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Du mußt dein Leben ändern: Über Anthropotechnik
 
 
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Du mußt dein Leben ändern: Über Anthropotechnik [Gebundene Ausgabe]

Peter Sloterdijk
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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 723 Seiten
  • Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: 7 (24. März 2009)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3518419951
  • ISBN-13: 978-3518419953
  • Größe und/oder Gewicht: 20,4 x 13 x 3,8 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 3.8 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (41 Kundenrezensionen)
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Peter Sloterdijk
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Sind wir heute Zeugen des Abwrackens abendländischer Aufklärung und der machtvollen Wiederkehr der Religion? Oder haben wir uns endgültig im Technikpark des Konsums eingerichtet, in dem Transzendenz nur noch in Slogans von Esoterikanbietern auftaucht? Wenn es nach Peter Sloterdijk geht, lautet die Antwort zwei Mal eindeutig: Nein! In Du musst dein Leben ändern begründet er eindrucksvoll, warum der Gegensatz zwischen Glauben und Unglauben eine Unterscheidung aus der Vergangenheit ist und es heute nur noch eine „einzige Tatsache von universaler ethischer Bedeutung“ gibt: die „allgegenwärtig wachsende Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann.“

Dies ist die Kurzformel für den „absoluten Imperativ“, der an Anfang und Ende dieses ehrgeizigen philosophischen Projekts steht und ihm zugleich seinen Titel gibt: Du musst dein Leben ändern. Der Befehl, der im Idealfall zugleich Erkenntnis ist, lautet, im eigenen Leben ernst zu machen mit dem Konzept „Menschheit“, ein „Fakir der Koexistenz“ zu werden und so mitzuarbeiten am „Projekt eines globalen Immundesigns“, dessen Ziel nicht mehr und nicht weniger ist als: Leben.

Wie alle Propheten weiß auch Sloterdijk, dass die Zeit drängt. Bei der unausweichlichen, weil für jede Erkenntnis notwendigen Begegnung mit der Fratze der Apokalypse sind wir auf „Anthropotechniken“ angewiesen, auf die „mentalen und physischen Übungsverfahren, mit denen die Menschen verschiedenster Kulturen versucht haben, ihren kosmischen und sozialen Immunstatus angesichts von vagen Lebensrisiken und akuten Todesgewissheiten zu optimieren.“ Und so bekennt sich Sloterdijk nicht nur „zu dem Kontinuum kumulativen Lernens, das wir Aufklärung nennen“, sondern nimmt auch „die zum Teil jahrtausendealten Fäden auf, die uns an frühe Manifestationen menschlichen Übungs- und Beseelungswissens binden“. Sloterdijk ordnet und sichtet das Arsenal der Anthropotechnik: von der indischen Teleologie bis zu Kafka, von den Aposteln bis zu Nietzsche.

Das Ideal für die Gegenwart, das sich aus diesem zum Teil atemberaubendem Gang durch Kultur- und Menschheitsgeschichte ergibt, ist „ein Leben in Übungen“, das sich der unausweichlichen Überforderung des Menschen durch Tod und Schicksal erkennend und handelnd stellt. Diese Haltung ist für Sloterdijk die einzige Alternative zur „lähmenden Harmlosigkeit sämtlicher gängigen Diskurse“, die sich zu fragen scheinen, wie man Arbeitsplätze auf der Titanic sichert, anstatt ihrem Untergang entgegenzuwirken.

