1994 waren die Augen der Welt in erster Linie auf den Balkan gerichtet. Das in Ruanda innerhalb kürzester Zeit zwischen 800.000 und 1 Million Tutsi brutalst ermordet worden, nahm kaum einer wahr. Das lag zum Teil daran, dass der Balkankonflikt dichter war, aber auch daran, dass die Weltmächte sich von der Propaganda des Hutu-Power-Regime haben täuschen lassen und insbesondere Frankreich hatte auch noch politische Interessen in der Region.
Philip Gourevitch zeichnet in seinem hervorragend recherchierten Buch die Geschichte des Völkermordes nach. Dabei beginnt er mit der Entwicklung des Rassenhasses, der vor allem von der Kolonialmacht Belgien initiiert wurde (nein, es gab keine jahrhundertealte Feindschaft!), bis hin zu den schicksalsträchtigen Monaten 1994. Dabei interviewed er Hutu wie Tutsi und versucht (soweit das bei einem Völkermord geht) im Hintergrund zu bleiben. Wie er selbst sagt, ist so ein Ereignis zu abstrakt, wenn man nicht selbst dabei war. Er berichtet von Einzelschicksalen genauso wie von spektakulären Rettungen ("Hotel Ruanda") und der allgemeinen Lage im Land. Aber das Buch endet da nicht, denn auch die weitere Entwicklung im Land und im benachbarten Zaire gehört zum Völkermord dazu. Mit dem Regimewechsel waren die Völkermorder plötzlich die Flüchtlinge und die richteten es sich in Flüchtlingslagern ein - plötzlich wachte das Weltgewissen auf. Hier geht der Autor einerseits auf den Konflikt zwischen Völkerrecht und humanitärer Hilfe und dem Problem zwischen Opfern und Tätern zu entscheiden ein, zum anderen merkt man ihm dann die Frustration an, dass die UN bestenfalls gelähmt wirkt , schlechtestenfalls die "falschen" wie Zaires Mobuku unterstützte (der einen weiteren Vöklkermord an zairischen Tutsi vorbereitete).
Das Buch ist ein Augenöffner, dass auch in unserer medialen Zeit Greueltaten möglich sind und das "Weltgewissen" oft blind und willkürlich agiert. Ein eindringliches, wichtiges und ausgesprochen informatives Buch!