Es ist nicht Sinn der Ethik und noch viel weniger dieses Buches ein Regelwerk aufzustellen oder gar ein erbauliches Traktat zu liefern. Es geht in der Ethik viel mehr darum, unsere Orientierungsfähigkeit zu stärken () schreibt Martin Cohen in der Einleitung seines Buches. Damit meint er die Fähigkeit im Alltag zu unterscheiden was gut und was falsch ist.
In 99, maximal zwei Seiten umfassenden Szenarien, wirft Cohen Probleme der unterschiedlichsten ethischen Disziplinen auf (beispielsweise Unternehmens-, Umwelt- und Medienethik) und lässt den Leser dann mit einer konkreten Frage zu diesem Szenario allein. Ganz im Stil von wie würden Sie entscheiden?: Soll ich muss ich vielleicht meinen ewig zu spät kommenden Kollegen beim Chef anschwärzen? Warum nicht? Ist es in Ordnung, gewaltsam Tiere zu befreien? Heiligt der Zweck die Mittel? Und so weiter. Im zweiten Teil, dem Lösungsteil des Buches, beschreibt er, was verschiedene Philosophen zu den alltäglichen, häufig durch historische Ereignisse inspirierten Geschichten gedacht haben.
Dabei macht das Buch besonders deshalb Spaß, weil es aus dem Elfenbeinturm herausgeht: Cohen gräbt mit beiden Händen in unterschiedlichsten Wissensbereichen, wühlt in vergilbten Akten, fischt alte Zeitungsberichte hervor kurz, er bringt immer wieder Beispiele aus der Politik, der Kriminalgeschichte, der Ethnologie, der Geschichte des Festungsbaus und so weiter um verschiedene Standpunkte bildhaft zu machen. Das hat auch den erfreulichen Nebeneffekt, dass oft eher theoretische Überzeugungen mit der Wirklichkeit in Form von beispielsweise Bomber Harris, dem Son of Sam, der School of the Americas oder dem Experiment von Stanley und Milgrem kollidieren. Aber Cohen bemüht nicht nur Extreme, um Meinungen zu hinterfragen. Oftmals stellt er einfach nur Alltagssituationen vor: Jim hat eine Lebenspartnerin, die ständig auf teuren Schnickschnack und Postwurfsendungen hereinfällt. Das unnütze Zeug füllt ungenutzt die ganze Wohnung. Eines Tages flattert ein Versandhauskatalog, von einem Computer an die Partnerin adressiert, durch den Briefkasten. Darf Jim die Sendung stillschweigend entsorgen, bevor seine Partnerin wieder auf etwas hereinfällt? Platon bietet hier eine bestechend einfache Lösung an.
99 moralische Zwickmühlen bietet zusätzlich ein Glossar mit wichtigen Begriffen von Utilitarismus bis Islamische Ethik. Darüber hinaus vor allem auch ein kommentiertes Literaturverzeichnis, das nach Themen wie Einführung in die Ethik, Sexualpolitik, Genetik, Tierrechte, Umweltethik und viele mehr strukturiert ist.
Fazit: Absolute Kaufempfehlung für alle, die sich einen ersten Eindruck verschaffen möchten, was Ethik ist und wie sie zum Einsatz kommt. Das hervorragende Literaturverzeichnis gibt dem Leser dabei die Möglichkeit, je nach Interesse, die unterschiedlichen Positionen im Detail selbst zu vertiefen.