Inhalt:
Das Szenario empfand ich zunächst als sperrig: Ein 25jähriger niederländischer Geologiestudent (Alfred Issendorf) begibt sich mit drei niederländischen Kommilitonen (Arne, Qvigstad und Mikkelsen) in die Finnmark (nördlichster Teil Norwegens) um dort die empirischen Studien für seine Dissertation durchzuführen.
Issendorfs ehrgeizige Pläne (die kühne These seines Doktorvaters über den Einschlag von Meteoriten zu beweisen und damit - in einer ansonsten anonymen Masse von Doktorarbeiten – durch seine wissenschaftliche Arbeit hervorzustechen und dadurch "berühmt werden") zeigen sich indes von mannigfachen Rahmenbedingungen torpediert:
Neben den Erfolgsdruck, unter den er sich selbst stellt, kommt die immense familiäre und universitäre Erwartungshaltung, die schlechte körperliche Verfassung und Vorbereitung, die daraus resultierende Geringschätzung der anderen Exkursionsteilnehmer und - bereits in der Vorbereitungsphase - der langwierige, erfolgslose Versuch, an für sein Dissertationsthema unerlässliche Luftaufnahmen der Finnmark zu gelangen. Bei letzterem (dem ersten Teil des Romans) durchstreift Issendorf in Norwegen (dessen Landessprache er nicht spricht) einen kafkaesk anmutenden Zug durch diverse universitäre Instanzen und Forschungseinrichtungen, bei denen sich die jeweiligen Bezugs- und Ansprechpartner, von denen er abhängig ist, entweder als geschwätzig aber desinteressiert (oder mutwillig destruktiv?), oder aber gleichzeitig als freundlich und inkompetent erweisen. Kontrastiert wird diese für Issendorf verheerende Bagatelle, die unmittelbare Erfahrung des Ausgeliefertsein, durch den körperlichen Verfall der "Oberen", der "alten Eliten", einer ist blind, einem fehlt ein Kehlkopf, dem anderen ein Kinn.
In der Tat ist die Vorbereitungsphase bereits - obgleich Issendorf letztlich wenn auch zerschunden in der Finnmark anlangt - die Geschichte umfassenden Scheiterns in einzelnen Etappen. Die Ausrüstung wird durch seine Schuld durchnässt, das Gewicht seines Rücksacks zwingt ihn in die Knie, es gelingt ihm nicht bei den norwegischen Studenten akzeptiert und respektiert zu werden, usw. Hinzu kommt die völlige Offenheit, ob sich die Strapazen überhaupt in irgendeiner Weise wissenschaftlich lohnen werden, eben hinsichtlich des geplanten Beweises von Meteoriteneinschlägen. Schnell wird klar, dass es für diese Theorie keine starken Indizien, nicht einmal einen begründeten Verdacht, sondern nur einen vagen, in der Fachwelt zum Teil (und auch von Arne, Mikkelsen und Qvigstad?) verlachten, vor Jahren geäußerten Verdacht von Issendorfs Professor gibt, der sich auch als blanker Unsinn herausstellen könnte.
Keineswegs aber ist (wie die Rezension Claudine Borries' vermuten lassen könnte) die Schilderung der Suche nach wissenschaftlichen Beweisen, bzw. geologische Fragestellungen Kerninhalt des Romans. Vielmehr kommt es kaum zur wissenschaftlichen Arbeit. Vor Ort sieht sich Issendorf schon mit dem lähmenden Gefühl der Nutzlosigkeit allen in Kauf genommenen Aufwands konfrontiert, er projiziert diese Nutzlosigkeit unmittelbar auf sich selbst, die Klage über Scharen von Stechmücken beschäftigen seinen Geist in der Tat häufiger und intensiver als wissenschaftliche Überlegungen.
Seine Gefühlswelt ist abwechseln geprägt von diesem Gedanken der Nutzlosigkeit und Nichtswürdigkeit, von der Angst der Familie die Ergebnislosigkeit seiner Anstrengungen, sein "Versagen" begreiflich machen zu müssen. Gleichzeitig aber tendiert Issendorf dann wieder zur Verdrängungskunst, zur Selbstüberschätzung und Paranoia vor einer möglichen norwegischen Verschwörung gegen ihn als den niederländischen Außenseiter, außerdem zu massiven, rücksichtslosen, letztlich (nicht nur für ihn selbst) verheerenden Ehrgeiz.
Der letzte Teil des Romans besteht in der Schilderung des Überlebenskampfes, zu Neige gehende Vorräte und Orientierungslosigkeit, der vollkommen ergebnislosen Rückkehr Issendorfs aus der Einöde in die nichts ahnende (siehe Familie) oder verständnislose (siehe Professoren) Zivilisation, für ihn nichts als eine weitere Einöde, in der unklar ist ob und wenn ja, inwiefern er - der "Gescheiterte" - sich dort neu wird orientieren können. War doch sein ganzer Glaube in eine vermeintlich gesicherte Zukunft einer akademischen Laufbahn – und damit der zentrale Fix- und Orientierungspunkt seines Lebens – bis dato nicht mehr oder weniger als eine zwar ambitioniert angelegte, aber doch gedankenlos gelebte Chimäre.
Stil:
Extrem abgehackt. Sehr kurze Sätze, kaum Nebensätze, was dem Lesefluss (zumindest nach meiner Erfahrung) zunächst abträglich ist. Dann aber vergehen die einzelnen Kapitel (die 310 Seiten sind in knapp 45 Episoden Unterteil) fast so wie bei anderen Büchern einzelne Seiten. Der gefühlslose, nüchterne Tenor Hermans steht in einem enormen Spannungsverhältnis zur "aufgewühlten" Innenwelt des Protagonisten, die Gleichgültigkeit des unbetroffenen Kollektivs gegenüber der individuellen Tragik unterstreichend, aber auch deren Uneinsichtigkeit.
Nach anfänglichen Problemen und der Schwierigkeit die philosophische (oder ehrlicherweise nihilistische) und psychologische Tragweite des bis dato inhaltlich einer Irrfahrt gleichenden Romans zu erkennen, habe ich das Buch schließlich (trotz teils vorhersehbarer, weil konsequent sadistischer Story) bis zur letzten Seite als hochinteressant und anspruchsvoll empfunden.
Eine intensive Spannung kann dem Roman indes nicht nachgesagt werden. Aber das ist schließlich nicht das einzige Qualitätskriterium von Literatur.