Isolation und Bedeutungslosigkeit. Von ihren Landsitzen und aus ihren Stadtresidenzen vertrieben, fristeten sie fortan ein karges und prekäres Dasein. Ihr Alltag war bestimmt von ständigen Existenzsorgen und Angst vor Verfolgung. In der neuen Sowjetgesellschaft war für sogenannte "ehemalige Menschen", zu denen auch Adlige gezählt wurden, kein Platz und keine sinnvolle Aufgabe vorgesehen. Der Adel gehörte zu denjenigen sozialen Gruppen, die von den Bolschewiki systematisch entrechtet, marginalisiert und verfolgt wurden. Auschlaggebend war dabei allein die soziale Herkunft, nicht etwa tatsächliche Gegnerschaft zum kommunistischen Regime. Adlige wurden drangsaliert und repressiert, weil sie Adlige waren, nicht weil sie eine tatsächliche Gefahr für den Staat darstellten. Wann immer das Regime zum Schlag gegen seine vermeintlichen inneren Feinde ausholte, traf es auch stets die in der Sowjetunion verbliebenen Adligen. Viele Scheremetjews und Golizyns waren nicht emigriert, weil es ihnen als Verrat am Vaterland erschien, Russland zu verlassen. Der Preis für die Treue zur Heimat war hoch. Dutzende Mitglieder beider Geschlechter, Männer wie Frauen, wurden zwischen 1917 und 1941 inhaftiert, in Arbeitslager verbannt, getötet. Während des Großen Terrors 1937/38 wurden auch Mitglieder beider Familien ermordet, die nach 1900 geboren worden waren und keinerlei "historische Schuld" auf sich geladen hatten. Die Schicksale einiger Familienmitglieder sind bis heute ungeklärt.

Smith macht aus seiner Sympathie für die Protagonisten seiner Erzählung keinen Hehl. Er setzt vor allem ihrem Überlebenswillen und ihrem engen Zusammenhalt in Zeiten von Not und Verfolgung ein Denkmal. Viele Scheremetjews und Golizyns schöpften Kraft aus ihrem Glauben. Fürst Wladimir Golizyn - ein Foto aus seinen letzten Jahren zeigt einen Greis, dessen Erscheinungsbild an einen Bettler oder Landstreicher erinnert - äußerte 1932 auf dem Totenbett die Gewissheit, dass das Sowjetregime auf lange Sicht nicht überlebensfähig sei. Bemerkenswert ist, dass kein Scheremetjew und Golizyn je aus Verzweiflung den Freitod wählte. Zu kritisieren gibt es an Smiths Buch nur eines: Der Personenkreis ist viel zu groß. Der Überblick geht beim Lesen immer wieder verloren. Es wäre besser gewesen, wenn sich Smith auf eine der beiden Familien beschränkt hätte. Die Liste der wichtigsten Figuren am Anfang des Buches verzeichnet fast 50 Scheremetjews und nahezu 60 Golizyns. Der Kinderreichtum beider Geschlechter und die Häufung bestimmter Vornamen verschärfen die Komplexität der Familienverhältnisse. Im Buch tauchen sieben (!) verschiedene Wladimir Golizyns auf, die auseinanderzuhalten den wenigsten Lesern auf Anhieb gelingen dürfte.

Smith leistet mit seinem Buch einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der heutigen russischen Gesellschaft. Es besteht nämlich ein enger Zusammenhang zwischen der Vertreibung, Marginalisierung und physischen Vernichtung der vorrevolutionären Eliten und der nivellierten, undifferenzierten Struktur der heutigen russischen Gesellschaft. Die heutige russische Gesellschaft besitzt nicht nur kein Bürgertum im westlichen Sinne, sie ist auch eine Gesellschaft ohne Oberschicht (die neureichen Oligarchen kann man schwerlich auf eine Stufe mit dem Adel und dem Großbürgertum der späten Zarenzeit stellen). Der russische Durchschnittsbürger von heute ist ein Nachfahre von Arbeitern und Bauern. Seine Eltern und Großeltern mögen Angestellte, Ingenieure, Wissenschaftler oder Parteifunktionäre gewesen sein, spätestens in der Generation seiner Urgroßeltern stößt er auf Arbeiter und Bauern. Abkömmlinge des Adels und des alten Bürgertums fallen statistisch gesehen überhaupt nicht ins Gewicht. Statt alter Vermögen gibt es nur neuen Reichtum. Im heutigen Russland fehlt eine historisch gewachsene Elite, die über Generationen materielles und symbolisches Kapital angesammelt und eine ausgeprägte Identität entwickelt hat; es fehlt eine Oberschicht, die genügend Gewicht besitzt, um gegenüber dem Staat als Wortführer der Gesellschaft aufzutreten, so wie es der progressive Teil des Adels in der späten Zarenzeit tat. Der russische Staat ist auch deshalb so (über-)mächtig, weil eine soziale Gruppe fehlt, die stark genug ist, ihm nötigenfalls Paroli zu bieten. Die heutigen russischen Machthaber profitieren also noch immer von den sozialen Umwälzungen der Revolutions- und frühen Sowjetzeit und vom Untergang des russischen Adels.
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5.0 von 5 Sternen fantastic, 6. Juli 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Former People (Taschenbuch)
a gripping read, incredible research, and a fascinating topic. douglas smith takes you back to a lost world, rendering the splendour and courage of two noble clans, but doesn' fail to show what life was like downstairs.
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Former People
Former People von Douglas Smith (Taschenbuch - 9. Mai 2013)
EUR 9,77
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