Dieser Roman ist zweifelsohne Astrid Lindgrens Meisterwerk! Stil und Sprache dieses Buches sind wohl einzigartig in der Kinderliteratur und scheinen auf den ersten Blick so ganz und gar nicht zu den anderen Lindgren-Büchern zu passen. Die Formelhaftigkeit und Poesie der Sprache machen es zu etwas ganz Besonderem. Es sind Worte, die sich eingraben, die schwingen, die eine Sprachmelodie haben.
In meiner Arbeit mit Kindern kann ich immer wieder feststellen, dass dieses Buch Kinder ganz in der Tiefe berührt... es ist eine Geschichte, die in die Seele sinkt. Balsam und Trost für jedes Kind, welches sich von seinen Eltern ungeliebt fühlt. Viele Kinder kennen dieses Buch nicht... klar, Pippi und Michel sind die Klassiker. Aber wenn man es ihnen vorgelesen hat, lieben sie es. Die Kinder weinen und freuen sich mit Mio, gehen innerlich mit. Ich habe feststellen können, dass sie es immer und immer wieder hören wollen, einzelne Kapitel, ja sogar einzelne - wunderschön poetische! - Sätze. Ja, sogar nach Jahren haben meine ehemaligen Kinder dieses Buch nicht vergessen.
Zur Geschichte:
Mio wächst als ungeliebtes, emotional vereinsamtes Pflegekind in Stockholm auf. Auf wundersame Weise gelangt er ins Land der Ferne. Dort trifft er endlich seinen Vater, den König, der ihn über alles liebt. "Mio, mein Mio" ist die Formel seiner bedingungslosen Liebe.
Mio findet einen treuen Freund, er erlebt Abenteuer und hat seinen Spaß. Aber etwas gibt es, was ihm Angst macht: Ritter Kato im Land Außerhalb. Sobald man nur seinen Namen ausspricht, wird sichtbar, welches Böse von ihm ausgeht: Blumen welken, Bäume verlieren ihre Blätter und Schmetterlinge ihre Flügel, Schafe blöken, als sei ihre letzte Stunde gekommen, und die weißen Pferde weinen Blut.
Trauervogel singt stets des Abends im Rosengarten, "und er sang, dass es weh tat". Aber Mio versteht seine Botschaft nicht. Noch nicht. Der Brunnen, der am Abend raunt, erzählt Mio ein Märchen, dass mit ihm in Zusammenhang steht: es ist sein Auftrag, den er ausführen muss. Und erst im Wald der Dunkelheit versteht er, wovon Trauervogel singt, und wovon der Brunnen geraunt und geflüster hat. Mio wird klar, was er tun muss: Er muss sich seinen eigenen Ängsten stellen, er muss sich auf den Weg ins Land Außerhalb machen um gegen Ritter Kato zu kämpfen.
Die Geschichte gestaltet sich von Kapitel zu Kapitel spannender und ist an einigen Stellen an Dramatik nicht zu überbieten.
Die alte Übersetzung von Karl Kurt Peters schwelgt mehr in Worten als es die etwas "nüchternere" neue Übersetzung tut. Nun, Peters liebt wohl die Schönheit altertümlicher, poetischer Worte... es ist aber die neue Übersetzung, welche dem schwedischen Original entspricht. Und diese liegt dieser Jubiläumsedition zugrunde. Und poetisch ist und bleibt sie immer noch!
Astrid Lindgren arbeitet auf einem unglaublich hohen Niveau. Sie findet wunderschöne, poetische Worte und klingende Sätze, arbeitet mit oftmals gehäuften, haarfein aufeinander abgestimmten Adjektiven, um eine ganz besondere Stimmung zu erreichen. "Mio, mein Mio" ist beherrscht von einer unglaublich künstlerischen Verdichtung der Sprache.
"Und weiter saßen wir still, und es wurde noch etwas dunkler und grauer zwischen den Bäumen, und ich vernahm keinen Laut mehr in diesem völligen Schweigen. Aber dann, dann hörte ich etwas. Ja, ich hörte etwas. Ich hörte, wie es unten im Brunnen zu raunen begann. Tief, tief dort unten begann es zu flüstern und zu murmeln. Es war eine wundersame Stimme, und sie glich keiner anderen Stimme. Und die Stimme raunte Märchen."
Ich liebe dieses Buch. Es ist für mich das Schönste, was Astrid Lindgren je geschrieben hat. Und ich empfehle es uneingeschränkt allen, die mal was anderes als Michel, Pippi & Co. lesen wollen.