Das Buch zur Bewegung. Es fehlt auf keinem globalisierungskritischen Büchertisch. Endlich las auch ich es. Es geht von der Frage aus, wieso „auf einem mit Reichtümern gesegneten Planeten Jahr für Jahr hunderte Millionen von Menschen Opfer von Armut, gewaltsamem Tod und Verzweiflung werden". Und das, obwohl Reichtum, Wirtschaftsleistung, Produktionsziffern, Patente und Wissen stetig zunehmen. Der Grund ist die ungerechte Verteilung dieses Reichtums, der sich in wenigen Händen konzentriert - eben in den Händen der „Neuen Herrscher der Welt" - es ist ein Reichtum, der auf Kosten der Armen dieser Welt entsteht und sich zugleich von ihnen abschottet.
Der Schweizer Ziegler machte sich schon in seiner Heimat unbeliebt, weil er die dortigen Praktiken (Geldwäsche, Nazivergangenheit, schmutzige Geschäfte, organisiertes Verbrechen) durchleuchtete. Jetzt kommt Ziegler folgerichtig zum Thema „Globalisierung", denn von der Schweiz als Bankenparadies ziehen sich die Fäden des organisierten Kapitals in die ganze Welt. Die Jean Ziegler gründlich kennengelernt hat: zuletzt als Sonderbotschafter der UN-Kommission für das Recht auf Nahrung. Entsprechend kenntnisreich berichtet er aus allen Ecken der Welt (mich als deutschen Leser erinnert er ein wenig an Peter Scholl-Latour, in seiner schonungslos offenen, abgeklärten Art). Dort beobachtete er mit eigenen Augen, wie die heutige Form des „Raubtier"- oder „Dschungelkapitalismus" Menschenrechte verletzt, Nationalregierungen entmachtet und Länder in die Armut treibt. Alles im Interesse reicher Eliten, anonymer Konzerne und imperialer Gebilde, mögen es Staaten oder Firmen sein.
Im ersten Teil des Buches wird der Ist-Zustand umfassend und detailliert beschrieben, belegt mit zahlreichen schockierenden Beispielen. Im letzten Viertel des Buches beschäftigt er sich, zur Erleichterung des Lesers, mit dem Widerstand dagegen. Zum Glück gibt es bereits eine Menge von Verbänden, Nichtregierungsorganisation und Aktionsformen, die sich um eine gerechtere Welt bemühen. Auch wenn friedliche Aktivisten in Brasilien von Todesschwadronen ermordet, oder in italienischen Gefängnissen gefoltert werden (auch dies im Auftrag der „neuen Herrscher") so wächst die Bewegung dagegen doch stetig an. In der Gewißheit, das Recht auf seiner Seite zu haben. Zieglers Buch ist ein Teil davon, macht Mut, bietet Anknüpfungspunkte, an denen man seiner Empörung Ausdruck verleihen kann.
Nur ein Beispiel: im Jahr 2002 erschien das Buch. Und jetzt, im Juli 2005, versprechen die G-8-Regierungen tatsächlich einen Schuldenerlaß für die ärmsten Länder (eine zentrale Forderung der globalen „Widersacher", z.B. der Organisation Jubilé 2000, die Ziegler zitiert), während überall auf der Welt sog. „Live 8"- Konzerte vor Millionen (Milliarden) Zuschauern dieselbe Forderung stellen. Ein Erfolg, der einerseits Publizisten wie Ziegler zu danken ist, vor allem aber den vielen sozialen Bewegungen, die er in seinem Buch vorstellt.