Liest man dieses Buch als Werk mit wissenschaftlichem Anspruch, ist es in der Tat naiv und in vielen seiner psychologischen Annahmen überholt. Und zur Erleuchtung kommt man meistens auch nicht via LSD oder Psilocibyn.
Dennoch ist dieses Werk das witzigste, interessanteste und am meisten zum Über-, Neu-, Um- und sogar Nach-Denken anregende Buch von RAW.
Es einfach als unseriös und unwissenschaftlich abzutun, ist jedenfalls nicht der richtige Zugang. Erstens: Man muss verstehen, aus welchem Geist es geboren wurde; Ende der vierziger Jahre war plötzlich eine unglaublich starke halluzinogene Droge namens LSD auf dem pharmazeutischen Markt zugänglich. Parallel dazu wurden Meskalin und Psilocybin vom "weißen Mann" neu "entdeckt". Das gesellschaftliche Klima der damaligen Zeit war extrem konservativ, Wahrheiten wurden qua Authorität "vermittelt", nicht im öffentlichen Diskurs ausgehandelt.
Aber plötzlich gab es da eine Droge, welche die Macht hatte, alle Koordinaten der Realität zu verändern, zu verzerren, zu verbiegen - selbst das "Realste des Realen", Raum und Zeit waren vor der Macht dieser neuen Droge nicht sicher. Es war also Zeit sich über den Begriff der "Realität" neu Gedanken zu machen: Wie kommt unsere Auffassung davon zustande, was eigentlich Realität ist.
RAW's "neuer Prometheus" macht uns da einige wirklich amüsante Vorschläge - wer beim Lesen nicht ab und zu mal ein Aha-Erlebniss hat, oder wenigstens Lachen muss, ist selbst schuld.
RAWs wissenschaftliches Rüstzeug von aufeinander aufbauenden Schaltkreisen und der allzu häufig benutzte Begriff der Prägung sind so aus heutiger Sicht nicht haltbar. Ob es beim Menschen überhaupt Prägungen im Lorenzschen Sinne gibt, ist nach heutiger Sicht eher bestreitbar. Und wenn es sie gäbe - könnte man sie entsprechend der Definition von Prägung vermutlich auch nicht umprägen. Und selbst wenn man eine Um- oder Neuprägung vornehmen könnte - warum dann ausgerechnet mit LSD?
Was an RAW's System richtig und wahr ist, ist die Tatsache, dass Kinder tatsächlich zuerst mit einem großen Sicherheitbedürfnis auf die Welt kommen; später nimmt dann, je nach Sicherheitserfahrung, das Explorationsbedürfnis immer größeren Raum im Verhalten des Kindes ein. Rangstreben und erwachsene Sexualität folgen erst später. Wer mehr über solch kybernetische Modelle des menschlichen Verhaltens erfahren will, sei auf Norbert Bischof, seine exzellenten Bücher und sein ingenioses "Züricher Modell" verwiesen.
Kurzum - den "neuen Prometheus" sollte man als das Lesen, als welches er von Anfang an gedacht war - als Wissenschaftssatire. Als eine Kritik, die eben so viel Wissenschaftlichkeit enthält, das sie nicht irrelevant erscheint, aber auch so viel dichterischen Freiraum, dass der Humor nicht zu kurz kommt und sogar Raum zum (Tag-)Träumen und Wundern bleibt.