Der Philosoph Sloterdijk geht also zum pragmatisch-prophetischen Angriff über. Auch wenn er sich sprachlich und insbesondere metaphorisch („Schlaflos in Ephesos“) manchmal irgendwo zwischen Nietzsche und Luhmann verirrt, ist ihm unbedingt zu wünschen, dass sein Exerzitium lebensbejahenden Stänkerns erstens Gehör findet und er es zweitens noch weiter verfeinert, um noch dunkler und eindringlicher formulieren zu können, was einzugestehen jeden Tag leichter werden dürfte: die Katastrophe hat bereits begonnen. -- Roland Große Holtforth, Literaturtest

Pressestimmen

»Dieses scharfsinnige Buch empfiehlt sich als Vademecum für alle, die es leid sind, mit wertkonservativer Propaganda oder linksromantischen Regressionen abgespeist zu werden. ... Wenn Philosophie ihre Zeit in Pointen erfassen kann, dann ist dies hier geglückt.« (Jens Bisky Süddeutsche Zeitung )

»Der Philosoph hat sich nichts weniger vorgenommen als die Umstürzung aller Bewertungen. Was die westliche Zivilisation an metaphysischen Maßstäben vor allem in der Neuzeit herausgebildet hat, ist hinfällig, weil die wichtigste Bezugsgröße auf einem Irrtum beruhte: der Religion.« (Andreas Platthaus Frankfurter Allgemeine Zeitung )

»Von bestechender Plausibilität und seltener sprachlicher Schönheit« (Adam Soboczynski Die Zeit )

»Peter Sloterdijks Ziele sind in Du mußt dein Leben ändern zwar hoch gesteckt, sie reichen hinauf in eine Geschichtsphilosophie, die es an Universalismus mit Georg Wilhelm Friederich Hegels Lehre vom Weltgeist und an Analogieschlüssen mit Oswald Spenglers Theorie des Untergangs aufnehmen kann. Aber wie so oft bringt die Maßlosigkeit, wenn sie sich durch den Stoff wühlt, die interessantesten Gedanken hervor.«

(Thomas Steinfeld Süddeutsche Zeitung )

»Mit Peter Sloterdijks Du musst dein Leben ändern und Eva Illouz' Die Errrettung der modernen Seele sind in diesem Frühjahr zwei Bücher erschienen, die auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein könnten. Sloterdijk ... propagiert nun Techniken, die das Selbst befähigen, der krisenhaften Gegenwart standzuhalten. Eva Illouz plädiert dagegen für Abrüstung im Umgang mit sich selbst. Eines aber ist beiden Büchern gemeinsam: Sie suchen nach Formen, mittels derer sich der Einzelne aus den Klauen zweier hoch elaborierter Welterklärungssysteme befreien kann, der Religion und der Psychoanalyse.«

(Meike Feßmann Der Tagesspiegel )

»Sloterdijk erfreut durch eine intellektuelle Schreibe und Sprachschöpfungen [...]. Anregend, herausfordernd und durchdacht bringt Sloterdijk die aktuelle anthropologische Situation des Menschen auf einen einzigen Punkt [...].«

(Norbert Copray Publik-Forum )

»Zugrunde liegt dem Essay eine über weite Strecken frei gehaltene von Augenblickassoziationen geprägte Vorlesung, die Sloterdijk im Rahmen der Unseld lectures in Tübingen gehalten hat. (...) Sloterdijk unternimmt in diesem Buch philosophische Spaziergänge in großer Höhe.«

(Hans-Jürgen Heinrichs Die Welt )

»Ein vollends gelungenes, vor Denkanstößen nur so strotzendes philosophisches Werk nicht nur für Philosophiestudenten. Was will man mehr?«

(Johannes Schaack literaturmarkt.info )

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16 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Jürgens "Bücher" TOP 50 REZENSENT
Format:Gebundene Ausgabe
Sloterdijk Reflektionen betrachten einen Zeitraum von fast 3000 Jahren Menschengeschichte. Sie gehen von der ersten Religion zu den bekannten antiken Philosophen, den Heiligen des Mittelalters, bis zu Wittgenstein, Kierkegaard, Kafka und Nietzsche. Bei diesen Reflektionen werden auch die asiatischen Philosophen und Weisen einbezogen.
Für die Leser die sich mit diesen Philosophen schon beschäftigt haben, ist das Buch eine wunderbare Zusammenstellung zu dem Gedanken der "vertikalen Spannkraft", zwischen dem Menschen und Gott. Für Leser die sich noch nicht mit philosophischen Gedanken beschäftigt haben, kann das Buch eine Anregung sein, sich mit den Gedanken von Seneca, Platon, Heraklit, Marc Aurel, usw. zu beschäftigen.

