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4.0 von 5 Sternen
S.C.E. - Das modernere Trek, 25. November 2004
Der Star-Trek-Franchise ist im Moment auf dem absteigenden Ast.Der letzte Kinofilm war ein Flop, und das nicht zu Unrecht, denn trotz guter Absichten hätte er noch einige Überarbeitung gebraucht. Die Einschaltquoten der aktuellen Serie "Enterprise" sind rückläufig, und der Spieleentwickler Activision gibt die Rechte an der Star Trek-Lizenz zurück und verklagt Viacom, da sie zuwenig für den Star Trek-Franchise getan habe (d.h. in absehbarer Zeit keine Computerspiele mit Star Trek als Thema mehr). Auch die Neukonzeption der "Enterprise"-Serie (die Jagd nach den Xindi) wird am momentanen Abstieg nicht viel ändern, tritt sie doch in der neuen Season gegen den Quotenhit "Smallville" an. Umso erstaunlicher ist die Entwicklung auf dem Buchsektor. Sucht man nach unkonventionellen, frischen Ideen, so ist man hier bestens bedient. Peter Davids "New Frontier"-Serie wandelt immer haarscharf am Rand einer Parodie, in dem er Star Trek kräftig gegen den Strich bürstet. Der DS9-Relaunch ist sehr gelungen, endlich gibt es eine übergreifende Kontinuität innerhalb der Bücher. Und die Freiheit, die hier, außerhalb der engen Grenzen einer TV-Produktion möglich ist, sorgen für Überraschungen im DS9-Universum. (neue Charaktere, viele Wendungen: Kiras Exkommunikation aus der bajoranischen Kirche, die Rückkehr von Kai Opaka, der Tod Shakaars, Bajors Beitritt in die Föderation etc.) Eines der neben "New Frontier" etablierten, völlig neuen Formate ist das "Starfleet Corps of Engineers". Eine Reihe junger "Star Trek"-Autoren schreibt in einem vorgegebenem Rahmen abgeschlossene Erzählungen, die aber in einem gemeinsamen Zusammenhang stehen. Diese Episoden wurden zunächst nur als e-book veröffentlicht, mittlerweile gibt es aber vier englische Taschenbücher, in denen ungefähr die Hälfte der existierenden Storys enthalten sind. Die völlig neue Crew besteht aus glaubwürdigen Charakteren, denen man sich als Leser schnell verbunden fühlt. Das "Starfleet Corps of Engineers" ist immer dann zur Stelle, wenn es irgendeine Art von technischem Problem gibt (gestrandete Raumschiffe, amoklaufende Computer usw.). Geleitet wird es von der Erde aus von der lebenden Legende Captain Montgomery Scott. Und eines der Schiffe des Corps ist die U.S.S. da Vinci unter dem Kommando von Captain David Gold. Ausführliche Infos über die U.S.S. da Vinci und ihre Crew gibt es hier. Ich bin an sich kein Freund der Star-Trek-Romane (mit Ausnahme von Peter David), war aber beim Lesen der "SCE"-Storys zunehmend begeistert, denn die Geschichten sind nicht nur sehr viel fesselnder als die diversen TV-Inkarnationen des Franchise, sondern auch um einiges mutiger. Zugegeben, es hat den Anschein, als denke man bei der Besetzung des Captains immer zuerst daran, welche Minderheit bisher noch nicht im Kommandosessel Platz genommen hat: Wir hatten bisher einen blonden Amerikaner (Kirk), einen sich äußerst englisch gebenden Franzosen (Picard), einen schwarzen Captain (Sisko), einen Asiaten (Sulu), eine Frau (Janeway), einen Außerirdischen (Calhoun) und zuguterletzt wieder einen blonden Amerikaner (Archer), was blieb da anderes übrig, als mit Captain David Gold endlich einen jüdischen Captain einzuführen. Seine Ausfälle ins Jiddische sind dann manchmal auch zuviel des Guten, aber letztlich muss man dennoch den