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pech und blende
 
 

pech und blende (Broschiert)

von Lutz Seiler (Autor)
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Neue Zürcher Zeitung

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Poesie, radioaktiv

Lutz Seilers ungeheure Gedichte

Das westdeutsche Feuilleton hat ein neues Wort gelernt: «Pechblende». Es bezeichnet ein uranhaltiges Erz, das, und auch dies buchstabieren Literaturkritiker mittlerweile erstaunlich geläufig, zu Zeiten der DDR im Osten Thüringens von der Wismut-AG für die UdSSR abgebaut wurde: Pechblende, auch Uranpecherz genannt, ist stark radioaktiv. «Pech & Blende» der schmale Lyrikband des 1963 geborenen Lutz Seiler, signalisiert schon im Titel eine verloren gegebene Hochenergie-Provinz im deutschen Osten.

Die Gedichte bewahren etwas, das so im Westen nicht wahrgenommen werden konnte. Sie vermitteln Nuancen des sehr heiklen Klimas einer heute verschwundenen DDR. Verschwunden ist sie (als die Kindheit des Autors) in einem autobiographischen und in einem geographisch-konkreten Sinn: Seilers Heimatdorf Culmitzsch gibt es nicht mehr, es wurde für den Uranabbau geschleift. Heute führt nur noch eine blinde Strasse durch verwüsteten Boden; die Arbeiterfamilien mussten aus ihren Bergmannshäusern nach Gera in Plattenbausiedlungen umziehen. Seilers Gedichte reichen zurück bis in die uniformen Hort-Kindertage mit Löffelgeklapper, gewachsten Bodendielen und «Milchdienst» im Schatten von Abraumhalden und unter dem Schrecken jenes «Spasmus», der in dem Gruss «Glück auf» liegt. Der Vater «hatte die halden bestiegen / die bergwelt gekannt, die raupenfahrt, das wasser, den schnaps / so rutschte er heimwärts, erfinder des abraums / wir hörten es ticken, es ist die uhr, es ist / sein geiger zähler herz».

Die Gegenwelt zu der pechschwarz radioaktiv strahlenden Vaterwelt verspricht ein sphärischer Held, der globale Kinderheld jener Jahre. Es ist der wie ein engelhafter Garant immer wieder angerufene sowjetische Astronaut Gagarin. Er kreiste als erster Mensch im All und setzte für die Kinder – die ekstatisch ihre Brottaschen und Stoffturnbeutel kreisen lassen – damit stellvertretend die Gravitation der Utopie ins Recht.

Neben der heimatlichen Spurensuche verfolgen Seilers Verse, die «auf kinderhöhe abgegriffen» sind, eine Präzisionsarbeit unter Ausnützung jener anderen «Gravitation» der Poesie, die den Kinderglauben abgelöst hat. Es ist die semantisch-klanglich-rhythmische Anziehungskraft, die das spezifische Gewicht eines Wortes bestimmt. Der Titel «Pech & Blende», Hand aufs Herz, lässt zumindest Westleser zunächst anderes assoziieren als Uranförderung: Da gibt es die sprichwörtliche Redensart, nach der zwei zusammenhängen wie Pech und Schwefel, und damit sind schon die Ingredienzen des klassischen Höllenfeuers benannt. Pech klebt am Pechvogel, anders an der Pechmarie. Pech gehört – mit und ohne Federn – zu mittelalterlichen Foltern und, durch Pechnasen gegossen, zur Abwehr von Feinden. Pech ist schwarz und glänzend und ein Schicksalswort. «Blende» wiederum bezeichnet nicht nur ein Schmuck- und Gliederungsmotiv an zu glatten Fassaden. Bei optischen Geräten begrenzt die Blende den Querschnitt von Strahlenbündeln und manipuliert die Schärfe des gewünschten Ausschnitts. Als Wort liegt «Blende» ganz nah an «Blendung», jenem Erblinden durch zu viel Licht.

