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5.0 von 5 Sternen Eine neue Sicht auf einen Teil deutscher Geschichte, 22. November 2012
Von 
Caliban (Süddeutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
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Rezension bezieht sich auf: Germany and the Holy Roman Empire: Volume I: Maximilian I to the Peace of Westphalia, 1493-1648 (Oxford History of Early Modern Europe) (Gebundene Ausgabe)
Das zweibändige Werk von Whaley behandelt die Geschichte des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation von 1500 bis zum Jahre 1806. Der Anfangspunkt liegt bewusst in der Zeit Kaiser Maximilians, weil sich zu diesem Zeitpunkt ein Kern dieses Reichs im deutschsprachigen Raum herauszukristallisieren beginnt. Die Bezeichnung vom Heiligen Römischen Reich deutscher Nation datiert aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Ich halte das Werk nach der Lektüre des ersten Bandes für eine ganz außergewöhnliche Darstellung, die dem deutschen Leser einen Teil der eigenen Geschichte, die oft als eine Periode des Niedergangs empfunden wird, zurückgibt, weil er sie in ein ganz anderes positives Licht rückt.

Bereis im Vorwort zeigt der Autor, dass vor allem unter dem Eindruck der Erfahrungen mit der Europäischen Union eine Neubewertung des Heiligen Römischen Reichs (HRR) angezeigt erscheint. Wie die Union war das HRR eine schwerfällige, nach außen wohl wenig glanzvolle Institution, die sich jedoch als Friedensordnung hervorragend bewährt hat. Gerade dass im HRR Zwergstaaten gegenüber den mächtigen Fürstenhäusern der Habsburger, Wettiner oder Wittelsbacher überdauern konnten, zeigt, dass es innerhalb dieser Institution gelungen war, Konflikte friedlich auszutragen und ein auf Dauer sicheres Nebeneinander von Groß und Klein zu ermöglichen. Whaley zeigt, wie schon die ersten großen Reformen um die Jahrhundertwende zum 16. Jahrhundert letztlich Reaktionen auf Einflüsse von außen (Hussitenkriege, marodierende Söldnerheere aus dem Kampf in den Niederlanden usw.) waren, die mühsam vonstatten gingen, weil zahlreiche partikulare Egoismen berücksichtigt werden mussten. Oft waren mehrere Anläufe nötig, bis man sich zu einem gemeinsamen Vorgehen durchringen konnte. Deutlich wird aber auch, dass gerade das Reichskammergericht einen Weg eröffnete, Konflikte auf friedlichem Wege nach Maßgabe des Rechts zu lösen. Whaley erinnert dabei an den im 16. Jahrhundert weit verbreiteten Begriff von der "deutschen Liberalität", den man heute unter dem Eindruck der Reichseinigung 1871, aber auch der schlimmen Zeit in den dreißiger und vierziger Jahren des Zwanzigsten Jahrhunders kaum in den Mund nehmen möchte. Die Reformation stellt dieses komplizierte, nach außen unspektakuläre Gebilde vor eine mächtige Probe und Whaley versteht den Dreißigjährigen Krieg in erster Linie als einen Verfassungsstreit.

Das Buch stellt das Zeitgeschehen nicht als Ereignisgeschichte dar, sondern argumentiert eher analytisch. Dies stellt für den Leser über die weite Strecke eine Herausforderung dar; allerdings wird es wegen der zahlreichen interessanten Überlegungen, Deutungen und Analysen nicht langweilig, sondern auf eine sehr eigene Weise prickelnd.

Whaley zeichnet des Portrait eines institutionellen Kolosses, der nach außen schwerfällig und unspektakulär seinen Bürgern ein Leben in Rechtsfrieden und Wohlstand garantierte. Dies erscheint sympathischer als die oft spektakulärer wirkenden Aktionen der großen Rechtsbrecher (Ludwig XIV., Friedrich II von Preußen und Napoleon), die dieses Gebilde skurril und veraltet erscheinen ließen, tatsächlich aber ihren Ruhm auf Kosten des Lebens ungezählter Namenloser gründeten. Wer sich für deutsche Geschichte interessiert und englische Texte lesen kann, sollte hier unbedingt zuschlagen.
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