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41 von 46 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Fehler machen immer nur die Anderen, 17. September 2007
Von 
Dr. Horst Wolfgang Boger (Berlin & Potsdam, Germany) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Das Ansehen der Psychologie leidet von Jahrzehnt zu Jahrzehnt mehr darunter, dass ihr öffentliches Bild von schwadronierenden Pop- und Vulgärpsychologen beherrscht wird, deren Bücher es häufig in die Bestsellerlisten schaffen, so etwa "Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest" von Eva-Maria Zurhorst. Wäre ich ein Polemiker, der ich ganz gewiss nicht bin, würde ich Frau Zurhorst und ihrem Verlag für zukünftige Veröffentlichungen die folgenden Titel empfehlen: "Liebe dich selbst und es ist egal, ob du unter Milben-, Zecken- oder Schabenbefall leidest", "Liebe dich selbst und es ist egal, wer dich geschwängert hat", "Liebe dich selbst und es ist egal, ob du einen IQ von 50 hast".

Tavris und Aronson sind glücklicherweise von anderem Schlag. Tavris (* 1944) ist (promovierte) Sozialpsychologin, Fachautorin für die "New York Times" und den "Scientific American", Mitglied des Council for Scientific Clinical Psychology and Psychiatry, beratende Herausgeberin der "Scientific Review of Mental Health Practice" und Mit-Herausgeberin der Zeitschrift "Psychological Science in the Public Interest". Sie hat unter anderem das scharfsinnige und -züngige Buch Psychobabble and Biobunk: Using Psychology to Think Critically about Issues in the News veröffentlicht.

Aronson (* 1932), ein Schüler des überaus tüchtigen Sozialpsychologen Leon Festinger (1919-1989), der die Theorie der kognitiven Dissonanz entwickelt hat, ist einer der produktivsten experimentell arbeitenden Sozialpsychologen der letzten 50 Jahre. Die American Psychological Association hat ihn drei mal ausgezeichnet: für die Qualität seiner Forschung, für seine Leistungen in der Lehre und für das schriftstellerische Niveau seiner Veröffentlichungen. Damit ist er die erste Person, die in der 120-jährigen Geschichte dieser wissenschaftlichen Gesellschaft alle drei zu vergebenden Preise auf sich vereinigen konnte.

Wie der Untertitel schon anzeigt, geht es - das ganze Buch hindurch - um die Rolle von Rechtfertigungen. Keineswegs nur Narren, Heuchler, Schurken, gewöhnliche Kriminelle (wie Diebe und Betrüger), gierige CEOs, Kinder missbrauchende Geistliche, Diktatoren, religiöse Fanatiker und politische Massenmörder rechtfertigen so gut wie jede ihrer Handlungen, auch die gewöhnliche Alltagsmenschin tut dies. Und Psychotherapeuten, die von elementaren Forschungsmethoden (z. B. Stichprobenziehung, Randomisierung und Varianzanalyse) und Fallstricken in der Informationsverarbeitung (z. B. dem confirmation bias und dem hindsight bias) keinerlei Ahnung haben und obendrein völlig ungeeignete diagnostische und kurative Verfahren anwenden, sind erst recht keine Ausnahmen: Schlagen ihre Therapien fehl, können in ihrer Sicht immer nur simulierende, dissimulierende, uneinsichtige oder abwehrende Patienten daran schuld sein. "Mistakes were made, but not by me."

"Mistake? What mistake? I didn't make a mistake ... The tree jumped in front of my car ... And what do I have to be sorry about, anyway? She started it ... He stole it ... Not my fault."

Ein Junge hat einem anderen Jungen in der Pause übel mitgespielt. Später spürt er ein beträchtliches Unbehagen (wissenschaftlich gesprochen: "kognitive Dissonanz"): "How can a decent kid like me have done such a cruel thing to a nice, innocent little kid like him?" Um dieses Unbehagen zu reduzieren, versucht der Junge sich selbst davon zu überzeugen, dass der Andere weder nett noch unschuldig ist: "He is such a nerd and cry-baby. Besides, he would have done the same to me if he had the chance."

Tavris und Aronson fahren dann fort: "Once the boy starts down the path of blaming the victim, he becomes more likely to beat up on the victim with even greater ferocity the next chance he gets. Justifying his first hurtful act sets the stage for more aggression. [...] the same mechanism underlies the behavior of gangs who bully weaker children, employers who mistreat workers, lovers who abuse each other, police officers who continue beating a suspect who has surrendered, tyrants who imprison and torture ethnic minorities, and soldiers who commit atrocities against civilians. In all these cases, a vicious circle is created: Aggression begets self-justification, which begets more aggression."

Tavris & Aronson zitieren einen Satz aus "The Brothers Karamazov" (englische Schreibweise!): "He has done me no harm. But I played him a dirty trick, and ever since I have hated him." Das zeigt, dass Dostoevsky (wiederum englische Schreibweise!) ein glänzender Psychologe war, der Selbstrechtfertigung durch den Mechanismus der Reduktion kognitiver Dissonanz vorzüglichst verstanden hat.

