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Der menschliche Makel
 
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Der menschliche Makel [Taschenbuch]

Philip Roth , Dirk van Gunsteren
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Produktinformation

  • Taschenbuch: 400 Seiten
  • Verlag: rororo; Auflage: 24 (1. Oktober 2003)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3499231654
  • ISBN-13: 978-3499231650
  • Originaltitel: The Human Stain
  • Größe und/oder Gewicht: 18,6 x 11,6 x 3 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 3.9 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (75 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 8.905 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Philip Roth
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Im Sommer 1998, als der emeritierte Griechischprofessor Coleman Silk dem Ich-Erzähler seine Affäre mit der weitaus jüngeren Putzfrau Faunia Farley beichtet, denkt ganz Amerika "an den Penis des Präsidenten". Es ist der Sommer, in dem der Zigarrenakt Bill Clintons mit Monica Lewinsky ruchbar wird: Der Sommer der moralinsauren Vorwürfe und der scheinheiligen Reue also, in der "das Leben in all seiner schamlosen Schlüpfrigkeit Amerika wieder einmal in Verwirrung stürzte".

Der Kenner des griechischen Dramas Coleman Silk ist selbst eine tragische Figur, die, wie ihr Präsident, öfters auch an fremde Frauen dachte. Und der Ich-Erähler ist der "anerkannte Schriftsteller" Mr. Zuckerman, der bald sein Buch Der menschliche Makel veröffentlichen will -- so geht es zu im neuen, doppelbödigen Roman von Philip Roth, in dem neben Sex natürlich auch das Judentum wieder eine zentrale Rolle spielt. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere ist Silk, der verdienstvolle Dekan einer amerikanischen Universität, über eine Bemerkung gegenüber zwei abwesenden Afroamerikanerinnen gestolpert, die ihn völlig zu Unrecht in den Verdacht des Rassismus brachte: eigentlich eher ein Aufzug des absurden Theaters, der allerdings eine "Chronologie der Schrecken" und irgendwie sogar den Tod von Silks Ehefrau nach sich zieht. Und dann kommt auch wieder Faunia ins Spiel, die mit Silk ein großes Geheimnis teilt.

Gern berichtete der Griechischprofessor den Studenten früher von Homers Achill, der aufgrund sexueller Zurückweisung zur "empfindlichsten Tötungsmaschine in der Geschichte der Kriegführung" mutierte. "In der Verletzung des phallischen Anspruchs beginnt die Dichtkunst", sagte er, "und genau aus diesem Grunde werden wir heute, beinahe dreitausend Jahre später, ebenfalls dort beginnen". Diese Verpflichtung hat Philip Roth mit seinem neuen großen Sittenporträt nach The Great American Novel eingelöst -- und das in der besten Manier, derer die US-Gegenwartsliteratur nach Clinton fähig ist. --Thomas Köster -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Der Spiegel

