Vorwort Über sechzig Jahre sind seit dem Ende des Zweiten
Weltkriegs vergangen. Die Literatur über den Nationalsozialismus ist inzwischen
unüberschaubar geworden und füllt ganze Bibliotheken. Sogar Experten haben damit
häufig ein Problem. Trotz dieser enormen Fülle hat es bis heute noch kein Buch
wie das vorliegende gegeben. Erstmals wurde für dieses Thema eine neue Art und
Weise der Darstellung gewählt, die auch der Herausforderung des »modernen
Lesens« Rechnung trägt: Kurze Lesestücke, Listen, Statistiken, Ausschnitte aus
Zeitungsartikeln, Akten oder anderen Quellen und ähnliches bieten überschaubare,
mehr oder weniger unbekannte Informationen und Wissenswertes zum Dritten Reich,
ohne ein Thema zu vertiefen oder in all seinen Aspekten darzustellen.
Stattdessen wird in einem umfangreichen Anmerkungsapparat auf weiterführende
Literatur verwiesen. Entstanden ist eine Sammlung von Alltäglichem und Kuriosem
aus dem Dritten Reich, die es in dieser Form noch nicht gibt. Darf man das? Darf
man das Wissen über das nationalsozialistische Regime auf diese Weise
zusammenstellen? Schließlich brachte der von Nationalsozialisten ausgelöste
Weltkrieg Tod, Leid, Verderben und verwandelte unzählige Städte in
Trümmerfelder. 90 Millionen Menschen nahmen am Zweiten Weltkrieg teil, davon
wurden 30 Millionen verwundet und über 50 Millionen starben. 6 Millionen
ermordete Juden machen den Holocaust zum »singulären Menschheitsverbrechen«, um
mit den Worten des Holocaust-Forschers Wolfgang Benz zu sprechen. Läuft man
Gefahr, Revisionisten und ewig Unverbesserlichen Tür und Tor zu öffnen durch den
Versuch, eine andere Darstellung zu wählen? Gar zur Verharmlosung beizutragen?
Wir sind nicht der Ansicht, daß eine andere, eher von einzelnen Eindrücken
bestimmte Darstellung des Dritten Reiches der Verharmlosung Vorschub leistet.
Dies wäre das Letzte, was wir im Sinn haben. Es gab und gibt immer wieder
Bemühungen, neben den einschlägigen Monographien auch Bücher anzubieten, die
sich dem Thema anders nähern. Hier sind steilvertretend für andere das von
Christoph Studt herausgegebene Werk Das Dritte Reich. Ein Lesebuch zur deutschen
Geschichte 1933-1945, die Sammlung Die Rückseite des Hakenkreuzes.
Absonderliches aus den Akten des Dritten Reiches von Beatrice und Helmut Heiber,
Reinhard Kühns Klassiker Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten oder
Walther Hofers Der Nationalsozialismus, Dokumente 1933-1945 zu nennen, allesamt
Werke, die auch zu dem vorliegenden Buch inspiriert haben. Erwähnenswert ist
ebenso die mit Tabellen und Statistiken angereicherte Quellensammlung Das Dritte
Reich von Wolfgang Michalka; hier findet sich im Vorwort eine Äußerung, die auch
auf das vorliegende Buch zutrifft:»(...) es versteht sich von selbst, daß
subjektive, am Forschungs- und Erkenntnisinteresse des Herausgebers orientierte
Kriterien die Auswahl dieser Materialsammlung bestimmt haben. Dies führt
unvermeidbar einerseits zu Schwerpunktbildungen und andererseits zu Lücken
innerhalb der Dokumentation.« Das vorliegende Buch ist ganz bewußt nicht auf
einen bestimmten Themenbereich aus dem Dritten Reich beschränkt, sondern
präsentiert auf unterschiedlichen Ebenen relevante, aussagekräftige, wenig
bekannte Fakten und Details aus der NS-Zeit, ohne die Fesseln einer Chronologie.
