4.0 von 5 Sternen
Der groteske Masseur, 3. August 2010
Mit knappem, lakonischem Ton schildert V.S. Naipaul die unterhaltsamen Kauzereien in der Trinidad-Provinz Mitte des letzten Jahrhunderts. Ein gescheiterter Lehrer macht unglaubliche Karriere, doch das Arsenal lebenspraller, amüsanter Nebenfiguren beeindruckt noch mehr: Ramlogan, der bauernschlaue und wankelmütige Dorfkrämer; Suruj Poopa und Suruj Mooma mit ihrem Sohn Suruj; rülpsende Tanten; ölige Buch-Vertreter; ein naseweiser Schüler mit journalistischen Ambitionen.
Die Figuren sprechen ein verstümmeltes, kindliches Pidgin-Englisch, das zumindest eine Zeit lang reizvoll wirkt ("let we go"; "with she sheself"). Naipaul malt dieses Idiom genüsslich aus und führt es mit dem geschraubten Upperclass-Pidgin der neureichen Leela zu bizarren Höhepunkten. Auch Leelas Zettel und Schilder voller Punkte und Ausrufezeichen zeugen von Naipauls sinnlichem Zugang zur Sprache.
Das Gute dabei, noch einmal: An keiner Stelle hört man den Erzähler auf die Schenkel klopfen oder die Nase rümpfen. Die ulkige Sprache, die verwinkelte Logik, den Geldgier und den Aberglauben der Akteure zwischen Fourways und Fuente Grove, Trinidad, referiert Naipaul trocken, unvoreingenommen, vielleicht zurückgenommen liebevoll. Um so besser kann sich das Personal entwickeln.
Der Kinofilm "The Mystic Masseur" mit Om Puri und Ayesha Dharker (2001) unterschlägt die trockene Skurrilität der Buchvorlage. Die Handlung rollt hier ernst bis bombastisch ab, die Darsteller sehen zu gut aus, die Kulissen "zu studio", die junge Leela ist ein verträumt-romantisches Ding. Beim Buch habe ich oft gelacht, beim Film vielleicht zweimal. Ich sehe nur zu gern Filme aus heißen Ländern, neben Bollywood mit Vergnügen auch Dorfgeschichten aus Kerala, Kambodscha oder Sizilien, aber dieser Streifen interessiert höchstens als "Sekundärliteratur" zum Buch. Indische Indie-Regisseure wie Mira Nair, Nagesh Kukunoor oder Shyam Benegal hätte ich mir beim "mystischen Masseur" gewünscht, oder vielleicht sogar Jim Jarmusch.
Nun kenne ich die vier frühen Romane, in denen V.S. Naipaul über Trinidad schrieb, entstanden ab Mitte der Fünfziger in dieser Reihenfolge:
1. Miguel Street
2. The Mystic Masseur
3. The Suffrage of Elvira
4. A House for Mr. Biswas
"Der mystische Masseur" erschien allerdings vor "Miguel Street": Der Verlag wollte zunächst einen richtigen Roman herausbringen und erst danach die Episoden der "Miguel Street". Naipaul schrieb den "Masseur" offenbar nur, um auch mit der "Miguel Street" herauszukommen.
Alle Bücher schildern viele schlichte, aber eindrucksvolle Charaktere, die viel drastisches Pidgin-Englisch sprechen. Nur im "Masseur" gibt es ein paar kürzere Ausflüge in Bildungs- und spirituelle Gefilde, ansonsten dreht sich das Geschehen um Zuckerrohrfelder, Hausbau oder Provinzwahlen. Ach ja, hier und da haben Figuren schriftstellerische Ambitionen, aber man denkt kaum an öden Narzissmus des Verfassers.
Das Pidgin-Englisch kann man so oder so nicht sinnvoll übersetzen. Weil mir das nicht klar war, habe ich "Ein Haus für Mr. Biswas" dennoch auf Deutsch gelesen - und war sehr zufrieden mit der Übersetzung von Karin Graf.
Sie hat auch den "Masseur" eingedeutscht, doch hier gefiel mir die Sprache auf Anhieb viel weniger. Der verdeutschte Inselslang klingt unbehaglich, in "Biswas" hat sie statt Slang Normaldeutsch geschrieben. Weg mit dem deutschen "Masseur", schnell das englische Original nachbestellt.
Ein paar Beispiele für die Probleme eines "Masseur"-Übersetzers:
- Die Eltern von Suruj nennen sich bei Naipaul immer wieder "Suruj Mooma" und "Suruj Poopa". Karin Graf macht daraus "Pappa von Suruj" und "Mamma von Suruj".
- Die aufstoßende Tante heißt im Buch meist "The Great Belcher". Graf macht daraus "Der Große Rülpser" - das ist sogar mehrfach missverständlich.
- Die neureich gewordene Leela redet ein distinguiert-bizarres Spezial-Pidgin. Graf macht darauf z.B.: "Es üst mür zu hoch, warum sie ühm nücht was Dückes an den Kopf werfen tun."
