Kurzbeschreibung
In der österreichischen Dichtung gibt es eine starke Strömung, die sich vom lyrisch-gefühlsmäßigen Ausdruck hinbewegt zu einer wort-bewußten und sprach-spielerischen Satzkunst. Franz Josef Czernin, der zu den brillantesten Poeten der jüngsten Generation dieser Welt gehört, hat in seinen Natur-Gedichten das Lieblingsthema der traditionellen Lyrik, die Natur selber, in diesem Sinne wörtlich genommen.
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Der Lyriker Franz Josef Czernin tritt mit einem gewaltigen Anspruch an. In der Vorbemerkung zu seinen natur-gedichten schreibt er: "Es schwebt mir eine systematische Erforschung der Dichtkunst vor, ... mit dem Ziel, die eigenen Absichten in dem Entdecken oder Herstellen der Gesetze des Dichtens selbst aufzubrauchen." Misst man die Gedichte an diesem Anspruch, so stellt man fest, dass Czernin dem nicht gerecht wird. Hinter knappen und wenig sagenden Titeln wie "zentrum", "totale" oder "im zenit" versucht er, die Natur der Poesie zu ergründen. Die streng rhythmisierten Texte halten die im Buchtitel "natur-gedichte" schon angedeutete Vorgehensweise, nämlich Sprachgewohnheiten in Sprachspiele umzuwandeln, durchweg ein, allerdings ohne jeden Sprachwitz: "vage waage 1: so sehr wir zu gefallen uns,/ nimmt es sich ein/ für diesen schönen sturz". In den folgenden Gedichten "vage waage" 2 und 3 spielt Czernin weiter: "so sehr wir so gefahren durch uns,/ gibt es sich ab mit/ seiner schönen reise schreck" und "so sehr gehalten wir an uns,/ füllt es sich aus mit/ seiner schönen dauer raum." Czernin ist konsequent in seiner gedrechselten, altertümlichen und oft rätselhaften Sprache. Er greift auf rhetorische und poetische Traditionen zurück und hinterfragt das Verhältnis zwischen Zeichen und Bezeichnetem. Selbst wenn man die Kaskaden von Nebensätzen und grammatikalischen Finessen bis zum Punkt am Ende einer Strophe nach-buchstabiert und entschlüsselt hat, bleibt man unbefriedigt. Wie in vielen Texten der langen Tradition des Art pour L'Art, kommen in Czernins Gedichte zwei Dinge nicht vor: Poesie und Leben. Auch sonst ist der Band ein Ärgernis. Ein Teil der Gedichte stammt aus einem bereits 1992 erschienenen Band. Dass hier ein Buch gefüllt werden musste, zeigt auch ein oberlehrerhafter Aufsatz, der die Gedichte lediglich paraphrasiert. Czernin ist ein eitler, vielleicht sogar arroganter Lyriker. Das weiß man spätestens seit dem er 1987 bei seinem damaligen Verlag ein Buch mit bewusst "schlechten" Gedichten veröffentlicht hat und in einem anderen Verlag ein "Parallelbuch" mit "guten" Gedichten. Dieses Wissen erleichtert die Lektüre ungemein.
--Matthias Kehle