"Früher las ich viel und gern. Irgendwann dann wußte ich alles, und die Sätze, sogar in den guten Büchern, die Sätze, die sich so viel Mühe gaben, originell zu wirken, die oft kunstvoll gedrechselt waren und raffiniert ausgedacht, wurden schlaff und redundant [...]"
Was Helmut Krausser seinem nihilistischen Protagonisten Serge in den Mund legt, gilt sicher nicht für "Die letzten schönen Tage". Kraussers Sprache ist explosiv, manchmal an der Grenze zum Plakativen. Da passt es gut, dass Serge Werbetexter ist. Einzelne Wörter bekommen ungeahnte Konturen. Krausser weiss sein Sprachmaterial so zu schnitzen, dass selbst ein "Sie klebt wie Scheiße an meinem Schuh [...]" zu einer betäubend authentischen Liebeserklärung wird.
Wie schon "Einsamkeit und Sex und Mitleid" ist auch "Die letzten schönen Tage" im Short Cuts Prinzip komponiert. Die vordergründig unabhängigen Handlungsstränge werden durch den Verwandtschaftsgrad der Figuren oder den Tod einer Katze zusammengehalten. Und dann ist es plötzlich ein Email-Roman. Und auf einmal liest man im Protokoll von Serges Seelendoktor. Krausser bricht immer wieder aus der selbstauferlegten Form aus. Dadurch ist der Plot nicht leicht auszurechnen und das Buch nicht leicht wegzulegen.
Der rote Faden des Romans verläuft direkt durch die schizophrenen Gehirne von Kraussers Figuren: "Mein Selbstmitleid kotzt mich an, als wäre ich zwei Menschen, der eine, der Dinge tut, der andere, der zusieht und darüber richtet und den Kopf schüttelt, den blutlos schlaffen." Das Prädikat "grandios" verdient sich das Buch durch die Art wie Paradoxien aufgemacht und ausgehalten, aber nicht aufgelöst werden: "Ich war froh, keine Zigaretten bei mir zu tragen [...] Wir verbrennen alle im großen Feuer, die einen leuchten, die anderen stinken, sagt Serge immer, und ich fand es plötzlich so folgerichtig, so überzeugend, selbst etwas in der Hand zu haben, das verbrennt, mit jedem Atemzug ein wenig mehr [...]"