Der Autor zeigt dem Leser die Bedeutung der von "oben" ansetzenden Zugkräfte. Mit einem sehr plastischen Beispiel beschreibt der Autor dieses Phänomen der Vertikalspannungen mit Rainer Maria Rilkes Sonett Archaischer Torso Apollos. Dieser Torso ist eben keine vollendete Statue antiker Schönheit. Der Leser erkennt, er selber ist dieser Torso, er kann aber auch aus ihm heraus treten und sich selber betrachten und so die fehlenden Teile erkennen. Der Betrachter hat nun die Möglichkeit sich selber zu vervollständigen.
Gleichzeitig wird der Mensch vom Torso betrachtet. Dabei spiegelt der Torso Religion, Ethik und Askese, die von oben (Gott) abstrahlt, als die durchlichtete Äußerung des Seins. Die "Stimme" aus dem Stein mahnt den Betrachter, widersetz dich nicht dem Appell zur Form! Diese Wechselwirkung mit dem "Inneren Wächter" ist die Spannkraft und gleichzeitig die Aufforderung an den Betrachter: "Du mußt dein Leben ändern."

Der Autor verfolgt dann diesen Imperativ im Laufe der Menschheitsgeschichte und verweist in dem Buch z.B. auf den Satz von Baltasar Gracián: "Mit einem Wort, ein Heiliger sein". Ist damit alles gesagt, reicht bereits diese kluge Trainingsanleitung für den oben genannten ethischen Imperativ?
Oder muß die Philosophie, wie es Foucault fordert, wieder zu einem Exerzitium der Existenz werden?
Reicht unter Umständen bereits die Empfehlung die Jean Genet dem Seiltänzer mit gab, "Sich immer bewußt zu halten, daß er dem Seil alles verdankt."
Müßte der Betrachter des Torsos vielleicht nur auf die innere Senkrechte achten und prüfen wie der Zug von oben auf ihn wirkt?
Möglicherweise sollte man Sokrates folgen der im Kriton sagte: "Gehen wir den Weg den der Gott uns führt."
Vielleicht sollte man lieber einen ökologischen Imperativ beachten, der wie folgt lautet: "Handle so, daß die Wirkungen Deines Handelns verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden"?

Fragen über Fragen! Erfahren sie in dem Buch, ob man durch Selbstreflektion und täglicher Übung dazu kommt, dem Torso die fehlenden Teile hinzufügen....

(Wem diese Reflektionen auf fast 710 Seiten zu schwer sind, findet ähnliche Gedanken in dem Buch Morgendämmerung der neuen Zeit. Vom Sinn im Sein)
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166 von 186 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Michael Dienstbier TOP 500 REZENSENT
Format:Gebundene Ausgabe
Nach mehr als 700 Seiten, die inhaltlich und sprachlich nur als überwältigend zu bezeichnen sind, steht der Schreiber dieser Zeilen nun vor der Herausforderung, zumindestens in Ansätzen zu vermitteln, welche Ideen und Konzepte im Zentrum dieser Darstellung stehen und warum sie eine möglichst breitgefächerte Leserschaft verdient. Dass es dabei zu Vereinfachungen kommen wird, lässt sich nicht vermeiden.

