Unsere Gesellschaft verändert sich. In den letzten Jahren sogar in rasantem Tempo - und nicht unbedingt zum Guten. Lohn-Dumping ist en vogue, die Hartz-Gesetze entfalten ihre unheimliche und brutale Wirkung nicht nur gegenüber den Arbeitslosen, sondern au massiv gegenüber denen, die (noch) Arbeit haben. Die Arbeitseinkommen nicht nur im unteren Bereich sinken seit Jahren, und zwar nicht nur "real", sondern mittlerweile auch nominal. Lebensmittel-Discounter wie ALDI, Penny, LIDL u. a. machen blühende Geschäfte. Die einen treibt die "Geiz-ist-geil"-Mentalität in diese Läden, viele und immer mehr andere müssen jeden Cent mehrfach umdrehen, es bleibt ihnen keine andere Wahl, als so billig wie möglich einzukaufen, was man ihnen nicht mal verdenken kann. Wie sehen diese Läden von innen aus? Wir kennen die Medienberichte etwa über Lohn-Dumping-Skandale und über flächendeckende Schikane, regelmäßiges rechtswidriges Ausspionieren von Mitarbeitern, die sich nie etwas haben zuschulden kommen lassen, als ob unsere Verfassung oder das Arbeitsrecht nicht existieren würden, Skandale, die sich häufen, Namen wie Schlecker (Lohn-Dumping durch Leiharbeit und Filial-Umbenennung), Kik (Verurteilt wg. sittenwidrigen Löhnen), Lidl (Spitzel-Skandale) u. a. sind uns in besonders böser Erinnerung. Die Arbeitsbedingungen sind brutal geworden: Z. B. Mini-Löhner sitzen zuhause am Telefon "auf Abruf" - Geld gibts nur, wenn gearbeitet wird, für die Wartezeit am Telefon gibts keinen Cent, was auch einen zweiten Minijob währenddessen unmöglich macht, da man ja auf den Anruf warten muß.
Das Buch "Ihr kriegt mich nicht klein!: Eine Discounter-Angestellte kämpft um ihre Rechte" ist ein engagierter und oft erschreckender Insider-Bericht über den Arbeitsalltag in einigen der größten deutschen Discount-Ketten aus der Sicht von Ulrike Schramm-de Robertis, ein fundierter Erlebnisbericht einer langjährigen Filial-Leiterin und Betriebsrätin bei LIDL, einem Konzern, der bekanntermaßen gewerkschaftliche Aktivitäten und Versuche von Betriebsrats-Gründungen mit besonders perfiden Methoden bekämpft (Leseempfehlung in diesem Zusammenhang: "Das Schwarzbuch LIDL").
Die Autorin erzählt von ihrem Werdegang von einem örtlichen Kaufhaus über den Textil-Discounter KiK bis zu LIDL, sie berichtet, was sie erlebt hat, wie ihre Kolleginnen und Kollegen mit übelsten Methoden fertiggemacht wurden und werden, vom absichtlich immer höher geschraubten Druck, vom Raubbau an der eigenen Gesundheit, durchgearbeiteten Nächten, um die immer höheren Arbeitsvorgaben auch noch zu schaffen, Psychoterror ist an der Tagesordnung, ausgepresst werden die Leute, Mobbing von "oben" ist Alltag, die Angst regiert, mit Lügen und Intrigen werden Kolleginnen und Kollegen aufeinander gehetzt, das miese teile-und-herrsche-Spiel, Überstunden ohne Bezahlung sind Dauerzustand - so funktioniert nicht nur das von der Autorin sog. "System Lidl".
Aber sie erzählt auch von ihren Erfolgen im alltäglichen Kleinkrieg, wie sie sich Stück für Stück den Respekt der Kolleginnen und Kollegen erarbeitet, sich und anderen Mut macht, die eigene Angst überwindet und Beispiel gibt, bis sie neben der Unterstützung durch die Gewerkschaft VER.DI auch genügend innerbetriebliche Unterstützung zur Betriebsratsgründung hat. Das alte, abgegriffene Zitat von Bertolt Brecht passt hier absolut: "Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren."
Natürlich gehen wir weiter in den Discounter zum Einkaufen, viele, weil sie nicht anders können, andere weil "Geiz geil" ist, und wieder andere, weil ALDI, LIDL und Co. partiell in das Feinschmecker- und sogar das Bio-Segment erfolgreich eingedrungen sind. Dann allerdings haben wir mindestens die moralische Pflicht, uns zu informieren, WO und BEI WEM wir einkaufen: im BILLIG-Paradies, wo sogar MENSCHEN wie DRECK behandelt werden.
Ich wünsche Frau Schramm- de Robertis auch weiterhin exzellentes Stehvermögen und die nötige Power für ihre Arbeit. Menschen wie sie sind so immens wichtig in dieser "schönen, neuen" neoliberalen Arbeitswelt. Lesenswert! 5 Sterne!