Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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36 von 39 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Lange Phasen von großer sprachlicher Schönheit - nicht alle seine Thesen kann ich teilen, 13. August 2009
Sloterdijks Bücher sind philosophische Lesebücher. Da gibt es immer wieder Passagen, die mit ihrer sprachlichen Schönheit an den Lesegenuss erinnern, den mir schon vor langer Zeit so manches Buch von Ernst Bloch gegeben hat.
Ähnlich wie er ist Peter Sloterdijk belesen in der gesamten philosophischen Literatur und befindet sich auch mit seinem sonstigen Wissen auf der Höhe der Zeit. Das fordert dem Leser große Anstrengungen ab, aber wie wir das schon von seinen früheren Büchern her kennen, Sloterdijk macht es nicht einfacher, einfach weil die Situation komplex ist.
"Du musst dein Leben ändern" ist eine groß angelegte Untersuchung über die Natur des Menschen, eine monumentale philosophische Anthropologie. Ein Schwerpunkt , der immer wieder auftaucht, ist sein Bemühen, die These von der Rückkehr der Religion als ein Märchen zu entlarven. Es sei eben nicht so, so der Autor, dass die Religion zurückkehre, auch wenn es viele beobachtbare quasi religiöse Phänomene zu beschreiben gäbe. Es sei vielmehr so, dass sich in unserer Gegenwart etwas ganz Grundlegendes ereigne und sozusagen Raum schaffe: der Mensch als Übender. Der Mensch erzeugt sich als Übender immer wieder selbst, ob es nun Bauern sind, Rhetoren, Schreiber, Yogis, Models oder Musiker und der Mensch geht dabei über sich hinaus.
In ausführlichen Beispielen plädiert Sloterdijk immer wieder dafür, diese "Übungszonen der Einzelnen" auszuweiten auf die Gesellschaft. Die "Selbstbildung alles Humanen", davon ist er überzeugt, habe die Kraft, der Krise entgegenzutreten:
"Die Einsicht, dass gemeinsam Lebensinteressen höchster Stufe sich nur im Horizont universaler kooperativer Askesen verwirklichen lassen, muss sich früher oder später von neuem geltend machen. Sie drängt auf eine Makro-Struktur globaler Immunisierungen: Ko-Immunismus. Eine solche Struktur heißt Zivilisation. Ihre Ordensregeln sind jetzt oder nie zu verfassen. Sie werden die Anthropotechniken codieren, die der Existenz im Kontext aller Kontexte gemäß sind. Unter ihnen leben zu wollen würde den Entschluss bedeuten, in täglichen Übungen die guten Gewohnheiten gemeinsamen Lebens anzunehmen."
Was, so fragt sich der Rezensent, der Sloterdijks Aufdeckung des Märchens von der Rückkehr der Religion nach dem ,Scheitern' der Aufklärung" und seine Herabsetzung der Religion zu mißverstandenen spirituellen Übungssystemen" mit immer stärker werdender Skepsis gefolgt ist, ist das anderes, als es die humane Traditionen der großen Religionen immer schon gewollt haben ? Ernst Bloch hat auf diese rebellischen Traditionen insbesondere im Christentum immer wieder hingewiesen, und Alexander Kissler hat im letzten Jahr mit seinem bei Pattloch erschienen Buch "Der aufgeklärte Gott" überzeugende Beispiele dafür genannt.
Ich bin nicht überzeugt, dass die Religion obsolet geworden ist, aber davon, dass sie sich hin zur eigenen Aufklärung verändern muss.
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106 von 120 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Flammendes Plädoyer für eine "Konversion zum Können" (306), 1. Mai 2009
Nach mehr als 700 Seiten, die inhaltlich und sprachlich nur als überwältigend zu bezeichnen sind, steht der Schreiber dieser Zeilen nun vor der Herausforderung, zumindestens in Ansätzen zu vermitteln, welche Ideen und Konzepte im Zentrum dieser Darstellung stehen und warum sie eine möglichst breitgefächerte Leserschaft verdient. Dass es dabei zu Vereinfachungen kommen wird, lässt sich nicht vermeiden.