Obwohl man es wohl etwas besser übersetzen könnte - wirklich adäquat bringt man Naipauls Perlen nicht ins Deutsche.
Alle vier Bücher bieten gute Unterhaltung, dennoch würde ich sie qualitativ so abstufen:
1. A House for Mr. Biswas
2. Miguel Street
3. The Mystic Masseur
4. The Suffrage of Elvira
Von der allgemeinen Perfektion her liegen "Biswas" und "Miguel Street" fast gleichauf. "Miguel Street" hat vielleicht die besten, trockensten Dialoge überhaupt und die zärtlichsten Kleine-Leute-Skizzen. Dafür protzt "Biswas" mit epischer Breite und unerreichter Charaktertiefe, ohne je den lässig melankomischen Ton aufzugeben. Am wenigsten gefesselt hat mich "The Suffrage of Elvira", aber auch dieses Wahlkampfgezeter im Hinterland bietet prima Unterhaltung - wenn auch etwas grimmiger, offen satirischer als die anderen Bände.
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4.0 von 5 Sternen
Witzige und tiefgehende Geschichte, 19. Juli 1999
Von Ein Kunde
"Der mystische Masseur" ist V. S. Naipauls erster Roman. Er erzählt in ihm die Geschichte um den Aufstieg eines Mannes aus einfachen Verhältnissen auf der Insel Trinidad, der Heimat Naipauls. Von seinem Vater, der durch Erdöl ein wenig Geld gemacht hatte, auf die einzige englische Schule der Insel geschickt, weiß Ganesh, der Protagonist, nach dem Tod des Vaters nicht, was er machen soll. So wird er Lehrer. Von da aus nimmt er dann seinen unfreiwilligen Aufstieg, der an mancher Stelle schon urkomisch gerät. Von einer Sache schliddert er in die nächste und immer dreht er es so, daß es so aussieht, als hätte er es so gewollt oder das Schicksal es gut mit ihm gemeint. Naipaul erzählt die Geschichte eines Mannes, der nicht sonderlich begabt ist, der aber irgendwie immer im rechten Moment am rechten Ort ist und unaufhaltsam seinen Weg geht. Und doch läßt er sich nicht korrumpieren und das macht ihn sympathisch, obwohl seine Art eigentlich einen gewissen Widerwillen beim Leser erzeugt. Eine witzige und schön geschriebene Geschichte. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
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1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Humorvolle Erzählung über einen Aufsteiger, 1. Februar 2003
Die auf Trinidad spielende Geschichte vom gesellschaftlichen Aufstieg eines „kleinen" Mannes namens Ganesh lebt vor allem von der liebevoll-satirischen Erzählweise, mit welcher es Naipaul gelingt, seinen Figuren Lebendigkeit zu verleihen, sie menschlich und trotz ihrer Schwächen liebenswert erscheinen zu lassen. Die für Ganesh's Aufstieg wegbereitenden Kapitel sind „Der mystische Masseur" sowie „Der Presse-Pandit":
In ersterem heilt Ganesh einen kleinen Jungen, der sich von einer schwarzen Wolke verfolgt glaubt. Allerdings geschieht dies weniger mit Hilfe wirklicher Heilkunst oder gar durch Magie, wie die Bewohner Trinidads später gerne glauben mögen, sondern einfach durch Ganesh's psychologisches Einfühlungsvermögen. Ganesh's Ruf als „mystischer Masseur" jedoch gilt danach als gefestigt.
Im anderen Kapitel konzipiert Ganesh mit drei Gesinnungsgenossen, von denen einer noch ein Junge ist, eine eigene kleine Zeitung. Hierbei zeigt sich auf humorvolle Art und Weise, wie schwierig der Weg von der Idee hin zur Realisierung ist - und dass die drei Alten ohne den Jungen wirklich alt aussähen.. Doch die Zeitung erscheint, wenn auch nur einmalig, und bereitet Ganesh den Weg in die Politik.
Trotz seiner enormen Karriere ist von Anfang an klar, dass Ganesh eigentlich überhaupt nicht besonders begabt und anfangs auch nicht einmal sonderlich motiviert ist - was ihn sympathisch macht. Er hat einfach „nur" das Händchen, zur rechten Zeit das richtige zu tun, und gibt niemals auf.
Interessant ist noch eine Nebenfigur, die man von einem andern Roman Naipauls zu kennen meint: Ganesh's Schulfreund Indarsingh, der auf's College nach England geht und später auf der politischen Bühne Trinidads wieder auftaucht. Einen nicht nur vom Namen her ähnlichen Schulfreund gibt es auch in dem Roman „An der Biegung des großen Flusses". Darin heißt dieser schlicht Indar, hat ebenfalls in England studiert und kehrt gleichfalls später wieder in seine alte Heimat zurück. Beiden Indars ist zudem gemein, dass ihnen ihr elitär anmutender Bildungsausflug nach England nicht viel eingebracht hat und sie zurück zu Hause die bittere Feststellung machen müssen, dass sie ihrem ehemaligen Schulkameraden dennoch unterlegen sind.
Ein sympathisches, unterhaltsames und humorvolles Buch!
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