Es ist eine Sammlung ganz alltäglicher, aber auch kurioser Details aus dem
Dritten Reich; die man in der Literatur zum Nationalsozialismus nur am Rande
oder gar nicht erfährt, die aber pars pro toto das Wahnhafte und Monströse der
NS-Diktatur sichtbar machen. Dabei steht der im Untertitel aufgeführte Begriff
»Alltägliches« eben nicht nur für das Alltagsleben der Anhänger, Täter,
Mitläufer Angefeindeten, Verfolgten und Opfer im Dritten Reich, sondern auch für
das Abgeschmackte, Geistesarme, Spießige und Floskelhafte des gesamten
NS-Systems. Das Buch zeigt, daß es für die meisten Deutschen der »Heimatfront«
bis weit in den Krieg hinein einen relativ unspektakulären Alltag gab. Auch im
Dritten Reich gab es sportbegeisterte Deutsche, die sich einfach nur an der
Siegen ihrer Mannschaft erfreuten, es wurden Getränke wie Fanta entwickelt oder
Kinofilme gezeigt, die manchmal noch heute im Fernsehen laufen. Gerade in einer
Diktatur verläuft der Alltag oft nicht so, wie es die Propaganda gerne
vorspielt, sondern erweist sich als nüchtern und eigentlich recht trivial. Das
gilt nicht für die Juden und andere Verfolgte. Die von uns ausgewählten Passagen
der Deutschland-Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, die im
Prager bzw. Pariser Exil erschienen, zeigen gerade an Alltagssituationen, wie
der Terror gegen die Juden im Dritten Reich nach und nach zunahm. Sie machen
deutlich, wie diese Verfolgung mitten im Alltag der Deutschen stattfand, beim
Einkaufen oder beim Restaurantbesuch. Der Ausdruck »Kurioses« steht vor allem
für das aus heutiger Sicht für den Leser Befremdliche, aber auch für das
Lächerliche, Exzentrische, Groteske und Abstruse des Regimes. Und davon hat es
einiges gegeben, auch wenn man diese Begriffe zunächst nicht mit dem Dritten
Reich verbindet. Jeder weiß zum Beispiel, daß die Juden zu ihrer Diskriminierung
einen sechszakkigen gelben Stern tragen mußten. Kaum bekannt ist dagegen, was es
mit dem ADEFA-Zeichen auf sich hat, das wir in keinem Lexikon über das Dritte
Reich gefunden haben und das wir auf Seite 28 vorstellen und erläutern.
Befremdlich ist auch, daß Hitler nach Kriegsende in Umfragen immer noch recht
beliebt war, daß es verklausulierte Geburtstagslaudatien für ihn gab, oder sein
Buch Mein Kampf für Schlagzeilen sorgt. Die ausgewählten Beispiele zielen
mitunter darauf, bereits bekannte Fakten zu untermauern. So weiß man im
allgemeinen, daß die Presse der NS-Zeit zensiert wurde und nicht allein der
Berichterstattung diente sondern zusätzlich eine propagandistische Funktion
hatte. Wenn die Zeitungen schrieben, daß das Hören verbotener Radiosender mit
»drei Jahren Zuchthaus« (S. 215) bestraft wurde, so sollte damit ohne Zweifel
auch eine Warnung an die Leserschaft ausgesprochen werden, so etwas tunlichst zu
unterlassen. Weniger bekannt ist Hitlers Äußerung zu diesem Thema, in der er mit
genüßlicher Selbstzufriedenheit darüber reflektiert, daß das
nationalsozialistische Regime der Pressefreiheit ein Ende bereitet habe (S. 29).
Ist das, was wir machen, Historisierung? Selbstverständlich. 61 Jahre nach Ende
des Dritten Reiches kann und muß man diese historische Epoche nüchterner
betrachten, als es die unmittelbar vom Nationalsozialismus betroffenen
Generationen tun konnten. Bedeutet Historisierung Verharmlosung? Auf keinen
Fall. Der Berliner Historiker Götz Aly antwortete in einem von der Literarischen
Welt am 10. März 2005 veröffentlichten Interview auf die Frage, ob der Prozeß
der Historisierens eine andere Art des Denkens verlangt: »Ja, wir sollten
aufhören, Geschichte schlicht in Gut und Böse aufzuteilen und so zu tun, als ob
das, was wir heute noch als gut akzeptieren, mit dem historischen Bösen nichts
zu tun gehabt hätte. Mit dieser Illusion, die von Geschichtsoptimisten (...)
maßgeblich gefördert wird, geben wir den Anspruch auf, Geschichte wirklich zu
verstehen. In den Biographien des zwanzigsten Jahrhunderts und in den Bänden des
Reichsgesetzblattes zwischen 1933 und 1945, die in der Hauptsache heute noch
gültige oder kaum abgewandelte Bestimmungen enthalten, wird doch sofort
sichtbar, wie ineinander verschlungen das Böse und das Gute sein können.« Wir
sind davon überzeugt, daß der Schrecken und das Böse des NS-Regimes durch die
aufgelisteten oder dargestellten Details mitunter viel stärker zum Ausdruck
kommen als es in mancher Abhandlung über das Dritte Reich der Fall ist.
Leserinnen und Leser werden immer wieder auf Anordnungen, Befehle, Äußerungen
und Zeitungstexte stoßen, die das Wirken des menschenverachtenden Regimes im
»ganz normalen Alltag« deutlich machen. Gerade das Befremdliche vieler
präsentierter Fakten verstärkt unserer Ansicht nach den Eindruck des
Geschilderten.