Im Zentrum von "Du mußt dein Leben ändern" steht der Mensch. Der Mensch als ständig übendes Wesen, welches sich bemüht, in dieser Welt einen Platz für sich, einen Sinn zu finden. Für dieses Bestreben verwendet Sloterdijk den Begriff Anthropotechnik. Diese doch recht technokratisch anmutende Bezeichnung erklärt Sloterdijk als "die mentalen und physischen Übungserfahrungen, mit denen die Menschen verschiedenster Kulturen versucht haben, ihren kosmischen und sozialen Immunstatus angesichts von vagen Lebensrisiken und akuten Todesgewißheiten zu optimieren" (23). Hier kommt der Gedanke zum Ausdruck, dass alles menschliche Streben, alles menschliche Üben, aus dem Bewusstsein unserer eigenen Endlichkeit resultiert und dass somit auch die gesamten Errungenschaften unserer Kultur Ergebnisse von Übungen sind. Sloterdijk formuliert anschaulich: "In Wahrheit steht der Übergang von der Natur zur Kultur und umgekehrt seit jeher weit offen. Er führt über eine leicht zu betretende Brücke - das übende Leben" (25).
Ich denke, dass man zugespitzt formulieren kann, dass Sloterdijks Darstellung im Grunde genommen nichts anderes ist, als ein Blick auf die Übungsverfahren des Menschen in den vergangenen 3000 Jahren. Dabei liefert der Autor unter anderem eine Tour de Force durch die abendländische Philosophiegeschichte, wobei ein Denker ganz eindeutig im Zentrum des Buches steht: Friedrich Nietzsches. Das Denken Nietzsches im Hinterkopf formuliert Sloterdijk den Kerngedanken seiner Darstellung: "Sein Leben ändern heißt nun: durch innere Aktivierung ein Übungssubjekt heranbilden, das seinem Leidenschaftsleben, seinem Habitusleben, seinem Vorstellungsleben überlegen werden soll. Subjekt wird hiernach, wer an einem Programm zur Entpassivierung teilnimmt und vom bloßen Geformtsein auf die Seite des Formenden übertritt. Der ganze Komplex, den man Ethik nimmt, entspringt aus der Geste der Konversion zum Können" (306). Dies ist im Grunde genommen nicht weniger als eine Neuformulierung des Nietzscheanischen Übermenschen. Der Mensch selbst nimmt sein Leben in die Hand, der Mensch selbst will formen und nicht bloß geformt werden, der Mensch selbst kreiert die Maßstäbe seines Handelns, seine Wertegerüst oder, in den Worten Sloterdijks, seine Übungszone. Sloterdijk zeigt sich ganz deutlich als Nietzscheaner, wenn er im Sinn der Ausweitung der menschlichen Übungszone und der menschlichen Möglichkeiten die schöpferische Kraft des in unserer Kultur oft verschmähten Egoismus betont: "Wo man den Egoismus vermutete, um ihn in flüchtigen Bösesprechungs-Verfahren zu verdammen, findet man bei genauem Hinsehen die Matrix der herausragenden Tugenden" (378). Die Ähnlichkeit zwischen dem übenden Menschen und dem Übermenschen ist nicht nur phonologischer, sondern auch und vor allem semantischer Natur. Sloterdijk selbst nimmt hierzu indirekt Stellung und formuliert: "[D]er 'Übermensch' impliziert kein biologisches, sondern ein artistisches, um nicht zu sagen: ein akrobatisches Programm" (178).