Im Zentrum von "Du mußt dein Leben ändern" steht der Mensch. Der Mensch als ständig übendes Wesen, welches sich bemüht, in dieser Welt einen Platz für sich, einen Sinn zu finden. Für dieses Bestreben verwendet Sloterdijk den Begriff Anthropotechnik. Diese doch recht technokratisch anmutende Bezeichnung erklärt Sloterdijk als "die mentalen und physischen Übungserfahrungen, mit denen die Menschen verschiedenster Kulturen versucht haben, ihren kosmischen und sozialen Immunstatus angesichts von vagen Lebensrisiken und akuten Todesgewißheiten zu optimieren" (23). Hier kommt der Gedanke zum Ausdruck, dass alles menschliche Streben, alles menschliche Üben, aus dem Bewusstsein unserer eigenen Endlichkeit resultiert und dass somit auch die gesamten Errungenschaften unserer Kultur Ergebnisse von Übungen sind. Sloterdijk formuliert anschaulich: "In Wahrheit steht der Übergang von der Natur zur Kultur und umgekehrt seit jeher weit offen. Er führt über eine leicht zu betretende Brücke - das übende Leben" (25).

Ich denke, dass man zugespitzt formulieren kann, dass Sloterdijks Darstellung im Grunde genommen nichts anderes ist, als ein Blick auf die Übungsverfahren des Menschen in den vergangenen 3000 Jahren. Dabei liefert der Autor unter anderem eine Tour de Force durch die abendländische Philosophiegeschichte, wobei ein Denker ganz eindeutig im Zentrum des Buches steht: Friedrich Nietzsches. Das Denken Nietzsches im Hinterkopf formuliert Sloterdijk den Kerngedanken seiner Darstellung: "Sein Leben ändern heißt nun: durch innere Aktivierung ein Übungssubjekt heranbilden, das seinem Leidenschaftsleben, seinem Habitusleben, seinem Vorstellungsleben überlegen werden soll. Subjekt wird hiernach, wer an einem Programm zur Entpassivierung teilnimmt und vom bloßen Geformtsein auf die Seite des Formenden übertritt. Der ganze Komplex, den man Ethik nimmt, entspringt aus der Geste der Konversion zum Können" (306). Dies ist im Grunde genommen nicht weniger als eine Neuformulierung des Nietzscheanischen Übermenschen. Der Mensch selbst nimmt sein Leben in die Hand, der Mensch selbst will formen und nicht bloß geformt werden, der Mensch selbst kreiert die Maßstäbe seines Handelns, seine Wertegerüst oder, in den Worten Sloterdijks, seine Übungszone. Sloterdijk zeigt sich ganz deutlich als Nietzscheaner, wenn er im Sinn der Ausweitung der menschlichen Übungszone und der menschlichen Möglichkeiten die schöpferische Kraft des in unserer Kultur oft verschmähten Egoismus betont: "Wo man den Egoismus vermutete, um ihn in flüchtigen Bösesprechungs-Verfahren zu verdammen, findet man bei genauem Hinsehen die Matrix der herausragenden Tugenden" (378). Die Ähnlichkeit zwischen dem übenden Menschen und dem Übermenschen ist nicht nur phonologischer, sondern auch und vor allem semantischer Natur. Sloterdijk selbst nimmt hierzu indirekt Stellung und formuliert: "[D]er 'Übermensch' impliziert kein biologisches, sondern ein artistisches, um nicht zu sagen: ein akrobatisches Programm" (178).

Eng zusammenhängend mit der Auseinandersetzung mit Nietzsche und gleichsam geprägt von seinem Denken ist Sloterdijks Analyse des Religionsphänomens, welches er konkret mit Bezug auf seine Fragestellung nach dem übenden Leben behandelt. In seiner typischen Art definiert Sloterdijk Religionen als "mehr oder weniger mißinterpretierte anthropotechnische Übungssysteme und Regelwerke zur Selbstformung im inneren wie äußeren Verhalten" (134). Religionen haben stets etwas Pathologisches an sich, sprich, die Neurosen oder Psychosen eines Individuums oder einer Gruppe schaffen es, sich mit einer Aura einer absoluten Wahrheit zu umgeben. In einem der Höhepunkte des Buches zeichnet Sloterdijk die Genese einer Religion am Beispiel von Scientology nach (133-175). Bezüglich seiner Fragestellung interpretiert Sloterdijk Religionen als außer Kontrolle geratene Übungssysteme, welche ihre Mitglieder auf Kosten der Bildung einer Gruppenidentität missbrauchen. Religionen, so Sloterdijk, entstehen dadurch, "daß ein ethischer Übungsprozess zu Zwecken kollektiver Identitätsbildung umfunktioniert wird - auf diese Weise wandelt sich die spirituelle Übung von der anspruchsvollen Rückzugsform in die billige Besessenheit, die man die Konfession nennt. Dieser 'Glaube' ist Hooliganismus im Namen Gottes" (372).