Das Drama der Identität

Dieser Roman erzählt eine Geschichte, die an Tragik, unvorhersehbaren Wendungen des Schicksals, jähen Enthüllungen des Autors und schließlich einer oft sardonischen Komik wenig zu wünschen übrig lässt. Dazu kommen ein rhetorisches Feuer, eine Lust am Wort, das zum Gedanken führt, und eine Lust an der Wiederholung, die den Gedanken wenn nicht zerstört, so doch vorübergehend stilllegt, einlullt, in eine Abschweifung führt wie die Musik von Gustav Mahler, in der alle Intelligenz, alle Differenzierung den Hörer am Ende in einen somnambulen Zustand versetzt. Beides sind die Kennzeichen der Romane von Philip Roth von Anfang an: ein Furor in der Fabel und in der Rhetorik, der nur insofern der radikalen Moderne des 20. Jahrhunderts seinen Tribut zollt, als Roth in den Geschichten, die er erzählt, mehrere Ebenen installiert, die das „naive“ Erzählen bereichern. So heißt auch hier der Erzähler der Geschichte von Brutus Coleman eben nicht Philip Roth, sondern Nathan Zuckerman, ein Alter Ego, das Philip Roths Werk von Anfang an begleitet, das viele Züge seines Erfinders trägt, aber nicht mit ihm verwechselt sein will.
Philip Roth hat keineswegs seinen Wohnort gewechselt, nachdem dieser Roman veröffentlicht wurde, so wie Zuckerman das nicht nur erwägt, sondern sogar für notwendig hält: Der Mörder seiner Romanfiguren Coleman und Faunia, der Vietnam-Veteran Lester Farley, würde Rache nehmen für seine Entdeckung, dessen ist sich Zuckerman sicher. Aber Philip Roth ist eben nicht Zuckerman. Er hat diese Geschichte erfunden – wenngleich sie, wie die meisten, vielleicht alle seiner Geschichten, auf Tatsachen beruht: Es gab einen in seinen Kreisen sehr prominenten Fall, einen Starkritiker der „New York Times“, dessen postum gelüftetes Lebensgeheimnis eben darin bestand, dass er, genetisch und nicht optisch gesehen, schwarz war und nicht weiß. Was Philip Roth daraus macht, ist eine andere Sache.
Im Zentrum des Geschehens steht eine Liebesgeschichte. Wie bei Roth beinahe immer, könnte man sagen, aber eben nur beinahe. Das Begehren, das Frau und Mann vorübergehend aneinander bindet, ist ein ständiges Thema bei Philip Roth, und zwar von Anfang an und in vielen seiner Schattierungen: der sexuellen Hörigkeit, der Sucht nach Selbsterkenntnis durch den anderen, dem Kampf um Anerkennung in der Symbiose und dem bitteren, nicht aufhörenden Hadern nach dem Scheitern.
Doch es gibt auch andere Themen, die in Roths Werk bestimmend sind und wiederkehren. Er ist ein Jude aus Newark, einem Vorort New Yorks, und hat die Geschichte dieser Stadt, damit auch die Geschichte des Schmelztiegels Amerika, immer wieder erzählt: die Rechtschaffenheit seiner Eltern, das strebsame, gewissenhafte und idealistische Milieu der Einwanderer in zweiter und dritter Generation, ihre Erfahrungen mit der politischen Großzügigkeit des Staates wie der Gleichgültigkeit dem wirtschaftlichen Scheitern seiner Bürger gegenüber. „Mein Leben als Sohn“ ist ein Familienroman, intim und sehr berührend, freiwillig eng in seiner Gestaltung; „Verschwörung gegen Amerika“ ist ein Familienroman als Science-Fiction-Szenario, das die jüdische Identität und den gesellschaftlichen Antisemitismus der USA in den Mittelpunkt rückt und in eine so reiche wie spannende Fabel bringt. Beide Hauptwerke umkreisen ein weiteres Grundthema des Erzählers, nicht originell für unsere Zeit, aber wahrhaftig einzigartig gestaltet, immer wieder neu und immer wieder bezwingend: die Frage der Identität, also wie es den meisten heute aufgetragen ist, sich in Spannung zu ihrer Herkunft als Kleinbürger, Jude, als schwarz oder weiß zu bewahren und zugleich zu erfinden.
Wer viel von Roth gelesen hat, den überrascht vielleicht am meisten, dass Roth nun in „Der menschliche Makel“, zuerst veröffentlicht 2000, bei der Beschreibung seines Helden Coleman beinahe vollkommen darauf verzichtet, den Antisemitismus zu thematisieren: Coleman entschied sich, ein Weißer zu sein, und auf¬grund seiner Attribute – Witz, Intellektualität und enorme Gewandtheit – schien es ihm das Nächstliegende, einen weißen Juden zu spielen. (Er reagiert damit, der Einfachheit halber – in diesem Roman über gesellschaftliche Vorurteile eine besonders raffinierte Pointe – auf die selbstverständlichen Annahmen seiner Umwelt.) Was ihn beschwert und schließlich zu Fall