Eng zusammenhängend mit der Auseinandersetzung mit Nietzsche und gleichsam geprägt von seinem Denken ist Sloterdijks Analyse des Religionsphänomens, welches er konkret mit Bezug auf seine Fragestellung nach dem übenden Leben behandelt. In seiner typischen Art definiert Sloterdijk Religionen als "mehr oder weniger mißinterpretierte anthropotechnische Übungssysteme und Regelwerke zur Selbstformung im inneren wie äußeren Verhalten" (134). Religionen haben stets etwas Pathologisches an sich, sprich, die Neurosen oder Psychosen eines Individuums oder einer Gruppe schaffen es, sich mit einer Aura einer absoluten Wahrheit zu umgeben. In einem der Höhepunkte des Buches zeichnet Sloterdijk die Genese einer Religion am Beispiel von Scientology nach (133-175). Bezüglich seiner Fragestellung interpretiert Sloterdijk Religionen als außer Kontrolle geratene Übungssysteme, welche ihre Mitglieder auf Kosten der Bildung einer Gruppenidentität missbrauchen. Religionen, so Sloterdijk, entstehen dadurch, "daß ein ethischer Übungsprozess zu Zwecken kollektiver Identitätsbildung umfunktioniert wird - auf diese Weise wandelt sich die spirituelle Übung von der anspruchsvollen Rückzugsform in die billige Besessenheit, die man die Konfession nennt. Dieser 'Glaube' ist Hooliganismus im Namen Gottes" (372).
Dies waren nur zwei, wenn auch zentrale, Aspekte, die in "Du mußt dein Leben ändern" angesprochen werden. Weitere Übungszonen, die behandelt werden sind, eigentlich logischerweise, das Bildungssystem und der Sport. Gerade im Sport sieht Sloterdijk das Potential, die Möglichkeiten des Menschen auszuschöpfen und zu neuen Höhen zu treiben. Diese Möglichkeiten wurden in den vergangenen Jahrzehnten jedoch mehr und mehr korrumpiert. Hier findet sich ein besonders exemplarisches Beispiel für Sloterdijks Sprachduktus, wenn er schreibt, dass der Sport den "schon jetzt vorgezeichneten Weg der Selbstzerstörung weiter[geht], auf der debile Fans ko-debile Stars mit Anerkennung von ganz unten überschütten, die ersten betrunken, die zweiten gedopt" (660). Vielleicht ist es nur persönlicher Geschmack, aber meiner Ansicht nach wird dieser Satz genialer, je öfter man ihn liest.
Fazit: "Es lässt sich nicht leugnen: Die einzige Tatsache von universaler ethischer Bedeutung in der aktuellen Welt ist die diffus allgegenwärtig wachsende Einsicht, daß es so nicht weitergehen kann" (699). Und genau aus diesem Grund liest sich Sloterdijks Buch wie ein flammendes Plädoyer für die Ausweitung der Übungszonen eines jeden Menschen. Der übende Mensch ist die Quelle aller Kultur, lebender Ausdruck des Menschenmöglichen. Es wirkt streckenweise so, als wolle Sloterdijk uns an den Schultern packen, um uns aus unserer Passivität, die uns gerade in Krisenzeiten zu überwältigen droht, zu reißen und uns an den akrobatischen Über-Übungsmenschen in uns zu erinnern. Dabei muss jeder Mensch bei sich selbst beginnen: "Man rettet sich nicht selbst, indem man die Welt rettet" (636) zitiert Sloterdijk passend. Daher ist auch die Wahl der Pronomen im Titel unbedingt ernst zu nehmen: DU musst DEIN Leben ändern!
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90 von 106 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
1.0 von 5 Sternen
Der Philosoph der Krise, 17. Juni 2009
Läse man den neuen, 700 Seiten dicken Sloterdijk "Du musst Dein Leben ändern" von hinten aus, würde man zum einen einer Hausfrauenweisheit begegnen: So kann es, meint der Meister auf der Seite 699, nicht weitergehen! Mit der Unordnung in der Welt und unter dem Sofa nicht, und nicht mit der Verwirrung des Geistes und den aufgelösten Maschen des Pullovers. Nicht dass die Sicht einer Hausfrau (natürlich sollte sich der Hausmann auch angesprochen fühlen) verächtlich wäre. Im Gegenteil. Zur Erfassung der wirklichen Lage benötigt sie häufig weniger Zeit als dieser oder jener Philosoph. Aber die Erkenntnis des So-geht-es-nicht-weiter ist, ohne das Aufnehmen der Maschen und das Verrücken des Sofas, ein unziemlich kleiner Hebel, um die Änderung der Zustände herbeizuführen. Geschweige, dass man die Änderung der Umstände damit angehen könnte. Das allerdings wäre der Weltkrise angemessen.
