Ich seh' schon das empörte Kopfschütteln der kultivierten Leserschaft: Karl May, Verfasser schnöder Wildwest-Platitüden für die Jugend, verräterisch sofort erkennbar an den (Karl-)maygrünen Bänden. Aber doch nicht für den gebildeten Erwachsenen, pfui, bei Fuß! ... -- Halt, das sind alles Vorurteile über Karl May! Dümmstmögliche Vorurteile! Der Mann hat die Kolportage zur Kunstform erhoben, und haargenau das beweisen in munterer Lesung die Herren Götz Alsmann, Christian Brückner und Roger Willemsen. Ihre Lesejagdgründe haben sie sauber abgesteckt, aber dank perfekter Regie gehen ihre Lese-Partien nahtlos ineinander über.
Roger Willemsen leitet gewitzt in schönstem Knüppelvers-Rhythmus mit gereimten Kommentaren und Zusammenfassungen das jeweils folgende Thema ein, dass sich die Balken biegen.
Götz Alsmann wartet mit Erstaunlichem aus Karl Mays Biographie auf, das kein Zwerchfell verschont: Skurrile Begebenheiten aus Mays Leben und Streben; der famose Kolportagestil spiegelt sich in Alsmann'scher Diktion perfekt wider. Alsmann liest das alles dermaßen pointiert mit der Atemlosigkeit des gefesselten Lesers, dass kein Auge trocken bleibt; er würzt seine Beiträge gekonnt mit dem ein oder anderen Seitenhieb auf Old Shatterhands Heldentum und bemerkenswerten Polizeiberichten. Mays geniale Hochstapelei-Kunst hat's nämlich in sich, und seine notorische "pseudologica phantastica" sucht hier ihresgleichen und findet sie zum Glück nicht.
Christian Brückner ist für die Passagen aus Mays Romanen und Briefen zuständig; in seiner glänzenden Lesung gewinnen alle Romanfiguren Kontur. Mitunter entdeckt man erst in dieser sorgfältigen Herausarbeitung manche Finessen im längst bekannt Geglaubten: Winnetou erweist sich als gewiefter Advokat anlässlich seiner ersten Begegnung mit Noch-Nicht-Old-Shatterhand. Und wie dezent Brückner dem bösen, bösen Trunkenbold Rattler seine ungespaltene Zunge leiht, das hat ebenso viel Klasse wie seine Wiedergabe von Mays bemerkenswert perfektem Korrespondenzstil der Zeit.
Der gemeinsame Vortrag dieser drei ist thematisch gegliedert, man findet Bekanntes wie z.B. über Mays berühmtesten altera egos (!): Über Kara ben Nemsis und Old Shatterhands Abenteuer natürlich, über deren übermenschliche Körperkraft, Fähigkeiten und stupenden Sprachkenntnisse ("Lappländisch will ich nicht mitzählen"). Mays berühmt-berüchtigte landeskundliche Einschübe hört man in gelehrtem Ton -- letzteres trägt Brückner in bestem Privatgelehrten-Duktus vor, vermutlich ohne eine Miene zu verziehen ("Zwischen Texas, Arizona, Neu-Mexiko..." Mehr muss man wirklich nicht über den unüberwindlichen Llano Estacado wissen). Willemsens gereimte Version von Winnetous christlichem Dahinscheiden ist natürlich auch an Bord. Man erfährt freilich auch höchst Amüsantes aus Mays Biographie: Frappierend war seine offensichtliche Überzeugungskraft, die sich besonders schräg in despektierlichen jugendlichen Missetaten als versierter Hochstapler zeigt. Schon dieser erste thematische Block der gemeinsamen Lesung sprüht vor hinterfotziger Ironie.
Es gibt aber auch weniger Bekanntes: So manch ein Brief, in dem May durchaus überzeugend beteuert, er habe diese aberwitzigen Abenteuer höchstpersönlich überstanden, wird in Brückners Lesung und Alsmanns Kommentaren zum Schreien komisch. Man erfährt auch, wie schlagfertig May auch den fachmännischsten Einwand auskontert -- das kann man nicht überbieten, das muss man hören, um's zu glauben. Wie May seine eigene Legende strickte, das wird in dieser Darbietung zu einem Glanzlicht der Hochkomik. Da wird's fast schon zur Nebensache, dass May über 57 zivil- und strafrechtliche Prozesse führte, nachdem seine kriminelle Jugend publik gemacht und aufgebauscht worden war. Nicht schlecht...
Bemerkenswert auch, wie sich der immerhin schon 57jährige Karl May bei seinen ersten Fernreisen nach Asien und Amerika in seiner eigenen Phantasie verhedderte, mit ernüchterndem Ergebnis für ihn selber. Ein wenig wird noch das daraus folgende, teils mythenbewaberte, teils pazifistische Spätwerk erläutert, am Beispiel "Ardistan und Dschinnistan". Und wusste jemand, dass Karl May seine ersten Werke wohlweislich unter Pseudonym veröffentlichte, enthielten sie doch u.a. Bordellszenen incl. "durchsichtiger Negligés"? Erfährt man alles hier, vorausgesetzt, man schafft es, vor lauter Lachen auch noch zuzuhören.
Den famosen Spaß schließt das Trio mit einem Remake von Pierre Bries "Winnetou, du warst mein Freund" ab. Der Spaß, den die drei hatten, ist wahrlich nicht zu überhören... Sie kichern unterm Singen fast so laut wie der Zuhörer.
Eine schönere Hommage ist nicht vorstellbar. Jetzt dürfen sich endlich alle Karl-May-Fans zu ihrer heimlichen Leidenschaft bekennen, ohne gleich die schweren Geschütze "Arno Schmidt" und "Carl Zuckmayer" zur Rechtfertigung auffahren zu müssen.