Was soll man als Frau anstellen, wenn man schon die Fünfzig überschritten hat, noch Lust auf Sex verspürt, aber keinen Partner dafür hat? Das ist die Frage, der Helke Sander mit ihren Geschichten in diesem Buch immer wieder nachgeht.
Einfach haben es die Protagonistinnen in diesen Geschichten nicht. Sollen sie in der Zeitung annoncieren? Oder Männern auf Anzeigen antworten, die mit Frauen ganz dringend lachen und weinen wollen? Oder doch vielleicht den gleichaltrigen, braungebrannten, sportlichen Arzt ansprechen, der gerade ihr Knieproblem behandelt? Gar einen jüngeren Mann ins Kalkül ziehen?
Aus einem sympathisch selbstironischen Blickwinkel schildern die Heldinnen ihr noch immer vorhandenes, aber irgendwie diffuses Verlangen und ihre gelegentlich komischen und letztlich scheinbar hoffnungslosen Versuche, es einer Befriedigung zuzuführen.
Solange die Autorin die Situationen einfach nur erzählt und es dem Leser überlässt, sich seine eigenen Gedanken zu machen, sich zu amüsieren oder sich in die Handlung zu versetzen, solange fühlt man sich mitgenommen. Doch Helke Sander liebt es auch, ihre Heldinnen in lange Gedankenmonologe zu verstricken. Dann kippt eine Geschichte auch schon mal in kulturphilosophische oder politisierende Betrachtungen um.
Das zerstört dann doch ein wenig ihre Wirkung, zumal man sich auch durchaus belehrt fühlen kann. Insbesondere, wenn man ein Mann ist und dadurch angeblich die Last einer ewigen Schuld mit sich herumschleppt, der man sich aber anteilsmäßig nicht wirklich bewusst ist. So lässt Frau Sander den Leser spüren, dass sie nicht nur einfach Geschichten erzählen möchte, sondern auch ein politischer Mensch ist und Botschaften zu verkünden hat.
Wenn man das ertragen kann, dann gelingt es auch, sich in das Leid der Heldinnen hineinzufühlen. Und dann merkt man vielleicht, dass sie dem eigentlichen Konflikt immer konsequent ausweichen. Auch bei einer emanzipierten Frau steht der Lust auf gelegentlichen Sex nämlich im Alter mehr denn je die Angst vor Veränderungen gegenüber.
Sanders Heldinnen machen sich gerne etwas vor und verstecken diese Scheu hinter anderen Sorgen oder indirekten Schuldzuweisungen. Immer wenn es eine Gelegenheit fürs Ungewohnte gibt, kneifen sie ängstlich oder lassen die Zukunft offen. Hätte die Autorin das Spannungsverhältnis zwischen weiblichen Verlangen und der Furcht vor Neuem im Alter deutlicher in den Mittelpunkt ihrer Geschichten gestellt, dann wären sie noch ehrlicher geworden, als sie es ohnehin schon sind.