Herr Paturi hat sich mit dem Titel dieses Buches ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. Er will dem Leser etwas über die letzten Rätsel 'der' Wissenschaft erzählen - also nicht nur seiner eigenen Wissenschaft (nämlich der Naturwissenschaft), sondern der Wissenschaften überhaupt.
Als 'Rätsel' lässt er nur ungelöste Rätsel gelten. Es geht also weder einfach nur um besonders interessante Problemstellungen der verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, noch geht es um logische Dilemmata, deren Lösung per definitionem unmöglich ist. Gegenstand seines Interesses sind seinem eigenen Bekunden nach ausschließlich diejenigen Fragen, auf die es prinzipiell eine wissenschaftliche Antwort geben muss, die jedoch bisher noch nicht gefunden wurde.
Ein derartiger Ansatz ist geradezu ideal, wenn man das Interesse des Lesers an den im Buch behandelten Wissenschaften wecken will - sofern dieser Ansatz auf angemessene Weise umgesetz wird. Ob diese Umsetzung in den Kapiteln über Physik, Mathematik und Naturphänomene gelungen ist, mögen andere beurteilen. Als Geisteswissenschaftler möchte ich hier nur auf das Kapitel über Philosophie eingehen. Und hier muss ich dem Autor leider attestieren, dass ihn sein Entschluss, auch in diesem Wissenschaftsbereich ungelöste Rätsel der von ihm beschriebenen Art zu finden, zu einer unnötig oberflächlichen Darstellung bestimmter Themen verführt hat.
So stellt der Autor im Kapitel über 'Ethik und Moral' beispielsweise "die Frage nach einem moralisch vertretbaren Überschreiten gesetzlicher oder ethischer Grenzen". Mit anderen Worten: Er fragt danach, ob es moralisch erlaubt sein kann, als unmoralisch definierte Handlungen auszuführen. Einem Geisteswissenschaftler kommt diese Frage ähnlich sinnvoll vor, wie einen Mathematiker die Frage irritieren würde, ob es beim Multiplizieren von Brüchen in besonderen Notsituationen nicht auch einmal gestattet sein müsste, den Zähler des ersten Bruchs mit dem Nenner (statt mit dem Zähler) des zweiten zu multiplizieren. Natürlich kann man das machen. - Nur ist es dann falsch.
Folgerichtig ist das ganze Moral-Kapitel voll von nur oberflächlich dargestellten Schein-Dilemmata, die sich allenfalls als gedanklicher Einstieg in die Thematik eignen, vom Autor jedoch als ungelöst und unlösbar stehen gelassen werden. Dazu ein Beispiel: Im Abschnitt über 'Kollateralschäden' schreibt der Autor über die Position der Völkerrechtler ('Die Inkaufnahme unschuldiger Toter ist moralisch nicht zu vertreten.') vollkommen trocken: "Hier prallt unversöhnlich Meinung gegen Meinung. Eine philosophisch verbindliche Antwort gibt es nicht." - Lieber Herr Paturi: Wenn das bloße Vorliegen unterschiedlicher Meinungen über eine bestimmte Frage als Beweis dafür gilt, dass das Problem unlösbar ist, dann wird es ihnen nicht einmal gelingen, eine 'verbindliche Antwort' auf die Frage zu erhalten, wo genau sich in Ihrer Heimatstadt der Hauptbahnhof befindet.
Heimlich still und leise wendet der Autor hier Kriterien an, die in krassem Gegensatz zu seiner eigenen Definition eines wissenschaftlichen Rätsels stehen. Diese Definition besagt: "Ein Rätsel hört [...] dann auf, ein Rätsel zu sein, wenn wenigstens ein Mensch die Lösung gefunden hat." Im Kapitel über Moral ist das Kriterium jedoch, dass es auf die hier vom Autor präsentierten Fragen "offenbar keine Antwort gibt, die alle akzeptieren können."
Mit anderen Worten: Innerhalb der Naturwissenschaft wird die Frage, ob ein Rätsel ungelöst ist, davon abhängig gemacht, ob ein einziger Spezialist eine Lösung gefunden hat. Geisteswissenschaftler hingegen müssen die Lösung ihrer Probleme offenbar nicht nur finden, sondern auch dafür sorgen, dass alle Menschen sie verstehen und akzeptieren, bevor das Rätsel als gelöst gelten kann. Überträgt man dieses harte Kriterium z.B. auf die Mathematik, so müsste selbst die Bruchrechnung als ein ungelöstes Rätsel dieser Wissenschaft betrachtet werden, da diese nun mal nicht von allen gegenwärtig lebenden Menschen verstanden und korrekt angewendet wird.
Man könnte dem Autor diese Nachlässigkeit verzeihen, wenn er durch sie nicht genau das zerstören würde, was dieses Buches eigentlich fördern sollte: das Interesse an einer bestimmten wissenschaftlichen Disziplin, in diesem Fall der Philosophie. Durch die grobe und oberflächliche Darstellung der philosophischen Probleme gewinnt der Leser den Eindruck, dass in dieser wissenschaftlichen Disziplin kein Blumentopf zu gewinnen ist, dass hier grundsätzlich keine Fortschritte gemacht werden können und dass jede Antworten auf eine bedeutende philosophische Frage genauso plausibel bzw. unplausibel ist wie jede andere. In den Worten des Autors: "Es ist ein grundlegendes Dilemma der Philosophie, auf solche fundamentalen Fragen des Lebens keine Antworten geben zu können."
Diese Darstellung der Philosophie ist schlicht und ergreifend falsch. Die Philosophie findet nicht KEINE Antworten auf die fundamentalen Fragen des Lebens; sie findet im Gegenteil sogar sehr VIELE. Dass ein oberflächlicher Blick von außen nicht genügt, um unter diesen vielen Antworten die beste herauszufinden, liegt in der Natur jeder Wissenschaft. Welcher Laie kann schon von außen entscheiden, ob die Physik Einsteins wirklich der Physik Newtons überlegen ist? Könnte man die unterschiedlichen Antworten auf philosophische Fragen zuverlässig bewerten, ohne sich tiefgründig in das fragliche Thema einzuarbeiten, dann wäre die Philosophie keine Wissenschaft und würde kein Studium, sondern lediglich 'gesunden Menschenverstand' erfordern.
Die Darstellung der Philosophie (speziell der Moralphilosophie) in diesem Buch kann daher nur als misslungen bezeichnet werden. Dass das Buch unterhaltsam zu lesen ist, viele interessante Stichworte liefert und in manchen Kapiteln durchaus lehrreich sein mag, soll nicht in Abrede gestellt werden. Ein Buch mit einem derart vielversprechenden Titel sollte die wissenschaftliche Aufklärung jedoch voran treiben - nicht behindern. Daher erhält das Werk von mir nur zwei von fünf möglichen Sternen.