Die Kindheit am Hügel war quälend: Nach dem Ende der Nazizeit, in die die Wagners ja - gelinde gesagt - verstrickt waren, mussten die Festspiele nicht nur neu installiert werden: Es galt gar, sich komplett neu zu erfinden.
Gottfried, der Sohn Wolfgang Wagners aus seiner ersten Ehe, litt in seinen Kindheits- und Jugendjahren unter dem dauernden Bruderzwist zwischen Wieland und Wolfgang, den elterlichen Streitigkeiten mit der Großmutter Winifred, zu deren Domizil auf dem grünen Hügel eine hohe Mauer errichtet wurde, um sich weithin sichtbar von ihrem Einfluss zu distanzieren. Auch die Ehe der Eltern war so zerrüttet, dass die Kinder die Kälte und Disharmonie deutlich zu spüren bekamen. Und dann galt es noch, eine Einstellung zum eben schweren Erbe eines Musikgenies und einer unrühmlichen Festspielvergangenheit zu finden.
Für den Wagner-Urenkel eine schwere Hypothek!
Und doch verschafft er sich Gehör, macht sich unbeliebt und wird als Nestbeschmutzer abgelehnt. War es doch Gottfried, der den Kontakt zum Filmregisseur Syberberg herstellte und seine Großmutter überredete, den verhängnisvollen Film zu drehen, in dem sie noch immer ihre alte Hitler-Freundschaft verteidigte.
Danach war die Stimmung im Elternhaus, in dem nach Wielands plötzlichem Tod sein Vater allein Festspielverantwortlicher wurde, so vergiftet, das er sich in der Folge nach Amerika absetzt. Dort sammelt er eigene musikalische Meriten, arbeitet mit Lotte Lenya zusammen und emanzipiert sich endgültig von seiner Familie.
Gottfried Wagner scheut keinen Konflikt und gibt sehr offen Zeugnis von den Verstrickungen der Familie. Auch wenn man ihm deutlich die eigenen Verletzungen anmerkt, bemüht er sich um eine faire Darstellung.
Als Ergänzung zu den Biographien Brigitte Hamanns über Winifred Wagner und der just erschienenen über Gottfried Wagners Urgroßmutter Cosima von Oliver Hilmes ist dies eine familiäre Bestandaufnahme der jüngeren Generation. Da die Informationen aus erster Hand sind und Gottfried Wagner zu schreiben versteht: Durchaus empfehlenswert!