Mut der Autoren bewundern, ein Star-Trek-Tabu anzufassen, nämlich die Religion, die im TV-Universum ein heißes Eisen ist und lieber ignoriert wird. Gibt es Christen, Juden und Muslime im Universum von Star Trek? Gibt es Glaubensstreitigkeiten in Roddenberrys Utopia? Man hat oftmals den Eindruck, dass es im 24. Jahrhundert keine Religion mehr gibt.. Daher ist es schon erfrischend zu erfahren, dass Captain Golds Frau ein Rabbi ist (ein Amt, welches heute noch allein Männern vorbehalten ist.) Ähnlich wie die Randbemerkung über Päpstin Bernadette in Babylon 5: Crusade sind solche Kleinigkeiten wichtig, um eine reale Welt und nicht ein steriles Utopia darzustellen. Noch besser und eindrucksvoller ist die Einführung eines schwulen Crewmitglieds. Seit Jahren wird dies für Star Trek verlangt, und während Homosexualität in fast allen Fernsehserien thematisiert wird, drückt man sich bei Star Trek nur allzu gern davor und erfindet entweder Allegorien (Rejoined) oder winkt schlichtweg mit dem Argument ab, dass Homosexualität im 23. und 24. Jahrhundert kein Problem mehr sei. Warum man letzteres dann nicht einmal zeigt, ist eine andere Sache. Die Macher haben schlichtweg Angst vor negativen Raktionen von konservativer Seite. Denn genau wie man sich vor der Aussage zur Ökonomie des 24. Jahrhunderts drückt (es gibt kein Geld mehr, ist die Gesellschaft dann kommunistisch?), lässt man auch bei einer Frage nach dem Sexualverhalten des 24. Jahrhunderts (Verhütung? Abtreibung?) lieber alles im unklaren. Umso geschmackvoller und lobenswerter wird dies in den S.C.E.-Büchern gehandhabt. Der Linguist des Schiffes schreibt regelmäßig Briefe an seinen Lebensgefährten. Ich stutzte zunächst: Er schreibt an einen Mann? Es wurde nie gesondert hervorgehoben, sondern behandelt wie alle Beziehungen der Crewmitglieder. So mutig sollte Star Trek auch im Fernsehen sein! Wie sehr ich tatsächlich Interesse an den Charaktern aufbrachte, zeigte sich an der Doppelfolge "Wildfire". Die "da Vinci" wird schwer beschädigt, ein Großteil der 40 Crewmitglieder kommt in dieser Story ums Leben, darunter auch ein Mitglied der Kerncrew (in einer Handlung, die etwas an den James-Cameron-Film "Abyss" erinnert). Dies erregte in mir mehr Anteilnahme als die diversen "Ausstiegstode" innerhalb der TV-Serien (Tasha Yar, Dax, Data). Vielleicht ist es auch das besondere Format von "SCE", welches den Geschichten zu ihrer fesselnden Dramatik verhilft. Eine Story umfasst ungefähr 100 Seiten, meist sind es Aufträge, die ein Wiedersehen mit altbekannten Elementen des Star-Trek-Universums bieten. So hat die Crew in "Cold Fusion" gemeinsam mit dem Chief von DS9, Leutnant Nog, einen Fusionskern aus der verlassenen Station Empok Nor zu bergen und nach DS9 zu bringen (Die Geschichte spielt nach Avatar Bd. 1). Die Autoren haben anscheinend freie Hand, die Geschichte auch mal in einem anderen Format zu präsentieren. ("Invincible" wird einzig durch Tagebucheinträge und Briefe erzählt.) Ich habe Star Trek oft nicht als Science Fiction eingestuft, dafür drückten sich die Serien für meinen Geschmack zuviel vor einer wirklichen Extrapolation realer heutiger Probleme in der Zukunft. Trek war für mich eine liebenswerte Utopie, ein Genre für sich. Die "Starfleet Engineers"-Episoden sind für mich allerdings wirkliche Science Fiction und ein spannender Stoff. Highly recommended!
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