bringt, ist aber nicht das vorgetäuschte Judentum, sondern eine beiläufige Bemerkung, die das aktuelle Drama der akademischen Society in den Vereinigten Staaten initiiert: den latenten Rassismus und das komplizierte Regelwerk, das erfunden wurde, um ihn zu bannen, und das jedes Individuum, und sei es noch so souverän erfunden, zu Fall bringen kann. Das Misstrauen der Gesellschaft sich selbst gegenüber, das die von Zuckerman wie Coleman beklagte Scheinheiligkeit befördert und nährt, ist unaufhörlich auf der Suche nach Verfehlungen im Umgang miteinander, und zwar so eifernd und derart erfindungsreich, dass gerade in einem Milieu, in dem das freie Denken und das freie Wort die Bedingungen der Existenz darstellen, eben das bei Höchststrafe unterbunden wird. Der Schrecken von Delphine Roux, als die erkennbar zu werden, die sie ist – unter anderem eine einsame Frau –, ist ebenso sehr französisch (in ihrer Angststarre dem comme il faut gegenüber), wie er amerikanisch ist: Denn sie hat die Verfolgung Colemans ins Werk gesetzt mit nichts als Vorwürfen, die auf Misstrauen beruhen. Es ist das Misstrauen einem Mann gegenüber, der seine Studenten noch als Individuen adressiert, als diese längst gelernt haben, sich als Gruppenwesen zu definieren – als weiblich, mit afroamerikanischem Hintergrund, als Juden, Latinos oder Asiaten. Die universitäre Kleinstadt, die Colemans frei gewählte Heimat war, repräsentiert die Allgemeinheit, die den Verdächtigungen glaubt und sie vermehrt, die einen der ihren zur Strecke bringt und richtet. Der Chor in diesem antikischen Drama, in dem der Held am Ende sterben muss, ist, in zeitgenössi¬scher Fatalität, die geistige Elite dieser Gesellschaft.
Es gehört ebenso zu den Besonderheiten dieses Romans, dass Philip Roth dem Schurken dieser Geschichte Auftritte gönnt, die eine ebensolche Anteilnahme erzwingen, wie er sie dessen Opfern gibt. Die Tragik der Vietnam-Veteranen, die aus einem Schlachthaus in eine Heimat zurückgeflogen wurden, die von ihrem Schicksal nichts wissen will, ist nicht zu vergleichen mit den Erfahrungen der heimkehrenden Soldaten aus Europa oder vom Golf. Vietnam war kein „guter Krieg“ (um ein Wort von Studs Terkel zum Zweiten Weltkrieg zu zitieren), er wurde als Schande erkannt und bewertet, und wer dort gewesen war, bleibt lebenslänglich gezeichnet – nicht nur vom Trauma des Krieges selbst, sondern vor allem von der Heimatlosigkeit seiner Erfahrung. Roth zeigt am Beispiel von Lester Farley, dass es nicht notwendig die Tatsachen sind, die einen Menschen zerstören – es kann die ebenso wirkliche Tatsache sein, keine Sprache oder kein Gehör für die Erfahrungen zu finden. Farley ist nicht zufrieden mit der Nischensolidarität der ewigen Veteranen, er will zurück in die Gesellschaft, die er als jun¬ger Mann für nur kurze Zeit verließ – um sie, wie es hieß, zu verteidigen – und die ihn meidet wie einen Aussätzigen. Denn er erinnert sie an das, was sie vergessen will. Farley ist unschuldig schuldig geworden, und es gibt keine Erlösung für ihn; es gibt nur noch den Amoklauf.
Von Anfang an war Philip Roth vor allem Erzähler. Die Raffinesse seiner Technik, die Lust an der avancierten Form verbirgt er beinahe vollkommen; seine Kunst verhält sich diskret. Sein Atem ist lang, sein Temperament rhapsodisch, seine Sprache beinahe mündlich im Klang, sein Vokabular ist immer einfach und klar; es gibt keine Prätention, kein ausgestelltes Abwägen der Worte, kein Prunken, keine Delikatesse. Sein Witz ist für jeden verständlich, die Spannung seiner Fabeln hält alle in Atem, und sein Personal, wie gedankenreich oder neurotisch es auch ist, wird jedem Leser vertraut wie ein Familienmitglied. Er ist ein seltener Glücksfall geblieben – ein Romancier, der Stoffe von großer historischer Be¬deutung und Aktualität in eine Fassung bringt, die niemanden ausschließt, der überhaupt lesen kann. Die Komplexität des Lebens überlässt er seinen Figuren, er selbst tritt dahinter zurück; er bringt sie lediglich in eine Sprache, die zugleich lebendig und unauffällig ist. Das „lediglich“ ist die Kunst, die ihn mit Tschechow, mit Tolstoi, mit Joseph Roth und Katherine Anne Porter verbindet – mit all jenen Autoren, die überall gelesen werden, weil sie die Dramen des menschlichen Lebens dem Gedächtnis, dem Nachdenken und der Anteilnahme erhalten, solange gelesen wird.

