Ich habe gerade 'um nur zu leben' in einem Zug durchgelesen. Also, nicht in der Bahn, sondern in einem Rutsch. Es ist eine atemlose Beschreibung und ich denke, jeder mit Suchtproblemen in Bekanntenkreis/Familie wird sich angesprochen fühlen. Besonders gut hat mir gefallen, dass die Autorin kein strahlendes Winner-Buch geschrieben hat. Mir waren in Seminaren diese trockenen Alkoholiker in Siegerpose immer suspekt. Denn wem es so geht wie einem Suchtkranken im Spätstadium, der ist alles mögliche, aber gewiß kein Gewinner. Auch nicht, wenn er dann trocken ist.
Normalerweise gibt es bei Alkoholikern kein spezielles 'weil', ein Grund zum Trinken findet sich immer. Insofern fand ich an der biographischen Geschichte besonders bemerkenswert, dass doch ein klarer Grund geliefert wird: Es gab einfach nichts, an dem das Herz wirklich hing, nicht die Eltern, nicht die Freunde, nicht die Partner, nicht mal das Trinken. Es war alles irgendwie egal, uninteressant. Damit entfiel ebenso jede Motivation zum dauerhaften Nicht-Trinken. Was mir persönlich in dem Buch vielleicht gefehlt hat, war ein plastisch geschilderter Übergang vom gesellschaftlich gewünschten 'normalen' Trinken in dem Moment, wo Alkohol mehr bedeutete - der Übergang ist nämlich für einen Nicht-Kranken schwer nachvollziehbar. Aber vielleicht für einen Alkoholkranken ebenso. Insgesamt: Hut ab!