Auf 229 Seiten begründet der Kulturtheoretiker Dirk Baecker warum es sinnvoll ist unser Denken über moderne Gesellschaft zu erweitern. Seine These: Die Einführung des Computers ist folgenreich für gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Zur inhaltlichen Struktur: Die vier Verbreitungsmedien Sprache, Schrift, Buchdruck und Computer lösten in der Geschichte kommunikative Katastrophen aus. Etwa führte die Einführung des Verbreitungsmediums Sprache in Urzeiten zur Stammesgesellschaft, die Einführung der Schrift zur antiken Hochkultur und der Buchdruck produzierte die moderne Gesellschaftsform.
Die Einführung von Sprache, Schrift, Buchdruck und Computer haben gemeinsam, dass sie den jeweiligen Status quo durch überschüssige kommunikative Möglichkeiten überschwemmten. Bisher unbekannte Selektionen wurden notwendig um gesellschaftliche Komplexität neu zu reduzieren. Sie merken schon, Luhmannsemantik klingt durch! Und in der Tat bezieht sich Baecker durchgehend auf diesen wichtigen Systemtheoretiker.
Nun zu den Folgen, die durch Computer entstanden sind: Möglicherweise bekommen wir es mit einer Gesellschaft zu tun, die nicht mehr auf die Gleichgewichtsfigur des Modus, sondern auf die Orientierungsfigur des Nächsten geeicht ist (S.8).
Vorbei sind also die Denkzeiten, in denen wir uns auf die ursprünglich aus der Volkswirtschaft stammende Metapher des Gleichgewichtes stützen dürfen. Zukünftig geht es darum, den nächsten Schritt zu finden und zwar in einem prinzipiell unsicheren Gelände.
Die moderne Gesellschaft war mit Kritiküberschuss verbunden, in der nächsten gibt es Kontrollüberschuss. Kontrolle heißt im Umgang mit Überraschungen eines komplexen Phänomens die eigenen Erwartungen zu korrigieren, die eigenen Erinnerungen aufzufrischen und so eher zu lernen als zu beharren (S.109).
Im abenteuerlichen Denkraum der Zukunft befinden sich Gedanken nicht mehr auf ihren angemessenen Plätzen. Auch sind wir von Computerkommunikation mitgesteuert, es gibt jede Menge an Widersprüchen und es dreht sich um die Kunst sicher Fragen zu stellen.
Ein Raum ist eine Ordnung des Wissens und des Nichtwissens nicht in dem Sinne, dass in ihm alles seinen angemessenen Platz hat, sondern eher in dem Sinne, dass man sich in ihm bewegen kann und verwenden und vertauschen kann, was man in ihm findet. (Kapitel: Medientheater, S.92).
Im Medium des Computers beginnen unsichtbare Maschinen, die von ihrem eigenen Gedächtnis kontrolliert werden, sich auf eine Art und Weise an der Kommunikation zu beteiligen, wie man dies bislang und ganz anders nur vom Bewusstsein der Menschen, ebenfalls unsichtbar und ebenfalls gedächtnisgesteuert (wobei ein Gedächtnis nicht nur darin besteht, erinnern, sondern auch vergessen zu können), gewohnt ist. (Kapitel: Die nächste Universität, S.103).
Wie aber lernt und lehrt man etwas über ein Abenteuer des Denkens, in dem es auf die Kunst der sicheren Frage ankommt, während diese Frage in einem Raum gestellt wird, in dem die Antwort unsicher ist? Wie weckt man Geschmack und Gefühl für den Umgang mit der Paradoxie,.. (Kapitel: Erziehung zur Wissenschaft, S.116).
Und wie schaut die nächste Familie aus? Für die nächste Familie ist es sicherlich nicht sinnlos, von einem Repertoire der Möglichkeiten des Familienlebens und auch von Schemata der Familiengründung und von Skripten der Kindererziehung und Altenversorgung zu reden. Aber dominieren wird der Eindruck der Vielfalt (..) Man wird also, so viel ist sicher, noch viel weniger wissen als bisher, worauf man sich einlässt, wenn man eine Familie kennenlernt. (..) Man wird jedoch als Form der Bewältigung dieser Ungewissheit wissen, dass man es genau dann mit einer Familie zu tun hat, wenn man auf Leute stößt, die Verantwortung dafür übernehmen, wie der andere geboren wird, lebt und stirbt. (Kapitel: Familienglück, S.205).
Resümee: Eine empfehlenswerte Möglichkeit an eine leicht verstehbare Luhmannübersetzung heranzukommen, die zu brennenden Fragen wissenschaftlich Stellung bezieht.
Matthias Herzog, Wien