Neue Zürcher Zeitung
Tochter des Scharfrichters
B. En. Eine rothaarige Sechzehnjährige, auf dem Ärmel den Stoffgalgen aufgenäht, schleicht sich nachts zur Richtstätte unten im Berner Marzili, um dem Verurteilten die Hand abzuschneiden, denn Finger und Hand eines Gerichteten stecken voller Zauberkräfte. Josiane heisst die junge Frau, welche die zentrale Figur in diesem Historienroman aus dem 17./18. Jahrhundert ist, eine Gestalt zwischen dem Glauben an Magie und rationaler Selbstbestimmung. «Musche» wird sie, die Henkerstochter, genannt. Der Generationenroman von Ursula Meier-Nobs führt das soziale Gefüge des Ancien Régime mit seiner rigorosen ständischen Ordnung vor. Ihr gilt die Familie des Scharfrichters als geächtet. Aber aus dem Dienst an der Gerechtigkeit bezieht diese dennoch ihre Berechtigung. Im Klima dieser schwierigen Spannung entwickeln die Familienangehörigen, allesamt Parias, ihre je eigenen Reaktionsweisen. Die Ausgegrenzten versuchen sich abzugrenzen. Doch ihre Auflehnung zieht verheerende Folgen nach sich. Flucht, Verfolgung, Folter und Tod zeichnen ihre Wege, die jenen aus Katharina Zimmermanns Täuferroman «Die Furgge» verwandt sind. Trotz einigen spektakulären Ereignissen, trotz der blutrünstigen Kulisse mit ihrer Aura des Unheimlichen gelingt es der Autorin, ihre Geschichte vor reisserischen Effekten zu bewahren und dem Innenleben ihrer Figuren Raum zu gönnen. Die bis anhin wenig bekannten Lebensumstände der Scharfrichterfamilien werden dabei detailreich erhellt.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Kurzbeschreibung
Bern und Freiburg im Breisgau an der Schwelle zum 18. Jahrhundert. Noch wird im Namen der Gerechtigkeit und Ordnung verbrannt, gevierteilt, gehängt, gefoltert. Das Amt des Henkers vererbt sich vom Vater auf den Sohn. Aus der Sicht der Musche, der Scharfrichterstochter Josiane, wird die Zwiespältigkeit dieses Standes aufgezeigt, der vor allem von der Ächtung und Ausgrenzung durch die Gesellschaft gekennzeichnet ist. Josiane gewährt dem Leser Einblick in die Verhältnisse und Regeln eines Henkerhauses, läßt ihn teilhaben am Entscheid ihres Bruders, der diese Arbeit ablehnt. Sie erzählt von der Begegnung mit dem buckligen Mathieu, ihrer Trauer um den Geliebten, den Täufer-Anhänger Martin, und vom Leid einer aufgezwungenen Ehe. Die Sorge um ihre Tochter Barbara läßt sie schließlich ihren Stand verleugnen, ungeachtet der sich daraus ergebenden Gefahren und Schwierigkeiten.