Vielleicht hülfe ein anderer Gedanke Sloterdijks der Welt-Lage zu einer Änderung, zum Weitergehenden: Sein Wunsch, der einzelne solle begreifen, dass der wahre Egoismus in der "Größerformatierung des Eigenen" zu sehen sei. Das hat Jesus, wenn es ihn denn gegeben haben sollte, bereits besser auf die griffige Formel von der Nächstenliebe gebracht. Auch findet sich dieser erweiterte Egoismusbegriff konkreter bei den sozialistischen Vordenkern und unter den jüngeren Nachdenkern hat es Dietmar Dath mit der Formulierung "Ich habe nichts gegen Egoisten. Bloß ein bisschen egoistischer könnten sie sein" auf den Punkt gebracht, an dem das einzelne Interesse eben nur kollektiv wahrgenommen werden kann. Wenn also gegen Ende des Buches die Binse der Stoff ist, aus dem die Sloterdijksche Weisheit gemacht ist, muss man vielleicht seinen Produktionsweg verfolgen, um seiner Wahrheit nahe zu kommen.
Ganz vorne im Buch ist Rilke. Der hatte, bei der Betrachtung eines in Stein gehauenen Torso, sein allfälliges Gedicht mit dem Imperativ "Du musst Dein Leben ändern" enden lassen. Diese "Stimme aus dem Stein" nimmt Sloterdijk auf, um sie auf den nächsten Buchseiten transzendieren zu lassen. Schließlich heißt ja die Zeile, die er sich zum Motto seines Buches gewählt hat, nicht `Du musst DAS Leben ändern. Das wäre dem Autor ein vulgärer, geradezu gewerkschaftlicher Appell: Wir wollen gemeinsam dieses oder jenes, wir erkennen die Welt, um sie zu verändern. So nicht. Der einzelne muss sich ändern. Wohin auch immer. Und weil das so sein sollte, muss er mächtig üben. Wer jetzt denkt, es käme das übliche `Übung macht den Meister der hat den Nietzsche nicht verstanden, den uns Sloterdijk als seine wesentliche Inspirationsquelle angibt.
Bei Nietzsche findet Sloterdijk seinen Trainer für das akrobatische, das asketische und leistungsorientierte Wesen, das ihm für die Änderung der Welt vorschwebt. Eine Stelle in Nietzsches Zarathustra - als Zarathustra einen gestürzten Seiltänzer tröstet, er habe aus der Gefahr einen Beruf gemacht, das hebe ihn aus dem Rest der Menschen heraus - dient dem Philosophen als Beleg für die Akrobatik-These. Lobend erkennt Sloterdijk in der Nietzsche-Metapher die Abgrenzung der Eliten von den Gewöhnlichen: Eine Gemeischaft neuen Typs entstehe, die "nicht Beitragszahler in einer versicherten Gesellschaft" sei, "sondern Mitglieder des Vereins gefährlich Lebender". Vom Akrobatischen gelangt der Philosoph zum Sport als Gleichnis für die Notwendigkeit des Übens, und man erkennt nicht so recht, ob ihm Leni Riefenstahls olympische Körperästhetik vorschwebt oder doch eher Walter Ulbrichts jovial-praktisches Wort "Jeder Mann an jedem Ort - einmal in der Woche Sport."
Weil dem Sloterdijk die Akrobatik und deren Leistung eine Herzensangelegenheit ist und er seine Sorte von Beweisen für seinen Aufstieg der Menschen durch Akrobatik überall finden möchte, gerät ihm jene Himmelsleiter in den Kopf, die im 1. Buch Mose dem Jakob erscheint. Während die gewöhnliche Bibel-Exegese an dieser Stelle nichts anderes interpretiert als die mythische Stiftung einer Religion, sieht Peter Sloterdijk eine "Akrobatensache von Anfang an" und auch "gute Gründe, zu behaupten, die Geschichte Alteuropas sei unter vielen Aspekten die Geschichte der Übersetzung der Jakobsleiter". Wenn einer eine Meinung hat, dann hat er was zu verlieren. Und wenn es die wissenschaftliche Reputation ist, die man preisgibt, um einer fragwürdigen Konstruktion einen Hauch von Plausibilität zu verleihen.
