Hanne Wilhelmsen, querschnittsgelähmte Ex-Polizistin, und die anderen knapp 200 Fahrgäste eines vor einem norwegischen Bergdorf entgleisten Zuges können sich vor dem Schneesturm in einem Hotel in Sicherheit bringen. Die rätselhaften Mitreisenden aus dem mysteriösen Zusatzwaggon sorgen für Rätselraten unter den Eingeschlossenen, und bereits in der ersten Nacht geschieht ein Mord. Als das Hotel völlig von der Umwelt abgeschlossen wird und noch weitere Todesfälle geschehen, nimmt Hanne Wilhelmsen widerwillig die Ermittlungen auf.
Dieser Kriminalroman hat alle Zutaten eines klassischen Krimi: mehrere Todesfälle, eine Gruppe Verdächtiger, die von der Umwelt abgeschlossen ist, eine "Spürnase", die sich ganz auf ihre Beobachtungs- und Kombinationsgabe verlassen muss - auch der große "Show-Down" mit allen Verdächtigen darf natürlich nicht fehlen. Diese Mischung wirkt jedoch in keinster Weise altbacken, was sowohl einigen modernen Zutaten (Misstrauen gegen alle, die anders sind, besonders gegen vermeintlich Islamisten; Terrorismusgefahr) und dem gelegentlich aufblitzenden trockenen Humor als auch der klaren, schnörkellosen Sprache zu verdanken ist. Einige norwegische Elemente wie z.B. die Einstellung gegenüber der königlichen Familie und das Duzen völlig fremder Personen (auch die Übersetzerin fand das offensichtlich sehr gewöhnungsbedürftig, so dass ihr ab und zu ein "Sie" herausgerutscht ist) sorgen für das nötige Lokalkolorit, zu dem auch die Wetterbeschreibungen beitragen.
Während draußen der Schneesturm zunimmt, "taut" die anfangs sehr eigenbrödlerische Hanne Wilhelmsen im Handlungsverlauf zunehmend auf. Ihre selbstgewählte Isolation, unter der sie dann doch zu leiden scheint, ist überzeugend dargestellt und verleiht dem Buch zusätzlich zur klassischen Kriminalgeschichte eine weitere Ebene. Auch die Beschreibung der anderen Hauptpersonen wirkt nicht überzogen oder unglaubwürdig, obwohl es sich bei gelähmten Ex-Polizistinnen, kleinwüchsigen Ärzten, durchgebrannten Jugendlichen, Fernsehpfarrern usw. um alles andere als durchschnittliche Persönlichkeiten handelt. Der Rest der Reisenden (immerhin noch stolze 190 Menschen) jedoch seltsam farb- und profillos - keine Massenpanik und auch die zahlreichen Knochenbrüchen oder sonstigen Verletzungen scheinen niemanden sonderlich zu stören.
Sehr passend fand ich die Idee, jedem Kapitel die Beschreibung der entsprechenden Windstärke voranzustellen, die mit steigender Kapitelzahl und steigender Spannung entsprechend zunimmt. Auch die Ausstattung des Buches ist mit der ansprechenden Farbgestaltung in Schwarz, Rot und Weiß wirklich gelungen und das Lesebändchen mit dem Schriftzug der Serie (Piper Nordiska) ist ein schönes Detail.
Fazit: Ein klassischer Krimi in bester Tradition, gut geschrieben und spannend bis zum Schluss, eine eigenwillige Ermittlerin und ein überraschendes Ende - das war bestimmt nicht mein letztes Buch von Anne Holt.