Wie schon «Pech & Blende» aufgeladen ist mit Bedeutungsfeldern und -schichtungen und in seiner fast körperhaften, massigen Wörtlichkeit ohne konkretes Wissen nicht zu begreifen ist, so stellen die unter diesem Titel versammelten Gedichte einen hohen Anspruch an die Aufmerksamkeit. Sie setzen spezifischstes, ja oft intimes Wissen absolut und nehmen die eigene Erfahrung wörtlich: «einmal, es hiess, die wurzel ihres hustens / leuchtete uns / die stiege herunter, schwächliche kinder / mit kalten / urinen, fleischers enkel in der nacht, die // das licht im radio liebten», so in dem Gedicht «latrine» über die Mutter. Viele verlangen Grundkenntnisse aus dem DDR-Alltag. Einem Leser des Gedichts «was bleibt bleibt» etwa, der nicht weiss, dass das Wort «Fahne» auch «Winkelement» genannt wurde, wird in folgenden Versen etwas fehlen: «. . . musst immer weiter winken kein / schnelles tobendes aber ständig totes / winken der hand als element der hand».

Auch das wunderbare Gedicht «im osten der länder» etwa bedarf des Wissens, dass die deutsch-deutsche Grenze kilometerlang durch Hunde gesichert war, die an hoch gespannten Drahtseilen über Laufleinen hin- und herrannten, wobei das Laufscharnier, mit dem die Leine den Draht entlangzog, ein surrendes Reibegeräusch verursachte: «wind kam auf und die grenzland / hunde stiegen an / ihren zart verästelten gerippen // pfiff ein betörend töricht / wanderlied». Die Verse würden nichts verlieren, gäbe man ihnen (und sei es nur für die Nachgeborenen) in einem Anhang kurze Erklärungen mit. Für ihre alarmierende Qualität allerdings spricht, dass sie auch Bildungslücken vertragen. Die Verse haben etwas stolz Beharrendes, das den Leser dazu zwingen kann, sich kundig zu machen. (Es sind immer wieder Namens-Köder ausgelegt; ein Blick in ein Konversationslexikon hilft schon weiter.)

Es gibt Eltern, die nennen ihren Sohn Durs, und es gibt Eltern, die nennen ihren Sohn Lutz. Es ist eigentümlich, dass zwei der herausragenden jungen Poeten aus dem deutschen Osten (beinahe gleichen Jahrgangs) schon in ihren unterschiedlichen Namen so etwas wie ihr Programm tragen. Wenn Durs Grünbein auf dem Hintergrund eines intellektuellen bürgerlichen Milieus nahtlos an die elegante, delikate und eloquente moderne Poesie anschliessen konnte und wollte, so ging der Bergarbeitersohn Lutz Seiler einen anderen Weg. Wie Baudelaire, der von sich sagte, den Schmutz in die Poesie gebracht und in Gold verwandelt zu haben, macht Seiler im Westen bisher ungehörte Vokabeln zu den Fixsternen seines Kosmos. Er schreibt keine Arme-Leute-Poesie, aber er gibt den ungeheuren Zonen des Abraums eine Würde und auch Faszination. Seine Verse brauchen Zeit. Es sind dunkle Einschlüsse, nach denen der Leser graben muss.

Seilers Gedichte bleiben schockierend keusch. Sie richten die Blende auf übersehene Alltagsausschnitte, sie blenden selbstbewusst auf, wo das Leben nur abgeblendet hat. Das Übersehene erhält eine glänzende Berechtigung, nicht weil das politisch korrekt wäre oder nur wohl gemeint, sondern weil es zwingend genau gesagt ist. Die Verse sind keine Abrechnung und keine Klage. Sie zeigen, was war, weil es ungeheuerlich war. Sie nehmen die Simultaneität von Erleben und Erinnern radikal ernst in harten Assoziationsschnitten, und sie setzen dabei auf die Schwerkraft der zutage geförderten Worte, die so heftig ausstrahlen, dass der «geiger zähler herz» tickt.

Angelika Overath

Perlentaucher.de

Pressenotiz zu : Frankfurter Rundschau, 05.08.2000
Geradezu vorbildlich sorgfältig setzt sich Helmut Böttiger in seiner Rezension mit den Gedichten Lutz Seilers auseinander. Dass diese keine leichte Kost sind, ist an den vielen Zitaten zu erkennen. Böttiger aber geht genau auf ihre Motivik und Metaphorik ein, beschreibt die subtile Transformation von Biografie in hoch sprachbewusste Dichtung. Keine Frage, dass ihm Seilers Poesie dieser genauen Auseinandersetzung wert scheint. Böttiger lobt ihre "Musikalität", den ganz eigenen Seilerschen Sprach- und Motivkosmos, die "archaische Wucht" seiner "Zeitgenossenschaft".

© Perlentaucher Medien GmbH

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