Dies waren nur zwei, wenn auch zentrale, Aspekte, die in "Du mußt dein Leben ändern" angesprochen werden. Weitere Übungszonen, die behandelt werden sind, eigentlich logischerweise, das Bildungssystem und der Sport. Gerade im Sport sieht Sloterdijk das Potential, die Möglichkeiten des Menschen auszuschöpfen und zu neuen Höhen zu treiben. Diese Möglichkeiten wurden in den vergangenen Jahrzehnten jedoch mehr und mehr korrumpiert. Hier findet sich ein besonders exemplarisches Beispiel für Sloterdijks Sprachduktus, wenn er schreibt, dass der Sport den "schon jetzt vorgezeichneten Weg der Selbstzerstörung weiter[geht], auf der debile Fans ko-debile Stars mit Anerkennung von ganz unten überschütten, die ersten betrunken, die zweiten gedopt" (660). Vielleicht ist es nur persönlicher Geschmack, aber meiner Ansicht nach wird dieser Satz genialer, je öfter man ihn liest.

Fazit: "Es lässt sich nicht leugnen: Die einzige Tatsache von universaler ethischer Bedeutung in der aktuellen Welt ist die diffus allgegenwärtig wachsende Einsicht, daß es so nicht weitergehen kann" (699). Und genau aus diesem Grund liest sich Sloterdijks Buch wie ein flammendes Plädoyer für die Ausweitung der Übungszonen eines jeden Menschen. Der übende Mensch ist die Quelle aller Kultur, lebender Ausdruck des Menschenmöglichen. Es wirkt streckenweise so, als wolle Sloterdijk uns an den Schultern packen, um uns aus unserer Passivität, die uns gerade in Krisenzeiten zu überwältigen droht, zu reißen und uns an den akrobatischen Über-Übungsmenschen in uns zu erinnern. Dabei muss jeder Mensch bei sich selbst beginnen: "Man rettet sich nicht selbst, indem man die Welt rettet" (636) zitiert Sloterdijk passend. Daher ist auch die Wahl der Pronomen im Titel unbedingt ernst zu nehmen: DU musst DEIN Leben ändern!
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196 von 234 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Der Philosoph der Krise 17. Juni 2009
Von Ulrich Gellermann TOP 1000 REZENSENT
Format:Gebundene Ausgabe
Läse man den neuen, 700 Seiten dicken Sloterdijk "Du musst Dein Leben ändern" von hinten aus, würde man zum einen einer Hausfrauenweisheit begegnen: So kann es, meint der Meister auf der Seite 699, nicht weitergehen! Mit der Unordnung in der Welt und unter dem Sofa nicht, und nicht mit der Verwirrung des Geistes und den aufgelösten Maschen des Pullovers. Nicht dass die Sicht einer Hausfrau (natürlich sollte sich der Hausmann auch angesprochen fühlen) verächtlich wäre. Im Gegenteil. Zur Erfassung der wirklichen Lage benötigt sie häufig weniger Zeit als dieser oder jener Philosoph. Aber die Erkenntnis des So-geht-es-nicht-weiter ist, ohne das Aufnehmen der Maschen und das Verrücken des Sofas, ein unziemlich kleiner Hebel, um die Änderung der Zustände herbeizuführen. Geschweige, dass man die Änderung der Umstände damit angehen könnte. Das allerdings wäre der Weltkrise angemessen.