Nachwort von Elke Schmitter zu Der menschliche Makel. SPIEGEL-Edition Band 17 -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.


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68 von 74 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Unglaublich glaubwürdig, 15. März 2002
Von 
Thomas Liehr (Berlin) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)    (REAL NAME)   
"Menschlich", das Adjektiv vor dem Makel, auf dem Umschlag etwas kleiner gedruckt als das Substantiv, ist - natürlich - der Kern der Angelegenheit. "Menschlich", so gern benutzt, dieses überaus freundliche Wörtchen, "humanitär", sofern es um größere Gruppen geht, und ach so häufig in seiner Negation - un-menschlich. Es ist ein seltsames Wort, quasi selbstdefiniert, aber eigentlich qualitätslos, genaugenommen völlig aussagefrei, denn Menschen sind *alles*: Gut, böse, neidisch, freundlich, brutal, feindselig, kleingeistig, heimtückisch, geil, machtversessen, sozial, unsozial, asozial. Der Begriff sagt nichts, außer: Er gilt nur für Menschen. Denn Menschen sind - natürlich - einzigartig auf der Welt. Jeder Mensch ist menschlich. Das Menschsein ist der Makel, der Titel eine Tautologie.

Der einundsiebzigjährige Coleman Silk blickt auf eine großartige akademische Laufbahn zurück, war jahrelang reformfreudiger Dekan des - durch seine Arbeit - hochreputierten Colleges von Athena, irgendwo in den Berkshires, und Professor für klassische Literatur, beliebt, geachtet, fast berühmt. Doch die Karriere endete abrupt. Ein eigentlich harmloser Satz, fallengelassen beim Überprüfen der Anwesenheitsliste, rief die selbsterkorenen Moralwächter, die Neider, die Karrieristen auf den Plan. Als Coleman von "dunklen Gestalten, die das Seminarlicht scheuen" deklamierte, um sich über zwei Studenten lustig zu machen, die noch keine der Vorlesungen im laufenden Semester besucht haben, brach eine Welle der moralischen Entrüstung über ihm zusammen. Denn jene Studenten waren Schwarze. Der Rassismusvorwurf, zunächst von Silk verlacht, der nichts von der Hautfarbe seiner Schützlinge wußte, aber in kurzer Zeit zur massiven Bedrohung angewachsen, zerstörte nicht nur die Laufbahn, negierte in kurzer Frist alle Erfolge des langen, fruchtbaren Lebens, sondern führte auch zum Tod von Colemans Frau.

