Eigentlich geschieht in diesem Roman so gut wie nichts. Im ersten Teil erzählt ein alter Mann, übrig geblieben aus der Diktatur Salazars, einem jungen Mädchen sein Leben. Er wohnt, zusammen mit ihr, die sich von ihm nicht berühren lässt, in einem heruntergekommenen Haus. In der Vergangenheit war er ein Mitglied der Geheimpolizei PIDE, die Gegner der Diktatur willkürlich verhaftete, verschleppte und folterte. Deshalb ist er nach der Nelkenrevolution in Ungnade gefallen und bezieht nicht einmal eine noch so schmale Pension. Aber die Frage ist, ob man ihm glauben darf. Denn die Sprache dieses Erzählers könnte die eines wieder auferstandenen Orpheus sein, der seine Eurydike aus der Unterwelt holt; so unirdisch schön ist sie. "Bis ich sechs Jahre alt war, Iolanda, kannte ich weder die Familie meiner Mutter noch den Duft der Kastanienbäume, den der Septemberwind von Buraca herüberwehte, mit dem Geruch der Schafe und Ziegen, die, von einem Alten mit Schirmmütze und den Stimmen der Toten vorwärtsgetrieben, über die Calcada zum aufgelassenen Friedhof hinauf sprangen."(S.9) Ist das vielleicht die Sprache eines ehemaligen Geheimagenten und Folterers?
Aber wie auch immer: Diese Ebene - die Ebene der nackten, nüchternen Realität - wird in diesem Buch nur selten gestreift. Meist klingt Antunes Prosa eher wie die Musik des Orpheus oder wie der Gesang der Sirenen. Dieser Gesang ist so betörend, dass man Gegenwart und Vergangenheit kaum noch auseinander halten kann. Eins scheint dem Erzähler so wichtig wie das andere. Es gelingt ihm, in einem Atemzug von Dingen zu erzählen, die gerade im Moment passieren und anderen, die fünfzig oder sechzig Jahre zurückliegen. Das gleiche gilt auch für die Ich-Erzähler aus den anderen Teilen, von denen aber nicht immer klar ist, wer sie sind. Im zweiten Teil "Die Argonauten" ist es der Vermieter des ehemaligen Geheimpolizisten und Vater des Mädchens, mit dem der erste Erzähler seine Nächte teilt. Er träumt nicht vom Fliegen sondern von den Gängen eines imaginären Bergwerks. Außerdem erzählt auch noch dessen Schwester, die wiederum einen eher nüchternen Blick auf ihren Bruder wirft. Aber was ist schon nüchtern in diesem Roman, der selbst den "magischen Realismus" eines Gabriel Garcia Marquez in den Schatten stellt.
Was die Wirklichkeit hinter all diesen phantastischen Bildern ist, dahinter kommt man als Leser wohl nicht. Aber vermutlich ist das auch gar nicht so wichtig, denn wer will schon einen so betörenden Traum wie Lobo Antunes ihn hier träumt, gegen die nüchterne Wirklichkeit tauschen?