Vielleicht hülfe ein anderer Gedanke Sloterdijks der Welt-Lage zu einer Änderung, zum Weitergehenden: Sein Wunsch, der einzelne solle begreifen, dass der wahre Egoismus in der "Größerformatierung des Eigenen" zu sehen sei. Das hat Jesus, wenn es ihn denn gegeben haben sollte, bereits besser auf die griffige Formel von der Nächstenliebe gebracht. Auch findet sich dieser erweiterte Egoismusbegriff konkreter bei den sozialistischen Vordenkern und unter den jüngeren Nachdenkern hat es Dietmar Dath mit der Formulierung "Ich habe nichts gegen Egoisten. Bloß ein bisschen egoistischer könnten sie sein" auf den Punkt gebracht, an dem das einzelne Interesse eben nur kollektiv wahrgenommen werden kann. Wenn also gegen Ende des Buches die Binse der Stoff ist, aus dem die Sloterdijksche Weisheit gemacht ist, muss man vielleicht seinen Produktionsweg verfolgen, um seiner Wahrheit nahe zu kommen.

Ganz vorne im Buch ist Rilke. Der hatte, bei der Betrachtung eines in Stein gehauenen Torso, sein allfälliges Gedicht mit dem Imperativ "Du musst Dein Leben ändern" enden lassen. Diese "Stimme aus dem Stein" nimmt Sloterdijk auf, um sie auf den nächsten Buchseiten transzendieren zu lassen. Schließlich heißt ja die Zeile, die er sich zum Motto seines Buches gewählt hat, nicht `Du musst DAS Leben ändern'. Das wäre dem Autor ein vulgärer, geradezu gewerkschaftlicher Appell: Wir wollen gemeinsam dieses oder jenes, wir erkennen die Welt, um sie zu verändern. So nicht. Der einzelne muss sich ändern. Wohin auch immer. Und weil das so sein sollte, muss er mächtig üben. Wer jetzt denkt, es käme das übliche `Übung macht den Meister' der hat den Nietzsche nicht verstanden, den uns Sloterdijk als seine wesentliche Inspirationsquelle angibt.

Bei Nietzsche findet Sloterdijk seinen Trainer für das akrobatische, das asketische und leistungsorientierte Wesen, das ihm für die Änderung der Welt vorschwebt. Eine Stelle in Nietzsches Zarathustra - als Zarathustra einen gestürzten Seiltänzer tröstet, er habe aus der Gefahr einen Beruf gemacht, das hebe ihn aus dem Rest der Menschen heraus - dient dem Philosophen als Beleg für die Akrobatik-These. Lobend erkennt Sloterdijk in der Nietzsche-Metapher die Abgrenzung der Eliten von den Gewöhnlichen: Eine Gemeischaft neuen Typs entstehe, die "nicht Beitragszahler in einer versicherten Gesellschaft" sei, "sondern Mitglieder des Vereins gefährlich Lebender". Vom Akrobatischen gelangt der Philosoph zum Sport als Gleichnis für die Notwendigkeit des Übens, und man erkennt nicht so recht, ob ihm Leni Riefenstahls olympische Körperästhetik vorschwebt oder doch eher Walter Ulbrichts jovial-praktisches Wort "Jeder Mann an jedem Ort - einmal in der Woche Sport."

Weil dem Sloterdijk die Akrobatik und deren Leistung eine Herzensangelegenheit ist und er seine Sorte von Beweisen für seinen Aufstieg der Menschen durch Akrobatik überall finden möchte, gerät ihm jene Himmelsleiter in den Kopf, die im 1. Buch Mose dem Jakob erscheint. Während die gewöhnliche Bibel-Exegese an dieser Stelle nichts anderes interpretiert als die mythische Stiftung einer Religion, sieht Peter Sloterdijk eine "Akrobatensache von Anfang an" und auch "gute Gründe, zu behaupten, die Geschichte Alteuropas sei unter vielen Aspekten die Geschichte der Übersetzung der Jakobsleiter". Wenn einer eine Meinung hat, dann hat er was zu verlieren. Und wenn es die wissenschaftliche Reputation ist, die man preisgibt, um einer fragwürdigen Konstruktion einen Hauch von Plausibilität zu verleihen.