Der israelische Psychologe Zvi Rex hat einmal bemerkt: "Germans will never forgive the Jews for Auschwitz." Obwohl Tavris und Aronson von diesem Satz keinen Gebrauch machen, könnten sie ihn doch aus dem Stand heraus erläutern: Deutsche haben während der Nazi-Zeit 6 Millionen Juden umgebracht. Ein solch monströses Verbrechen bedarf einer massiven Rechtfertigung. Da Deutsche gemäß ihrem Autostereotyp durch und durch Bildung und vor allem Anstand besitzen (besonders Himmler hat dies immer wieder betont), kann die Schuld nur bei den Juden liegen. Der Massenmord ist also ein Indikator für die Schlechtigkeit der Juden, nicht etwa für die der Deutschen. Zugleich rechtfertigt diese Schlechtigkeit den Massenmord und deshalb hassen viele Deutsche die Juden. Bekanntlich sind unter ihnen nicht nur Alt- und Neonazis, sondern auch viele Linke.

Eine - unter psychologischen Laien - sehr beliebte Theorie zur Erklärung nicht nur von Mord und Totschlag, sondern auch von Krieg und Terror ist "geringes Selbstwertgefühl" ("low self-esteem"). Erhebliche Verantwortung dafür trägt der Psychoblubberer Nathaniel Branden, dessen Beweisführung vor allem in einer unterentwickelten wissenschaftlichen Phantasie besteht: "I cannot think of a single psychological problem [...] that is not traceable to the problem of poor self-esteem."

Diesem verbreiteten pop- und vulgär-psychologischen Glaubensartikel treten Tavris und Aronson glücklicherweise beherzt und deutlich genug entgegen: "Combine perpetrators who have high self-esteem and victims who are helpless, and you have a recipe for the escalation of brutality. [...] This is one of the most thoroughly documented findings in social psychology, but is also the most difficult for many people to accept because of the enormous dissonance it produces".

Ein 38 Seiten umfassender Anmerkungsapparat, der die Forschungsarbeiten dokumentiert, auf die sich die beiden Autoren stützen, und ein gründlicher Index beschließen das Buch. Ich kann es schon deshalb sehr empfehlen, weil es sehr ernüchternd ist.

PS. In der deutschen Übersetzung lautet der zitierte Satz aus Dostojewskis "Die Brüder Karamasow" so:

"Er hat mir zwar nichts getan, aber dafür habe ich eine gewissenlose Gemeinheit gegen ihn begangen, und kaum hatte ich die begangen, fing ich sofort an, ihn zu hassen." (2. Buch, 8: "Der Skandal") Wie sagen Tavris und Aronson, um es zu wiederholen? "Aggression begets self-justification, which begets more aggression."
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7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein wichtiges und lesenswertes Buch, 1. Oktober 2009
Von 
Gudrun Mihm (Berlin) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Mistakes Were Made (But Not by Me): Why We Justify Foolish Beliefs, Bad Decisions, and Hurtful Acts (Taschenbuch)
Warum fällt es uns so schwer, Fehler zu zugeben? Wie kommt es, dass integere Politiker, ernsthafte Wissenschaftler, professionelle Psychotherapeuten, engagierte Staatsanwälte und Polizisten sich korrumpieren und kaufen lassen? Was treibt sie dazu, lieber ihre Karriere und ihren guten Ruf zu riskieren, als einmal eingenommene Positionen aufzugeben, auch wenn neu gefundene Erkenntnisse die Fehler ihrer Annahmen offen legen. Und sind wir davor gefeit, dieselben Fehler zu begehen?
Die Autoren beschreiben in diesem Buch, wie das Bedürfnis danach, Dissonanz zu vermeiden und Übereinstimmung von Selbst-Konzept und Handeln herzustellen, Menschen dazu bringen kann, auf fehlerhaftes Denken und Handeln zu bestehen. Sie stützen ihre Argumente auf Ergebnisse von Experimenten der kognitiven Psychologie mit ausführlichen Quellenangaben, die Leichtigkeit ihres Schreibstils und ihr Witz sollten nicht dazu verleiten, die Ernsthaftigkeit ihrer Argumentation zu bezweifeln.
Auch wenn die Beispiele aus dem us-amerikanischen Raum stammen, können doch die meisten auf deutsche Verhältnisse übertragen werden. Die Ausführungen über die Toleranz von Fehlern treffen auf deutsche Zustände mindestens genauso zu. Man denke nur an die Notengebung im deutschen Schulsystem, in dem jeder Fehler bewertet wird und schon mit 10 Jahren wissen deutsche SchülerInnen, wer keine Fehler macht, kommt besser voran. Wie leicht lässt sich eine solche Haltung auch auf andere Bereiche übertragen (auf Beziehungen).
Fazit: Eigene Fehlern eingestehen und vermeiden, den falschen Pfad der Ausflüchte zu beschreiten, anderen ihre Fehler verzeihen und damit beitragen, in Ehestreitigkeiten und Familienfehden, in Auseinandersetzungen mit Nachbarn und Konflikten in der Arbeitswelt Lösungen zu finden.
Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.
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5.0 von 5 Sternen Der andere ist immer schuld, 17. Mai 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Es gibt bei uns, in unserer Poltik zumal, keine Kultur der Entschuldigung - oder haben Sie schon mal einen Politiker sagen hören: Da habe ich mich geirrt, da habe ich einen Fehler gemacht? Odre irgendeine andere Person der Öffentlichkeit? Ertappen Sie sich vielleicht bisweilen selbst dabei, dass Sie für Ihre Fehler oder Fehlentscheidungen anderen die Schuld geben? Wir halten eher an einmal eingenommenen Positionen fest und machen Sachverhalte im Nachhinein passend zu unserer "Theorie", als dass wir zugeben, uns gerirrt zu haben. Schönes Extrembeispiel: Der von manchen Sekten prognostizierte Weltuntergang zu einem Tag X. Tag X geht vorüber, die Weltuntergang fällt aus. Sektenmitglieder geben nun nicht zu, sich geirrt zu haben, sondern interpretieren neu: Gott hat ihre Gebete erhört und die Erde noch einmal verschont -- eine wunderbare Logik! Ein Extrem, das wir vielleicht belächeln, aber gehen wir in uns: Machen wir uns die Realität nicht auch immer wieder mal passend ...? Wenn es heute noch einen Lektürekanon gibt, der uns über uns selbst aufklärt – dann gehört dieses Buch ganz bestimmt dazu!
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5.0 von 5 Sternen Was wir nicht hören und wahrhaben wollen, 25. September 2013
Von 
Oliver Völckers (Berlin, Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
In unserem Kopf gibt es einen Mechanismus, der unsere Unstimmigkeiten glattbügelt, der uns edler erscheinen lässt, als wir sind. Wir bilden uns ein, wir seien nicht nur gerecht, hilfsbereit, vernünftig und gescheit, sondern seien dies auch schon immer gewesen. Über eigene Fehler gehen wir großzügig hinweg, das geht den meisten Menschen so. Davon handelt dieses Buch.

