Die französische Autorin Agnès de Lestrade und ihre Illustratorin Constanza Bravo haben das Grimmsche Märchen verjüngt und ein wahrhaft zeitgenössisches und witziges Bilderbuch für Kinder ab vier Jahren kreiert.
Die Handlung ist indes an die Gebrüder Grimm angelehnt.
Wiederum gelüstet es den Wolf nach Menschenfleisch, jungem wohlgenährten vor allem. In der nächstgelegenen Stadt wird er - verkleidet mit Krawatte und weißem charmantem Gesicht - alsbald fündig, in Form einer wohlgenährten, aber rotzfrechen Göre. Denn kaum als er sein Maul aufreißen will, um das kleine Ding zu fressen, da prasselt es schon auf ihn ein: ...ob er sich nicht mal überlegt hätte, dass er viel zu viel tierisches Eiweiß zu sich nähme, dass er sich seine Bluttfettwerte verderbe und sein Fell immer glanzloser würde, weil er einfach zu viel Fleisch und viel zu wenig Gemüse äße.
Irgendwie hat sie ja Recht, die Kleine, denkt sich der Wolf. Und siehe da, aus unserem bösen, verfressenen Raubtier wird "der liebste Wolf der Welt". Fortan hilft er in Großmutters Garten beim Gemüseanbau und ernährt sich von leckeren vegetarischen Gerichten. Überbackener Blumenkohl, mit Käse gefüllte Champignons oder Artischocken in Sahnesoße stehen ab sofort auf seinem Speisezettel.
Doch es kommt, was kommen muss. Die Natur setzt sich bei unserem offensichtlich gezähmten Gesellen mit aller Macht durch. Die fleischliche Fantasie in Form von Großmutters Hühnern und Kaninchen treibt ihn des nächtens ruhelos umher und hernach in deren Ställe. Und seinen Vorsatz, das junge Ding zu fressen, den hat er auch noch nicht vergessen.
Aber unser Wolf hat seine Rechnung nicht mit der kleinen pfiffigen Göre gemacht. Wer so schlau von Blutfettwerten und gesunder Ernährung daherredet, der lässt sich nicht einfach so wegfressen...
In einem wunderbar ironischen, angenehm zu lesenden, modernen Gute-Laune-Märchen erzählt Agnès de Lestrade die Geschichte um "Rotkäppchen" neu und reichert sie mit jeder Menge gesunder Vitamine an, dass einem das Wasser im Munde zusammenläuft.
Vor allem aber lebt dieses freche Bilderbuch von der Qualität seiner Abbildungen. Der Technik der Collage, die mit viel Liebe zum Detail aufwartet, stellt die Illustratorin Constanza Bravo gezeichnete Figuren mit zum Teil auffallend disproportionierten Formen entgegen. Dieser Mix verstärkt geradezu emotional starke Momente im Buch. Bunte, gekritzelte Bleistiftspuren und dicke rote Pfeile geben der Erzählung einen punktierten Rhythmus, kompensieren das geschrieben Wort noch zusätzlich und fördern die im Text vorhandenen Mehrdeutigkeiten ans Tageslicht.
Auch wenn der Wolf auf manchen Seiten etwas gruselig ausschaut, so muss man keine Angst vor ihm haben. Bereits zu Beginn der Erzählung durchschaut man diesen hinterlistigen Gesellen, wenn er sich aus seinem Reservoir an Masken (lächelnd, vertrauenerweckend, unschuldig) bedient und die jeweils passende aufsetzt.
Am Ende siegt - wie auch schon in den alten Märchen - das Gute über das Böse. Doch im Gegensatz zu früher haben sich die kleinen Mädchen weiterentwickelt und warten nicht mehr auf ihren Prinzen (oder Jäger), der sie aus den Fängen des Ungeheuers befreit. Heutzutage nehmen sie ihr Schicksal selbst in die Hand und misstrauen den Wölfen unseres städtischen Dschungels.
Fazit:
"Der liebste Wolf der Welt" ist auf den ersten Blick ein trügerisches, vielleicht gar widerborstiges, auf den zweiten jedoch ein wunderbar ironisches, voller Witz, Humor und ohne Bedingungen zu genießendes Bilderbuch.
Empfohlen für Kinder ab vier Jahren, obwohl zu bezweifeln ist, dass die Kleinen in diesem Alter schon etwas mit zu hohen Blutfettwerten und tierischem Eiweiß anzufangen wissen.