"Wer je seinen Mantel an einen Adolf-Loos-Garderobehaken gehängt hat, besitzt einen Maßstab, der sich nicht vergisst", schreibt Sloterdijk seinen "britischen und amerikanischen Kollegen" ins Stammbuch, die natürlich nicht über Haken des avantgardistischen Wiener Architekten verfügen und die man deshalb "nie wieder ernst nehmen kann". Wenn man einen solchen Satz doch für Satire nehmen könnte! Doch wird er im Zusammenhang mit einer Kultur-Definition genutzt, die sich an Wittgenstein anlehnt und in einer Überschrift mündet, die behauptet "Kultur entspringt aus Sezession". Als wäre Kultur nicht die Gesamtleistung menschlicher Gemeinschaften, sondern nur ein Ergebnis elitärer Abspaltung von der Gemeinschaft. Das ist einer der Haken bei Sloterdijk: Ihm fehlt die Einsicht in die Rolle der Arbeit bei der Menschwerdung, in jene kollektive, breite Anstrengung, die letztlich der Kultur die großen, einzelnen Entwicklungen ermöglichte.
So kommt es wie es kommen muss: Innovationsbereitschaft, so glaubt der Philosoph, wenn er sich den aktuellen Fragen nähert, kommt aus dem "Kreditstress, der wachsende Populationen von Schuldnern in Form zwingt". Das Wort Innovation, zerschlissen vom inflationären Gebrauch in Bankenprospekten, Autoreklamen und Politikbroschüren, bedeutet Neuerung. Insofern hat Sloterdijk so recht wie der dümmliche Bundespräsident, der in der Krise auch eine Chance zu Erneuerung sieht, gleich was die Krise kostet und wer sie verursacht hat. Wessen Denken in so kleinen Karos zu finden ist, der glaubt auch, dass sich die "neuzeitlichen Bankiers . . . als die effektivsten Motivatoren für intensivierende Veränderungen erweisen".
Wenn Sloterdijk von der "asketischen Revolte" schreibt, seinem Mittel, aus dem Reich der Notwendigkeit in das der Freiheit zu gelangen, dann wird er beispielhaft deutlich. Den Hunger zum Beispiel soll man mit dem Fasten bekämpfen: So macht man "aus einer demütigenden Passivität eine asketische Tat". Wie weit das Fasten reichen soll, bis zum Tode durch eine Null-Diät vielleicht, sagt der Autor nicht. Aber sicher fungiert der Akrobat Sloterdijk mit seiner Verzichts-These als Untermann für all jene, die öffentlich das Wasser von Lohnverzicht, Rentenverzicht oder Verzicht auf Krankenkassenleistungen predigen und sich hinter den Kulissen mit den Zuwendungen aus den Arbeitgeberverbänden volllaufen lassen.
Sloterdijk ist der Lobby-Philosoph der Krise. Einer, der trotz einer ihn umgebenden Wirklichkeit weiss, dass jenes "durch Beleihung von Eigentum geschaffene Geld . . das universale Weltverbesserungsmittel" ist. Das wird ihm jeder amerikanische Hypotheken-Schuldner sicher gerne bestätigen. Einer, der die Globalisierung für ein prima Mittel hält die "Passivitätskompetenz (meint Faulheit)" zu ändern. Hartz IV-Empfänger werden dieser These fröhlich zustimmen. Einer, der sein Buch mit dem Satz einleitet: "Die folgenden Untersuchungen gehen von ihrem eignen Ergebnis aus". Das ist Merkel-Philosophie von jener Art, die vorher weiß was nachher kommt, gleich was vorher war und nachher ist. Es ist die Krise der Philosophie, die Umstände der Welt opportunistisch interpretierend, nicht etwa sie verändernd.
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