Die Neigung, sogen. Kognitive Dissonanz zu vermeiden, führt u.a. zu Vorurteilen, da wir der eigenen Gruppe und Vorbildern keine Gemeinheiten zutrauen. Viele Deutsche glaubten etwa noch Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg, die Wehrmachtssoldaten hätten keine Verbrechen begangen, sondern nur die vermeintlich rohen und primitiven Gegner. Es gilt also, sehr kritisch zu sein gegenüber dem positiven Selbstbild und dem der eigenen Gruppe.

Doch es wird noch schlimmer: Die Erinnerung verzerrt manche Ereignisse so, dass wir nachträglich im besten Licht dastehen. Das ist menschlich. Haben wir als Kind etwa den kleinen Bruder geärgert? Bestimmt nicht, und wenn, dann hatte er es verdient. Wir formen unser Gedächtnis so, wie es uns in dem Kram passt, und können uns gegen dieses Phänomen kaum wehren.

Bei dieser Gelegenheit gehen die Autoren auf die sogen. Memory Wars ein, die am Ende des letzten Jahrhunderts zwischen US-amerikanischen Psychologen tobten. Sie stellen klar, dass wiederhergestellten Erinnerungen nicht vertraut werden kann, weil das Gehirn keine Computerfestplatte ist. Vielmehr sind spätere Erinnerungen eine Konstruktion, die sich mal mehr, mal weniger an Fakten orientieren kann. Vorsicht ist angebracht, wenn der Erinnerungsprozess manipuliert wird. Die Forschung hat gezeigt, dass es gar nicht so schwer ist, fiktive Fakten ins Hirn einzuschleusen, von deren Wahrheit die Versuchspersonen anschließend überzeugt sind.

Die Autoren untersuchen diese Zusammenhänge in Kapiteln, die die Aufklärung von Verbrechen, Ehe-Beziehungen, unbewusste Manipulation in der Wissenschaft und die Selbstdarstellung kriegsführender Parteien behandeln.

Die deutsche Übersetzung Ich habe recht, auch wenn ich mich irre: Warum wir fragwürdige Überzeugungen, schlechte Entscheidungen und verletzendes Handeln rechtfertigen, ist recht teuer, abgesehen von der Kindle-Fassung.

Das Buch ist absolut lesenswert, um mehr über subjektive Erinnerungen zu erfahren und die eigene Denkweise in Frage zu stellen.
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4.0 von 5 Sternen Very good, 29. August 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
The author has a good sense of Humor. The examples are realistc. It raises awaremess that nobody is exempt from blind spots.
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0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen toll, 14. November 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
wissenschaftlich fundiert, sprachlich ganz leicht verständlich und -für jeden der gewillt ist zu reflektieren- sehr sehr erhellend. man kommt beim lesen durchaus auch sich selbst auf die schliche und kann mit achtsamkeit beginnen besser mit sich und seinem umfeld umzugehen.
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