Roths Alter Ego, Schriftsteller Nathan Zuckerman, freundet sich mit Silk an, Monate nach dessen Rückzug aus dem College, Wochen nach dem Tod von Iris Silk. Beide alten Männer, Zuckerman inzwischen diogenesisch zurückgezogen lebend und seit einer Prostataoperation impotent, nähern sich behutsam an, nachdem Zuckerman abgelehnt hat, die Geschichte Silks zu schreiben, was jener inzwischen selbst versucht. Bei langen Gesprächen enthüllt sich das Leben Silks, der währenddessen - unter anderem dank Viagra - ein Verhältnis mit einer 34jährigen Putzfrau pflegt. Highschool, Navy, viele Frauen, heimliches Boxen, das erste College, eines nur für Schwarze. Denn Coleman Silk ist selbst ein Schwarzer. Nach dem Tod des strengen, hochgeschätzten Vaters entschied Coleman, sich die ungewöhnlich helle Farbe seiner Haut zunutze zu machen - und gab sich als Weißer aus. Fünfzig Jahre trug er dieses Geheimnis mit sich, verborgen auch vor der eigenen Frau, bis ausgerechnet der Vorwurf des Rassismus ihn dazu bringt, sich einer einzigen Person zu offenbaren: Dem selbst mehr und mehr in den Hintergrund tretenden Erzähler Nathan Zuckerman.

Während im Weißen Haus die Lewinsky-Affäre tobt, seziert Roth, fantastisch erzählt, die Biographien seiner eindringlichen Protagonisten, diejenige des leidenden Professors, seiner Familie, seiner jungen Freundin, einer Analphabetin, die bereits jede Form von Leid erlebt hat, der neidischen Karrierefrau Delphine Roux, Silks Hauptwidersacher, Vertreterin des energischen, mitleidlosen Feminismus - und des durchgeknallten Vietnam-Veterans, mit dem Silks junge Freundin verheiratet war.
Aufgesetzte Moral, von gewaltiger Zerstörungskraft, Scheinheiligkeit, Vordergründigkeit. Philip Roth entwirft mit leisen, aber mächtigen Worten ein Bild der Gesellschaft, die nicht mehr unterscheiden kann oder *zu sehr* unterscheidet zwischen der inneren und der äußeren Moral, die Schwierigkeiten damit hat, zu differenzieren zwischen medialen und realen Persönlichkeiten, die angesichts der Inflation von Öffentlichkeit keine Privatheit mehr zuläßt oder anerkennt. Roth dringt in seine Figuren ein, läßt *Menschen* wachsen auf diesen 400 Seiten, von unglaublicher Plastizität, Authentizität, weckt Mitgefühl, Verständnis, sogar für die Antagonisten.

Unglaublich.

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16 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen Selbstverwirklichung im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, 25. November 2002
Vereinnahmend ist diese Geschichte und komplett desillusionierend, was die Selbstverwirklichung im törichterweise am meisten bewunderten Land der Welt betrifft. Ganz im Gegensatz zu anderen Kommentatoren bin ich der Meinung, alles daran ist realistisch - so ist das Leben, zumindest kann es so sein, ohne sich dabei anzustrengen. Geradezu genial ist die plötzliche Enthüllung, daß man es bei der Hauptfigur mit einem Schwarzen zu tun hat... es ist, als müßte man sich immer wieder die Augen reiben, um es denn doch zu begreifen und das eigene Gelinktsein als persönliche Vorurteilsbereitschaft anzuerkennen. Man muß eine Weile darauf herumbeißen. Das hatte pädagogischen Pfiff, obwohl es einige Kommentatoren vielleicht gar nicht bemerkt haben. Schön und tiefsinnig die Aussage am Ende, daß es der Würgegriff der Geschichte sei, der uns leicht zum Schicksal wird. Andererseits lehrreich und wahr, daß niemand hoffen darf, derart hartherzig und karrierezentriert spielen zu dürfen mit den Koordinaten seiner Geburt, ohne dafür zahlen zu müssen. Als jemand, der schon ein paar Jahrzehnte auf diesem Planeten ist, rufe ich es den Jüngeren zu: Schaut's euch genau an, diese Hybris kommt vor den Fall; die Maßlosigkeit des Zorns sowieso. Also, es ist eine moralische Geschichte, die unsere Vorstellung vom Leben sowohl problematisieren als auch voranbringen und "bilden" kann.
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7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Die Bandbreite der menschlichen Makelhaftigkeit und Worte zur Verfilmung, 14. Februar 2008
Von 
*doris* (Hessen, Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Der menschliche Makel (Taschenbuch)
"Der menschliche Makel" gehört zu Roth's besten Romanen, wie ich finde.