"Wer je seinen Mantel an einen Adolf-Loos-Garderobehaken gehängt hat, besitzt einen Maßstab, der sich nicht vergisst", schreibt Sloterdijk seinen "britischen und amerikanischen Kollegen" ins Stammbuch, die natürlich nicht über Haken des avantgardistischen Wiener Architekten verfügen und die man deshalb "nie wieder ernst nehmen kann". Wenn man einen solchen Satz doch für Satire nehmen könnte! Doch wird er im Zusammenhang mit einer Kultur-Definition genutzt, die sich an Wittgenstein anlehnt und in einer Überschrift mündet, die behauptet "Kultur entspringt aus Sezession". Als wäre Kultur nicht die Gesamtleistung menschlicher Gemeinschaften, sondern nur ein Ergebnis elitärer Abspaltung von der Gemeinschaft. Das ist einer der Haken bei Sloterdijk: Ihm fehlt die Einsicht in die Rolle der Arbeit bei der Menschwerdung, in jene kollektive, breite Anstrengung, die letztlich der Kultur die großen, einzelnen Entwicklungen ermöglichte.

So kommt es wie es kommen muss: Innovationsbereitschaft, so glaubt der Philosoph, wenn er sich den aktuellen Fragen nähert, kommt aus dem "Kreditstress, der wachsende Populationen von Schuldnern in Form zwingt". Das Wort Innovation, zerschlissen vom inflationären Gebrauch in Bankenprospekten, Autoreklamen und Politikbroschüren, bedeutet Neuerung. Insofern hat Sloterdijk so recht wie der dümmliche Bundespräsident, der in der Krise auch eine Chance zu Erneuerung sieht, gleich was die Krise kostet und wer sie verursacht hat. Wessen Denken in so kleinen Karos zu finden ist, der glaubt auch, dass sich die "neuzeitlichen Bankiers . . . als die effektivsten Motivatoren für intensivierende Veränderungen erweisen".

Wenn Sloterdijk von der "asketischen Revolte" schreibt, seinem Mittel, aus dem Reich der Notwendigkeit in das der Freiheit zu gelangen, dann wird er beispielhaft deutlich. Den Hunger zum Beispiel soll man mit dem Fasten bekämpfen: So macht man "aus einer demütigenden Passivität eine asketische Tat". Wie weit das Fasten reichen soll, bis zum Tode durch eine Null-Diät vielleicht, sagt der Autor nicht. Aber sicher fungiert der Akrobat Sloterdijk mit seiner Verzichts-These als Untermann für all jene, die öffentlich das Wasser von Lohnverzicht, Rentenverzicht oder Verzicht auf Krankenkassenleistungen predigen und sich hinter den Kulissen mit den Zuwendungen aus den Arbeitgeberverbänden volllaufen lassen.

Sloterdijk ist der Lobby-Philosoph der Krise. Einer, der trotz einer ihn umgebenden Wirklichkeit weiss, dass jenes "durch Beleihung von Eigentum geschaffene Geld . . das universale Weltverbesserungsmittel" ist. Das wird ihm jeder amerikanische Hypotheken-Schuldner sicher gerne bestätigen. Einer, der die Globalisierung für ein prima Mittel hält die "Passivitätskompetenz (meint Faulheit)" zu ändern. Hartz IV-Empfänger werden dieser These fröhlich zustimmen. Einer, der sein Buch mit dem Satz einleitet: "Die folgenden Untersuchungen gehen von ihrem eignen Ergebnis aus". Das ist Merkel-Philosophie von jener Art, die vorher weiß was nachher kommt, gleich was vorher war und nachher ist. Es ist die Krise der Philosophie, die Umstände der Welt opportunistisch interpretierend, nicht etwa sie verändernd.
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