Um den Mord nicht ansehen zu müssen, betrachtete ich die Szene durch gespreizte Finger. Das änderte zwar nichts am Schicksal der Fernsehfigur, machte aber das Ganze erträglich. Diese Kindheitserinnerung tauchte bei der Lektüre dieses Buches auf. Was der Autor beschreibt, führt so unweigerlich in den Abgrund, dass ich es stellenweise kaum lesen wollte. Denn auch ich bin davon überzeugt, dass diese blödsinnige Planerei und Regelflut zum Erstickungstod führt. Und seit ich auch Kunden in Deutschland betreue, kenne ich viele Ungeheuerlichkeiten aus eigener Anschauung. Vielleicht sind es nicht nur die höheren Löhne und tieferen Steuern, die deutsche Arbeitnehmer und Unternehmer zum Exodus in die Schweiz treiben, sondern auch die Flucht vor dummen Gesetzen.
Die Beispiele von Bernd Ziesemer sind alles andere als exotisch, sondern betreffen den ganz gewöhnlichen Alltag ganz gewöhnlicher Bürger. Hartz IV, Wirtschaftspolitik, Machbarkeitswahn, Risikoverhinderungsversuche, Sozialstaat, Professorengeschwätz und Medienverdummung. Es tut weh, das alles nochmals zu lesen. Und noch mehr schmerzt der trübe Ausblick, dass sich kaum viel ändern wird. Allen Versprechungen zum Trotz. Jeden Abend ist es die letzte Zigarette, der letzte Schnaps. Aber am Morgen sieht alles wieder anders aus.
Die Stärke von Bernd Ziesemer ist es, die grässliche Kulisse so aufzubauen, dass wir das Stück gar nicht sehen wollen. Aber unruhig auf dem Stuhl sitzend, möchte ich zumindest nach der Pause erleben, wir sich das Unheil abwenden lässt. Doch da fühl ich mich vom Autor ziemlich im Stich gelassen. Was er mir bietet, habe ich bereits gesehen, ohne dass es mich überzeugt hätte. Hätte er im zweiten Teil eine andere Szenerie aufgebaut, wäre ein Happyend möglich gewesen. Denn heute wissen wir definitiv mehr darüber, wie sich menschliche Verhaltensmuster neu verknüpfen lassen. Aber irgendwie scheint Bernd Ziesemer ebenfalls ein Gefangener des Systems, das er zu Recht anprangert. Möglich, dass der Leidensdruck noch ansteigen muss, bis wirklich etwas passiert. Von Papiertigern lassen sich selbst kleine Kinder nicht beeindrucken.
Mein Fazit: Eine Bestandesaufnahme, die so real ist, dass nur die politische Sado-Maso-Fraktion Spass an der Lektüre hat. Bernd Ziesemer liefert bekanntes und zusätzliches Beweismaterial für Widerständler. Was er ihnen jedoch nur in homöopathischen Dosen überreicht, sind Heilmittel. Und auch die Wegweiser zu allfälligen Lieferanten fehlen oder sind undeutlich beschriftet. Dem Buch deshalb mehr als einen Stern abzuziehen, käme einer Prämierung der Verhinderer gleich.