Als die Geschichte verfilmt wurde, war ich zunächst kritisch. Die Verfilmung konnte nicht an das Buch heranreichen (eine Verfilmung kann dies schon aufgrund der begrenzten Zeit nicht), aber ich war positiv überrascht. Selten habe ich so eine gekonnte Auswahl von Buchinhalten in einer Verfilmung wiedergefunden. Hinzu kamen hervorragende Schauspieler... Sir Anthony Hopkins, Nicole Kidman, Gary Sinise, Ed Harris.

In einer Kritik zur Verfilmung (http://www.br-online.de/kultur-szene/film/kino//0311/02069/) schrieb die Autorin, die Beziehung der "mondschönen, glatten" Nicole Kidman zu dem alten Herrn sei unglaubhaft. Doch es ist im Film wie im Buch eine der Besonderheiten, die so unglaublich für die Ahnungslosen wie wahr für die Wissenden erscheinen. Die Enthüllung, dass der weißhäutige Coleman Silk von dunkelhäutigen Eltern stammt, war jedenfalls mindestens so überraschend, ob im Roman oder im Film. Auch die Romanfigur muss offensichtlich "weiß" genug gewesen sein, um überzeugen zu können.

Der Roman enthüllt eine Reihe von menschlichen Makeln. Sie sind zwar nicht alle so offensichtlich wie der Rassismus, der Antisemitismus und die Verlogenheit einer äußerlich prüden Gesellschaft im Zusammenhang mit dem Clinton-Lewinski-Skandal, aber für den sexuellen Kindesmissbrauch und die im-Stich-gelassenen PTBS-Betroffenen gibt es ebenso hervorstechende wie auch subtile, feine Hinweise.

Wie treffend ist da der Titel, der unter anderem auch dafür steht, was Menschen wie Faunia fühlen, die missbraucht wurden: Ein Leben lang mit einem Makel besetzt sein, sich gebrandtmarkt fühlen. Daher die Identifikation mit der Krähe, die ebenso wie Faunia "angefasst" wurde. Faunia fühlt sich genauso gefangen, und abgegrenzt von ihresgleichen. Sie fühlt sich nur von der Krähe verstanden, weil diese in ihren Augen ihr Schicksal teilt. Ihre Beziehung zu dem wesentlich älteren Coleman Silk passt zu ihrem Leben; sie sucht permanent, die Kontrolle über ihr Leben zu erlangen, muss aber immer wieder scheitern, da sie das Trauma nicht verarbeitet, sondern sich damit abgefunden hat. Wohl auch aufgrund des zusätzlichen schweren Schicksalsschlages durch den Tod ihrer Kinder.

Auch das ständige Wiedererleben von Kriegserlebnissen oder anderen einschneidenden Ereignissen wird als "Makel" von den Betroffenen empfunden. Insbesondere bei den Vietnam-Veteranen kam zu den ohnehin vorhandenen Gefühlen, man werde - oder gelte auch nur als - verrückt, die tiefe Erschütterung der gesellschaftlichen Ächtung hinzu, die das Trauma in den meisten Fällen verstärkte oder sogar erst hervorrief.
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